Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1HL Juni 1907 Seite 8. Der JSraelit. Rr. 34 und aufrichtigen" Bedauern, daß ich mich genötigt sah, aus dem Bunde auszuscheiden, Ausdruck gegeben und hinzugefügt wird: „Wir wünschen Don ganzem Herzen, daß die Zeit bald kommen möge, wo Sie wiederum in die Reihe der Brüder eintreten, die Ihnen so gerne anhängen und die Sie nie vergessen werden." Hinzugefügt sei, daß ich Anfangs 1884, also fünfzehn Jahre vor dem Tode meines Vaters V'ST, mit dessen rückhaltloser Zustimmung dem Orden beigetreten bin und demselben bis Ende 1889 habe angehören können. Während dieser Zeit habe ich nicht das Allergeringste wahrgenommen oder erfahren, was zu „religiösen Unstimmig feiten" Anlaß geben konnte. Nebrigens ' sind zwei meiner Brüder noch heute Mitglieder des Ordens, dem auch ich selbst die wärmsten Sympathien bewahre. Dazu schreibt uns Herr Dr. Ed Biberse ld: „Nach der bestimmten Erklärung des Herrn Dr. H. Hildesheimer kann über die Gründe seines Austritts aus der Loge kein Zweifel mehr bestehen. Um aber nicht in den Verdacht zu geraten, absichtlich oder fahrlässig unwahre Tatsachen verbreitet zu haben, sehe ich mich genötigt zu erklären, daß bis heute meine Version hier'in weiten Kreisen verbreitet ist und auch an Stellen, die sonst als gut unterrichtet, gelten, Ausnahme und Glauben fand." (Siehe hierzu die Wochenschau). Oesterdeich. Wien, 10. Juni. Der österreichische Reichsrat wird zwölf jüdische Abgeordnete zählen: außer den beiden Wiener D.'utschfreisinnigen zehn Bertteter aus Galizien und der Bukowina. Von diesen zehn bilden vier die jüdisch-nationale Gruppe, drei gehören zum Polenklub, zwei sind als Sozialdemokraten und einer als „gemäßigter Jsraeltt" gewählt. Es ist zweifellos, daß in Galizien noch mehrere andere jüdische Kandidaten gewählt worden wären, wenn die polnische Beamtenschaft nicht den unglaublichsten Terrorismus zu Gunsten ihrer Parteileute geübt hätten. Man pflegt ja an die Rechtmäßigkeit aalizischer Wahlen von jeher keine hohen Anforderungen zu stellen, aber was diesmal in dieser Beziehung dort geleistet wurde, übersteigt doch alle Begriffe. Die Polizei hat die gegnerischen Kandidaten an manchen Orten auf Schritt und Tritt bewacht, man hat unbequeme Wähler in großer Zahl während des Wahltermins in Hast gehalten, abgegebene Stimmzettel wurden beseitigt und durch „richtige" ersetzt,' kurz es war kein Mittel schlecht genug, daß es nicht von der um ihren Besitzstand besorgten polnischen Partei angewendet worden wäre. Dr. Joseph Bloch von Wien, der diese Dinge am eigenen Leibe erfahren hat, zeiht eine Anzahl Beamten aus seinem Wahlkreis wiederholt öffentlich des Mißbrauchs der Amtsgewalt, ohne daß gegen ihn vorgegangen wird. Im Westen hat sich inzwischen die politische Konstellation, der sich die Inden im Reichsrat gegenübersehen werden, in unerwarteter Weise geklärt Die deutschen Parteigruppen und -Grüppchen, deren Besitzstand stark zusammengeschmolzen ist, wurden von dem Führer der Deutschfortschrittlichen nach Prag zu einer Konferenz eingeladen, auf der über eine Einignng beraten werden sollte. Zu dieser Konferenz wurden aber die drei Wiener deutschfreisinnigen Abgeordneten, Baron Hock und die Juden Kuranda und Ofner, nicht eingeladen. Dr. Groß hat nachher erklärt, warum er diese Männer nicht eingeladen habe. Baron Hock neige zu sehr zu den Sozialdemokraten hin; die beiden anderen Herren hätten, weil sie Juden sind, nicht in Betracht kommen können, da sonst die alldeutschen und freialldeutschen Antisemiten um Schönerer und Wolf nicht mitgemacht hätten. Also um die Bundesgenossenschaft dieser Sippe zu gewinnen, ha: Dr. Groß seine