Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1907)
- Date
- 1907-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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D er Israelit j 48. Jahrgang. Ob Cufralorgan für to irtMixe Juiuiu BiyrMef m Ir. Lehnn ii Hain SnnMutt «. m, Sen AS MCT. M 24. Der Israelit erscheint jedm Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich 2 Kr., Rußland l Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchbandlungen, sowie direkt bei. -Wüstest, - nur direkt. ' Zstrserate r 30 Pfennige für die sechrgespalteue Tolonrl-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnserateua.maM^ stör' durq» «nWEu u. Böql<r A Cs«w bei der S. K. Poftfparkafie Wie« Ro. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Canto bei vem S. Postsparkaffenamt Bndapest St«. rrälmlillm. Der Badische Oberrat der Israeliten trifft seine Vorbereitungen zu den demnächst ftattfindenden Synodalwahlen: Sein jüngstes Verordnungsblatt bringt das ausführliche Protokoll der denkwürdigen Tagung, mit der im März die jetzige Synode ihre Tätigkeit beschlossen hat, und enthält gleichzeitig die Verfügung, daß dieses Protokoll an sämtliche Mitglieder der badischen Kultusgemeinden verteilt werden soll. Der Oberrat hat es gut — auf Kosten der Steuerzahler läßt sich leicht agitieren. Ob freilich die Verbreitung der Reden, die aus der letzten Synode gehalten wurden, der Sache des Oberrats nützen wird, das ist eine andere Frage. Und will es bedünken, als ob er damit vielmehr im unbesoldeten Nebenamt die Geschäfte der von ihm so scharf bekämpften Gesetzestreuen besorge und wie scholl oft, auch in diesem Fall sich wieder als ein Teil von jener Kraft erweise, die in der bekannten Weise immer anderes will, als sie schafft. Wir haben seinerzeit über die Vorgänge auf der Synodaltagung in großen Zügen berichtet, und man brauste sich, nicht zu lvunderll, daß selbst in weitell Kreisen, die dem gesetzestreuen Judentum fernstehen, die Ungeheuerlichkeiten, voll denen da zu erzählen lvar, lebhafte Entrüstung hervorgerufeil. Es sind aber danrals mancherlei Feinheiten unbeachtet geblieben, die jetzt durch den.qilsfllhrticheil^,Aeiicht des Oberrats in dankenswerter Welse der Oeffentlichkeit unterbreitet lverden und die ulls Beraillaffung geben, dem nun sich darbietenden Bilde im Interesse einer kräftigeren Gesamtlvirkung einige Lichter aufzusetzen. Daß der Oberrat die letzte vor den Neutvahleil stattfindende Synodaltagung benutzen wollte, um noch eininal öffentlich die Gerechtigkeit seiner Sache darzutun, das lvar nach allem Vorangegangenen recht begreiflich. Er hatte ein schweres Jahr hinter sich.' Der Mainzer Prozeß mit seinen mächtigen, den Gewissenszwang, beti die badischen Gesetzestreuen erleiden, aller Welt enthüllenden Eindrücken, die starke Erregung, die der oberrätliche Gebetbuchsentwllrf hervörgerufen, die Schlappe, die sich der Oberrat mit seinem famosen Plan einer Wahlreform geholt hatte, das alles war dem Prestige der höchsten Behörde der Landessynagoge nichts weniger als dienlich gewesen Mit diesen Erfolgen konnte sie nicht in den Wahlkampf eintreten. Es war also begreiflich, wenn sie die letzte Synodaltagung zu einer feierlichen Generalverteidigung zu. benutzen gedachte. ■ ' . Wie kam aber die Sache zu stände? In Baden pfeifen es die Spatzen von den Dächern, daß der Oberrat sich die bekannte gegen Dr. Loewenstein in Mosbach gerichtete Interpellation bei den: Synodalen Dr. Bielefeld bestellt hatte. Dr. Bielefeld besaß nun freilich von den Dingen, deretwegen er iliterpellieren sollte, keine blasse Ahnunger hatte, trotz aller Reklamen des Badischen Oberrats für unser Blatt, nie den „Israelit" gelesen, war also eigentlich wenig geeignet, sich vorschriftsgemäß zu entrüsten. Alls der Synodaltagung war er denn auch gar nicht anwesend. Die beiden anderen entrüsteteten „Interpellanten" waren nicht besser beschlagen und blieben still. Schließlich fand sich doch ein Mann, der dem Oberrat den Liebesdienst erwies, das „Scherbengericht", das nach dem Ansdruck eines Mitgliedes der Versammlung über Dr. Loewenstein gehalten wurde, einzuleiten. Dann folgte Schlag auf Schlag. Die Größen des Oberrats traten einer nach dem anderen auf den Plan, um in langen Reden dem „Israelit" und