Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449270--63570-2506122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20. Juni 1907. Nr. 25. Seite 7 festgestellt, daß die im Lande geborenen Fremder: oder die Söhne von Eltern, die im Lande geboren sind, aus Rumänien ausgewiesen werden können, selbst wenn sie dem Militärdienst genügt haben. Dieses Urteil hebt die gesamte frühere Judikatur auf, die sich auf ein Verdikt des zweiten Senats des Kassationshofes gestützt hatte. In Zukunft kann in Rumänien jeder Jude des Landes vermiesen werden, ohne daß ihm das Recht der Beschwerde zustünde. Ceipgig, 18. Juni. Das Gedeihen der gesetzestreuen Sache in Leipzig ist von sicherlich mehr als lokaler Bedeutung. Wird doch unsere Stadt mit Recht eine Metropole des Welthandels genannt und ist's doch die Elite des Kaufmannsstandes, die sich aus aller Herren Länder alljährlich zu den Zeiten der großen Messe in ihren Mauern zusammenfindet. Daß es auch dem gesetzestreuen Juden hier nicht an geeigneter Gelegenheit zur Befriedigung aller seiner religiöser: Bedürfnisse fehle, ist darum für die Gesamtjuderrheit eine Sache von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Wenn nun auch bisher schon den Haupterfordernissen unseres Religionsgesetzes Rechnung getragen wurde, so war doch das Gesamtbild, das dem Außenstehenden die hiesige orthodoxe Minorität bot, ein recht wenig erfreuliches. Mehr persönliche als prinzipielle Differenzpunkte schieden die konservativen Gesinnungsgenossen in zwei Parteien und hemmten das Aufblühen aller zur Förderung von fW und min geschaffenen Institutionen. Dieser unglückliche Zustand ist nunmehr, dem Himmel sei es gedankt, aus der Welt geschafft, pm -Mn' vn«1?*! mjr wjn ntt V rr Die durch gleiches Streben und gleiche Gesinnung längst Zusammengehörigen haben nun auch den äußeren Zusammenschluß in eine Vereinigung gefunden, die von nun an alle Interessen unserer heiligen Sache nach innen und nach außen energisch zu vertreten bemüht ist. Erfreulicherweise wird auch in den Kreisen der hiesigen Hauptgemeinde die jetzt herrschende Eintracht gerne gesehen und haben die Vertreter derselben zu wiederholtem Male ihrer Genugtuung darüber unverhohlen Ausdruck gegeben. Da also von dieser Seite kein Hindernis zu erwarten steht, erscheint bei der Opferfreudigkeit urrd Gesinnungstüchtigkeit der leitenden Persönlichkeiten die Hoffnung berechtigt, daß die Leipziger orthodoxe Gemeinde zu schönster Blüte sich ' entwickeln werde. Oldenburg, 14. Juni. Die Blättermeldung, daß in Oldenburg eine Anzahl Ausländer des Landes verwiesen worden seien, erweckte die Befürchtung, daß diese Maßnahme vielleicht russische Juden, die sich dort niedergelassen hätten, getroffen haben könnte. Wir haben hierüber Erkundigung eingezogen und die Mitteilung erhalten, daß dies nicht der Fall ist. OesteweiLh. Krakau, den 10. Juni. Der Fall Araten steht nicht vereinzelt da. Die Entführung jüdischer Mädchen wider Wissen und Willen ihrer Eltern ins hiesige Kloster der Felizianerinnen wiederholt sich in erschreckender Weise, ohne daß die Behörde den schwer gekränkten Eltern zu Hilfe käme. Es gilt eben hierzulande der Ausspruch des Landsmannminifters Pientak: „An den Pforten des Klosters hört die Macht des Staates auf." Der jüngste Fall betrifft Herrn Faß aus Dem bi ca, dessen 15 jährige Tochter Gela nachgewiesenermaßen auf Intervention des Prälaten Wolski aus Dembica von einer Nonne in das hiesige Kloster entführt wurde. Alle Bemühungen des Herrn Faß, seine Tochter wieder in Freiheit zu setzen, waren bisher erfolglos. Rußland. Petersburg, 10. Juni. Nachstehende Mitteilungen eines Korrespondenten sind noch vor der Auflösung der Duma geschrieben, haben aber dadurch, daß sie die Situation der Juden beleuchten, wie sie sich in der letzten Zeit gestaltete, doch genug Interesse, um sie noch zum Abdruck zu bringen: „Der Gesetzentwurf