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Der Israelit · 1907-06-13 · Heft 24 (13.6.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 24 (13.6.1907)
Date
1907-06-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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6e$ell$cbaff$kunde in der jüdischen Schule/’ Konferenztage gleichen den hochgelegenen Rastpunkten, die der Wanderer sich auf seinem Wege aussucht, um von hier aus die vorwärts und aufwärts zurückgelegte Strecke zu überschauen. Wir rasten in unserer Tätigkeit und sehen uns die Welt an, für die wir unsere Schüler erziehen. Trägt die Welt ein anderes Gesicht, so muß auch die Schule ihr Gesicht ändern. Das Bildungsideal ist ewigen Schwankungen unterworfen. Neue Unterrichtsfächer verlangen gebieterisch Einlaß in die Schule: zu diesen gehört die Gefellschafrskünde, die uns über die Bedingungen, Voraussetzungen und Einrichtungen des Gemeinschaftslebens der Menschen aufklärt. Die Forderung, die Gesellschaftskunde in die Reihe der Unterrichtsfächer der Volksschule einzuführen, findet ihre Begründung in den sozialen Strömungen unserer Zeit, die unverständlich bleiben, wenn man nichts von dem Wesen und den Einrichtungen des menschlichen Gemeinschaftslebens weiß. Eine Konferenz jüdischer Lehrer soll sich nicht mit allgemeinen Fragen des Unterrichts befassen; sie würde dadurch leicht einen Keil in die Lehrerschaft treiben. Aber die Gesellschaftskunde soll nur nach ihrem besonderen Werte für die j ü d i s ch e Schule betrachtet werden, in der sie einen wesentlichen Teil des Gesinnungsunterrichtes bildet. Aller Gesinnungs-Unterricht läuft auf Charakterbildung hinausdiese ist aber identisch mit der Bildung' des Selbstbewußtseins und des S e l b st g e f ü h l s. Wo diese fehlen, da kann sich kein Charakter entwickeln. Ein mächtiger Faktor in der Bildung des Selbstgefühles ist die Gesellschaft, in die wir hineingeboren sind, und in der wir leben. Ihr Urteil ist imstande den Schwachen und Zweifelnden aufzurichten, oder auch ihm den letzten Halt zu rauben. Dieser Einfluß unserer Umgebung birgt nun für uns Juden eine große Gefahr in sich. Die Meinung der Welt ist schwankend und nicht immer richtig, und so kann sie unserm Handeln eine falsche Richtung geben, oder sie bringt ihm eine falsche Wertschätzung entgegen und lähmt dadurch unser Selbstvertrauen und unsere Kräfte. Menschen mit schwachem Selbstvertrauen werden nie bestimmend auf ihr und ihrer Nebenmenschen Schicksal einwirken. Sie unterwerfen sich vollständig einem fremden Willen; sie tun, was dem andern gefällt - sie *) Auf der Jahresversammlung der „Israelitischen Lehrerkonfercnz Hessen" die am 1. Januar ds. I . in Fulda stattfand, stand d r oben gennannte Bortrag des Herrn Kollegen Neuhaus - Fritzlar im Mittelpunkt des Interesses. Mit gütiger Erlaubnis des Herrn Referenten veröstenllichen wir hiermit einen Auszug aus demselben, der das Wesentliche seiner Ausführungen enthält-. Der Vortrag ist unterdessen bei Louis Lamm-Berlin erschienenwir empfehlen ihn allen Kollegen aufs angelegentlichste. unterlassen, was dem andern mißfällt. Wo aber ein fremder Wille herrscht, kann auch von keinem Charakter die Rede sein. Mit voller Wucht empfinden wir daher die traurige Tatsache, daß unsern Glaubensgenoflen so vielfach Selbstvertrauen und Selbstgefühl als Jude abgehen. So wie ein Lehrer durch ewiges Tadeln und Schelten das Selbstvertrauen seiner Schüler raubt, so haben die lieblosen Urteile, die die Welt über die Juden fällt, uns in unserm Selbstvertrauen schwankend gemacht und geschwächt. Wir müssen daher, wenn wir das jüdische Selbstgefühl wieder heben wollen, der öffentlichen Meinungentgegentreten und Juden und Judentum unseren Schülern in ihrer wahren Gestalt zeigen. Was sagt aber die öffentliche Meinung über uns? Urteile über den Wert oder Unwert einer Nation wechseln - nur das Urteil über die Juden ist sich gleich geblieben. Die Gründe für dieses Urteil haben sich allerdings der jeweiligen Geistesrichtung anpassen müffen. Im Mittelalter gefügte schon die Verschiedenheit des Glaubens, um den „Ungläubigen" zum jagdbaren Wild zu machen. Später hat man die jüdische Sittenlehre angegriffen, und in der Gegenwart, die im Zeichen des Sozialismus steht, in der der