Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- journal issue
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.".^T»^WftWW.!»H,,'> ... JÜH3P»fy»-»^4BP 30. Juni 1907. Der Israelit. Nr. 35. Seite 5 Die Uorträge des Paters Erleb iüa$mann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). In der Stellungnahme der „Voss. Zeitung" zu den Vorträgen von Wasmann sind sechs Perioden zu unterscheiden. Der schlichte und objektive Bericht über die Stellungnahme innerhalb dieser sechs Perioden stellt uns ganz von selbst vor die Alternative: Die Darstellung von den Vorträgen, deren Bedeutung die Voss. Ztg. selbst dadurch anerkannte, daß sie spaltenlange Auszüge brachte, und die Kritik, die sie daran knüpfte, ist entweder von Männern verfaßt, die über das Problem und die Stellung, die die gesamte Theologie dazu einnimmt, nicht unterrichtet sind, oder von Männern, die um parteitaktischer Gründe und konfessionell engherziger Gesichtspunkte willen das religiöse Interesse hintanstellen. Ein drittes gibt es nicht. Noch bevor Wasmann seine Vorträge begonnen hatte erschien, ein novnm im vornehmjournalistischen Brauch, ein Alarmartikel: „Das Berliner Debüt des Herrn P. Wasmann S. I." (Nr. 71 der V. Z) zu dessen Charakteristik die Anführung einiger Sätze dienen mag. Sie werden zugleich zeigen, daß der Artikelschreiber zu jenen „Gebildeten" gehört, die auf dem Standpunkt der materialistischen Weltanschauung stehen. Wollten wir ein rechtes Bild von der Gehässigkeit geben, die sich in dem Artikel ausspricht, so müßten wir ihn ganz abdrucken. Es mag der Hinweis genügen, daß selbst Graf Hoensbroech, der fanatische Jesuitenkämpfer, Veranlassung nahm, vor Beginn seiner Ausführungen am Diskussiousabend zu erklären, daß er nicht der Verfasser sei. In jenem Artikel heißt es also: „Wer ist nun eigentlich dieser „bekannte Zoologe" Herr P. Wasmann, der hier mit einigen schlichten Worten zu einer Art Berühmtheit ersten Ranges gestempelt wird? Ist es eine Autorität im Reiche der Wissenschaft? Mit Nichten. Der Herr P. Wasmann ist nichts mehr und nichts weniger als ein getreuer „Diener des Ordens Jesu", dessen Kleid er trägt, ein eifriger und redegewandter jesuitischer Agitator, dem die Wissenschaft als Aushängeschild dient und dessen Zweck es ist, einzig und allein Propaganda für seinen Orden zu machen, wie er denn ja auch gelegentlich eines „wissenschaftlichen" Vortrages in München offen für die Aufhebung der Jeusuitenparagraphen eingetreten ist." . . . „Die Tierseele," so saate Wasmann, „entsteht und vergeht mit dem Leibe, da das sinnliche Erkenntnis- und Strebevermögen des Tieres ganz auf das materielle Gebiet sich beschränkt und sein Zweck ganz im Materiellen, nämlich in der Erhaltung des Individuums und der Art aufgeht, die Menschenseele aber ist ihrer innersten Natur nach ein geistiges Prinzip. Und weil sie ein geistiges Wesen ist, deshalb kann sie nicht mit dem menschlichen Leibe von selber entstehen und mit ihm vergehen: sie wird von Gott geschaffen und ist unsterblich."') Damit verläßt Wasmann den Boden der naturwissenschaftlichen Beweisführung und begibt sich auf ein Gebiet, wo allein der Glaube alles ausmacht und auf das ihm der Anhänger der materialistischen Weltanschauung nicht zu folgen vermag. Selbstverständlich „widerlegt" ihn jetzt der redegewandte Jesuitenzögling und erringt so in den Augen der urteilslosen großen Masse einen klugen Sieg über seinen Gegner. Der Sache des Jesuitismus erwächst daraus aber eine hübsche Reklame! So wirds gemacht. . . Auch das Berliner Debüt des Herrn P. Wasmann ist nichts weiter als ein solcher ultramontaner Blussversuch. Der Wissenschaft soll eine Niederlage bereitet werden, damit der Jesuitismus daraus Kapital schlagen kann . . .! „Kein Wunder also, wenn Herr Wasmann einen glänzenden Sieg über die Vertreter der *) Im Artikel gesperrt gedruckt. materialistischen Weltanschauung erficht und die