Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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«eite 12. Der JSraettt. derselben. Beide Arbeiter sind in gleicher Weise sür die Wohlfahrt der Gesamtheit unerläßlich, und nichts berechtigt dazu, der Handelstätigkeit einen geringeren Wert zusprechen zu wollen als der auf die Pflege und unmittelbare Erzeugung der Güter gerichtete Tätigkeit.*) Mit diesem Ergebnis bietet sich uns zugleich die Grundlage für die Fragen, die sich uns in dem Abschnitte über den Staat aufdrängen. Was ist ein Staat, und wer ist ein vollwertiger Staatsbürger? Ist ein Staat eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Religion und gleicher Rasse, und ist nur der ein echter Staatsbürger, der der vorherrschenden Rasse und Religion anaehört? Das deutsche Reich kann keinen Anspruch darauf machen, auf Einheit der Religion und Rasse aufgebaut zu sein. Weder Rasse noch Religion sind Merkmale des modernen Staates. Dieser erscheint vielmehr, wie oben gezeigt, als eine große Arbeitsgemeinschaft, die durch die Gemeinsamkeit der geistigen wie der materiellen Güter zusammengehalten wird, und der ist ein vollwertiger Staatsbürger, der seinen Arbeitskreis nach Pflicht und Gewissen ausfüllt. Das Judentum ist kein Hindernis für die Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten. Im Gegenteil! Es fordert von uns mit aller Strenge, das Wohl des Staates zu fördern. Im vollen Sinne des Wortes sind wir deshalb deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, wieunsere christlichen Mitbürger deutsche Staatsbürger christlichen Glaubens. Mit diesem Endresultate wirkt die Gesellschaftskunde wahrhaft erlösend auf uns. So lange wir unsere Selbstachtung nicht verlieren, sind wir nicht verloren, mag uns auch die Außenwelt alles rauben und nehmen. Die Frage nach der praktischen Gestaltung der „Gesellschaftskunde" im Unterricht hält der Referent in diesem Zusammenhänge für nebensächlich. Der pädagogische Kleinkram ergibt sich von selber. „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor." Der Referent schließt mit dem Hinweis, daß wir trotz allem nicht zu viel von der Einführung der „Gesellschaftskunde" erwarten dürfen. Die Schule ist nur e i n Faktor im Leben. Neber ihr steht das Leben selber. Aber der Landmann legt die Saat in die Erde und hofft, daß sie trotz Schnee und Reif gedeihe. Und wir als das Volk der Hoffnung machen es ihm nach: Ob die Saat, in das Kinderherz gepflanzt, aufgeht oder nicht; für uns gibt es nur einen Weg: Wir säen. _ Correspondenzen u. Nachrichten. Frankfurt a. M. Am 2. d. Mts. fand dahier eine Vorstandssitzung des Bundes g. j. L. Deutschlands statt, in welcher zu dem neu zu erwartenden preußischen Lehrerbesoldungsgesetz Stellung genommen wurde. Es wurde die Äbsendung einer ausführlich begründeten Petition an das Königl. Kultusministerium beschlossen, in welcher um Regelung zweier Dinge dringend ersucht wird: 1. daß der Vorsängerdienst gleich dem Kirchendienst besonders honoriert werde und 2. daß den jüdischen Volksschullehrern die im Privatdienst verbrachten Jahre angerechnet werden. Es soll nichts unversucht bleiben, um diese berechtigten Forderungen zur Geltung zu bringen. Berlin, 9. Juni. „Die Vereinigung jüdischer Religionslehrer Berlins" hat in ihrer Mai-Sitznng sich mit einer Prüfungsordnung beschäftigt, die sie bezw. ihr Vorstand sür jüdische Religionslehrer uub Religionslehrerinnen allsgearbeitet hat. Die Erkenntnis, daß für solche Lehrkräfte, die nicht an Seminarien ausgebildet sind, eine Möglichkeit kaum existiert, sich eine Lehrbesähigung zu verschaffen, hat die „Vereinigung" schon vor vieleil Monaten veranlaßt, dieser Frage näher zu treten. Die Grund züge dieser Prüfungsordnung wurden nun in der 9 3o kann selbst der Hausierer ein notwendiger Faklor im Gesellschastsleben eines Staates sein und wenn wir aus den jüdischen Hausierer auch nicht gerade stvl'> sind, wir schänien uns auch seiner nicht. letzten Sitzung durchberaten und im Wesentlichen zu Ende geführt. Sobald sie endgiltig beschlossen ist, soll sie der Öffentlichkeit unterbreitet werden. — In der Sitzung vom 6. Juni, sprach Herr I. Wohlgemuth über die Verwendbarkeit von Güdemann's Apologetik für den Religionsunterricht. Aus Kur