Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ein offenes UJorf über die Notwendigkeit der Errichtung einer besonderen orthodox - jüdischen lehrerpräparandie in Ungarn. Bon Rabbiner PH. Fischer in D6vav»nja. Da ich in einem entlegenen Provinzstädtchen wohne und auch nicht Mitglied der orthodoxen Landesrepräsentanz bin, so kann ich nicht wissen, ob die in den letzten Tagenabgehaltene III. Jahresversammlung der orthodoxen Landesrepräsentanz in Budapest öffentlich war. Wenn ja, so darf es Herr Bnnoczi, der Direktor der Budapester neologen Lehrerpräparandie « der einzigen jüdischen in Ungarn), der unter nachträglicher Genehmigung des Kuratoriums der Anstalt seine Tochter einem getauften Juden verheiratete, gleichwohl jedoch auch fürderhin zur größeren Ehre der ungarischen Orthodoxie die Lehrer für sämtliche, also auch für die orthodoxen Gemeinden des Landes heranbilden wird, — ich sage, Herr Bänoczi darf es bedauern, falls er von der Möglichkeit, den Verhandlungen der Landesrepräsentanz als Zuhörer beizuwohnen, keinen Gebrauch gemacht haben sollte. Er hätte dann nämlsch etwas Köstliches versäumt. Denn er hätte die Genugtuung haben können, zu erfahren, wie nicht blos das aus lauter Abtrünnigen bestehende Kuratorium der ihm unterstehenden Anstalt, sondern selbst zwei mit Recht als große Talmudgelehrte gefeierte, der chassidischen Strömung huldigende Rabbiner, in ihm den einzig würdigen Erzieher alle ^jüdischen Lehrer in Ungarn sehen! Ja, die Extreme berühren sich! Doch Spaß bei Seite. Es handelt sich um bitter ernste Dinge. Es handelt sich um die am tiefsten klaffende Wunde cm dem Gottlob noch immer lebenskräftigen Körper der ungarischen Orthodoxie. Es handelt sich toieder einmal — aber dessen versichern wir die gegnerisch gesinnten Kreise: keinewegs zum allerletzten Male — um Sein oder Nichtsein einer separaten orthodox-jüdischen Lehrerpräparandie. Ein Mitglied der Repräsentanz hat in der ersten Sitzung derselben eine begeisterte Rede für die Errichtung erwähnter Anstalt gehalten. Diese ist ja ein alter Wunsch aller besonnenen und die Zeichen der Zeit verstehenden Männer in der ungarischen Orthodoxie. Der Repräsentant wurde aber entgegen aller parlamentarischen Gepflogenheit bei seinen Ausführungen immerfort unterbrochen. Zwei chassidisch gesinnte Rabbiner bedeuteten ihm kitrzerhand, daß der Gegenstand bereits bei der vorjährigen Beratung als tidk abgewiesen wurde ... Wir aber, die wir nicht das Glück genießen, Mitglied der Landesvertretuttg zu sein und darum auch nicht befürchten müssen, daß man uns in die Rede fallet! und tinverrichteter Sache abweisen wird, wir nehmet! uns die Freiheit, den angeregten Gegenstand vor aller Oeffentlichkeit an dieser Stelle zu besprechen. Zunächst wollen wir die Notwendigkeit der Errichtung einer besonderen orthodoxisch-jüdischen Lehrerpräparandie dartun. Dann wollen tvir die gegen die Errichtung einer solchen Anstalt vorgebrachten oder vorzubringenden Bedenken einer objektiven Prüfung unterziehen und deren Unhaltbarkeit an den Tag legen. Zuletzt wollen wir die Mittel und Wege in Erwägung ziehen, die zur Errichtung einer solchen Anstalt zu benutzen wären. I. Ist es notwendig eine besondere orthodoxischjüdische Lehrerpräparandie für die ca. WO orthodoxen Rabbinatsgemeinden des Landes zu errichten? Ja, eine solche Frage kann bloß in Ungarn, in diesem klassischen Lande der Widersprüche auf jüdisch-religiösem Gebiete, auftauchen. In Deutschland z. B. frug man nicht, sondern man handelte. Hier in Ungarn hat die Frage bereits eine große Vergangenheit hinter sich, sie hat bereits einen Dreißigjährigen Krieg durchlebt und ist noch immer nur eine Frage. Nun giebt es aber auf diese Frage, die bereits in das bedenkliche Stadiuni getreten ist, daß sie der „ewige Jude" der ung. orth.