Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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30. JMi 1807. Der 9«toeftt. «fette 8. «r. 85 Nachdem sich der Abgeordnete Rawicz in dieser von tiefem Gram und bemitleidenswerter Trauer zeugenden Rede genügend echauffiert hatte, kam auch der Vertreter des Oberrats. Konferenzrabbiner Dr. Stecke lm ach er aus Frankel zu sprechen. Wie lohnend und ehrenvoll es für ihn wäre, als Frankels einstiger Schüler, dem es vergönnt war, während der letzten vier Lebensjahre des unsterblichen edlen Meisters zu seinen Füßen zu sitzen und die letzten Sonnenstrahlen seines Geistes auf sich einwirken zu lassen, hier gleichfalls zu seiner Ehrenrettung beizutragen, glaube er doch hiervon absehen zu sollendenn Frankels Charakter und Frömmigkeit, seine Verdienste um das Judentum und die jüdische Wissenschaft und besonders um die bürgerliche Gleichstellung der deutschen Juden stünden so hoch und rein da, daß sie von niemand, am allerwenigsten durch schmähende Zeitungsartikel, in Frage gestellt werden könnten. Wer wisse heute etwas von jenen kleinen Geistert! die einst dem Geistesriesen Maimonides das Leben vergällten ...... Aber der Name Maimonides leuchte und strahle noch heute mit alter Kraft und ganz dasselbe werde der Fall sein mit dem Namen Zacharias Frankel. Seine zwerghaften Beleidiger würden längst verschollen und vergessen sein usw. usw. Konferenzrabbiner Dr. Lew in ärgert sich von einem anderen Gesichtspunkte aus. Bisher seien im Judentum hoch über allen niederen Angriffen die Männer dagestanden, die für die Ehre und das Recht der Juden und des Judentums eingetreten seien. Von diesem Gesichtspunkt aus, nicht als Schüler Frankels, klage er das orthodoxe Zentralorgan an, daß es diesen Vorkämpfer des Judentums.in der gekennzeichneten Weife verlästert habe. Nachdem sich sein Aerger etwas gelegt hat, schließt Lewin mit den salbungsvollen Worten: Möge es bei uns in Baden in unserer auf dem einträchtigen Zusammenwirken aller beruhenden Gemeinschaft nicht dazu komme, daß Haß und Niedrigkeit das Wort führen, fonberu die alte, echte jüdische Art bestehen bleiben, die in dem Frieden eines der höchsten Güter gesehen habe. Jede Richtung anerkennen von der anderen, daß sie gleichfalls zum Wohl des Ganzen strebe, damit auch im Judentum der Jetztzeit erhalten bleibe, was von den Schulen Hillels und Schammais berichtet werde: Trotz aller Verschiedenheiten sowohl der Lehre als der Betätigung — haben sie einander hochgehalten; denn dieser wie jener Lehren — „beide sind Worte des lebendigen Gottes". (Beifall.) Auch der Abgeordnete Carleb ach findet die Angriffe des Israelit taktlos und unelegant. Einen ganz besonderen Standpunkt vertritt derAbgeordnete Dr. B. M a y e r. Die Interpellation morgen vor der AffmtierungsWunisston erscheinen müffe. Der Rabbi hörte bedächtig zu, dann schloß er für eine Weile die Augen, als wollte er das Gehörte tief durchdenken. „Perez," begann er wieder, „Haschemjisborach wird helfen." Er durchsuchte alle Taschen, doch fie wiren leer, dann schritt er zu seinem Tische hin, zog eine Lade auf, entnahm ihr fünf Gulden, die in einem Brief-Couvert verwahrt warm und reichte fie Perez mit den Wortm: „Mehr habe ich nicht." Perez, der früher zu den intimen HauSgenoffm