Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-06-13 · Heft 24 (13.6.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 24 (13.6.1907)
Date
1907-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449269--63551-2506102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWW "WIS^U fil'I^JIWMfl >1 •»>.(.' --- 13. Juni 1907. Der JSraelir Nr. 24. Sette 5 zuftellen, daß man ccher den allgemeinen Religionsunterricht nur gehörig geschulten und pädagogisch gebildeten Lehrkräften wird anvertrauen wollen. Woher aber solche gehörig vorgebildete, pädagogisch tüchtige Religionslehrer nehmen, die zugleich auch religiöse Lehrer wären?! Da sind wir wieder bei der früheren Frage. Aber auch abgesehen von allem Obigen, wäre es denn keine unverantwortliche, vor Gott und Menschen unverantwortliche Kraftvergeudung und Unbesonnenheit, auf ein derartig wichtiges Hilfsmittel der religiösen Jugenderziehung und der Verbreitung der Religiosität überhaupt, wie es ein echtjüdischer Lehrerstand unbedingt ist und wie es auch z. B. die deutsche Orthodoxie in ihrem wackeren Lehrerstande tatsächlich besitzt, Verzicht zu leisten, und auf eigene Kosten den Feind, assimilatorisch und neolog gesinnte Lehrer, im eigenen Lager großzuziehen?! Ihr Gegner der Errichtung einer besonderen orthodox-jüdischen Lehrerpräparandie — gehet doch einmal nach Deutschland und sehet einmal, was für eine mächtige Hilfstruppe die deutsche Orthodoxie in ihrem in orthodoxen Präparandien erzogenen, echtjüdisch gesinnten und wirkenden Lehrerstande besitzt, wie dieser dort der zuverlässigste und allfopferungsfreudige Mitarbeiter der Rabbiner ist in Verbreitung von ^"'in — und dann werfet einen prüfenden Blick auf unsere Verhältnisse — und lasset Euch eines Besseren belehren! Sorget für die Errichtung einer orthodoxen Präparandie, dann wird es nicht mehr Vorkommen. können, daß man aus Mangel an echtjüdischen Lehrern auch weiterhin das Allerheiligste, das uns Gott anvertraut hat, die Bürgschaft, die Hoffnung einer besseren Zukunft — unsere Kinder Leuten in die Hand geben muß, die das Gottesgesetz offenkundig übertreten, die den hebr. Unterricht auf ein Minimum zu reduzieren bestrebt sind, die nicht bloß die Jugend mit ihren nnjüdischen Anschauungen zu vergiften suchen, sondern auch im Kreise der Erwachsenen das tätliche Miasma der Irreligiosität verbreiten, die Feinde der jüdischen Gesetzestreue und ihrer Vorkämpfer und Vertreter, der orthodoxen Rabbiner, sind, die deren Ansehen in den Staub zu treten und deren Wirksamkeit zu vernichten sich bestreben. Aber auch von rein religionspolitischem Standpunkte aus betrachtet ist die Errichtung einer orthodox-jüdischen Präparandie eine unumgängliche Notwendigkeit. Wir Orthodoxen müssen einen wahren Guerillakrieg gegen unsere neologen Stiefbrüder führen, die mit dem Schlagworte, daß es nur ein Judentum gibt, uns unterjochen und knebeln wollen. Und da sollten wir nun nicht merken, was für eine gefährliche Waffe in den Händen der Neologen die Tatsache sein kann, daß wir keine besondere Lehrepräparandie haben, daß mit wenigen Ausnahmen auch die Lehrer in den orthodoxen Gemeinden Zöglinge der Präparandie in Budapest sind. Es kann also doch kein solch klaffender Gegensatz zwischen uns und den Orthodoxen sein — so werden die Neologen argumentieren — wenn die Orthodoxen zufrieden sind, daß wir, Banoezi & Comp., ihre künftigen