-jüdischen Religionspolitik zu werden droht, nur eine Antwort. Wollen wir, daß die künftige Generation uns erhalten bleibe, dann müssen wir eine besondere orth-jüdische Lehrerpräparandie errichten. Hie und da, auf kürzere oder längere Zeit, unter diesen oder anderen Verhältnissen wird man wohl auch ohne besondere Präparandie auskommen, richtiger forttvursteln können, auf die Dauer aber und im allgemeinen mit Nichten! Denn wer die Schule hat, dem gehört die Zukunft. Heute aber sind fast sämtliche jüdische Schulen des Landes, arlch die in orth. Gemeinden, neolog gesinnten Lehrern ausgeliefert. Bisher giebt es in Ungarn bloß eine jüdische Lehrerpräparandie, die in Budapest. Dieselbe steht aber sowohl in Theorie wie in Praxis auf dem Boden der allsgesprochenen m'Sr. Ihre Lehrkräfte sind echte ö'2'v in der Theorie und echte irp*?N min '"PSD in der Praxis. Diese Tatsachen sind kein Geheimnis, das bloß Gott angehörte, sondern eine offenkundige Thatsache, von der alle Welt weiß. Und wie die würdigen Meister, so die gelehrigen ergebenen Schüler. Wir können ohne irgend ein Dementi befürchten zu müssen, ohne befürchten zu müssen, daß man uns Lügen straf n kann, die Behauptung wagen, daß der weitaus größere Teil der Zöglinge, ja mit wenigen Aus ahmen alle die unjüdischste Lebensweise führen. Diese Anstalt ist eine Pflanzstätte assimilatorisch-neologer Lebensanschauung. Und den Zöglingen einer solchen Anstalt müssen auch die orth. Gemeindet! ihr teuerstes Gut — die unschuldigen Kinder anvertrauen! Wir genießen so den herrlichen Anblick, tvie selbst in orthodoxen Gemeinden, deren Mitglieder sänitlich ein streng gesetzestreues Leben führen, die Schullehrer das Privilegium besitzen, sich in religiöser Beziehung ganz tax aufführell 511 dürfen und aus ihren unjüdischen Anschauungen kein Hehl machen zu müssen. Man kann sich denken, welch gedeihlichen Eindruck diese Lebensführung des Lehrers aus den seiner Obhut anvertrauten Zögling machen wird. Man kann sich auch denken, mit welchen! Eifer diese Herren ihre Zöglinge für die alten Ideale des Judentums gewinnen wollen, welche Gesetzestreue sie ihren Zöglingen einzuflößen bestrebt sind. Namentlich aber hat die Wirksamkeit der Rabbiner unter dieser Gegenströmung zu leiden. Auf all das wird man uns vielleicht zur Antwort geben, daß man sich bei der Wahl eines Lehrers besser vorsehen solle. Hierauf aber giebt es eine ganz kurze und bündige Entgegnung. Woher soll man denn eigentlich bei einer Lehrerwahl den echtfrommen Lehrer nehmen?! Ja, woher? Es trifft sich wohl, daß man unter der großen Zahl der Kan didaten auch einzelne religiöse findet. Die sind aber eben nur lobenswerte Ausnahmen. Was sollen aber dann diejenigen orth. Gemeinden machen, denen keine solche Ausnahme zur Verfügung steht? Ich höre daraus schon den Einwand, es schade nichts, tvenn die Gemeinde einen neolog gesinnten jüdischen Elementarlehrer hat, wofern sie nur zugleich auch einen Religionslehrer, einen lühü für die hebr. Unterrichtsgegenstände anstellt. Nun — es gibt eine große Zahl von Ge meinden, die kaum eine Lehrkraft besolden können, wie kann man von diesen verlangen, daß sie auch noch eine zweite bezahlen sollen? Auch ist zu beachten, daß man sich zwar vielfach dazu verstehen würde, einen sogenannten nv^D für den nicht obligatorischen und nur von wenigen Knaben besuchten drnv^-Unterricht an steller. Du stehst jedoch damit nicht allein. Und doch bedauere ich's schmerzlich, daß Du zu dem Herz- und geistlosen Troß zählst, der wirklich glaubt, Wohltun könne wortlos mit kaltem Geld, mit bloßer Speise und Trank und der Verabreichung eines abgetragenen Kleidungsstückes geübt worden. Lieber Junge! Solches Wohltun verdient diesen Namen nicht, es tut mehr weh als wohl. Unsere Wohltätigkeit wird erst eine Wohltat, wenn sie mit der kalten Gabe das warme, teilnehmende, aus mitfühlendem Herzen quillende Wort verbindet. In diesem Sinne sagen die Weisen, daß jede Zedoko nur heimgezahlt wird nach dem Ehest d, nach der Liebe und Teilnahme, die sie begleitet, und daß die bloße Gabe dem Spender zwar einen sechsfachen, das sie begleitende, teilnehmende Trosteswort aber einen elffachen himmlischen Segen sichert. Die größte Zedoko, die Frau Webec an dem Fremden geübt, waren nicht ihre materiellen Gaben, sondern