liberalen Grundsätze preisgeben zu sollen geglaubt. Dr. Groß äußerte Mar nachträglich, er habe nur in seinem eigenen Namen, nicht im Auftrag der deutschfortschrittlichen Partei gehandelt. Wie dem aber auch sei, die Tatsache, daß der Führer dieser Partei mit den Antisemiten so offen fraternisiert, beweist, daß der Liberalismus in Oesterreich wirklich total bankerott ist. Die ersehnte Einigung hat ja nun die Politik des Dr. Groß doch nicht herbeigeführt. Aber sie hat den österreichischen Juden gezeigt, was sie von den Liberalen zu erwarten haben. Ungarn. Zakresoeriammlung der orthodoxen banöesoerfretung in Ungarn (Bon unseren Korrespondenten.) Budapest, 9. Juni. Die dritte Jahresversammlung der orthodoxen Landes-Bertretung hat, wie bereits berichtet, dieser Tage stattgefunden. Bon den 100 Mitgliedern waren etwa 70 erschienen. Landespräsident Adolf Frankl begrüßte die Versammlung in längerer Rede, in der er des 40 jährigen Jubiläums der Königskrönung gedachte und den güttgen Monarchen als hochsinnigen Beschützer der Religions- und Gewissensfreiheit pries. „Wir gesetzestreuen Juden" — sagte der Redner — „haben eine besonders große Schuld der Dankbarkeit an Seine Majestät zu entrichten. Der Huld und Gnade unseres gütigen Landesvaters verdanken wir den Bestand unserer konfessionellen Autonomie. Möge der König der Könige das Greisenalter des edlen Monarchen mit Glück und Frieden segnen!" Diese Ansprache wurde stehend angehört und mit „Eljen"- Rufen der Versammlung begleitet. Durch Vermittlung des Kultusministeriums hat das Präsidium eine auf Pergament kunstvoll ausgeführte Adresse an den König gelangen lassen. Es wurde eine politische Kommission gewählt. Die Mitteilungen des Präsidenten in dieser Kommissionsberatung hatten naturgemäß einen streng vertraulichen Charakter und entziehen sich daher der öffentlichen Besprechung. Ich glaube mich aber keiner Indiskretion schuldig zu machen, wenn ich berichte, daß die Kommissionsmitglieder trotz der traurigen Erfahrungen mehrerer Jahrzehnte höchst erstaunt darüber waren, daß die jüdische Orthodoxie immerfort, täglich und stündlich, von den neologen Gewalthabern bedroht ist. Auch im jüngsten Verwaltungsjahre mußte die Kanzleileitung ihre besten Kräfte hauptsächlich in der Abwehr von Angriffen unserer sich liberal nennenden Stammesbrüder verzehren. Das Protokoll der Kommission wurde von Plenum zur Kenntnis genommen und der Zentralleitung für ihr zielbewußtes Streben und speziell dem Präsidenten Frankl für seine aufopferungsvolle Tätigkeit das Vertrauen der Versammlung votiert. Die Finanzkommission unterbreitete das Protokoll über die Schlußrechnungen des vergangenen Jahres und die ordnungsmäßige Administration. Der Bericht wurde zur Kenntnis genommen. Für das laufende Jahr wurden Kr. 45.673 präliminiert. Im Verlaufe der Beratungen, die mit Liebe und Eifer für die heiligen Interessen des gesetzestreuen Judentums gepflogen wurden, hat die Landesversammlung folgende Beschlüsse gefaßt : Der restliche Teil der Organisationsergänznng wird ehestens ausgearbeitet und einer speziell zu diesem Behufe einzuberufenden Repräsentantenversammlung im Laufe dieses Jahres vorgelegt. Das Präsidium wird in der Angelegenheit der Befreiung der jüdischen Kinder vom Besuche der nichtjüdischen Schulen am Schabbos und Jomtof alsbald die nötigen Schritte tun. Zur Erwirkung von Erleichterungen der Bestimmungen über die Sonntagsruhe und für die Sabbatruhe der jüdischen Traffikanten wird unverzüglich eine außeramtliche intensive Aktion eingeleitet, über welche wir demnächst referieren wollen. Betreffs des Pensionsfonds für orthodoxe Gemeindebeamten hat das Kultusministerium die Statuten