Lehrer erziehen! Darum rufe ich laut, so laut als ich es nur vermag: Es ist höchste Leit, sich zur Tat emporzuraffen, die Morgenröte einer besseren Zukunft herbeizuführen. (Fortsetzung folgt.) Die llorttäge des Paters Erleb ttlasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). Noch ein Moment spricht dafür, daß wir in der Schöpfungsgeschichte die Darstellung eitler etappenmäßigell Entwicklung, wenn wir so sagen dürfen, besitzen. Es ist die Entwicklungs-Geschichte der Menschheit, wie sie uns in der Bibel berichtet wird. Sie beweist natürlich nichts für den, der die Wahrhaftigkeit der biblischen Urkunde nicht anerkennt. Für uns aber kann sie als Stütze dienen. Unsere Vermutung, daß wir in der Schöpfungsgeschichte eine Aufeinanderfolge von Stuferl haben, die verschiedene selbständige Entwickelungsreihen darstellen, erhält auf Grund eines Analogieschlusses einen höheren Grad von Wahrscheinlichkeit, wenn tvir sehen, daß auch in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit eine Reihe von Entwickeluugsstufen aufeinanderfolgen. Gott hat dem Menschen ein Ziel gesteckt, dem er in Freiheit und Selbstverantwortung zuftreben sollte. Nahmen diese nicht den von Gott ertvünschten Verlauf, dann griff Gott ein, und es begann eine andere Entwickelungsstufe. Den gleichen Verlauf können tvir für die Welt und ihre Organismen rekonstruieren. Gott hat der Materie der Reihe nach Aufgaben gestellt, deren Erfüllung sie in den verschiedenen Schöpfungsperioden, wie tvir das oben ausgeführt — zustrebte. Daß die Geschichte der Menschheit, wie sie die Bibel uns berichtet, aber nicht eine. geradlinige Entwicklung genommen hat, ist bekannt. Die erste Periode beginnt der Mensch im Garten Eden. Wie die Entwicklung hier sich vollzogen hätte, wenn das erste Menschenpaar das ihnen gegebene Verbot nicht übertreten hätte, wer will es sagen? Es ist müßig, darüber nachzudenken. Sicher aber ist, daß mit dem Sündenfall eine neue Entwickelung beginnt, die durchaus nicht eine Vollendung, eine Vervollkommnung der vorhergehenden Stufe bedeutet, die vielmehr, wiewohl sie das vorhandene Material als Mittel benutzt, eine ganz neue Entroicklungsreihe einleitet. Das Gleiche gilt von der Sündstut. Mit Noah setzt wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte der Menschheit ein. Das Wesen der Natur des Menschen und die Bedingungen seiner Existenz erfahren keine solche Wandlung von Grund aus, wie das beim ersten Menschenpaar geschah. Doch alles Leben wird vernichtet und eine neue Reihe beginnt mit einer einzigen Familie. Die dritte Entwicklungsperiode endlich beginnt mit der Erwählung Abrahams, seiner Familie und dem Volke, das von ihm abstammte. Noch weniger als bei Noah handelt es sich hier unr ein völlig Neues. Das Men'chengeschlecht beharrt, und es ist nur ein Glied in der großen Menschenfamilie, das als Keim für eine neue Entwicklungsreihe erwählt wird. Aber die Entwicklung, der Fortschritt, ist jetzt mit der Geschichte einer kleinen Menschengruppe verknüpft, es ist nicht die Gesamtmenschheit, der zunächst die Aufgabe gestellt wird. Das Ziel war, wie die Enttvicklnngsreihen von Adam und Noah gezeigt hatten, in oer Gesamtmenschheit nicht zu erreichen. Darum sollte im kleinsten Punkt die höchste Krast gesammelt werden, und ein kleinem Volk in Selbsterziehung sich zuin Lehrer der Menschheit läutern. In dieser Entrvickelungsperiode