die Art, w i e sie gab, die Unterhaltung, die dann auch auf die Eltern führte. Um wie vieles würde es besser aussehen in der Welt, wenn diejenigen, die große und kleine Summen für die enterbten Unbegüterten bereit haben, auch ein herziges, tröstendes Wort für sie übrig hätten! Mt Geld, mit Brot und Kleid hat man nur den Körper versorgt, aber Geist und Gemüt geht meistens leer dabei aus. Und glücklich, wenn sie nur leer ausgehen und dabei nicht verletzt und geknickt werden, wenn-" „Genug, lieber Onkel," ries der bekehrte Neffe, „mehr als genug! Es ist eine große Wahrheit und ich fange an sie in ihrer Tiefe zu begreifen: „Zedoko T a z z i l M i m 0 w e s." Beobachtungen u. Betrachtungen nur einer Weltreise. Bon Dr. M. A. (Fortsetzung.) Schiftstimmungen. Es blieb mir keine Zeit, Triest zu besichtigen. Um aber wenigstens einen kleinen Ueberblick zu erhalten, stieg ich schnell die steilen Straßen hinauf. Von der Höhe aus sieht man, wie in herrlich geschwungenen Linien sich die mit Weingärten, Orangen und zahllosen Villen gezierten Berge ausdehnen, die nach Süd und und Ost die Stadt umschließentief unten liegt das Straßennetz mit seinem Menschengetümmel, der Hafen mit seinen zahllosen Dampfern und das blaue Meer. Wir schweigen von dem ersten Anblick der Adria, von dem alle, die ihn genossen, entzückt sind. Wir übergehen auch die herrliche Fahrt nach Alexandrien, auf der es so viel reizende Bilder von einzigartiger Schönheit zu sehen gab. Nicht aber wollen wir unterlassen zu schildern, was unser Schiff selbst für einen hochmalerischen Anblick darbot, nachdem wir Corfu pasiiert hatten. Corsu ist die einzige Stadt, bei der wir aus dem Wege nach Alexandrien anlegten. In Corfu vermehrte sich unsere Passagierzahl ganz bedeutend. Da lagen nun auf dem Mitteldeck Griechen in ihrer faltigen Fustanella, Spanier, Türken mit Turbanen auf den Häuptern, einige Araber und auch eine große Anzahl Glaubensgenoffen waren anwesend. Auf verhältnismäßig kleinem Raum waren nun so viele in ihren Sitten und Anschauungen grundverschiedene Menschen zusammengedrängt. Wie groß dünkt sich doch mancher von ihnen in seiner Stadt! Hier ist nicht Platz dazu, sich breit zu machen. Hier fühlt sich jeder nur als Nummer, al > ein Glied des großen Ganzen und ist in seinen! eigenen Interesse genötigt, Frieden zu halten. Wie schön wäre es doch, wenn nicht nur jetzt durch die Not gedrungen, sondern für immer Frieden unter diesen Menschen wäre, wenn jede Feindschaft aufhören würde zwischen Jude und Ch ist und Türken und Giiechen. Mit foD rfclJD DJ^ H nY»rft 'K ‘l 1112 "]3 □''DJtn ist ja nicht eine Verwerfung der übrigen Menschheit, vielmehr liegt die Erklärung in denr „ihr sollt mir ein Priesterreich sein" Hd!?DD H Vnn am Wir erweisen uns nur dann als aueerwähltes Volk, wenn wir imstande sind, für eine höhere Idee auf weltliches Glück zu verzichten, für eine höhere Idee zu leben und zu sterben. Die Erwählung Israels ist nur der Anfang jener Zukunft, wo viele Völker sich Gott anschließen und Jhin zum Volke werden #mn DV2 nm U*\i 11^21 □56 H y>ni „Sind wir nicht alle Kinder eines Gottes," trägt Er nicht mit gleicher Liebe das ganze Weltenall an Seinem Baterherzen! Das Ziel der weltgeschichtlichen Er ziehung der Menschheit wird wahrlich nicht sein, daß alle Menschen Juden oder Christen ober Muselmänner werden, vielmehr wird das Ziel sein, daß alle Menschen in Wahr heit brave Menschen werden, die Gott allein als den Herrn verehren und nach seinen Gesetzen handeln. Während ich diese Zeilen schreibe, bricht die Nacht herein. Im Mondschein glitzert vor uns bas weite, weite Meer und dort oben sehen wir das sternenfunkelnde Himmelsgewölbe. Da funkelt es, da glitzert es, da leuchtet es bald freudig ins Herz und froh ins Gemüt, bald auch beschleicht uns stille Wehmut. Ja, dort oben Über den Sternen ist wohl die Wahrheit und der ewige Friede, das stille Glück, nachdem wir auf Erden vergeblich uns sehnen. Was ist's? Zuckt da nicht ein Feuerschein am Himmel, stackert da nicht ein Leuchten auf und verschwindet? Es