Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WzMWWWWWWW «WWW WWW 4euAeton-Beilaae m Nr. 24 des WMMWWWVffMWSDWWM^-».i>»?MkMWWWMM«i,DW! // u euilleton. \m&k Zwischen Turcbt und bottnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 12] von?. Schachnowitz in Endiugen. (Fortsetzung.) Die Oberin wendete das Gesicht ab. Das Kind sollte die Träne, die sich doch durchgebrochen und nun von ihren Wangen herunterperlte, nicht sehen. Aberder kindliche Ton nahm plötzlich andere Wendung. Fast jubelnd setzte Malle hinzu: „Aber gelt, liebes Fräulein, wenn ich einmal groß bin, darf ich dann immer bei dir bleiben, die Kranken gesund machen und ihren Kindern Essen geben und sie dann stricken und schreiben lernen. Gelt ja?!" „Nun ja," lachte Rosa, „aber jetzt darfst nach der Mama schauen. Nur leise eintreten und nicht viel sprechen." „Jawohl, aber das Strümpfchen nehme ich mit!" In diesem Momente trat der Oberarzt Dr. Minkowski ein. „Nun Fräulein, alles wohl, alles in Ordnung?" erkundigte er sich jovial, seine goldene Brille vom angelaufenen warmen Zimmerhanch putzend. „Soweit alles nach Wunsch, Herr Doktor!" „Und die Wöchnerin?" „Das Fieber hat nachgelassengegen Morgen ivar der Schlaf ruhig. Momentan habe ich ihr Töcht-rchen zu ihr gelassen." „Ah das kleine Versuchskaninchen Ihrer deutschen Erziehungsmethode?" lachte der Doktorlaunig, „und der Alte?" „Er klagt immer noch über Kälte und Verdanungsbeschwerden." „Gewohnheitsklagen, wogegen keine Medizin helfen wird. Nebrigens^ der Arzt drohte lachend mit dem Finger, „scheinen Sie hier Eroberungen ,;u machen. Der alte Jankel schwärmt förmlich von der „Tentsche",' sie halte ihn warm, behauptet er." Noch war die Träne, die die kindliche Erzählung Malles bei Rosa hervorgerufen, aus ihren Augen nicht verschwunden, aber ihr ganzes Gesicht lachte heiter rmd hell. „Und wie sieht es in Ihrem Spezialgebiete, iu der Kinderstube ans?" erkundigte sich der Doktor weiter. „Bei der kleinen Betty wurden die Eisbeutel fortgesetzt, doch die Besserung blieb aus." Ihr Ton klang wieder ernst und besorgt. „So? Dann nwllen wir einmal schauen!" Illach einer Stunde hatten sie den Rundgang durch die Krankenzimmer beendet und befanden sich wieder im Sprechzimmer, wo sie die Einzelheiten ernst unb sachlich besprachen. „Jetzt noch eine wichtige Mitteilung!" schloß der Doktor. „Die Arbeit setzt früher ein als >vir glaubten. Wir müssen zwanzig Betten reservieren, heute Abend noch." Er hielt an und schaute durch seine scharfen Gläser nach dem Eindruck, den diese Mitteilung auf die Pflegerin gemacht. Als aber diese vollständig ruhig bleibend seine weiteren Erklärungen lind Anordnungen abwartet, fuhr er fort: „Ein Berwundetentransport trifft heute aus der Mandschurei hier ein, darunter zwanzig Juden. Wir wnrden von der Militärverwaltung davon in Kenntnis gesetzt und gebeten . . . Sie wissen natürlich als Deutsche nicht, wie die Bitte einer Militärbehörde bei uns 51t verstehen ist — nun, sagen wir gebeten, die zwanzig kranken Glaubensgenossen aufzunehmen. Wir konnten nicht Nein sagen. Nun, Sie begreifen . . ." Rosa Robenschein begriff alles. Sobald sich Dr. Minkowski empfahl, nahm sie sofort die Vorbereitungsarbeiten auf. Lächelnd erteilte sie alle nötigen Anordnungen, packte überall