stehen wir noch. Doch wir erhoffen eine vierte. Und das ist der tiefe Sinn unseres Messiasglaubens, des Glaubens an den persönlichen Messias. Wohl nehmen auch wir eine natürliche Entwickelung an, der wir im heiligen Lande gedient und der wir nun, da wir unsere Atlsgabe dort nicht gelöst, in der „Zerstreuung" dienen müssen. Doch wenn das Ziel, „daß die Erde erfüllt lverde von der Erkenntnis Gottes", wenn dies Ziel nicht durch das Streben der Menschheit selbst erreicht wird, dann wird diese Entwickelung beschleunigt werden durch Gottes wunderbares Eingreifen. Fassen wir jetzt das, was unsere Ausführungen im Anschluß an Wasmann und z. T. im Gegensatz zu ihm ergeben haben, zusammen: Der Darwinismus als Weltanschauung, in der Form des Häckel'schen Monismus ist eine Glaubenslehre, die keine Grundlage in irgendwelchen Erfahrungstatsachen hat. Ihr philosophischer Wert ist gleich Null, — da sie sich auf dem Materialismus aufbaut, also auf einem System, das dem philosophisch geschulten Denker nach Aussage aller berusenen Beurteiler völlig widersinnig erscheinen muß. Der Darwinismus, im engeren Sinne, die wissenschaftliche Theorie, daß alle Organismen ist nur eine Sternschnuppe, die gefallen. Woher kommt sie, wohm geht sie'? Warum leuchtet es, wenn es doch gleich in Finsternis versinkt? Jst's nicht auch so im Leben des Menschen und im Leben ganzer Völker? — kurze Freude und rasche Vergänglichkeit. Und diese Männer und Frauen hier aus dem Schiffe? In wenigen Stunden schon hat das Schiff die meisten an ihr Reiseziel gebracht. Dann machen sie sich wieder den Raum streitig, aus dem sie stehen, dann verbittern sie einander wieder das Leben durch Haß und Unduldsamkeit. Wie sie nach dem Glückstempel rennen und jagen! Und wenn sie glauben, Fortuna ganz nahe zu sein, kommt plötlich der stille Freund — setzt seinen Hobel an und hobelt alles gleich. — Allmächtiger, lehre uns unsere Tage zu zählen "7)Pi p iTEEb- Laß uns nicht von hinnen gehen, ohne den Zweck unseres Daseins erreicht zu haben, laß uns unsere Erdenzeit verbringen im glücklichen Bewußtsein treu erfüllter Pflicht! -bin nna jabi n«a pno yn pavm p“i |rpb Tny nnn ••d ’e ^obi Obgleich unser Schiff noch weit vom Hasen Alexandr ens entfernt war, konnte man doch schon bald das ganze Häuscrmeer dieser Stadt sehen. Und ganz vorn am Meer bemerkte man deutlich das vizekönigliche Schloß, das alle anderen Gebäude überragt. Dorr an ich in Amtsangelegenheiten zu tun. Beim Betreten Alexandriens war ich mir wohl bewußt, daß ich hier in iner Stadt bin, die in vielfacher Beziehung schon Orient .enannt werden kann. Die Gefühle, die den Menschen n solcher Stunde überkommen, sind ganz eigener Narur und werde ich in einem nächsten Gespräch noch darauf zurückkommen. Hat man Geschäfte welcher Art auch immer zu erledigen, so kann man nicht zu gleicher Zeit sich in Gefühlsduseleien verlieren, weshalb ich mir vornahm, zuerst meine Angelegenheit zu erledigen und erst dann die Stadt zu besichtigen. Die Persönlichkeit, mit der ich zu verhandeln hatte, war eine der angesehensten der Stadr. Als unsere Unterredung zu Ende war, entschuldigte sich der Herr, mich nicht seiner sonstigen Gewohnheit gemäß zu sich laden zu können: es habe ihn nämlich vor 14 Tagen einer seiner besten Freunde besucht, der nun gefährlich erkrankt sei. Er habe ihn der besseren Pflege halber zu sich genommen, die Krankheit sei