deS Rabbi gehört batte, wußte, daß Rabbi Chajim, der jährlich Hunderttaüstnbe zugeschickt bekam, manchmal nicht die Mittel VesaZ, um die Bedürfnisse seines eigenen Haushaltes zu deckm und gar oft die sttbernm Leuchter oder irgend einen Sch nuckgegenstand in die Pfandleibanstatt schicken mußte, um seine Gattin mtt dm nötigen Mitteln zur Rüstung des Sabbat')s versehen zu können. Der Rabbi ergriff eine große Schachtel, die mit Zcharrm und Zigaretten gefüllt war und überreichte fie Perez mtt dm Worten: „Melleicht kan i Dir damit gehotfm werden, harbeh schluchtm Lamokaum (Gott hat viele Abgesandte)- rauche davon nicht eher, als bis Du in MiSkolz bist. Lege Dich jetzt hier ein paar Stunden schlafen und reise erst Nachmittags ab, denn Du wirst in bec nächsten Nacht in MiSkolz auch nicht schütten." Dann legte er die Hände auf daS Haupt des Schüler- und segnete ihn voll Inbrunst. Perez küßte dem Lehrer ehrfurchtsvoll die Hand und ning ins BeShamidrasch, um noch einige Stundm der Ruhe zu pstegen. Und nun saß er im Käffeehause zu Miskolz und -rgMte die Z^arrm und Zigaretten, mtt welchen der sei eigentlich ganz unnütz gewesen, meint Mayer. Als Rufe: Warum? ertönen, erläutert Mayer, mit der Interpellation sei den Feinden der badischen Landessynagoge eine viel zu große Ehre angetan. Man hätte am besten getan, diese schnöden Angriffe auf sich beruhen zu lassen. Der literarische Wert der Homerischen Ilias habe dadurch nichts verloren, daß neben den schönen Heldenbildern eines . Ajax, eines Achilleus auch die traurige Gestalt eines Thersites sich aufgespielt habe, der mit seinem Haffe und seinem Geifer die Helden bespritzte. Man hätte sich — meint der würdige Schüler des schweigsamen Lehrers — an solche Angriffe nicht kehren sollen. Der Schimpf bleibe gewöhnlich am Haupte des Schimpfers hängen. So verhalte es sich auch mit den Angriffen, die sein verehrter Lehrer, Zacharias Frankel, sich habe gefallen lassen müssen. Wenn heute der Geist -es verewigten Frankel aufstände, würde er sagen: O laßt sie toben, lästernstöret nicht ihre Kreiselaßt ihnen chr kindliches Vergnügen! Er vergleiche auch Frankel mit jenen griechischen Helden. Frankel werde sein Andenken nicht verlieren, wenn jene, die sich erlaubt hätten, diesen Mann zu besudeln, längst vergessen sein würden und man über sie zur Tagesordnung übergegangen sein werde. So solle man auch hier die Sache nicht so tragisch nehmen und einfach über sie zur Tagesordnung übergehen. Dagegen macht der Abgeordnete August Oppenheim eine rühmliche Ausnahme. Er sagt, über die Interpellation selbst könne er sich yeute kein Urteil bilden - er müßte erst zu Hause ruhig und kühl die beanstandeten Artikel des „Israelit" im Zusammenhang Nachlesen. Die Herren Rawicz - Steckelmacher - Lewin- Mayer werden sich inzwischen hoffentlich soweit von ihrem Aerger erholt haben, daß sie eine der ihrigen entgegengesetzte Ansicht mit sachlicher Ruhe und affektloser Kühle werden anhören können, ohne gleich in einer synodalen Nachmittagssitzung ihren heißen Zorn verdampfen zu lassen. Mit Wutausbrüchen und Entrüstungsschreien wird in einer Angelegenheit, die ruhig sachlicher Würdigung bedarf, nicht das geringste ausgerichtet. Man untergräbt damit nur seine teure Gesundheit und kommt keinen vernünftigen