Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6, Nr. 24. im Kampf ums Dasein auf Grund des Selektionsprinzip sich entwickelt haben, kann heutzutage als überwunden gelten. Wohl aber wird die Entwickelungslehre an sich fast allgemein angenommen, die Lehre, daß alle Organismen eine zusammenhängende Kette bilden. Sie wird angenommen auf Grund eines großen Tatsachenmaterials, das die Morphologie, Ontogenie und Paläontologie darbietcn. Dies Tatsachenmaterial beweist aber nur die ideelle Verwandtschaft zwischen allen Organismen, zwingt uns aber nicht, eine wirkliche Abstammung, ein tatsächliches Entstehen des einen aus dem anderen anzunehmen Ist es auch wahrscheinlich, daß dieser ideellen Verwandtschaft irgendwie- und wo eine tatsächliche Abstamnnlng entspricht, so nehmen wir die Abstammug, das Entstehen a u s einander, doch nur innerhalb gewisser Gruppen und innerhalb gewisser Zeitperioden an. Ein Recht dazu giebt uns der Umstand, daß eine sprungweise Entwickelung heute von bedeutenden Forschern vertreten wird, wir uns zur Zeit in einer Periode der Konstanz befinden und endlich gewisse Gruppen (wie der Mensch) in ihrem Wesen sich sosehr von der vorherrschenden Stufe abheben, daß eine tatsächliche Deszendenz nicht anzunehmen ist. Mit diesen Gedankengängen steht der Schöpfungsbericht der Bibel nicht im Wiederspruch. Kein Schriftbeweis läßt sich für die Konstanz der Arten beibringen, viel weniger noch ist diese ein religiöses Postulat. Ja, eine tiefere Betrachtungsweise legt uns den Gedanken nahe, daß wir in dem Schöpfungsbericht selbst die Darstellung von Entwicklungsprozessen zu sehen haben. In der Auffassung des Schöpfungsberichtes folgten wir dem Beispiel unserer gesamten jüdischen Religionsphilosophen. Doch hielten wir daran fest, daß die Bibel uns eine Darstellung des realen Vorgangs giebt. ni. Wir schreiten je^t zu dem wenig erquicklichen und scheinbar unfruchtbaren Teil unserer Aufgabe. Wir wollen die Aufnahme schildern, die die Vorträge Wasmanns und die sich daran anschließende Diskussion in der Presse gefunden haben, und unsere Kritik daran knüpfen. Es ist eine unerquickliche Aufgabe, denn es handelt sich da nicht um eine positive Darstellung, sondern um Polemik und nur um Polemik und sie ist scheinbar unfruchtbar, denn welche Förderung können wir uns davon versprechen, wenn wir "ephemere Erzeugnisse der Tageszeitungen, die zudem noch an aktuellem Interesse eingebüßt haben*», zum Gegenstand enter ernsten und ausführlichen Besprechung machen? *) Tie Wasmannfrage ist freilich noch lange aktuell gewesen, denn, nachdem die „Bossische Leitung" in der Zwischenzeit den P. Wasmann immer von Neuem vernichtet bat, brachte ne fast drei Monate nach den Vorträgen wiederum einen Artikel: „P. Wasmann und — ein Ende." _ __ was wir wünschen' Alles, was die Vernunft für uns run kann, ist „donne Mine au mauvais jeu" zu machen. Jeder Mensch, der sich je verg ngen, findet, wenn er es wagt dem Tode ins Antlitz zu schauen, daß dieser etwas Grausiges an sich hat. Und darum bereut, wie unser russischer Graf, so mancher erst auf dem Totenbett sein Unrecht. Wenn man jedoch gewappnet mit rnin und nnXD zu jeder Zeit bereit ist für die Ewigkeitsreise, wie sollte einer da im vierzigsten Jahre nicht ebenso bereit sem, dem Ruse des Schöpfers zu folgen, wie im achtzigsten?! — „Jubelnd steigt auf die Seele Und atmet froh die angcborne Luft- Die Luft, die uns mit edlem Ehrgeiz nährt Und Aetherflammen in dem Busen weckt, Schnell alles Göttliche in uns entzündet, Daß kein Gedanke mehr hienieden zaudert." (Fortsetzung folgt.) (Der Lohn -es Retters.) In einer soeben erschienenen Schrift über den verstorbenen Oberprokurator des heiligen Synod Pobjedonosszew von A. W. Amphiterarrow lesen wir eine lustige Episode: Als Pobiedonosszew eines Tages in Sewastopo. einen Dampfer bestieg, geschah es, daß er einen Fehltritt tat und an e:ner riefen Stelle in die See stürzte. Glücklicherweise sprang sofort ein Zuschauer, der bekannte Hypnotiseur Ossig Feldmann hinzu und zog den hoben Würdenträger aus dem Wasser, woraus sich zwischen diesem und seinem Retter das folgende Gespräch entspann: „Sie waren es, der mich aus dem Wasser zog?" — „Ja!' — „Ich danke Ihnen?" — „O, bitte, ich tat nur meine Schuldigkeit!" — „Sic heißend" — „Ossig Fcldmann!" — „Ihr Glaubensbekenntnis?