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Der Israelit · 1907-06-20 · Heft 25 (20.6.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 25 (20.6.1907)
Date
1907-06-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 25 des „Israelit". euilleton mm Livischen Jercbt und Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen 5krieg 13] von S. Schachnowitz in Endinge«. (Fortsetzung.) „Ich schäme mich, davon nichts gehört zu haben", bemerkte Rosa, „Herr Chaijmow selbst ist, seitdem das Fieber geschwunden ist, sehr verschlossen." „Bitte, erzählen Sie!" „Ja bitte!" „Was da zu erzählen ist, ist nicht viel. Solche Taten wurden täglich ausgeführt und es beleidigt mich tief, daß man sich wundert, wenn ein jüdischer Soldat seine Pflicht tut." „Sie kennen unsere Lage im Innern nicht?" warf der Doktor'ernst ein. „Noch nicht! Aber um auf meine Wundertaten zurückzukommen. Man schickte uns — wir waren unser fünf, die andern vier Christen — und wir gingen. Ich entdeckte die Spur, und ein Kamerad fiel. Bei Ueberbringung des Rapportes wurde ich getroffen und mit Hilfe eines Freundes, den ich einem sonderbaren Zusalle verdankt, konnte ich endlich doch noch meine Mission zu Ende führen." „Ist das alles?" „Soweit alles. Habe seitdem infolge der Verwundnng keinen Dienst mehr getan. Nun bin ich hier, und da der Krieg zu Ende ist, so werde ich wohl, wie mir versprochen, von hier aus die Entlassung bekommen." „Und wo bleibt der Verdienstorden?" „Ich habe ihn nie erwartet. Mein Ehrgeiz und nleine Wünsche liegen nicht in dieser Richtung." „Sie kennen unsere allgemeine Lage, sowie besonders die unserer Brüder nicht." — Dr. Minkowski sprach bitter und ernst, eine düstere Wolke umzog sein Gesicht — „Ich will im Lichte dieser Zustände Ihren Fall wiederholen. So hören Sie: Ihr Regiment schickt eine freiwillige Patrouille aus. Wieviel Mann zählt das Regiment? sagen wir zweitausend. Und wieviel Juden darunter?" Zwanzig", antwortete Chaijmow aufmerksam lauschend. „Nun gut, zwanzig. Von diesen zwanzig Juden meldet sich einer, also fünf Prozent. Der Rest von 1980 sollte nun nach diesem Prozentsatz neunundneunzig Mann stellen, aber es kommen nur vier. Nun weiter: die vier rauchen, trinken und schlafen, nur der Jude weiß, daß er dazu da ist, um eventuell Unglück und Schmach abzuwenden, und er schaut und späht unermüdlich, bis er die Gefahr entdeckt. — Ich spreche rein von der Sache, nicht von Ihrer Person, Herr Chaijmow — Sie werden mit der Meldung betraut, weil Sie nüchtern, unerschrocken und zuverlässig sind. Sie find verwundet, und die erste Hilfe, die Ihnen gebracht wird, weisen Sie zurück, um die der Truppe drohende Gefahr erst abzuwenden. Als Folge artet Ihre an und für sich geringfügige Verletzung zur ernsten Krankheit aus, die noch hier einen schweren Rückfall zeitigte. Nun werden Sie, da man Sie für gefährliche Nachtrencontres nicht mehr braucht, Ihre Freiheit bekommen und werden dann als Jude, also als einer, der nicht zur .Bürgerklasse gehört und derselben mehr schädlich als nützlich sein könnte, Kiew verlassen müssen." Rosa schien sich ganz im Banne der gehörten Worte zu befinden. Auch der Soldat hatte ernst und aufmerksam zugehört und erwiderte jetzt, da ihn der Doktor forschend, als erwarte er seine Bestätigung, ansah, kurz: „Man sprach von Erweiterung unserer Rechte, ja sogar von Aufhebung aller Beschränkungen. Wir im Felde, da wir Schulter an Schulter mit den andern fürs Vaterland gekämpft, hofften darauf wie auf etwas sicheres und selbstverständliches." „Sicher und selbstverständlich." Der Doktor lachte bitter, wobei seine Mundwinkel etwas nervös zuckten. „Das Selbstverständliche ist bei uns lange nicht mehr sicher. Eins ist sicher, daß etwas vorgeht. Wir leben unter einem dichten Nebelschleier, er wird sich heben und die Sonne wird sich durchringen. Was sie uns bringen wird? Es wäre selbstverständlich, aber immerhin nicht sicher." „Und ich hoffe meinerseits, daß die Sonne, die unbedingt durchdringt, auch uns Licht