Hessen. Durch den einstimmigen Beschluß des preußischen Lehrertags in Magdeburg, daß „bei den dauernd mit einem kirchlichen Amte, wozu auch der Vorsängerdienst der israel. Lehrer gehört, verbundenen Stellen, das aus diesem fließenden Einkommen nicht auf das Lehrergehalt angerechnet werde", hat die preußische Lehrerschaft einen hohen Beweis ihrer Gerechtigkeitsliebe gegeben. Zum ersten Mal ist hier die Gerechtigkeit unserer Sache anerkannt und die Gleichstellung der israelitischen Lehrer mit ihren christlichen Kollegen von unparteiischer Seite angestrebt worden. Möchte dieses Vorgehen der preußischen Lehrerschaft für die in Betracht kommenden jüdischen Behörden eine ernste Mahnung sein, nicht wieder einer Verkümmerung unserer Rechte die Hand zu bieten! Wenn auch der preußische Lehrertag nur Wünsche äußern und Richtlinien für eine Lehrerbesoldung zeichnen kann, so darf man immerhin die Erwartung hegen, daß das einstimmige Urteil einer solch imposanten Versammlung nicht ungehört verhallen und daß die bevorstehende Revision des Lehrerbesoldungsgesetzes mit jeglicher Ausnahmebestimmung zu Nngunsten der jüdischen Lehrer gründlich aufräumen wird (Eine solche ist eigentlich auch erst künstlich in das alte Gesetz hinein interpretiert wordendie Red.) Immerhin dürfen wir nun die Hände nicht müßig in den Schoß legen. Jetzt oder nie ist der Zeitpunkt gekommen, das seit einem Jahrzehnt erstrebte Ziel, für unsere Leistungen als Vorbeter auch entsprechend entlohnt zu werden, zu erreichen. Vor allem müßten in einer Petition an das Kultusministerium die Berechtigung unseres Anspruchs klar dargelegt und zugleich die Wege angegeben werden, wie die Mittel für die Besoldung der Vorbeter — Gründung von Vorbeter-Besoldungsklassen analog den staatlichen Alterszulagen- und Ruhegehaltskassen bezw. Erhöhung der in einzelnen Bezirken vorhandenen Provinzial- oder Bezirkssteuern — zu beschaffen sind. Eine persönliche Vorstellung bei dem Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopf würde unserer Sache sehr förderlich sein. Gleichzeitig dürfte auch eine gründliche Aufklärung der einzelnen Abgeordneten durch eine die Materie erschöpfend behandelnde Denkschrift, sowie durch persönliche Einwirkung am Platze fein. Wir setzen als selbstverständlich voraus, daß die Leitung des „Bundes" diese Angelegenheit irr die Hand nehmen wird- (ist bereits geschehensiehe weiterdie Red.) ja, wir halten es für wünschenswert, daß in dieser Frage „Bund" und „Verband" Hand in Hand gehen. Es handelt sich nicht nur um eine Steigerung unseres bescheidenen Einkommens, sondern auch um Beseitigung einer Ausnahmestellung. In einer solchen Angelegenheit müssen alle beteiligten Faktoren ihre volle Schuldigkeit tun! (Anmerk, der Red.: Wir bezweifeln die Geneigtheit des „Verbandes" mit dem „Bund" in irgend einer Sache gemeinsam vorzugehen). Zum Jahresbericht der Israelitischen Volksschule in Jranksurt a. M. Anläßlich eines Aufenthalts in Wien hörten wir von einer mit den dortigen Verhält» ssen sehr vertrauten Persönlichkeit die etwas paradox klingende Aeußerung, der Wiener Antisemitismus rühre zum nicht geringen Teil von den Kindern der zahlreichen galizischen Einwanderer her. In den Volksschulen, so führte lener Herr aus, fallen sie durch Sprache, Kleidung und andere Acußerlichkeiren auf und fordern nicht selten die Spottlust ihrer christlichen Mitschüler heraus, sie erschweren teilweise den Schulbetrieb und da sie den unteren Bevöllcrungsschichten angehören, so sind sie in den schulen kein gern gesehenes Element trotz großer Besä igung. Wir sind nicht im Stande die Richtigkeit jener Angaben nachzuprüsen, aber wir waren überrascht, daß ein bekannter Schulmann dem Vorhandensein der Frankfurter isr. Volksschule die wohltätige Wirkung zuschrieb, daß sie dort den Antisemitismus verhütet habe, zwei Urteile also, die ganz unabhängig von einander zu demselben Resultate kommen. Nr. 24 13, Juni 1907. Wrr haben außerdem bet einer anderen Gelegenheit bereits nachgewiesen, welch hohe kulturelle Bedeutung die Frankfurter Volksschule für die zugewanderte jüdische Bevölkerung hat, indem sie sich mit Liebe und Verständnis der Kinder der Aermsten annimmt und sogar manches Kind vor dem sittlichen Verderben bewahrt, das unter