jedoch schlimmer geworden und nun liege der Freund aus den Tod erkrankt, die Aerzte hätten gar schon jede Hoffnung aufgegeben. Merklvürdig sei, so erzäh te mir tveiter der Würdenträger, daß der Kranke schon den ganzen Tag nach Juden begehre und lvas für Einwände man ihm auch mache, so wiederhole er doch stets, man solle ihm doch nur den einen Gefallen tun, Juden zu ihnr zu führen. Dies sei jedoch sicherlich nur eine Wahnidee des im Delirium Daliegenden, an die der Fiebernde morgen schon nicht mehr denken werde. Ich hörte erstaunt zu und gab mich zu noch größerem Erstaunen des hohen Herrn als Juden zu erkennen. Nun ging es eilends zu unserem Leidenden. Ich bar mir aus, das Krankenzimmer allein betreten zu dürfen. Da lag ein schöner Mann, der aller Schätzung nach in den besten Jahren sein mußte. An dem schweren Röcheln erkannte man bald, das man cs mit einem Schtverkranken zu tun habe. Eine Viertelstunde dauerte es, bis er die Augen aufschlug. Ich stellte mich an sein Belt und sagte ’HlfP. Welche Zauberwirkung doch diese zrvei Worte ausübten! Der Kranke strahlte vor Freude, richtete sich mit aller Kraft auf undjbat mich, ihm die 'Hl und bjo^n yEttf vorzusagen. Er erzählte mir, lv.e er, uni in Rußland vorwärts zu kommen, sich habe taufen lassen, »nie er gar in den Adelstand erhoben worden, von Würde zu Würde stieg; wie jedoch die Gcrviffensbisse ihm keine Ruhe ließen, wie er schon oft daran gedacht, zum Judentum zurückzukehren ihn äußere Umstände jedoch daran hinderten,' wie diesmal jedoch der Sensenmann ernstlich drohe, und so wolle denn auch er Ernst machen. Ich machte die ganze Nacht bei dem Kranken und gegen Morgen hauchte er mit den N1EV aus den Lippen in meinen Armen seinen Geist aus. O, du reicher, armer Graf, wie sehr bedaure ich dich! Ist nicht der Aermste in Israel noch viel reicher als du! Du rolltest mit Mühe das Faß den ganzen Berg hinauf und als du ganz oben warst, erkanntest du, daß deine Arbeit vergebens gewesen. Ein ganzes Leben lang jagtest du nach den Gütern dieser Welt und als du in deren Besitz warst, erkanntest du, daß du ärmer seist als der ärmste Bettler. „Tu' nicht, als wenn du Tausende von Jahren zu leben hättest. Der Tod schwebt über deinem Haupte. So lange du noch lebst, so lange du noch kannst, sei ein rechter Mensch." Warum vergißt man denn so leicht die Lehre unserer Weisen Q^sb -piia v»rp ny bau " /,Zu jeder Zeit sollen deine Kleider weiß sein"'?! Nehmen wir an, nur wüßten mit Bestimmtheit, unsere Lebenszeit dauere nur noch einige Tage. Würden nur da nicht die kurzbemessene Spanne Zeit so gut ivie möglich ausnutzen, um unsere Angelegenbeilen zu ordnen? Es würde da lvohl nur ivenigc Menschen geben, ivelche diese letzten Tage nicht besser anivendeten als alle, die ihnen vorausgegangen sind. Welche Scham würden wir doch empfinden müssen ivegen der Vergangenheit, und ivelche Verzweiflung würde uns ergreifen bei dem Gedanken, daß uns nur noch so kurze Zeit bleibt, begangenes Unrecht rvieder gutzu machen! Sokrates, -L-eneca, Marc Aurel u. a. haben die löbliche Absicht gehabt, uns dahin zu erziehen, daß wir den Tod mit Festigkeit ertragen. Evikur, Luerctius, 'Nietzsche u. a. wollten uns hingegen gar dahin bringen, den Tod zu verachten: doch das ist Selbsttäuschung. Die Vernunft ist in diesem Falle zu schwach, uns von dem zu überzeugen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.