und. Freiheit bringen wird. Das Volk wird sich dankbar zeigen, insofern wir es zu Danke verpflichten." „Das Volk? ein vielköpfiges, unberechenbares Ungeheuer. Auch wir vertrauten auf das Volk. Unaufhörlich bemühten wir uns, ihm dieAugen zu öffnen damit es seine Fesseln erkenne. Ist es gewillt, sie jetzt zu sprengen? wer kann es wissen? Wir ahnen nichts Gutes. Die Luft ist nicht rein, namentlich, seitdem es von müßigen Reservisten wimmelt, die sich den Pöbelhaufen angeschlossen. Die bankerotte Bureaukratie sucht Opfer und Blitzableiter und har sie gefunden. Juden und Intelligenz, eine schöne Zusammenstellung,' sie werden ein Kapitel in der Geschichte des freien Rußlands ausfüllen, auf das unsere Nachkommen werden stolz sein können. Aber es wird ein blutiges Kapitel sein . . ." So ernst hatte Rosa den Mann noch nie gesehen, nie sprechen hören. Es tat sich ihr in dieser Sprache sein ganzes Wesen auf, nach dem sie schon lange im Geheimen geforscht,' er gewährte ihr einen kleinen Einblick in sein Denken und Tun außerhalb der engen Räume seines Berufes, und sie war geblendet. „Wir Mädchen sind ein schwaches Volk", wiederholte sie im Geiste die Worte der Freundin, „ich sah ihn groß und stark und edel und gut . . ." „Was mich selber betrifft," bemerkte der Soldat nach einigem Nachsinnen, „so werde ich die Renaissance nicht abwarten. Ich werde, sollte ich wirklich die erhoffte Entlassung bekommen, meinen Reiseplan ausführen, den ich schon vor Jahren angetreten, aber daran gehindert wurde und in dem mein Militär- und Kriegsdienst nur ein unangenehmes Intermezzo bildete." Rosa wurde plötzlich sehr aufmerkam: „Waren Sie schon an der Grenze?" fragte Rosa hastig. Wie ein Blitzstrahl ging es auf einmal durch ihr Gehirn. Bittend sah sie zu Dr. Minkowski hinauf. Wollte er ihr bei der Erforschung des großen Gedankens, der sie plötzlich überkam, auf sie einstürmte, nicht behilflich sein? Wäre es möglich? Es war ihr so eng ums Herz, daß sie zu ersticken glaubte. Indessen schien auch bei dem Soldaten etwas vorzugehen. Er maß mit forschenden Blicken seine Fragestellerin und sagte dann einfach: „Ich war an der Grenze und wurde erwischt, weshalb ich als Deserteur eingestellt . . ." „An welcher Grenze?" unterbrach Rosa ungeduldig. „Bei Burgen." „Wann?" , 4 „Vor etwas mehr als zwei Jahren." „Und weiter?" „Das weitere habe ich Ihnen erzählt, Fräulein." „Nein! Sie haben es nicht erzählt. Es war in stockfinsterer Nacht. Sie fuhren mit Gutel. Sie retteten das Mädchen und stürzten sich ins Unglück. Ist es so? Ja? Sind Sie es? Sagen Sie, bitte, vorerst nur das eine Wort, denn ich brenne vor Ungeduld, Ja oder Nein?" Sie sprach rasch. Es waren abgehackte, und aufeinander stürzende Worte. Sprachlos mit starren Augen stand der Soldat da. Er wußte nicht, wie ihm zu Mute war und wie es über seine Lippen kam: „Ja!" „Haben Sie an jene Nacht noch gedacht? Haben Sie das Mädchen noch nicht vergessen?" „Noch habe ich nicht die geringste Erklärung für Ihre Allwiffenheit. Ich stehe vor einem Rätsel, das mir Furcht, aber auch gewagteste Hoffnung einflößt. Jedoch es zwingt mich gleichsam ein unbestimmtes Gefühl, Ihnen offen Rede und Antwort zu stehen. Ich gehe nach Amerika, um die Spuren dieses Mädchens zu suchen." „Diese werden Sie hier schon finden, sobald Kür de« Reklameuteil ist die Redaktion nicht verantwortlich; insbesondere ist e.s ansschliestttch »Sache der Leser/ die im Reklameteil enthaltene« Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religtonsaefetzliche» Charakters ans ihre Znverlüsfigkeit zu prüfe«. Kaiser Friedrich Quelle 6346) —- Offenbacb a. H. —- „Gegen Gicht u. Rheumatismus bewttbrt.“ ^Künstliche u. natürliche Mineralwasser^ Aepfelwein Flaschenbier (6777) liefert frei ins Haus B. Bilssenbaum» Frankfurt a. M., Ostendstr. 75. Telephon 5441. J □ 4 Landeshuter £ □ Leinen, und Gebild-Weberei F. V. Grünfeld Königl., Qrossherzogl. u. Fürstlicher Hoflieferant Berlin W., Leipzigerstrasse 20-2. 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