Sensationspresse diesen in alle Welt hinausposaunt. Wir unsererseits hielten es für unsere Pflicht, den gemachten Erfolg des Herrn Wasmann, der sicherlich nicht ausbleiben wird, durch diese Zeilen in das rechte Licht zu rücken . . . ." Sehen wir uns diese spärliche Blütenlese einmal etwas genauer an. Also, daß Wasmann zu einer Art Berühmtheit ersten Ranges gestempelt wird, hat den Zorn des Artikelschreibers erregt. In der Ankündigung der Vorträge heißt es: . „Die Veranlassung zu diesen (Häckel's) Vorträgen war, wie Prot. Häckel selbst wiederholt erklärte, ein Buch des bekannten Zoologen S. Wasmann S. I. betitelt: „Die moderne Biologie und die Entwicklungstheorie." Es war daher der Wunsch des Herrn P. Wasmann, in Berlin auch seinen Standpunkt zur genannten Frage in mehreren Vorträgen darzulegen. Also Häckel selbst erklärt, daß die Veranlassung zu seinen Vorträgen Wasmann's Buch sei und dann ist es ein Verbrechen, Wasmann einen bekannten Zoologen zu nennen. Nebenbei bemerkt ist dieser Ansfall wiederum nur ein Zeichen der mangelnden Bildung des Herrn Artikelschreibers. Wer hätte nicht einmal einen Aufsatz über die interessanteste Gruppe aus dem Tierreich, über die Ameisen gelesen und lväre da nicht auf die beiden Namen Forel und Wasmann gestoßen. Zum zweiten: Es ist wirklich ein Verbrechen von denl I e s n i t c n p a t e r Wasmann „daß er in München offen (!!) für die Aufhebung des Jesuitenparagraphen eingetrcten ist!" Ein Kommentar zu biefeu Worten könnte die Wirkung dieser unfreiwillig humoristischen Wendung nnr abschwächen. Das dritte: Wasmann sagt: „Die Menschenseele wird von Gott geschaffen und ist unsterblich." Man fühlt förmlich die Entrüstung des Herrn über diesen „Glauben", sie entlädt sich in dem gesperrten Abdruck. Und „der Sache des Jesuitismus erwächst daraus eine.hübsche Reklame", daß ein Jesuit den Materialismus widerlegt und die Unsterblichkeit der Seele behauptet, dies Grundddogma auch der extremsten Richtung innerhalb jedweden religiösen Bekenntnisses. Für das Zugeständnis an die materialistische Weltanschauung, das, wie schon wiederholt betont, ein Zeichen von Unbildung ist, darf man den Artikelschreiber nicht verantwortlich machen. Er mag da seinem Führer Häckel folgen. Der Artikel findet überhaupt nur dann seine Erklärung, wenn sein Verfasser einer jener unklaren fanatischen Monisten ist. Die Voss. Ztg. aber durfte einem solchen Manne nicht vor Beginn der Vorträge das Wort geben. Bei der Schilderung der „zweiten Periode" können wir uns kurz fassen. Die Voss. Zeitung bringt drei sehr ausführliche Berichte über die drei Vorträge, die von Vortrag zu Vortrag immer mehr einen objektiven Charakter annehmen. Schon im ersten heißt es: „Wasmann stand hinter seinem, ameisenforschenden Spezialkollegen Forel ') nicht zurückauch er redete reichlich zwei Stunden und zwar mit einer Gründlichkeit, die nur besitzen kann, wer Stunden und Tage und Wochen und Jahre durch Lupe und Mikroskop zu schauen gewohnt ist." Ferner: „Jetzt spricht anderthalb Stunden lang der klare, geistreiche Naturforscher, der uns an Lichtbildern v on Ameisen und Ameisenkäfern die Beweise für das Entstehen einer Entwicklung liiert.Wir lernen hier Wasmann als einen Gelehrten von reichem Wissen kennen. Ameisengast folgt auf Ameisengast, viele von ihnen hat er selbst erst entdeckt, vielen erst den Namen gegeben. Und mit der Liebe, mit der der Vater von seinem Kinde spricht, spricht er von diesen wenige Millimeter großen Tierchen." Freilich am Ende, nachdem Wasmann seinen Vortrag mit der Erklärung geschlossen: „Die Entwicklungstheorie ist mit der biblischen Auffassung durchaus zu vereinen, auch heute noch besieht das Wort u Recht: Im Anfang schuf Gott Himmel und krde," bemerkt der Berichterstatter.mit ätzendem l) Dieser hatte vor einiger Zeit ebenfalls Borträge in Berlin gehalten. Spott: „Die Zuhörer im Hufeisen klaschten lauten Beifall." Im Hufeisen, da