Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der Liberalismus eines fortgeschrittenen Judentums! Toleranter und liberaler ist demnach der Oberrat seit der Synodaltagung nicht geworden. Er bemeistert sich nur ein wenig, mit Rücksicht auf die Stimmung der Bevölkerung, der das Treiben des Oberrats längst zuwider ist, und läßt darum sein Opfer fahren. Erdenkt an die kommenden Wahlen, für die er sich ohnedies kein günstiges Prognostikon ftcöcn kann. Die Wähler aber werden die Dinge richtig einzuschätzen wissen und dem Oberrat demnächst die gebührende Antwort geben. ochenru«-scha«. U. 0. B. B. Wie die an anderer Stelle abgedruckte Aeußerung aus Berlin sowie zahlreiche weitere an uns gelangte Zuschriften beweisen, hat die Stellungnahme der Repräsentenz der Adaß-Jsroel-Gemeinoe zum L o g e n j u b i l ä u m bei Freunden und Gegnern einige Erregung verursacht. Das scheint uns bedauerlich, weil der Klarheit der Prinzipien niemals damit gedient ist, wenn sie — wie in diesem Fall — mit Form- und Taktfragen, ja sogar mit rein persönlichen Dingen verquickt, in die Erscheinung treten, und der Fernerstehende infolgedessen in der Regel kaum imstande ist, sich ein zutreffendes Bild von dem eigentlichen Kerne der Meinungsverschiedenheit zu machen. Grade jene formellen und persönlichen Beziehungen des Problems aber verleihen der Polemik eine Schärfe, die in der Sache selbst gar nicht begründet ist. Alle Welt weiß, daß diejenigen gesetzestreuen Kreise, die in den Logen wirken, dies nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen und auch nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern im wesentlichen in der Absicht tun, die Logenarbeit nach der religiösen Seite hin zu beeinflussen und die reichen Mittel der Loge, teilweise wenigstens, in den Dienst unserer spezifisch religiösen Ideale zu stellen. Man wird aber auch für die Gegner dieses Standpunktes - zu denen wir uns zählen, und deren energischster Vertreter SamsonRaphael H'.irsch V'xr war — die Anerkennung in Anspruch nehmen dürfen, daß nicht blinder Fanatismus Kleines Feuilleton. Zcdoko llarril Mimomr. Bon Jndaeus. (Schluß.) Frau Jekel war im Garten beschäftigt als der Strolch aus sie loSkam und sie unwirsch ftagte ob er etwas zu essen haben könne. Eine solche Bitte wurde nur seltm in dieser Abgeschiedenheit an die gute Seele gerichtet, sie war daher glücklich Helsen und wohltun zu können. Heute war sie es doppelt und dreifach, an dem heutigen Tag, der ihr solchen Reichtum gebracht hatte, hätte sie lieber als sonst irgend eine Guttat geübt, aber in ihrer Einsamkeit war daS nicht möglich. Der arme Handwerksbursche kam ihr daher wie ein von Gott gesandter Bote vor, an den sie einen kleinen Teil der Dankesschuld abtragen wollte, die sie dem Himmel schuldete. „Gewiß junger Mann, könnt Ihr etwas zu essen und zu trinken und auch sonst noch etwas haben, wenn ihr'S nötig habt. Tretet nur ein in unser Häuschen. Ihr habt den Berg da heraus gewiß Durst bekommen, trinkt einmal zuerst einen Schluck guten Weinesin der Zeit will Euch auch etwas zum Essen richten." Der Raubmörder hatte erwartet, daß auf seine mürrische Frage eine ebenso mürrische Abweisung erfolgen werde. Diese wollte er dann benützen um mit dem Drachen, der den Goldschatz hütete, anzubändeln und so rasch zum Ziele zu gelangen. Die zutunliche, fteundliche Herzlichkeit der Greisin hatte ihn aber ganz aus dem oder die Lust am Widerspruch die Triebfeder ihrer ablehnenden Stellung ist. Jeder, der die Geschichte und die Entwicklung der jüdischen Logen kennt, muß sich darüber klar sein, daß die ganze Veranstaltung keineswegs die Ausübung praktischer Liebestätigkeit allein im Auge hat, sondern viel weiter gehende Ziele verfolgt. Jüdische Männer — seien sie gesetzestreue Juden oder prinzipielle Leugner des überlieferten Judentums — zur Erreichung der höchsten sittlichen Ideale zu vereinigen — das ist ausgesprochener Maßen und tatsächlich das Programm der Loge, und das allein gewährt chr ja auch das Recht auf ihren Namen und — ihre eigentliche Anziehungskraft für die ernsteren Elemente. Stillschweigende Voraussetzung des Logengedankens ist somit die Anerkennung der modernen „Wahrheit", daß es auch außerhalb des Gottesgesetzes für den Juden einen Weg gäbe, seine individuelle sittliche Vollendung zu erringensonst könnte es ja den Logenbrüdern nicht beikominen, unter Ausschlußdes religiösen Momentes, und doch als „Juden", gemeinsam jenes sittliche Höheziel der Humanität zu erstreben. In der Tat ist die sittliche Gleichwertigkeit der Treue und des Abfalls (unter Abfall natürlich nicht Taufe, sondern jede prinzipielle Gesetzesleugnung verstanden) nicht nur die grundsätzliche Voraussetzung des Logengedankens, sondern auch die Basis der praktischen Logellarbeit, die in der Vergebung voll Würden und Ehren — mit Recht — ein wesentliches Mittel zur Förderung ihrer Zlvecke erblickt, mld die diese Würden unb Ehren ohne Rücksicht darauf vergeben muß, ob jemand dem sinaitischen Fahneneid die Treue gebrochen oder nicht. Genau so wie der Zionismus aus dem reichen Schatze jüdischen Geisteslebens ein Moment, das N a t i o n a l e, herausgreift und es zur Herstellung einer Gemeinsamkeit unter den religiös gegensätzlicherl Elementen verwendet, gellall grade so, und ebenso im Widerspruch zur ganzen jüdischell Wahrheit, wählt sich die Loge aus dem Judentum das Allgemein Menschliche heraus und substituiert es kühn — pars pro toto — als Judentum schlechtweg! Wer wollte es einem in die Tiefe uub in die Weite blickenden Dellker, wer wollte es einem Samson Raphael Hirsch V'Xl verargen, daß er diesem — gewiß unbewußten, aber deshalb mtr umso gefährlicheren — Spiel mit der jüdischen Wahrheit entgeqengetreten ist? Wohl wissen lvir die Werke des Wohltuns uub der Menschenliebe zu würdigen, die voll den Logen ausgehen, uub wir begreifen und verzeihen es, wenn mailche unsrer religiösen Gesinnungsgenossen in der Begeisterung für rupyö! Konzept gebracht. Als sie ihm die noch unberührte Flasche ' WeM dorsetzte, die ihr Mann vor kaum einer Stunde aus der Stadt mitgebracht hatte, und ihm einen zinnernen Becher voll davon einschenkte, versuchte er's noch einmal mit der Grobheit. „Bei Euch scheint hier oben gut gelebt zu werden, so guten Wein erlauben sich bei uns kaum reiche Leute zu trinken und Ihr verschenkt ihn gar an Fremde. Wenn man sieht, wie das Gelo und der Wein in der Welt so ungleich verteilt sind, so-/' Die Frau hatte indessen ein Feuer angemacht, um ihrem Gast einen Pfannkuchen zu backen. Eier hatte sie von ihren Hühnern, Butter von der Milch ihrer zwei Ziegen. Sie rührte das Mehl dazu, und unterhielt sich dabei mit ihrem Gaste. „So fein geben wir's auch nicht alle Tage. Ihr habt's aber heute gut getroffen, wir haben heute auch einen besonders freudigen Tageinen Augenblick, ich bringe Euch den Pfannkuchen sofort." Die Pause benützte der Eindringling um seine Blicke nach dem Golde umherschweifen zu lassen. Der Tisch hatte eine Schieblade, darin schien aber nichts zu sein. Ein Schrank stand da mit halbgeöffneten Türen. Darin war das Geld auch nicht, sonst wäre er geschloffen gewesen. Wahrscheinlich im Strohsack des Bettes, jedenfalls braucht es nicht lange Zeit, um dieses enge Loch zu durchsuchen, das wird sich bald finden. Diese Gedanken wurden durch die Greisin unterbrochen, die jetzt den Pfannkuchen servierte. Sie setzte sich zu dem vermeintlichen Handwerksburschen und fragte ihn nach seinem Gewerbe, seiner Herkunft, seiner Reise und über alles Mögliche. Der Gestagte log seiner Wirtin das Blaue vom Himmel herunter und verweilte besonders ausführlich bei seinen Fußmärschen über gefährliche Bergpässe und Schneefelder. -___ 13. Juni 1907. npisn über die schweren prinzipiellen Bedenken hinwegsehen zu dürfen glauben, die wir hier nur in flüchtigen Umrissen angedeutet haben. Allein schwerer als alle praktische 7>p-l2-Leistnng wiegt uns die Sorge um die re.igiöse Zukunft unsrer Kinder. Sie gewiß werden es nun einmal nicht begreifen wie man auf der einen Seite int ratP V6n. ein mehr