Schritt weiter. Das kann unmöglich in der Absicht der Herren Rawicz-Steckelmacher-Lewin-Mayer liegen. Und so wollen wir denn kortitsr ja re ouavjter in modo an die Prüfung dieser Angelegenheit Herangehen und uns fragen, ob wir in unserem Artikel „Frankel" dem gefeierten Begründer des Breslauer Seminars wirklich, wie seine Säckler sagen, Unrecht getan haben, oder nicht. Wie seine Schüler sagen. Traurige Reminiscenzen rufen diese Schüler wach. Zurück über die Zeitspanne von fast einem halben Jahrhundert wendet sich die Erinnerung dem in der Geschichte des deutschen Judentums so bedeutsamem Jahre 1861 zu. Auch damals war es eine wilderregte Schülerschar, die für den angegriffenen, in den Mantel verletzte Gelehrtenwürde sich hüllenden Meister in die Bresche trat. Sie lännten, schrien, prostestierten und fuchtelten mit den Händen — hatten aber so wenig, ach so herzlich wenig zu sagen. Denn sie konnten nichts sagen. Uno wenn sie noch hundertmal so gelehrt, hundertmal so erfahren gewesen wären, wie der schweigsame Meister sewst, sie hätten vielleicht würdevoller gelärmt, geschrien, aefuchtelt und protestiert — zu sagen — zur Rechtfertigung ihres Lehrers auch nur ein halbes sachliches uno vernünftiges Wort zu sagen, hätten sie auch dann nicht vermocht. Denn Zacharias Frankel war damals kein Gegenstand mutmaßender Beschuldigung mehr, er war im Sinne des überlieferten Gesetzes des Abfalls vom Judentum überführt. An dieser unbezweifelbaren. Tatsache konnte das wilde Zorngeschrei seines * Auditoriums auch keinen Deut mehr ändern. Ein Sendschreiben von Gottlieb Fischer, mit dessen Veröffentlichung im Januarhefte des Jeschurun begonnen wurde und das jenen Nachweis aus Frankels Hodegetik mit wissenschaftlicher Klarheit führt, war das Signal zum Beginn einer solch unglaublich gemeineu Preßfehde, daß, wenn der jetzige Herausgeber der Allgemeinen Zeitung des Judentums den betr. «mg dieses Blattes durchblättern wollte, er ntlitz schamrot verhüllen müßte, angesichts der beklemmenden Tatsache, welch ein Fülle von Schmutz in der neologen Presse dieses Jahres abgelagert ist. Sowohl die Artikel von GotÜieb Fischer als auch die Arbeiten des Jeschurunnrbers selbst haben Frankel nicht, wie r. Rawicz meint, kränkende Borwürfe gemacht, sondern Frankels Schrift „Hodegetik zur Mischnah" einer kritischen Durchsicht unterzogen und an der Hand talmudisch-rabbinischer Quellenschriften den wissenschaftlichen Nachweis geliefert, daß in Frankels Buch der göttliche Ursprung der uns durch Mischnah und Talmud überlieferten Erklärungen der Thoragesetze geleugnet werde. Da nun diesen talmuoisch-rabbinischen Quellenschriften, die der badischen Synode vielleicht unbequem erscheinen, die aber deshalb doch ein wesentliches Element des überlieferten Judentums bllden, die unzweideutige Anerkennung des göttlichen Ursprungs der mündlichen Lehre als erstes Grundprinzip des jüdischen Bekenntnisses gilt, so war mit dem wissenschaftlichen Nachweis jener Leugnung so jxso dargetan, daß Zacharias Frankel n ich t, wie Herr „Kellner," rief der junge Offizier nach einer Weile, „ich rieche hier Zigarettendampf," dabei sog er die rauchgeschwängerte Atmosphäre ein, und auch die anderen Herren schnupperten und nickten bejahend mtt dm Köpfen. „Dort unten fitzt ein Herr