selber an und arbeitete vor, sodaß sich die enorme 'Arbeit wie nach einem feften Programme ruhig und planmäßig abwickelte. Auch zwei zarte Kinderhände arbeiteten tapfer mit. Malles Gesicht strahlte vor Glück und Freude, als sie von der Mutter kommend die Erlaubnis erhielt, dazubleiben und mitzuhelfen. Kapitel 9. „Auch noch- Zeit übrig für Liebesbriefe?" lachte Dr. Minkowski, als er Rosa in einen Brief vertieft antraf. Ja wahrhaftig, viel Zeit blieb ihr nicht übrig. Mit den zwanzig neu Angekommenen hat eine neue Aera der Arbeit nnb Verpflegungssorgen für das Haus begonnen. Da waren junge Greise, Sieche, die niit stummem Groll ihre Leiden trugen und resigniert in die Zukunft sahen, da waren auch einige, die nur leicht verwundet waren und am meisten zu erzählen und von Heldentaten zu prahlen wußten. Bei einigen hatte die lange, beschwerliche Reise Rückfälle herbeigeführt, sodaß sie mm schwerkrank dalagen. Es gab unter ben Genesenden einige arbeitsfreudige Leute, die dankbar für die genossene Ruhe und Verpflegung sich im Haus- und Krankendienste recht nützlich zu machen verstanden. All dieses machte zu sorgen und zu schaffen. „Die Regimentsjchwester" nannte sie nun Dr. Minkowski. Aber warum diese ihre Verlegenheit, als er sie beim Briefe antraf? Hatte er sie bei einer Sünde ertappt? Konnte sie ihm nicht ebenso lachend antworten: Jawohl Herr Doktor, ein Liebesbrief von jenseits des Ozeans, von meiner Freundin Rahel? Es ärgerte sie, daß sie sich so klein, so verlegen wie ein Schulkind gezeigt hat. Sie nahm die unterbrochene Lektüre wieder auf. Es war das alte Lied, aber hatte es neue Klänge für sie? Die Liebe Rahels, ihre Gefühle, ihr Sehnen und ihr unbestimmtes Hoffeil, fast schien es Rosa als fingen auch einige bisher nngekannte Saiten in ihrer eigenen Brust zu tönen an. Sie hatte bis jetzt Mitleid, Teilnahme mit ben Geschicken ihrer Freundin, aber jetzt? Fängt sie mm an ihre Freundin zu begreifen, ihr nachfühlen? Ist das möglich? Vor ihrem geistigen Auge ftanb nun wieder der nicht mehr jugendliche Mann mit seinem scharfen Blick, mit seiner sanften, aber festen Sprache, seinem jovialen und doch nicht tändelnden Wesen. „Noch Zeit für Liebesbriefe, Fräulein Regimentsschwester?" War es mehr als Verehrung, was sie für Dr. Minkowski empfand? Sie fühlte, wie sich eine Schamröte über ihr Gesicht ausbreitete. Sind es die Ziele, denen sie hier zustrebte? Und mit welchem Rechte durfte sie sich solchen Hoffnungen und Illusionen hingeben? Aber konnte sie es vermeiden, daß ihr Herz pochte, die Brust sich freudig bewegte, wenn seine Schritte hörbar wurden? Freilich, wenn er vor ihr stand, war sie die ruhige Rosa, die eifrige Krankenschwester, die kalt und ruhig vom Berufe sprach, der ihr Leben ausfüllen sollte . . Aber in seiner Abwesenheit? ... Sie las weiter. „Liebe Rosa! Jdealistin nennst Dir mich, ja, wenn man es dadurch wird, daß man einem Ideal, ohne die geringste Hoffnung ans feine Erreichbarkeit, nachhängt, so bin ich es, bin ich Fdealistin. Hoffnung? Ja unsere Hoffnungen sind zumeist unserer Wünsche Kinder, von diesen getragen, genährt und großgezogen. Ich hoffe ob ich auch in ruhigen überlegten Stunden weiß, daß dies nur Gaukelspiel meiner Phantasie ist. Darum, weil meine Liebe nur m der