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Der Israelit · 1907-06-13 · Heft 24 (13.6.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 24 (13.6.1907)
Date
1907-06-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i^lpp N«. 24. 18. Juni 1S07 nicht sonderlich zu bedauern. Sie hätten über-' Haupt den Aufenthalt in nicht-jüdischen Gasthäusern,- deren Speisen ihnen nach den Satzungen des Judentums verboten sind, nicht erstreben sollen. Aber tiefverletzend für das jüdische Selbstgefühl sind solche Vorkommnisse dennoch, und sie sollten für unsere resormatorisch gesinnten Stammes-Genossen ein Wink mit dem Zaunpsahl sein, doch lieber bei den Brüdern in jüdischen Hotels zu wohnen, wo sie es ja auch zweifellos viel gemütlicher finden werden. In Kurzem wird ein interessantes Experiment auf dem Gebiet des jüdischen Kultus versucht werden. Innerhalb der großen New-Aorker Judenheit gibt es selbstverständlich auch viele Taubstumme. Rev. Dr. Pereira Mendes will für diese Unglücklichen, denen bis jetzt jede Beteiligung am Gottesdienst unmöglich war, einen besonderen Gottesdienst einrichten. Er hat bereits alle Vorkehrungen dazu getroffen, auch einen Vorbeter gewonnen, der den Ritus in der Fingersprache vorzutragen versteht. Ueber tausend Taubstumme, wovon die Meisten noch jugendlichen Alters sind, .werden sich daran beteiligen. Im Staate Massachusetts, wo matt seit einigen Jahren das Sonntags-Ruhe-Gesetz sehr streng gehandhabt hat, wurde im Laufe der diesjährigen Legislaturperiode von jüdischer Seite eine starke Agitation für die Dispensation der den Sabbat beobachtenden Juden von den Beschränkungen des Gesetzes betrieben. An der Spitze dieser Bewegung stand der neuerwählte Oberrabbiner von Boston, Rabbi Wolf Margulies. Jetzt ist eine Gesetzesvorlage, die angeblich den Wünschen der Juden Rechnung trägt, eingebracht worden. Sie befreit die Koscher-Fleischhändler von der Sonntagsruhe. Alle andern Geschäfte und alle Arbeiter müssen feiern. Daß dies in Wahrheit den Wünschen der Juden nicht entspricht, die eine Dispensation für alle, die den Sabbat heiligen, verlangen, liegt auf der Hand. Es verlautet übrigens, daß Oberrabbiner Margulies nächstens dem Gouverneur vorgestellt werden solle. Was für eine Bewandtnis es mit dieser Vorstellung hat, ist noch nicht bekannt. Man spricht davon, daß Staats-Senator Martin Saxe eine Gesetzes-Vorlage bei der Legislatur des Staates New-Aork eingebracht habe, wonach den Besitzern von Hotels bei strenger Strafe verboten werde, irgend jemandem wegen seiner Religion oder Rasse die Aufnahme zu verweigern. Veranlassung zu dieser Vorlage war die Marlborough-Hotel-Affaire der Frau Frank. Die Absicht des Herrn Saxe ist ohne Zweifel eine gute, aber ich verspreche mir keinen besonderen Nutzen von seinem Projekt. Man kann die Liebe nicht erzwingen. Es ist entschieden eine falsche Politik, sich da aufzwingen zu wollen, wo man nicht willkommen ist. Der rechte Weg lehrt unsere Glaubensgenossen das Schriftwort "jrran sen “Q^n,, behalte Deine Ehre und wohne im eigenen Hause." Viele folgen denn auch dieser Lehre, denn nie war die Zahl der jüdischen Sommer-Hotels so groß wie in diesem Jahr. vermischter. Schwabach, 5. Juni. Dem hiesigen Gemeindekollegium lag jüngst das Gesuch des Leipziger Tierschutzvereins vor, das Schächten im Schlachthause zu verbieten. Die betr. Broschüre macht u. a. auf die bekannte Reichsgerichtsentscheidung aufmerksam, wonach die Stadtverwaltungen zu diesem Verbote befugt seien. Das Kollegium erledigte den Antrag durch Uebergang zur Tagesordnung. - Georgensgmüud, 10. Juni. Auf Anregung aus der Mitte der Gemeinde hat der Vorstand das Ritualbad, das der Reparatur recht bedürftig war, wieder in Stand setzen laßen. Der Landes-Verein" leistete einen namhaften Zuschuß zu den Kosten. Leeds, 10. Juni. Am Sonntag, 9. d. Mts. fand in Leeds eine denkwürdige Feier statt. Es war die Grundsteinlegung einer neuen Synagoge, die. zugleich ein Beth- Hamidrasch