Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1Wie «r. Sk._ Rawicz meint, „als durchaus konservativ bezeichnet 20. Juni 1807 r.- werden muß", sondern im Gegenteil als durchaus konservativ eben nicht bezeichnet werden kann Unter einem konservativen Juden versteht man in der Verkehrssprache einen Juden, der zum mindesten die Grundprinzipien des alten Judentums hochhält. Nachdem aber Frankel in , seiner Schrift Darke Hamischna eines dieser Grundprinzipien über Bord geworfen, kann er als „durchaus konservativ" jedenfalls nicht be zeichnet werden. Das ist doch, meinen wir, sonnenklar. Nun aber hat sich der „unduldsame" Hirsch nicht nur aus die wenigen von Gottlieb Fischer angegriffe nen Sätze der Hodegetik beschränkt, sondern mit der ihm eigenen wiffenschaftlichen Gründlichkeit b ew i e s e n, daß Frankels Leugnung des göttlichen Ursprungs der Tradition nicht nur in wenigen Sätzen enthalten sei, daß sie vielmehr d e n G r u n dgedanken des ganzen Werkes bilde. Der „unduldsame" Hirsch war aber noch viel unduldsamer. Nicht nur durch wörtliche Auszüge aus der Hodegetik lieferte er diesen Beweis, sondern er schaute sich auch in früheren Schriften des Verfassers um und bewies — die Herren Nawicz, Steckelmacher, Lewin, Mayer mögen sich das wohl einprägen — Hirsch verketzerte nicht, er bewies, daß Zacharias Frankel bereits in früheren Schriften die Göttlichkeit der mündlichen Lehre geleugnet hatte, tv Auf Grund dieser Beweise hat Hirsch die bis aus den heutigen Tag mit keiner Silbe ^-widerlegte These ausgestellt:?--v „Dem Verfasser der Hodegetik zufolge hat Gott vom Sinai dem Moses nichts mehr als das schriftliche Gesetz, die fünf Bücher Mosis, übergeben, und ist alles Andere lediglich durch menschliche Interpretation dieses Gesetzes, oder auch durch von dieser Interpretation unabhängige, menschliche Gedankenoperation entstanden." Angesichts dieser durch wissenschaftliche Beweise gestützten These waren die Gegner Hirschs vor die Alternative gestellt, entweder ruzugeben: Hirsch hat Recht, oder, falls sie oer Ueberzeugung waren, daß Hirsch ini Unrecht war, seine These aus Frankels Schriften heraus wissenschaftlich zu entkräften. Das erste wollten sie nicht, das zweite gelang ihnen nicht. Das erste wollten sie nicht — weil dann Hirsch ja Recht behalten hätte. Und das geht doch nicht. Das zweite gelang ihnen nicht, wie sich Jedermann durch aufmerksames Studium der „Vorläufigen Abrechnung" und der Besprechung voll Rapoports nvki '"Di überzeugen kann. Gelungen ist ihnen nur eines: sich selbst in ihrer armseligen Winzigkeit gezeigt zu haben. Denn was sich die Schüler und Freunde Frankels damals geleistet haben, ist fast geeignet, uns bezüglich der Aeußerung des Herrn Dr. Rawicz, „dieser war ein unduldsamer Rabbiner/ er hat unserem Lehrer Frankel Borwürfe gemacht, die so ungerechtfertigt waren und den Mann so tief gekränkt haben", versöhnlich zu stimmen. Das klingt ja fast wie ein liebenswürdiges Kompliment im Vergleich zu der giftgeschwollenen Literatur, zu der sich die damaligen Verehrer Frankels verstiegen. Jedenfalls haben auch die gegenwärtigen Verehrer Frankels kein Rechts von einer Unduldsamkeit H irschs zu sprechen, wenn sie bedenken, mit welch fanatischer Intoleranz ihre damaligen Gesinnungsgenossen gegen Hirsch die Sturmglocke geläutet. Mit welch fanatischer Intoleranz sie nicht nur sein Auftreten begrüßt, mit welch geradezu haarsträubender Schamlosigkeit sie damals seine persönliche Ehre, seine Vergangenheit, seinen Charakter förmlich in den Staub gezerrt haben. Wenn heute, nachdem 46 Jahre seit jenen traurigen Ereignissen verflossen sind, Herr Dr. Rawicz in einer badischen Synodalsitzung die Breslauer Seminaristen als duldsame, himmlisch reine Engel zu glorifizieren sucht und indem er vor Samson Raphael Hirsch einen leider nicht mehr quittierbaren Bückling macht, in die eigenlobduftenden Worte ausbricht: „Und sehen Sie, meine Herren: Samson Raphael Hirsch, der so unduldsam war, er wird ob seiner glühenden Liebe zum Judentum, seiner reichen Phantasie und seiner geistsprühenden Darstellungsweise auch von uns, die wir einer andern Richtung angehören, anerkannt und in Ehren gehalten. Man zeige mir, daß auch nur e i n beschimpfendes Wort von unserer Seite