Erinnerung wurzelt, in der Gegenwart aber und wohl auch in Zukunft unerfüllt ist und bleiben wird, gerade darum darf ich sie Dir und aller Welt aussprechen: ich liebe ihn, so rein, so treu, wie wir nur ein hoch über uns stehendes, nie zu erreichendes Ideal lieben können. Die Erinnerung — es war keine von denen, die kommen und verblassen. Es war der Uebergang zu einenr neuen Leben, durch welches ich im Geiste immer noch von jener kräftigen Hand liebend und schützend geleitet werde. . . . „Wir Mädchen sind ein schwaches Volk und schauen mit verehrungsvoller Bewunderung zum Größeren uno Stärkeren hinauf. Ich habe ihn groß gesehen, übermenschlich groß und stark und edel und gut. Seitdem steht mein neues Leben nnter dem Einflüsse dieser männlichen Erscheinung. Auch ich bemühe mich seitdem, größer, stärker, edler und beffer zu sein. Soll ich mich einer solchen Liebe schämen? „Aber darf ich hoffen? Was berechtigt mich zu glauben, daß ein Echo meiner Gefühle auch ihn in die trübe Zukunft begleitet hat? Ich sah ihn stark und groß, er aber sah mich klein und schwach. Das eine, das mich allein seinerwürdig machen könnte, wäre die Liebe, Treue und dankbare Verehrung, die ich ihm, dem Unbekannten, bewahrt, wie ein Heiligtum in meinem Herzen vor jeder Entweihung gehütet. Aber das weißt nur Du, liebe Rosa. „Lebt er noch, denkt er noch ivie ich an jene schaurige Nacht? Wie und wo mag sich des Dramas zweiter Akt abgespielt haben? Ist er zur Tragödie geworden, irr der der Held mit den Worten gefallen, die noch mein Ohr umklingen, meinen Geist umschtveben: Denke an mich!" — „Was hört man bei Euch? der Krieg ist zu Ende. Hast Du auch ein Verzeichns der gefallenen Juden? ... Im übrigen lesen wir hier auch viel von ben Unruhen, die bei Euch herrschen, speziell Judenhetzen. Ich hoffe, es auf amerikanische Uebertreibung und Sensationsberechnung zurückftthren zu dürfen unb brenne vor Ungeduld, das von Dir bestätigt zu hören. —" Rosa hielt inne und horchte. War nicht ein Geräusch vernehmbar? Nein, er war es nicht. Sie errötete bei dein Gedanken, deffen sie aber nicht Herr war. Wie um sich vor sich selbst zu entschuldigen, las sie noch einmal den letzten Passus des Briefes durch: „Schade, daß er es nicht war, Dr. Minkowski hätte ihr über die Lage der Dinge, von denen kein Hauch, keine Spur über die Friedensmanern der Anstalt drang, Auskunft geben können." War er es nicht? Nein, es pochte leise und sicher, und es trat ein Soldat in das Sprechzimmer. Kerzengerade in militärischer Haltung stand er da. „Verehrtes Fräulein", sing er an, „der Herr- Doktor hat mir heute zum ersten Mal gestattet, das Zimmer zu verlassen. Ich erlaube mir nun, den ersten Gang dazu zu benutzen, Ihnen für die schwesterliche Liebe und Fürsorge, die Sie mir während des schweren Rückfalles angedeihen ließen, herzlichen Dank zu sagen." „War meine Pflicht, Herr Chaijmow!" „Ein dehnbarer Begriff, die Pflicht", lächelte der Soldat, „die jeder nach seiner individuellen nnb subjektiven Auffassung erfüllt. Wir haben im Kriege die Menschen verschiedenartig ihre Pflicht ausüben sehen." „Sie haben wohl sehr schlimme Zeiten auf dem Schlachtfelde verlebt, Herr Chaijmow?" „Nicht so sehr! Aber woraus schließen Sie das?" Rosa errötete ein wenig. Sie hatte das Ge-