der Kanzleileitung zur Begutachtung übermittelt und so ist begründete Hoffnung vorhanden, daß diese Institution in das Stadium der Verivirklichung übergehen werde. Zur Unterstützung der Jeschibot werden Distriktskuratoren eingesetzt und regelmäßige Spendensammlungen veranstaltet. — Am nächsten Tag beriet die Rabbinerkonferenz. Es wurde beschlossen den rabbinischen Mitgliedern der Landesrepräsentanz, resp. der im Herbst stattfindenden Landesversammlung die Beschlußfassung über folgende Vorschläge zu empfehlen: Jeder Rabbinatskandidat muß die Befähigungsprüfung vor drei Rabbinern mit Erfolg bestehen. Die bloße Zustimmung zu den bereits erteilten Autorisationen ist ungültig. Der Kandidat muß bereits 2 Jahre verheiratet sein und sich über eine streng gesetzestreue Lebensführung aüsweisen können. Der Kandidat erlegt in der Landeskanzlei einen Revers, daß er nur in gesetzestreuen Gemeinden amtieren werde. Diese Bestimmungen werden, insofern sie auf die Schochtim anwendbar sind, auch auf die Kabbolaus ausgedehnt. Schließlich wurde auch beschlossen im Wege einer Anleihe auf unverzinsliche Anteilscheine im Werte von 150.000 Kr. einen entsprechenden Besitz in Jerusalem zu erwerben. Oberrabbiner Koppel Reich, der in der vorigen Jahresversammlung den Standpunkt vertreten hatte, daß die Rabbiner nicht in den Pensionsverein einzubeziehen wären, wurde dieserhalben von einer Seite in ungebührlicher Weise angegriffen. Die Motivierung des Herrn Oberrabbiners ist seinerzeit von allen maßgebenden Faktoren vollständig gebilligt worden. In gesetzestreuen Gemeinden sei der Rabbiner kein Beamter in vulgärem Sinne. Er soll es auch nicht sein. Er ist Diener der Thauro und wirke als solcher m der Gemeinde. Er ist der religiöse Führer, nicht aber subordinierter Kultusbeamter. Nun ergänzte Oberrabbiner Reich diese Ausführungen und meinte, die Ausdehnung des Pensionsvereins auf die Rabbiner könne auch der Anschauung Vorschub leisten, daß der Rabbiner im Alter auf Wunsch seiner Gemeinde seines Amtes enthoben und in den Ruhestand versetzt werden dürfe, was doch gegen die verbrieften Rechte der Rabbiner verstoße. Ueberdies sagen doch die Weisen: jer br D'örn 'TD*?n DiT*?y rwne jnjn prprottr* Darum kann höchstens davon die Rede sein, daß ein Rabbiner im Interesse seiner Hinterbliebenen in den Verein eintrete. Dagegen bestehe aber keine Einwendung. Auch diese Ausführungen fanden den Beifall der Anwesenden. Mit den Dankesworten der Versammelten für die unermüdliche Tätigkeit des verehrten Vorsitzenden und der Abschiedsrede des Präsidenten wurde die dritte Jahresversammlung der orthodoxen Landesrepräsentanz geschlossen. Amerika ümerihanisdies. (Bon unserem Kor respondenten.) Nett!'-York, 30. Mai. Mit deni Beginn des Sommers macht man in Amerika alljährlich die Beobachtung, daß in den großen und vornehmen Hotels Auden die Aufnahme als Gäste verweigert wird. Das jüngste Opfer dieses gesellschaftlichen Antisemitismus war Frau Bertha Raynor-Frank aus Baltimore, eine Dame die allgemein wegen ihrer hohen Bildung und ihres wohltätigen Charakters beliebt ist. Sie selbst wurde anstandslos in das aristokratische Marlborough - Blenheim Hotel in Antlanttc City ausgenommen,' als sie jedoch um Quartier für ihre zwei Nichten ersuchte, wurde ihr bedeutet, daß man Juden nicht wünsche. Frau Frank, die eine Schwester des berühmten Maryländer Senators Raynor ist, verließ sofort das Hotel und ließ sich auch durch ein Abbitte- Schreiben des Hotelier, wonach der Vorfall auf Mißverständnis beruhe, nicht zur Rückkehr bewegen. Vom Standpunkte des othodoxen Judentums sind diese Opfer des Hotel-Antisemitismus . -.... - «■ i ''riilj’il iltlt/il i'it'il