anderen Umständen unrettbar ein Opfer der ungünstigen Verhältnisie — Wohnungselend, Abwesenheit der Eltern, die als Hausierer das Leben stiften, die nichts weniger als einwandsteie Umgebung, die Gefahren der Strage 2c. — werden müßte. Nur jüdische Lehrer können sich ganz in die Seele dieser Schüler hineinversetzen, denn nur ihnen ist ein tieferes Verständnis für das Milieu möglich, in dem die ihnen anvertrauten Kinder aufwachsen und sie sind deshalb auch am geeignetsten, jene verhältnismäßig rasch der deutschen Kultur zu gewinnen unter Bewahrung und Förderung, ihrer religiösen Anschauungen. Denn wenn das religiöse Moment bei jeder jüdischen Volksschule eine bedeutende Rolle spielen muß, so hier in besonders hohem Maße. Den Eltern jener Kinder ist ihr Judentum, für das sie in der Heimat gelitten, noch Herzenssache und sie schätzen sich glücklich, daß die Jugend in dieser Schule ein Geist echter Religiösttät umschwebt. Aber auch an Liebe fehlt es ihr nicht, nicht nur seitens des Lehrpersonals sondern auch von Außenstehenden. Eine ganze Reihe von Wohltätigkeitsvereinen und Stiftungen wendet den Zöglingen der Schule ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zu. Und doch scheint die hohe Bedeutung dieser Schule noch nicht in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Frankfurts ausreichend gewürdigt zu werden, denn sonst dürfte die Jahresrechnung nicht mir einem Defizit von 3000 Mk abschließen trotz der verhältnismäßig recht bescheidenen Gehälter (28,340 M. bei 9 Lehrkräften inclusive des Rektors). Für eine Schule, die eine so hohe Mission zu erfüllen hat, müßten sich doch in Frankfurt reichliche Mittel finden lassen. Die Anzahl der Schüler beträgt 344 und zwar 183 Knaben und 161 Mädchen, die in 8 Klassen unterrichtet werden. ücherscha». Sallwürk v. E., Dr., Prinzipien und Methoden der Erziehung. Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1906. 1,20 Mk. Der in pädagogischen Kreisen bereits rühmlichst bekannte Verfasser gibt in vorliegender Schrift in Ergänzung zu seinem bereits früher erschienenen Werke: „Didaktische Normalformen" einen systematischen Grundplan seiner Erziehungslehre. Er beabsichtigt insbesondere, den Zusammenhang seiner pädagogischen Methode mit dem Prinzip der Erziehung zur Sittlichkeit darzutun und das ist ihm vortrefflich gelungen. Besonders von Jntereffe sind in dieser Beziehung Abschnitt 6—8aber auch die anderen Teile der Schrift bilden eine sehr empfehlenswerte Lektüre für Lehrer und wir möchten dieselben ganz angelegentlich auf dieses Werk Hinweisen. Bei der Stellung des Verfassers zur Herbart-Ziller'schen Richtung erscheint es erklärlich, daß er an den betr. Stellen seinen abweichenden Standpunkt hervor hebt und begründet, was für den Leser das Interesse an den Ausführungen nur erhöht. M. Sprccbsaal. Bei Besprechung des Schulberichts der Religionsschule in Königsberg wird die Einrichtung des Leseunterrichts sür noch nicht eingeschulte Kinder bemängelt und bcmorkt, man solle warten, bis sie die deutschen Buchstaben kennen. Wir müssen dieser Anschauung ganz entschieden entgcgentreten. Noch gilt es n"2 in den jüdischfühlenden Familien als selbstverständlich, daß die Kinder mit "pn^ beginnen. Und wenn dadurch weiter nichts erzielt würde, als daß den Kindern schon praktisch die Superorität der "pH min eingeprägt wird, so wäre damit, besonders für unsere Zeit, viel gewonnen. Nur nebenbei sei auf die Schwierigkeit hingewiesen, die das gleichzeitige Erlernen beider A phabete den Kleinen verursacht. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es bekannt, daß die Probe auf das Exempel bereits gemacht worden ist und daß sich der Versuch bewährt hat. (Nachschrift der Redaktion: Wie wir einer Zuschrift des Herrn Rabbiner Dr. Liebermann-Königsberg entnehmen, war unsere Annahme, daß es sich um nichtschulpflichtige Kinder Handle, eine irrigein Wirklichkeit Hanen die Schüler alle bis aus eine Ausnahme das 6. Lebensjahr bereits überschritten. Damit entfällt jedes Bedenken gegen die Einrichtung des Herr. Anfängerkursus und das vorstehende Eingesandt wäre eigentlich gegenstandslos. Dessenungeachtet geben wir ihm Raum, da uns die Frage, wann man mit dem Hebräisch-Lesen beginnen soll, eine offene zu sein scheint.)