als den Tod zu fürchtendes Verbrechen, int Gottesgebote allein den Wert und die Würde des ganzen Daseins zu erblicken, uub doch andererseits die „höchsten Ziele der Menschlichkeit" unter der Fi'chrung von Männern zu erstreben vermöge, die durch ihr Leben Lügen st r a f e n, was den Andern, was uns die Wahrheit des Lebens ist. Daß die Folge der Logengemeinsamkeit eine allmähuche Nivellierung der religiösen Gegen sätze, eine allmähliche Verdrängung des „Ceremonialgesetzes" aus der Sphäre des Ethischen irr diejenige des untergeordneten „Rituellen" sein muß, das ist nach unsrer festen Ueberzeugung ein mit tötlicher Sicherheit eintretender psychologischer Vorgang, den die intellektuellen Väter der Logen in Amerika auch vorausgesehen und gewollt haben. Gegenüber solcher Aussicht gewährt selbst die Tatsache keinen Trost, daß die Loge zweifellos zunächst das jüdische Bewußtsein im allgemeinen stärkt und ein Gegenmittel Men die Taufwut darftellt. Denn was nützt dieses Palliativ - mittelchen, was nützt ein. Judentum überhaupt, das an positivem Gehalt — nur die Ablehnung des christlichen Dogmas aufweift, uub das darum in letzter Linie znr Auflösung von innen heraus verurteilt ist'?- So stellen sich die Dinge unsrem Blicke dar, und wir fühlen uns verpflichtet, das auszu sprechen in einem Augenblicke, da die Autorität Israel Hildesheimers für die Logen geltend gemacht werden sott. Sicher ist angesichts dieser Sachlage das eine: Je mehr durch Logen und ähnliche Veranstaltungen die geistige Eigenart des alten, des gesetzestreuen Judentums bedroht, und je mehr schon heute gesetzestreue Juden, und nicht die schlech testen, in den Bannkreis jener Institutionen sich hineinbegeben haben, desto gebieterischer heischt die Pflicht der Selbsterhaltung, die Kohäsionskräste iimerHatv der gesetzestreuen Judenheit mit allen Mitteln zu stärken. Größerer Vorschub könnte den auflösenden und zersetzenden Kräften, die aus dem sogenannten „Gesamtjudentum" auf das gesetzestreue ein wirken, gar nicht geleistet werden, als wenn die gesetzestreuen Juden selbst sich unter einander zerfleischten und über den taktischen Differenzen die Gemeinsamkeit ihrer religiösen Neberzeugung „Das ist nicht recht von Euch, so mit dem Leben jit spielen, wenn man wie Ihr mir sagt, noch alte Eltern und Geschwister zu Hause hat. Wenn Ihr einmal abstürzen ober von einer Lawine begraben werden solltet, so habt Ihr nicht nur Euer Leben, sondern auch das von Eurem greisen Vater und Eurer Mutter gefährdet. Wo leben denn Eure Eltern?" Als die biedere Frau dem Strolche von seinen Eltern in dieser Weise sprach, wurden ihm plötzlich die Augen feucht. Die Sonne sandte so zutunlich ihre Strahlen durch die kleinen, blanken Fensterscheiben. Neben ihm knurrte mit ihrem dreieckigen Kopf eine zuftiedene Katze. Selbst dieses falsche Tier schien in diesem trauten Raume seine Falschheit verlo en zu haben und er war hierher gekommen, diesen heiligen Watdfrieden durch einen MoÄ zu entweihen! Er schauderte vor sich selber. Sein Vater, seine Mutter! Wie kam die Bahnwärterin plötzlich auf diese zu sprechen? Der Vater war höherer Beamter in Dresden. Er war bas Herzeleid seiner Eltern seit langen Jahren. Alle Erziehung unb Ausbildung, die sie ihrem einzigen Sohne zu teil werden ließen, hatte dieser mißbraucht und seine Eltern durch Schulden und leichtsinnige Streiche jeder Art an den Rand des Abgrunds gebracht. Um seine Schulden, die Folgen seines leichistnn gen Lebens, bezahlen zu können, hatte er schon vor sechs Jahren einen Einbruch verübt und war dafür mit mehrjährigem Kerker bestraft worben. Es gelang ihm zu entfliehen und seitdem irrt er von Land zu Land, von Verbrechen zu Verbrechen, sinkt von Stufe zu Stufe, jetzt aber ist er auf der tiefstm angelangt, wenn er wirklich die herzliche Gastlichkeit der greisen Wärtersfrau mit Mord und Raub lohnen wird! Stumm starrte er, diesen Gedanken nachhängend, vor sich hin und vergaß ganz auf die Frage nach seinen Ettern zu antworten. Frau Weber merkte die Ergriffen-