betr. dieGleich- Der Israelit. berechrigung aller Konfessionen und Natioualitäten ist endlich von der Dumakommission serriggestellt worden. Er trägt die Unterschrift von 78 Deputierten. In der Erklärung, die dem Entwurf beigegebe:: ist, wird mit besonderem Nachdruck der Schädlichkeit und Unerträglichkeit der die Juden beschränkenden Gesetze Errvähnung getan. Das neu eingebrachte Gesetz besteht aus 2 Paragraphen und zwar: § 1. Alle exklusiven Gesetze, Bestimmungen und temporären Verordnungen, deren Anwendung durch die Zugehörigkeit zu irgend einer Nation oder Konfession bedingt ist, werden ohne weiteres abgeschafft. § 2. Die Gesetze und Bestimmurrgen, die die Kultus- und Gemeinde-Verwaltung der verschiedenen Konfessionen betreffen, bleiben bis zu einer besonderen Revision in Kraft. Bekanntlich hat die Regierung in dem von ihr projektierten Grundesetz betr. die Gewissensfreiheit hervorgehoben, aß die die Juden beschränkenden Gesetze eine Ausnahme bilden, weil die Judenfrage nicht eine konfessionelle, sondern eine nationale sei. Die Kadetten (zu denen auch die drei jüdischen Abgeordneten Schapiro, Abramsohn und Rabbinowitsch gehören) hielten dieser Argumenation entgegen, daß mit der Taufe eines Juden alle Beschränkungen für denselben wegfallen, daß also diese lediglich sich gegen die Konfession richte und folglich mit der Erklärung der Gewissens¬ und Glaubensfreiheit fortfallen müssen. Die Kadetten wollten es nicht auf eirr besonderes Projekt zur Emanzipation der Juden ankommen lassen, da dies einen Zeitverlust bedeutet hätte, der bei der Unsicherheit der Existenz der Duma stark in die Wagfchale fiel. Die jüdischen Deputierten sind dafür, daß sie der gesunden Taktik der Kadetten folgten, die Zielscheibe heftiger Angriffe von seiten der „jüdischen Presse" geworden. In erster Reihe tat sich dabei der Hunderttausende von Lesern zählende „Fraind" hervor. Diese Angriffe gaben dem jüdischen Abgeordneten für Kurland, Jakob Schapiro, Veranlassung, einen Artikel zu veröffentlichen, worin er die Taktik der Kadettenpartei hinsichtlich der jüdischen Frage einer Beleuchtung unterzog. Die Kadetten, sagt Schapiro, gehen von der Ansicht aus, daß die Hauptaufgabe der Duma in gesetzgeberischer Arbeit bestehe, währen die extremen Parteien der Linken — insbesondere die sozialdemokratische — die Duma lediglich als eine Tribüne für Agitation betrachten. Hätte man die Methode der Linken befolgen wollen, so wäre es um die Duma gleich nach ihrer Eröffnung geschehen gewesen. Die Revolutionäre hemmen durch ihre Redesucht die Duma in ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit und können es so dahin bringen, daß ihre Auflösung von der öffentlichen Meinung schließlich als gerechtfertigt aufgefaßt wird. Die Kadetten suchen allen Verwickelungen aus dem Wege zu gehen, während die Parteien der äußersten Linken durch ihr Verhalten Kollisionen mit der Regierung und mit dem Reichstat, welchem die Bestätigung der von der Duma beschlossenen Gesetze zusteht, geradezu provozieren. So brachten diese z. B. bei der Beratung des Gesetzentwurfs über Gewissensfreiheit einen Antrag auf Trennung von Staat und Kirche ein, was unter den gegenwärtigen Verhältnissen und bei der bekannten fortschrittlichen Gesinnung der Regierurrg selbstverständlich recht zeitgemäß ist. Eine solche Taktik kann den Juden nur schaden, denn sie gibt dem Reichsrat den besten Anlaß, das ganze Gesetz zu verwerfen. Die Kadetten jedoch formulierten den Entwurf so, daß die Nichtannahme oder auch die Umformung desselben durch den servilen Reichsrat derrselben in der öffentlichen Meinung nur kompromitieren könnte. Die Aussichten der Juden, so schließt Schapiro, sind, falls die Duma nur noch einige Monate lebt, keineswegs so schlecht als die jüdische Presse dieselben schildert." Petersburg, den 14. Juni. Der Bevollmächtigte des „Verbandes der jüdischen