^ — „Ich bin Jude." — „Lassen Sie sich taufen!" — Dieser fromme Rat war das einzige Zeichen der Erkenntlichkeit, dessen der Oberprokurator seinen Retter würdigte. Der Israelit. Aber sie ist nur scheinbar unfruchtbar. Ganz unermeßlich ist der Einfluß, den die Presse heutzutage auf das Kulturlebeit übt. Wir reden hier llicht von der politischen Bedeutung dieser Großmacht. Auch für die profane und religiöse Bildung des Volkes ist ihre Haltung von garuicht abzuschätzender Tragweite. Lassalle und Lagarde hatten gut reden von der „Schädlichkeit" der Presse, sic blieben Prediger in der Wüste. Nur ein kleiner Bruchteil der des Lesens kundigen Menschen besitzt den Ernst und die Sammlung sich in ein wissenschaftliches, selbst populär-wissenschaftliches Buch zu vertiefen. Die Zeitung ist der Kamerad, mit dem mau sich in bett kärglich zugemessenen Stunden, die dem heutigeil Hasten und Jageir im Beruf abgermlgen werden, unterhält, von denl man sich die Meinung suggerieren, voll dem vor alleill die Jugend sich die Weltanschallung zimmerll läßt. In politischen Fragen wird der verständige Leser bald skeptisch und merkt nach kurzer Zeit, daß jedes Parteiblatt, und noch mehr das „parteilose", parteiisch ist. Doch die Fragen der Kultur, der Wissenschaft und der Religion, die sind doch wohl zu heilig, als daß ihnen nicht die Würdigung einer objektiven Behandlung zuteil tverden müßte? Giebt es eine größere Verantwortung, als die, die der Leiter einer vielgetesenen Zeitung zu tragen hat? An hunderttausende von Seelen vermittelt er den Stoff der geistigen Kultur der Neuzeit, aus dem sie Belehrung, Erhebung und Bereicherung ihres geistigen Jchs schöpfen. Nun, ein Jeder weiß, daß auch die Fragen der allgemeinen Bildung zumeist vom Parteistandpunkt behalldelt werden. Doch es giebt hervorragende Zeitungen, die ihren Stolz darin sehen, ein umfassendes objektives Bild von den geistigen Strömmungen der Zeit 511 geben und die deshalb von dem Gebildeten bevorzugt tverden. Auch hier kallll sich der genaue Beobachter des Eindrucks llicht erwehren, daß manchmal bei der Aufnahme von Notizen, bei Abfassung von Besprechungen eine Tendenz verwaltet. Doch das läßt sich nicht beweisen, und das subjektive Gefühl reicht nicht dazu aus, um eine Warnung zu begründen. Darinn soll hier an einem Beispiel aktenmäßig gezeigt werden, wie eine der vornehmsten deutschen Zeitungen in ihren Berichten und in ihrer Stellungnahme zu einer Frage, die das heiligste Anliegerl des Menschen berührt, in der Frage, giebt es einen Schöpfer der Welt, wie sie in einer solchen Frage durchaus parteiisch verfuhr und den großen Kreis der gebildeten Leser über die wahre Bedeutung der Vorträge Wasinailns täuschte. Selbstverständlich wollen wir nicht behaupten, daß ein subjektives Verfehlell vorliegt*). Es sind Männer von zweifelloser Ehrenhaftigkeit, die für die Berichte verantwortlich sind. Doch sie sind befangerr und können sich arrs ben Banden des.Vorulteils llicht lösen. Unserer Jugend aber sollte r ie Tatsache, daß a u ch e i n e w i s s e ll sch a f t l i ch e ulld religiöse Zeitfrage in einem unserer vornehmsten Blätter v 0 m P a rteistandpuilkte behandelt lvurde, eine Mahnung zur Vorsicht sein. Es sollte sie daran erinilern, daß, wenn sogar die Vertreter der Wissenschaft oft in ihren Folgerungen einseitig siild, dies von den populären Verbreitern ihrer Ideen in den Zeitungen in noch viel höherem Maße gilt. Diese Mahnung zu begründen, soll der Zweck der folgenden Ausführungen sein. So dürften die folgendeil, wir wiederholen, polemischen Erörterungerl, so unerqllicklich sie sind, doch Früchte tragen. Wir haben hier im Besonderen die Bossische Zeitung im Auge. Sie ist unstreitig das vornehmste Blatt der Jntelligeilz Norddeutschlands. In ihrer Rubrik „Kunst nnö Wissenschaft" berichtet sie in ausgezeichneter und vor allem fach- und sachgemäßer Weise über alle Personalien und ■■) Von einer nciüiiicu Fahrlässigkeit ist der Berichterstatter