den Orthodoxen nach allen Regeln der Kunst den Garaus zu machen. Die Tonart, die die Herren dabei anschlugen, war keine sehr gewählte. Es wurde lustig darauflos gezetert, und wir werden im einzelnen noch Gelegenheit haben, zu zeigen, wie wenig die Kampfesweise des Oberrats mit den Anforderungen harmoniert, deren Erfüllung er bei seinen Gegnern zu vermissen vorgibt. Besonders Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer gefiel sich in dem Bemühen, diejenigen badischen Rabbiner, die sich weigern nach der oberrätlichen Pfeife zu tanzen, als Männer von minderen Oualitäten zu charakteri sieren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Wir sind überzeugt, daß die badischen Juden, einerlei welcher religiösen Neberzeugung, die Ausführungen Dr. Mayers gegen die gesetzestreuen Rabbiner mit dem Gefühl der Empörung lesen weiden, die bei diesem Sturm auf wehrlose, unverteidigte Männer jeden redlich Denkenden ergreifen muß. In diesen Zusammenhang paßte dann auch die schon genügend gekennzeichnete Bemerkung des .Herrn Geheimrat, unter den Orthodoxen seien Männer, die nach ihrer Vorbildung und ihrer sozialen Stellung zur Mitgliedschaft beim Oberrat sich eigneten, sehr schwer zu finden. Das alles aber wird nicht nur in öffentlicher Sitzung der Synode von einem Mitglied des Oberrats gesagt, sondern es wird auch noch von amtswegen durch den Druck im ganzen Land verbreitet, und die Staatsbürger, die von dieser Verunglimpfung getroffen wurden, müssen die Kosten tragen und so sich selbst verhöhnen helfen. Das ist die Gewissensfreiheit und die allliebende Toleranz, die im gelobten Lande des badischen Oberrats so herrlich gedeiht! Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß am Morgen des großen Gerichtstages die Synode in feierlicher Weise das Andenken ihres ehemaligen Vorsitzenden, des verstorbenen Dr. Friedberg, geehrt und feierlich gelobt hatte, in deffen friedliebendem und gerechtem Sinne ihre Aufgaben zu erledigen. Am Mittag war das feierliche Gelöbnis schon vergessen, und Dr. Loewenstein, des Heimgegangenen intimer Freund, der als der älteste badische Rabbiner gerechterweise vor allen anderen zur Mitgliedschaft heim Oberrat berufen wäre, mußte, ohne die Möglichkeit einer Verteidigung zu haben, alle Stadien eines hochnotpeinlichen Ketzergerichtes durchmachen. Von einem solchen Verfahren, das die Herren am grünen Tische mit ihren Pflichten als Spitzen der badischen Judenheit im Einklan fanden, waren die meisten Synodalen denn au keineswegs erbaut. Allein erst in vorgerückter Stunde, nachdem dieOberratsvertreter dieSchleusen ihrer Beredsamkeit stundenlang über die auf ihren Sitzen ungeduldig hin- und herrückenden Synodalen ergossen hatten, kamen einige von ihnen noch kurz zum Wort. Rückhaltlos gutgeheißen wurde die Art, wie der Oberrat hier vorgegangen war, nur von einem Redner, dem Konstanzer „Kollegen" Dr. Loewensteins, Dr. Hannes. Dieser Herr hat sich um seine Vorgesetzte Behörde wirklich verdient gemacht. Wenn Rabb. Dr. Pinkus meinte, - daß das, was Dr. Loewenstein hellte geschehen sei, MoMuanch einem andoMDHMüner widerfahren fmuie, so wird DrFHannWWlches gewitzt nicht zu befürchtÄl haben. Bescheinigte er ja' dem Herrn Geheimrat Mayer sogar, daß deffen Ausführungen durchaus nicht bcn Charakter irgend einer übelwollenden Gesinnilng gegen Dr. Loewenstein gehabt hätten! Was der Bericht des Verordnungsblattes über die Synode sonst noch Denktvürdiges bietet, behalten wir der detaillierten Erörterung vor. Für heute kam es nur darauf an, den Rahmen zu zeichnen, innerhalb deffen sich die ganze Prozedur abgespielt hat. Was aber war das Resultat der Interpellation und der ganzen Staatsaktion? Das Verordnungsblatt des Oberrats verkündet, der Oberrat habe beschlossen, von einem lveiteren „dienstpolizeilichen" Einschreiten gegen Dr. Loewenstein abzusehen. Maßgebend war dabei nach dem Wortlaut der oberrätlichen Bekanntniachullg, daß Dr. Loewenstein nicht lnehr an der Redaktion des „Israelit" beteiligt ist. Ein Verbrechen ist's also immerhin, daß ein badischer Rabbiner die wissenschaftliche Beilage eines Blattes redigiert, das in seinem politischen Teile den Oberrat in der notwendigen Weise zu kritisieren sich erkühnt. Das ist oberrätliche Toleranz, das ist