Gleichberechtigung", Jakubson, ward neulich telegraphisch nach Helsingfors berufen, um an den Verhandlungen der finnlänbischen Landtagsabgeordneten über die finnländische Juden- ÜüÜfiiill frage teilzunehmen. Jakubson hat nunmehr den Komiteepräsiderrten des Verbandes, Zoll, be- J nachrichtigt, daß die Gesetzesvorlage, welche den i finnländischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt, dieser Tage dem Landtage zugehen wird. Die schwedische Partei; und die Sozialdemokraten, welche über 104 Stimmen verfügerr, werde:: für die volle Gleichberechtigung stimmen. Der Landtag hat 200 Mitglie- \ der, so daß der Vorlage die Majorität ge- ( sichert ist. 1 KLhrrreir. Basel, 19. Juni. Während wir immer noch hoffen KTsy mw, ist jetzt in Baden und der Schweiz sogar die Geflügel - nEOTitr verboten worden. In Basel, Zürich und St. Gallen ist das Verbot der Geflügel - nETttr seiner Zeit vom Obergericht aufgehoben worden. Im Kanton Aargau aber hat das Obergericht die Auffassung adoptiert, daß das Schächt-Verbot sich auch auf Geflügel beziehe, obgleich der französische Text des Gesetzes ausdrücklich nur von betai!, von Schlachtvieh, spricht! Rumänien. Bukarest, den 9. Juni. Der „Neuen Nationalzeitung" wird geschrieben: In Dorohoiu, einer kleinen Stadt an der J!j!a, hat sich dieser Tage ein unmenschlicher Fall ereignet, der in der Geschichte des Militarismus schwerlich feines gleichen hat. In dieser Stadt, die eine Stunde von MihLileni entfernt, somit hart an der österreichischen Grenze gelegen ist, befindet sich das sogenannt „Regimentul VIII Dragos No. 29" in Garnison. Der Kommandant desselben ist ein brutales, rücksichtsloses, den Namen Mensch zu Unrecht tragendes Individuum, der bekannte Judenfeind Colonel MLrLsescu. Dem Wochenblatte „Cronica Jsraelita" wird aus Dorohoiu über eine haarsträubende Erbärmlichkeit dieses Obersten berichtet: „Colonel MLrLsescu, der Kommandant des hierorts stationierten Regimentes, ließ vergangenen Freitag sämmtliche Truppen auf die Wiese „Soseaua nationala" ausrücken und in der Weise Ausstellung nehmen, als ob er ihnen einen Befehl von „Allerhöchster Stelle" zu verkünden hätte. Dem war aber nicht so. Vielmehr gab er strikten Befehl, daß sämtliche jüdische Soldaten Reih' und Glied verlassen und sich angesichts der Truppen unter freiem Himmel vollständig entkleiden sollen. Die unglücklichen Juden, acht an der Zahl, starren entsetzt auf ihren Befehlshaber, leisten ohne Murren diesem unerhörten Befehle Folge und stehen nach einigen Minuten im Adamsgewand da, der kommenden Dinge harrend. Colonel MLrLsescu ruft den Feldwebel Dumitriu, und siehe da, derselbe erscheint mit einem langen, dicken Stock (ciomag). Auf seinem Wink folgen ihm sieben christliche, kräftige Soldaten, welche sich alle auf ihre jüdischen „Waffenbrüder" stürzen, sie zu Boden strecken und sie in unmenschlicher Weise prügeln. Das Blut der jüdischen Soldaten fließt in Strömen, sie bleiben alle in tiefer Ohnmacht liegen und erst jetzt ertönt aus dem ungewaschenen Mund des Wüterichs der erlösende Ruf: „Bravo, schon genug!" Halb tot werden die jüdischen Soldaten ins Spital transportiert, woselbst man sie wieder ins Leben zurückruft, um sie sofort in dunkle Kerkerzellen zu werfen. Jetzt erst gewinnt es einer der Malträtierten über sich, zu fragen, warum sie so gefoltert werden. Darauf erhält er zur Antwort: „Weil die jüdischen Soldaten ihrer Militärpflicht nicht gewissenhaft Nachkommen." König Karol, der deutsche Fürst, hat vor wenigen Jahren die Folter in der rumänischen Armee abgeschafft und Menschenrechte proklamiert. Seine untergebenen Offiziere proklamieren aber Bestienrechte gegenüber den jüdischen Soldaten! Und diesem verruchten Gesindel müssen jüdische Familien ihr Teuerstes, ihre Stützen und Ernährer anvertrauen. Palästina. Jerusalem, 5. Juni. Eine Institution, auf deren Mangel in den hiesigen jüdischen ^GÜiüi^Üi