rcsp. der verantwortliche Leiter nicht freizusprcchen. Wäre einem von ihnen das in Weinel's „Lebensfragen" erschienene Buch von Rudolf Otto „Naturalistische und religiöse Wcltansickt" bekannt geworden» ein Buch, das aus sehr kirchlich-liberalem Standpunkt stedt, und von einem berufsmäßigen Beurteiler dieser Zeit- und Streitfrage gelesen sein muß, dann wäre ihre Stellungnahme unmöglich gewesen. _13. Jum 1R)7. wichtigen Ereignisse in der. Gelehrtenrepublik und über die wesentlichen Fortschritte auf allen Wifsensgebieten. Wir sind ihr für die vielfache Belehrung, die wir von ihr erhalten, zu Dank verpflichtet und wohl des talrnudischen Satzes eingedenk: „In den Brnnnen, aus dem du geschöpft, sollst du keinen Stein werfen." Wir wissen ferner, lvas es zu bedeuten hat, daß ein Blatt von der Vornehmheit und dem Ansehen der „Vossischen" stets für unsere staatsbürgerlichen Rechte eingetreten ist. Und wenn wir auch dankbar des Schutzes gedenken, den ein Windhorft und Lieber der jüdischen und vor allem der gesetzestreuen Minderheit zu Teil werden ließ, so erinnerll wir uns doch auch an kanten und Könitz und bedenken, wie es die katholische Kirche, die Zentrumspartei und die Zentrumsblätter nur eill Wort gekostet hätte, um ben Spuk der Ritualmordbeschuldigung zu verscheuchen und daß dies Wort nicht gesprochen wurde, um des Interesses der Parteitaktik willen. Das alles betonerl wir, damit wir nicht der Voreingenommenheit gegen die Bossische Zeitung geziehen werden. Doch amioua Plato, magis amicaveritas. (Fortsetzung folgt.) DieEage der Jude» in Russisch- Polen. (Schluß.) Die Stellung der Judell zu den öfferltlichen Unterrichtsanstalten ist durch den Regierungserlaß von 1887 geregelt. Danach ist die Aufnahme von Juden in Petersburg ulld Moskau nur bis zu 8 Proz., in den innereil Gouvernements bis zu 5 Proz., im eigentlichen Judenrayon bis zu 10 Pr^oz. gestattet. Die Schul- und Universitätsbehörden halten sich jedoch nicht an diese Bestimmungen und ziehen die Grenze weit unter den erwähnten Prozentsätzen. Am Warschauer- Polytechnikum wurden im Jahre 1900 von 97 jüdischen Reflektanten nur 30 zugelassen. All der Universität Dorpat von 70 nur 18, all der Universität Charkow von 60 nur 12. Dasselbe Verhältnis herrscht in den Gymnasiell und Mittelschulen. 80 Proz der jüdischen Bevölkerung sind auf die bloßen Elementarschulen angewiesen. Obwohl für diese keine offizielle Restriktionsordre besieht, werden die Juden doch auch hier vielfach llicht ausgenommen, und da der Schreibunterricht meist hauptsächlich am Sabbath ftattsindet, so könnten die Juden, wenn sie zugelassen würden, doch gewöhnlich einen Gebrauch davon machen. Die große Masse benutzt für den Jugendunterrichr nur das Cheder (Privatschule), die Gemeindeschule (Talmud Tora) und die Jeschiba. Die Zahl der „Chederschulen" im russischen Reiche beträgt 24540, wovon auf Polen mit seiner jüdischen Bevölkerung von 1300000 5724 entfallen. Es kommt durchschnittlich 1 Cheder auf 199 jüdische Einwohner oder 33 Schulkinder. Das ist ein glänzendes Zeugnis für die Anhänglichkeit der Juden an den Toraunterricht und den Alpbabetismus überhaupt. Denn von beit Privatschlllen unterhalten die Mohammedaner, die 11 Proz. der Reichsbevölkerung ausmachen, nur 29,7 Proz., die Christen, 84 Proz. der Bevölkerung, nur 39 Proz., die Juden hingegen, 4,1 Proz. der Bevölkerung 31,2 Proz., sodaß der Jude aus eigenen Mitteln dreimal soviel Schulen als der Mohammedaner und 15 mal so viel als der Christ unterhält. 55,8 Proz. der jüdischen Kinder besuchen das Cheder und von diesen sind mehr als 50 Proz. die Kinder von Eltern, die weniger als 1 Rubel pro Tag verdienen. Dabei ist das Cheder nicht billig. Die Kosten pro Kind variieren zwischen 18—25 Rubel (39—54 Mk., jährlich. 25000 Chederschulen zu je 14 Schülern mit den Minimalkosten von 18 Rubeln pro Kopf erfordern also 6 300 000 Rubel (13545000 Mark), die die ärmste Bevölkerung ohne jeden Zwang und auf Grund religiösen Gebotes jährlich für Unterricht aufbringt. Während die Engländerin diesen Unterricht nutzlos nennt, um freilich unkonsequenterweise in demselben Atem WMMMWMMDMMjMWiMMWWM