und raucht, und es scheint keine schlechte Sorte zu sein," antwortete der Kellner. „Vielleicht hat der Herr Vorrat und überläßt uns diesen für Gelb und gute Wortebitte, ftagen Sie ihn," sprach der Offizier zum Kellner gewandt. Der Kellner begab fich zu Perez, der vor Schrecken zusammmfuhr, als er namens der Herren Offiziere um Zigarren gebet«: wurde. Er faßte fich jedoch, trug die mtt Zigaretten gefüllte Schachtel an dm Tisch der Herren und stellte fie unter höflicher Verbeugung vor diesen nieder. Sie fiel recht komisch aus, diese Verbeugung, aber die Offiziere achteten nicht darauf, sondern griffen begierig nach dem langbegehrten Kraut. Perez kehrte an seinen Platz zurück und vertiefte fich wieder eistig in sein Thillim. Je w.'iter er in der Lektüre derselben fortsuhr, desto wehmütiger wurde chm ums Herz. Nur noch einige Stundm, dann fiel die Entscheidung und seine erregte Phantasie spiegelte ihm fortwährend die schlimmstm Möglichkeiten vor. Er hatte zwar gar nichts Kriegerisches an fich, nichtwas dm zukünftigen BaterlandSvertetdiger verriet, aber er erinnerte fich, daß fein Kollege Chajim Morgenstern vor mehreren Jahren auch Soldat geworden war, trotz seiner X-Betne. Es gab Reschoim unter den Offizterm der HMmtierimwttommiffion, daS stand feft, und jüngst hatte JestÄe Süßkind, der Marsch«!«, sogar gemeint, wmn er (Perez), Baalmtlchomoh werde und ein pefotüttte, so habe das wenigstens nicht so schwer *u tragen. Bei dieser Vorstellung begannm chm die Träum Mer das abgemagerte Geficht zu laufen und immer Listiger rezitierte er die Psalmen. Im Ostm graute der Tag, als die Offiziers nach dem Kellner riefen, um zu zahlm. Auf chr Geheiß begab er fich zu Perez, um fich nach dem Preise der Zigarren uno Zigaretten zu erkundigen. Der lehnte jede Bezahlung ab. „Aber wir könnm fie doch nicht geschenkt annehmm, riefen jene. Wieder wandte fich der Kellner an Perez, um mtt derselben Antwort zurückzukommen. Der jüngste Leutnant schritt nun sporermirrenb zu Perez hinüber und falte eine 5 Gulden-Note vor ihn hin. „Genügt das als Bezahlung für die Zigarrm und Zigarettm?" stagte er etwas hochmütig. „Entschuldigen der Herr Offizier," bat Perez sehr demütig und schob die Note zurück, „aber ich hecke fie selber als Geschmk von einem sehr frommen Mmm bekommen und Sie werdm einschm, daß ich dafür keine Bezahlung annehmm darf." Der Offizier bemerke jetzt, daß Perez von einem ttefm Kummer bedrückt war und fragte: „Kann ich Jhnm sonst einen Gegendimst erweist»? Sie haben geweint, vielleicht kann ich Ihnen helfm." Perez faßte fich ein Herz und erzählte chm alle seine „betrübten Umstände", daß er Weib und Sinder zu Hause hätte, aber nur „jüdisch" getraut, also nach dm Staatsgesetzen noch unverheiratet sei. Und jetzt habe er .so große Furcht, seine Angehörigm ohne Ernährer zurück zu lassen, wenn er Soldat werdm müsse. Der Leutnant sprach chm Mut zu und begab fich zu der Gruppe von Offizieren zurück, die schm ungeduldig auf ihn warteten. Dort unterhielt er fich recht eifrig mtt einem der älteren Herren, der Perez scharf musterte, als ob ec fich stin Geficht einprägm wollte. /»Der und Soldat?" meinte er lächedid, tnbau er daS «ofot verließ. Am Bormittage wurde Perez der Affentte^ungskontmiffion vorgeführt: „Dauernd unwuglich," lautete J