gegen Samson Raphael Hirsch ausgesprochen worden ist!" — so will uns die Frage gar nicht so ohne weiteres entscheidbar scheinen, wie sich die Herren Rawicz, Steckelmacher, Lewin, Mayer verhalten hätten, wenn sie Zeitgenossen jenes Streites gewesen wären. Talent zum Rufer im Streit aben haben ja, vom Abgeordneten August Oppenheim abgesehen, die badischen Synodaljerren alle genug. Unter den Hörern des üdisch-theologischer? Seminars, die im Januar 1861 mit einer „Verwahrung" gegen Hisch auftraten und dabei znm Schluß bemerkten, Frankel nachzueifern, werde ihr Streben, ihn: ähnlich zu werden, ihr Stolz sein,- befand sich ja auch — o Ironie des Schicksals! — ein Herr st u d. phil. H. V o g e l st e i n aus Fürstentum Lippe, ein Herr H. C o h e n aus Anhalt-Bernburg, ein Herr Dr. M. Güdemann aus Kgr. Hannover — heißblütige unae Herren, die sich seitdem gleichfalls zu der ühlen Objektivität Rawiez-Steckelmacher-Lewin- Mayer' scher Unparteilichkeit emporgerungen jaden werden, die aber damals von Samson Raphael Hirsch an den „öffentlichen Verleumdern gebührenden Pranger" geführt werden mußten. Heute, wo er tot und nicht mehr zu fürchten ist, mit ihm zu paktieren, das bringt auch der verbissenste Gegner von ehedem zustande. Von glühender Liebe zum Judentum erfüllt, geistsprühend und phantasiebegabt war ja Samson Raphael Hirsch auch schon im Januar 1861, und gleichwohl stand man damals nicht an, ihm mit einer solch unerhörten Gehässigket zu begegnen, daß der Vorstand der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. im März 1861 sich veranlaßt sah, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums folgende Erklärung zu veröffentlichen : „Die Streitfrage zwischen Sr. Ehrwürden, unserem hochgeschätzten Herrn Rabbiner Samson Raphael Hirsch und dem Seminar-Direktor Herrn Dr. Frankel in Breslau über dessen Werk: „Darke Hamischna" hat gegen Ersteren in verschiedenen jüdischen und anderen Blättern eine Reihe von persönlichen Beleidigungen und Verleumdungen hervorgerufen, von welchen sich jeder gebildete Mann mit stiller Indignation abwenden müßte. Da indessen diese Jnvectiven in einem solchen Maße überhand nehmen, und eine so provozierende Haltung anzunehmen scheinen, daß ein längeres Stillschweigen unsererseits mißdeutet werden könnte, so erklären wir ein für allemal, daß diese gegen unfern hochwürdigen Herrn Rabbiner geschleuderten, das Gepräge der gemeinsten Gehässigkeit tragenden, von berechnender Erfindung zeugenden Jnvektiven keinerlei Erwiderung aus unserem Kreise finden werden. Wir ergreifen vielmehr die Gelegenheit, öffentlich auszusprechen, daß wir uns glücklich schätzen, einen Mann wie Herrn Rabbiner Samson Raphael Hirsch unseren Rabbiner nennen zu können, und daß unsere tiefste Verehrung und unsere aufrichtigste Liebe für diesen hochwürdigen Mann in keiner Weise zu erschüttern ist. Frankfurt a. M., im März 1861. Der Vorstand der israelitschen Religions-Gesellschaft." -- Wie aber hat sich — und das ist der Kernpunkt der Angelegenheit, die uns hier beschäftigt — wie aber hat sich in dem Streite um die prinzipiellen Anschauungen des Breslauer Seminardirektors, er selbst, um den sich alles drehte — Zacharias Frankel verhalten? (Schluß folgt. » das Berdikt. Perez erkannte den Major, der ihn wenige Stunden früher eingehend gemustert hatte. „Mein Rebbe hat doch recht Harbeh Schluchim Lamokaum". sagte Perez fiir sich- „wenn ich nicht die Zigaretten gehabt hätte, wer weiß, vielleicht wäre ich jetzt schon ein Baal Milchomoh." (Kaiserin Elisabeth und Jehuda Halevy.) - Die Enthüllung des Kaiserin Elisabeth-Denkmals im t Wiener Bolksgarten, dessen Kosten durch eine öffentliche \ Sammlung ausgebracht wurden, gibt die erklärliche Beri: anlassung zu Erinnerungen an die merkwürdige Frau, l die still und einsam durchs Leben gegangen und ohne Klagelaut aus dem Leben geschieden ist. Man weiß, welche schwärmerische Liebe und Verehrung Kaiserin Elisabeth dem Genius Heinrich Heines entgegenbrachte - die Schwermut seiner Verse ließ verwandte Saiten ihrer Seele er- - Ringen, auch sie wußte ein Lied der „einsamen Träne"? zu fingen. Die hebräischen Melodien" las sie be- 1 sonders gern, und je lebendiger ihr aus diesen Versen (röte darin mit leidenschaftlicher Schwärmerei