enthalten und so das bisherige alte Gebäude des Beth-Hamidrasch ersetzen soll. Tausende von jüdischen Einwohnern waren auf dem offenen Platz versammelt, um der erhebenden Feier beizuwohnen. Herr Rabbiner I. H. Daiches, deffen geistigerjLeitung die Synagoge und das Beth-Hamidrasch-Jnstttut untersteht, hielt eine ergreifende Rede. Der erste Stein wurde von Herrn Herbert Bentwich aus London gelegt die drei ande- Der JSrrwlit. ren Steine legten die Herren Victor Lightman, Abraham Woolfe und Rabbiner Dr. Samuel Daiches. Die Herren Rabbiner Dr. Salis Daiches, Max Borrow-Sierce und andere hielten ebenfalls Ansprachen. Herr Referend M. Abraham, Prediger der großen Gemeinde, führte den Vorsitz. Nach Schluß der Feier fand ein Bankett statt, das bis spät in den Abend hinein dauertedie Freude der jüdischen Gemeinde über das so lang ersehnte Ereignis fand da beredten Ausdruck. vereinsivesen. Hamburg, 2. Juni. Der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose hielt unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt I. Alexander seine diesjährige Generalversammlung ab. Aus dem Ja resbericht ist zu entnehmen, daß die Zahl der in den Auswandererhallen zu Versorgenten Emigranten ganz außerordentlich gestiegen ist. Besonders groß war die Zahl der Auswanderer während des Paffahfestes, an diesen Tagen wurden täglich 1200 Personen verpflegt. Die rituelle Verpflegung der jüdischen Auswanderer auf den Schiffen erfolgt dank dem Entgegenkommen der Hamburg-Amerika Linie unter Leitung des Vereins. Auch auf den großen Dampfern der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschast, die genügend Kühlräume haben, erfolgt die Verpflegung der Israeliten in ritueller Weise. Ungünstig liegen jedoch die Verhältniffe bezüglich der Unterbringung der Durchreisenden in der Stadt. Es fehlt hier an paffenden Unterkunstsräumen, deshalb hat die Bereinsleitung beschloffen, ein eigenes Haus zu errichten, in dem nicht nur den Durchreisenden entsprechendes Nachtquartier gegeben werden kann, sondern auch Räume zur Speisung, zur Bekleidung und zur Vornahme aller sonstigen Unterstützungen vorhanden find. Der Verein bedarf jedoch hierzu die Unterstützung weiter Kreise. Ebenso dringend ist es aber auch, daß dem Verein Geldspenden für die laufenden Ausgaben zufließen. Im letzten Jahre betrugen die Ausgaben fast 5000 Mk. mehr als die Einnahmen und der Ueberschuß stüherer Jahre mußte völlig aufgezehrt werden. In den Auswandererhallen der Hamburg-Annrika-Linie kamen zur Verteilung 188,134 Portionen Mittagesien aus der rituellen Küche an 45,445 jüdische Emigranten, 45,000 Auswanderer nach Amerika erhielten unterwegs rituelle Verpflegung (Fleischkost). Durchreisende in der Stadt erhielten 2939 Anweisungen für Nachtquartier, auch wurden hier 4010 Portionen Kaffee und 2401 Portionen Mittagessen gratis verteilt. Die Anzahl der Durchreisenden, denen Reiseunterstützung gewährt wurde, betrug nach dem Jnlande 1407, nach Uebersee 87. Bekleidung wurde gratis verabreicht an 3200 Männer und Frauen. Aus dem Baronin Clara von Hirsch-Krankenfond > wurden 1099 Berpflegungstage im Hospital bestritten. Die Mitgliederbeiträge betrugen 3276 Mk., die Beiträge auswärtiger Gemeinden 884 Mk., die Sammlungen zu den Feiertagen 8354 Mk., einmalige Beiträge und Spenden 2256 Mark. Berlin, 3. Juni. Am 22. Mai ds. Js. hielt der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums im großen Saale des Tiergartenhofes eine öffentliche Propagandaversammlung ab. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, dem mußte das Unternehmen als ein gewagtes erscheinen, denn dieses Viertel bildet bekanntlich einen Sitz jener Kreise, bei denen man mehr Jnteresie für den Abfall vom Judentum als für deffen Erhaltung — und gar noch des überlieferten — voraussetzen darf. Die gehegten Befürchtungen haben sich glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Biele Hunderte von Besuchern füllten zur festgesetzten Stunde die weiten Hallen des großen Saales. Herr Dr. Arthur Kahn, Vorstandsmitglied des Vereins, sprach als Referent über „Pflichten der jüdischen Gemeindeverwaltung und Rechte der Gemeindemitglieder". An der Hand eines historischen Exkurses über die sozialen, kulturellen und philosophischen Strömungen der Neuzeit legt der Redner dar, wie unter deren Anprall die Zustände des jüdischen Gemeindelebens einen so grundstürzenden Wandel erfahren haben, daß wir in dem Leben einer anderen Konfession hierfür vergebens nach einem Gegenstück suchen. Wenn die Berliner Gemeinde sich den wenig beneidenswerten Ruhm erworben hat, innerhalb der jüdischen Diaspora als die Taufstadt par excellence zu gelten — har doch König Friedrich Wilhelm mit Rücksicht auf den Massenandrang der Juden zur Taufe den hiesigen Geistlichen den Rat gegeben, sich für diese Zwecke gleich der Feuerspritzen zu bedienen — so ist doch vom psychologischen' Standpunkte um so merkwürdiger, daß dennoch die Seuche des Antisemitismus von hier aus den verheerenden Gang nach allen Richtungen und in alle Länder angetreten hat. Dabei ist der Berliner von kirchlicher Gesinnung weit entfernt. So naheliegend es auch erscheint, die Maffentaufen als eine Reaktionserscheinung des brutalsten Antisemitismus, wie sie in schwachen unbeständigen Seelen zur Auslösung kommt, anzusehen, so wenig haben die Tatsachen dies gerechtfertigt. Der Antisemitismus hat inzwischen eine Häutung erfahren und Salonformen angenommen, die Taufen indes haben sich verdreifacht. Seit 50 Jahren haben 25 000 Judentaufen und ebenso viele Mischehen unter den Juden in Deutschland allein stattgefunden. Statistiker haben berechnet, daß dem Judentum hierdurch nicht weniger als 180 000 Seelen — wohl gemerkt in Deutschland — verloren gingen. Als vor einigen Jahren von einem jüdischen Gelehrten schätzungsweise die Zahl der dem Judentums durch die Taufen verloren gegangenen Seelen in den Ländern Westeuropas seit dem Auftreten Mendelssohns auf lVs Millionen veranschlagt wurden, ging ein Sette 9. heftiges Rauschen durch den jüdischen Blätterwald. Man zeigte sich beflissen, diese Zahl als eine arge Uebertreibung hinzustellen. Nach Herrn Dr. Kahns Aufstellungen dürste rieselbe die Wirklichkeit fast erreichen. Es müffe geradezu als rätselhaft erscheinen, daß die jüdische Gemeindeleitung diesen Tatsachen wie einem Fatum gegenüberstehe. Noch nie ist auch nur der leiseste Versuch unternommen worden, diesem Probleme dadurch beizukommen, daß man dem in Betracht kommenden Komplexe von Ursachen nachging. Für den Redner liegt eine der wesentlichsten in dem unjüdischen Geiste, mit dem in der jüdischen Gemeinde in den Tag hineinregiert wird. Mag man noch so sehr geneigt sein, bei den beteitigten Kreisen die besten Absichten vorauszusetzen, damit allein kommt man nicht aus. Diese Herren zeigen vor allem einen augenfälligen Mangel an Verständnis für die Forderungen des Gewiffens, in deren Kraft das Judentum den sichersten Stützpunkt findet. Während man allgemein bereits so weit gekommen ist, um zu wissen, daß bei der Jugend anzusetzen sei, so tickfgewurzelte Schäden zu beheben, sehen wir dm Berliner Vorstand länger als 5 Dezennien auf diesem Gebiete in unbegreiflicher Untätigkeit verharren. Schon in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hören wir den Dr. Stern von der Reformgemeinde heftige Klagen über den Abfall der jüdischen Religionsschulen erheben. In dem gleichen Sinne betont Dr. Aub, der erste Prediger der hiesigen Orgelsynagoge, daß das Lehrpensum ein völlig unzureichendes sei. Diese Männer find doch weit über den Verdacht erhaben, Wortführer der schwarzen Orthodoxie zu sein. Was müßten sie erst zu dm Zuständen sagen, bei denen wir gegenwärtig angelangt find! Redner legt dar, wie gewiffe Religions Lehrer nnd Lehrerinnm als ihre Glanzleistungen die Tatsachen ausgevm, daß sie ihre Schüler dahin zu bringen verstandm habm, am Bersöhnungstage nicht zu fasten, am Pesach Chomez zu effen