standen nämlich laut Bericht: „überwiegend Jünglinge mit Milchbärten, hin und wieder ein paar ältere Leute, reichlich junge Mädchen, dazwischen fromme Schwestern." Am Schluß des Berichts über den Vortrag heißt es: „Das war der Schluß, ihm folgte rauschender Beifall. Gewiß die Redewar in der Form schön, der Vortrag gut und der Schluß blendend. Und manches, was über Darwinismus gesagt war, klang recht plausibel. Aber wie der erste Rausch sich gelegt hatte und der Saal sich leerte, da standen die Besonnenen, deren größte Besorgnis nicht darin bestand, als erste sich gegen die Garderobeschränke quetschen zu lassen, in Gruppen zusammen und sahen sich fragend an: Hast du verstanden, worin der Unterschied zwischen theistischer und atheistischer Entwicklungslehre beruht? Hast du das von der Seele verstanden? Hast du begriffen, warum der Mensch erhabener ist, der vor e i n e m Rätsel steht, das ihm ebenso viel zrl lösen ausgiebt wie dem anderen seine 1000 Rätsel? Die Lippen blieben stumm. Der Ton ist hier noch mehr gemäßigt. Der Spott fehlt und der Berichterstatter bemerkt nur, er habe nicht verstanden, er wußte keine Antwort auf die Fragen, die ihm gekommen. Nun ist Bescheidenheit ja eine Zierde, in diesem Falle aber hätte eben der Berichterstatter sein Amt einem anderen übergeben müssen, der von diesen Dingen mehr verstände, oder sich auf den bloßen Bericht beschränken und alle Randbemerkungen unterdrücken müssen. Man lese den Vortrag Wasmann's im stenographischen Berichte nach, es genügt auch schon der sehr gedrängte Auszug, den wir gegeben, und jedem, der sich nur irgendwie mit religionsphilosophischen, ja auch nur mit den rein philosophischen Grundbegriffen der Metaphysik beschäftigt hat, wird klar, „worin der Unterschied zwischen theistischer und atheistischer Entwicklungslehre beruht", und ebenso sehr, daß der materialistischen Auffassung von der Seele gegenüber mindestens mir gleichem Recht die idealistische Auffaffung vertreten werden kann. Daß der Mensch „erhabener" ist, der vor einem Rätsel steht, als der andere der vor tausend steht, hatte Wasmann überhaupt nicht gesagt. In der Berichterstattung zum dritten Vortrag fehlt es an Seltenhieben. Der Diskussionsabend droht und man möchte jsich nicht gerne festlegen. Darum heißt es nur: „Heute Abend werden wir die Antwort hören." Nur eine Bemerkung innerhalb des Berichts muß ich als Ohrenzeuge richtig stellen. Wasmann hatte nach der Erörterung über den Javaschädel, über den Pithecanthropus erectus ein Lichtbild gezeigt, das der: Prtbseaatbropus sreetas als Gigerl verkleidet darstellte, wie er aus dem zoologischen Kongreß 1894 herumgezeigt wurde. Daraus wird ihm ein Strick gedreht. „Sehr peinlich wurde es empfunden usw., das Bild wäre nur ein Scherzbild gewesen." Aber Wasmann erklärt ausdrücklich, er hätte, nachdem er die Hörer durch die langen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen ermüdet, sie durch das Lichtbild erheitern wollen, wie das in gleicher Weise bei dem Festessen des Zoologischen Kongresses geschehen wäre. Es folgt die „dritte Periode": Das Triumphgeschrei in Folge des Diskussionsabends: ,Mas war der Eindruck am Schluffe der langen Redeschlacht? Eine glatte Niederlage Wasmanns. Schon die eine Tatsache! Elf Redner sprachen gegen ihn, kein einziger sprach für ihnkein Naturforscher, kein Philosoph — und kein Theologe. Unter all den, vielen die im Saale das gleiche Gewand trugen, kein einziger, der sich herauswagte, seinen Gegnern ein Paroli zu bieten. Seine Antwort enttäuschte aufs Aeußerste. Wo ihm die Entgegnungen unbequem waren, Mißverständnisse, nichts als Mißverständnisse! Oder Konfessionelles, nichts Naturwissenschaftliches. Die wichtigen Ausführungen des Grafen Hoensbroech ließen sich gar nicht mit einer einfachen Handbewegung bei Seite schieben. Der da stand, er ist nicht nur Naturforscher, er ist auch ein HÜ mam |W»1 iliiT’Jftl'iiHif h'T I'i*