betlungerte Dichtergestalt Jehuda Halevys vor die Seele - trat, desto lebhafter wurde ihr Wunsch, die Dichtungen l deS hebräischen Dichters kennen zu lernen. An wen sie : sich in ihrer Wtßbegierde zuerst wandte und wer sie an Seligmmm Heller sich wenden hieß, der vor Jahren i seine Begegnung mit der Kaiserin einem Bekannten erl zählte, wein man nicht. Der Name Seligmann Heller, Den einer der scharfsinnigsten deutschen Theaterkritiker, skein Dichter von großer Sprachgewalt und weltum- MnttMender Phantasie trug, wird der jüngeren Generatton '"völlig fremd sein. Er war jahrelang Schauspielder Prager „Bohemia", in der Folge, als die gdeutfche Partei die „Deutsche Zeitung" in Wim ins Leben rief, wurde er in die Redaktion dieses Blattes berufen. Mitte der sechziger Jahre erschien (bei Otto Wigand in Leipzigs sein Heldengedicht „Ahasverus", das die ganze Weltgeschichte vom Beginne der christlichen Zeitrechnung bis auf unsere Tage in den Rahmen der AhasveruS-Sage spannt. Nicht ohne Beruf, obzwar ohne volles Gelingen, urteilt Johannes Scherr in seiner Geschichte der Weltliteratur; die Grundidee, eine Art menschliche Komödie, ein Seitenstück zur göttlichen des Dame zu schaffen, „ist mit großer Gestaltungskraft in meisterlich gehandhabter Terzinenform durchgeführt. Aber unsere Zeit hat für derartige Schöpfungen kein Ohr und kein Herz . . ." Ein schmächtiges Bändchen Gedichte erschien zu besonderem Zweck im Jahre 1872, zahllose Hefte mit unveröffentlichten lyrischen uno epischen Dichtungen Seligmann Hellers verwahrt deffen Sohn, der angesehne Wiener Zahnarzt Dr. Arnold Heller. Seltgmann Heller, der vor etwa 15 Jahren gestorben ist, hatte ein ungeheueres Wiffen, eine immense Literaturkenntnis- und die Meisterwerke der fremden Literaturen las er durchgehends im Original. Kaiserin Elisabeth mußte erfahren haben, daß Heller — der in seinen jungen Jahren Lehrer in einer böhmischm Judengemeinoe war — auch ein gründlicher Kenner des hebräischen Schrifttums seidas war der Mann, der ihr den Weg zu den Werken Jehuda Halevys weisen konnte und sollte. Eines Tages, so erzählte Heller, stand er im bequemen Hausrocke am Fenster und blickte — seine Wohnung befand sich im dritten Stockwerk eines Borstadthauses — auf die Straße, als er eine Equipage am Hause vorbeifahren und halten sah. Daß es ein Hofwagen war, sah der Kurzsichtige nichter scherzte nur zu seinem Sohne darüber, daß ein vornehmes Gefährt vor dem alten Borstadthause halte und ob vielleicht ihm der vornehme Besuch gelte. Wenige Minuten später klopfte es an die Türe und vor dem überraschten Dichter und Gelehrten stand die Kaiserin. In der ihr eigenen einfachen Weise, die jede Verlegenheit sofort bannte, setzte sie Heller den Zweck ihres Besuches auseinander. Sie sprach von Jehuda ben Halevy, den sie nur aus den Versen Heines kenne, dessen Dichtungen sie ober an der Hand Hellers kennen lernen möchte. Sie war vielleicht bereit, den nicht eben leichten Weg zu gehen, den Heine in seinem Gedichte „Jehuda ben Halevy" seiner Frau zu gehen rät: „Raten möcht' ich Dir, Geliebte, — Nachzuholen das Versäumte — Und hebräisch zu erlernen. — Widme einige Jahre solchem — — Studium, du kannst alsdann — Im Originale lesen Den Halevy . . ." Seligmann Heller hielt der Kaiserin aus dem Stegreif einen Bortrag über das Leben und die Dichtungen des hebräischen Dichters, aber sein Rat war nicht der, den Heine seiner Frau erteilt hatte - es sei nicht leicht, die Sprache Halevys sich anzueignen, noch schwerer vielleicht, sich in die Gedanken- und Empfindungswelt des fremden Dichters hineinzudenken und einzuleben. Die Kaiserin möge sich an das ergreifende Bild halten, das Heine in einfach schönen Linien von dem Dichter entworfen und an das ehrlich-rühmende Urteil des deutschen Dichters über den hebräischen. Die Kaiserin folgte mit leb vastem Jntereffe dem Bortrage Seligmann Hellers und schied von ihm mit ben Worten auftichttgen Dankes. — Sehr bemerkenswert ist noch, was der jüdische Gelehrte Prof. Dr. David Kaufmann einst im Freundeskreise erzählte, nämlich, daß er selbst in einer Nacht plötzlich aufgeweckt wurde, well eine Ordonnanz da war, um seinen Bortrag über Jehuda Halevy von ihm zu requirieren, den die Kaiserin zu lesen wünschte. nsgn