einzelne nach seinen Beziehungen zum Ganzen bewertet wird, spricht man dem Juden das Recht ab, sich einen Deutschen zu nennen, und behauptet sogar, daß die Juden, die vorwiegend als Kaufleüte und Gelehrte tätig sind, gar nicht „arbeiten" und daß sie deshalb ein minderwertiges Glied am großen Bolkskörper seien. Das jüdische Selbstbewußtsein ist also dadurch stark bedroht, und wenn wir es schützen wollen, so müffen wir diesen falschen Urteilen entgegentreten. Das wird uns mithilfe der Gesellschaftskunde möglich, die uns einen Einblick in das Getriebe des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen gestattet und uns dieses Gemeinschaftsleben als einen großen sozialen Organismus kennen lehrt, bei dem alles, wie in jedem andern Organismus, sich gegenseitig Zweck und Mittel ist. Bon den Lehrbüchern, die bisher erschienen sind, hält der Referent Dörpfelds „Repetitorium der .Gesellschaftskunde" für brauchbar und empfehlenswert. Dörpfeld gliedert den Stoff in vier Abschnitte, von denen der erste von den menschlichen Anlagen und Fähigkeiten, der zweite von den Sitten und Gebräuchen, der dritte von der menschlichen Arbeit und der vierte von den menschlichen Gesellschaften und insbesondere dem Staate handelt. Der erste Abschnitt hat für die jüdische Schule keine'besondere Bedeutungdagegen ist der zweite Abschnitt sehr wichtig für sie. Der Schüler erfährt hier, daß Sitten, Gebräuche und Eigentümlichkeiten etwas Wandelbares sind, abhängig von den wirkenden Natur- und Kulturverhältnissen ihrer Zeit. Diese Erkenntnis führt zur Toleranz, zur Duldung alles deffen, was von den eigenen Sitten und Eigentümlichkeiten abweicht. Verdient z. B. der Jargon der Juden, auf den man noch vielfach stößt, wirklich die Verachtung, die man ihm entgegenbringt? Er erklärt sich aus der Abgeschlossenheit der Juden im Mittelalter, und er ist ebenso berechtigt wie jede andere Mundart. Der Sprachforscher wird ihn beachtenswert findendie große Menge abersieht, in ihm eine Karrikatur der Sprache, weil sie in dem Juden eine Karrikatur des Menschen sieht.*) Auch die vorzugsweise Beschäftigung der Juden als Kaufleute erklärt sich aus den mittelalterlichen Gesetzen. „Alles verstehen, heißt alles verzeihen." Das ist das A und O dieses Teiles der Geseüschaftskunde. Der für die jüdische Schule wertvollste Abschnitt ist der, der von der menschlichen Arbeit handelt. Was ist Arbeit und wer ist ein Arbeiter? Ist nur derjenige ein Arbeiter, der sein Brot durch seiner Hände Fleiß erwirbt, oder „arbeitet" nur der, der etwas Neues schafft? Sind Kaufleute und Gelehrte keine Arbeiter? Diese Fragen zu beantworten, macht dem Kinde keine Schwierigkeiten. Lassen wir uns von Defoes Robinson leiten. Was hätte der Mensch nötig, wenn er allein auf einer Insel wäre, und was müßte er tun, um seinen Bedürfnissen zu genügen? Dieselben Bedürfnisse treten aber auch an uns heran, nur daß wir durch die Kulturarbeit so vieler Jahrtausende in der Lage sind, dieselben in ganz anderer Weise zu befriedigen. Dörpfeld unterscheidet sechs Bedürfnisse: Die Bedürfnisse nach Wohlstand (nach äußeren wirtschaftlichen Gütern), Seelenheil, Bildung, Gesundheit, Rechtschutz und Landesschutz. Die Befriedigung dieser sechs Bedürfniffe macht die Wohlfahrt des einzelnen wie die der Gesamtheit aus, und die zur Erlangung dieser Wohlfahrt notwendige Tätigkeit ist eben die Arbeit. Den sechs Bedürfnisklassen entsprechend gibt es sechs Arbeitsklassen. Der Naturmensch verrichtete alle sechs Arbeiten zugleich. Wir sind zu einer Arbeitsteilung gekommen, und das Mittel dazu ist der Staat, der also als eine organische Arbeitsgemeinschaft, nicht Selbstzweck ist, sondern nur eine Vereinigung zur Förderung der kulturellen Arbeit darstellt. Alle in irgend einem für die Wohlfahrt des Volkes notwendigen Berufe tätigen Personen sind „Arbeiter". Jeder Arbeiter leistet etwas, was ihm und anderen zugute kommt. Jeder Arbeiter dient der menschlichen Gesellschaft, und sie bedarf seiner, so wie er ihrer bedarf. Die Arbeit des Kaufmanns besteht in dem Austausch der Güter, die des Bauern in der Pflege und Produktion Der deutsche Jude wird seinem Verschwinden keine Träne nachweinen, aber zu schämen braucht er sich seiner nicht.

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