und was dergl. Heldenstücklein mehr find!! Re-, ferent verbreitete sich dann über dm unsagbarm Verfall des modernen Rabbinertums, bas in der Rolle einer Phonographenwalze für die Anschauungen des Vorstandes, die bald in dieser, bald in jener Synagoge ihr Pensum zur Abkreisung bringe, ganz und gar aufgehe. Das Zehngebot, so meint der Redner, habe eine Reduktion auf ein Zweigebot erfahren, eines mit positivem Inhalte: Mensch, zahle deine jüdischen Gemeindesteuem! Das andere mit negativem: Mmsch, laffe dich nicht taufen! — denn wir wollen Vorsteher sein und bleiben. Lebhafter Beifall der Beisammlung folgte den Ausführungen des Redners. In der hierauf eröffneten Debatte versuchte zunächst Herr G r zi m i s ch wiederum die Angelegenheit des Tr. Cohn aufs Tapet zu bringen, fand jedoch die Versammlung nicht geneigt, ihm auf diesen Weg zu folgen. Ebensowenig fand er deren Zustimmung, als er es untemahm, die minderwertigen Leistungm der Religionsschulen mit dem Hinweis auf die modemm Zeitverhältniffe zu rechtfertigen. Herr Dr. D r ä s s e l trat für die hart mitgenommenen ReligionSlehrer des Radikalismus ein, die doch auch innerhalb der Gemeinde ihr Publikum vorfänden, in deren Sinne ihr Tun gar noch loben-wert erscheine. Ihm wurde entgegengrhaltm, daß doch nichts im We^e stünde, wenn solche Religionslehrer und die resp. Ettern mit ihren Kindern einfach Diffidenten würden, dahin gehörten sie doch eigentlich. Dr. Fink legte in längerer Rede dar, daß durch den lebhaften Anklang, den der Verein zur Erhaltung deS überlieferten Judentums allenthalben fände, dargetan sei, daß derselbe tatsächlich einem ttefgefühlten Bedürfniffe weitester Kreise entgegenkomme. Schon in diesem öffentlichen Auftreten liege eine verdienstvolle Tat. Damit sei der allgemein verbreiteten Legende ein für allemal ein Ende bereitet, als ob die gesamte Berliner Judenschaft ausschließlich im Lager der Reform stände. Allein das Gebiet müffe nunmehr durch moralische Eroberung für alle Zeit sichcrgestellt werden. Das wird nur durch Verbreitung richttger Kenntniffe über den Lehrinhalt und die umfassende einzig erhabene Weltanschauung deS Judentums möglich sein. Uns erginge es wie jenem Jüngling, der in der Blüte des Lebens urplötzlich dahinzufiechen begann und für deffen Leiden die gramersüllten Eltern vergeblich Doktoren und Professoren zu Rate zogen. Denn sie alle hatten die Diagnose falsch gestellt. Als fie sich endlich an einen sog. Naturdottor wandten, sagte der es dem Kranken auf den Kopf zu: er sei am Herz krank. Schon be: diesem Worte seufzte er erleichtert auf Sah er sich doch endlich einmal richtig erkannt! Unser Referent hat sich heute als ein solcher Natur doktor offenbart Für das herzkranke Judentum gäbe es nur eine Arznei: Lehre und Erkenntnis. Nie hätte es so tief heruntcrkommen können, wenn wir ihm sticht so lange Zeit hindurch diesen Lebenssaft entzogen hätten. Die moderne Wissenschaft habe uns zwar an unseren Schwachen und Schwankenden tiefe Wunden geschlagen, das Verdienst jedoch dürfte ihr nicht bestritten werden, uns erst den Reichtum, die Fülle an Kräften besten gelehrt zu haben, was wir mit dem einen großen Worte „Welt" bezeichnen. Das drängt unweigerlich zum Aufbau einer Wettanschruung, denn sonst find wir diesem verwickelten, komplizierten Spiele der Naturgewalten gegenüber verloren. Das Reformjudentum hat bisher nur auf die Gefühle spekuliert, nun aber die Sachlage bereits erkannt und sich darauf einzurichren versucht. Allein bei deffen Unternehmungen eine Weltanschauung des Judentums aufzubauen, damit können wir uns unmöglich beruhigen. Wie stets, so sitze auch hier ein fremdes Muster — das Christentum — zum Bilde. Wir wollen eine Originalaufnahme des Judentums. Im Anschauen dieses Urbildes soll unserem dahinfiechenden Geschlechte Genesung werden. Herr Rothenberger brachte noch einen peinlich berührenden Vorfall zur Sprache, daß der

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