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Der Israelit · 1907-06-06 · Heft 23 (6.6.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 23 (6.6.1907)
Date
1907-06-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Der JSraütt. Hücherschau. Jüdische Apologetik. Apologetik verhält fich zu Apologie/ wie ungefähr .Dogmatik zu Dogma, Homilettk zu Lomilie, wie die lehrgebäudemäßige Zusammenfassung eines Ganzen zur Darstellung eines. bloß Einzelnen. Apologie entspricht d«n praktischen, augenblicklichen, Apologetik dem wißen schastlichen Bedürfnisse, oder mit Güdemanns eigenen Worten zu sprechen : „Apologie ist Schutzrede oder Schutzschrtst, Apologetik die Wissenschaft ihrer Behandlung." Apologetik sucht also das gesamte Material probehaltiger Beweismittel zur Widerlegung der Gegner wie zur positiven Rechtfertigung des betreffenden Glaubens zu einem einheitlichen, geschloffenen System der Verteidigung zu verarbeiten, ist also diejenige wissenschaftliche Disziplin, welche die Grundsätze für die schützende Vertretung einer Religion aufstellt. Apologetik, ein Name, welcher erst der neueren Wissenschaft angehört, ist daher natürlich jünger als Apologie. Eine gründliche jüdische Apologetik ist bis bis heute ein desiderium pium geblieben, welches zu befriedigen Güdemann sich zur Aufgabe stellte. Doch — wir gestehen offen — nach dem Lesen der Güdemannschen Arbeit ist der Wunsch in uns in buchstäblichem Sinn des Wortes noch frömmer geworden, und — Gott behüte uns vor unfern Freunden. Seite IX der Einleitung schreibt G.: „Es ist eine eigentümliche Sache, die Apologie oder Apologetik einer Religion zu schreiben, in der man geboren und erzogen ist. Man wird schon apologetisch, wenn man es nicht sein will." Ungefähr so ging eS auch uns bei der bloßen Lektüre deS Buches. Unwillkürlich wurden wir hierbei schon apologetisch — gegen Güdemann selbst. Ooer tritt nicht unser ganzes inneres Bewußtsein wie von selbst schirmend und verteidigend vot unsere angestammte Religion, wenn G. fie dahingehend charakterifiert (p. 3), daß „fie, ob fie gleich aus göttlicher Offenbarung hervorgegangen ist, zugleich als ein Prod.ukt des Volksgeistes (von G. selbst in Sperrdruck hervorgehohen) zu bezeichnen sei," und diese seine Anficht auf einest lrotz seiner Einfachheit und Klarheit von ihm merkwürdig mißverstandenen Satz aus — — Juda HalleviS Kusari: „Ohne Israel gäbe es keine Tora" stützt? Aber es kommt noch merkwürdiger. Schon p. 5 schreibt G. weiter: „Eben dies muß als charakteristisch hervorgehoben werden, daß eS eine Mehrheit solcher Männer, nicht aber eine einzige Persönlichkeit ist, auf welche die Gründung und Entwicklung (sie!) der jüdischen Religion zurückgeht.-Daraus folgt aber andererseits die hohe Bedeutung, die der israelitischen Gesamtheit hinsichtlich der Begründung der Entwicklung ihrer Reugion zukommt, und die nicht beffer ausgebrückc werden kann, als es in den Worten!>eschieht, die brr Prophet Jtrmeja Gott selbst dem Volke ajen läßt . „Ich gedenke dir deine jugendliche Huld, >eme bräutliche Liebe, wie du mir gefolgt durch die Wüste, durch unbebaures Land." Also vorher gesteht G. die göttliche Offenbarung wenigstens als Gründerin der fthen Religion zu, und gleich darauf erhebt er eine >«tt von Menschen auf dm Thron der Thoraschöpfung, und dieser letzte Gedanke soll in dem genannten Jirmejanische Satze ausgedrückt liegen. Das begreife, wer raNn. Leider ist kein Rabbi Jizchak K Eljaschtb mehr da, der für uns — nach Taanith 23 — etwas mehr BerstandeSvermögen zur Fassung dieser apologetischen Glaubensweisheit eines G. erflehen könnte. So schwankt die G.sche Arbeit in der nebelhastm Unklarheit zwischen Offenbarung und BolkSgeist, biblisch auSgedrückt: ein Hüpfen auf zwei Schwellm, ein Kilajim, auf welches unsere Weisen (Berach. 19) dm Satz anwenden: keine Menfchenweisheit gegenüber Gott. Apologettk muß notwendigerweise die Fundamentallehren der zu verteidigenden Religion zur gegebenen, natürlichen Boraussetzung haben, und der Grundpfeiler und einzige Träger der jüdischen Religion ist die Offmbarung!- der Glaube an die Offenbarung ist ' der Vordersatz einer jüdischen Apologetik. Die Offmbarung muß also auch G. anerkennen, und „die jüdische Religion als göttliche Offenbarung" ist darum auch das erste Kapitel seiner Ausführungen. WaS versteht G. aber unter göttlicher Offenbarung? Hören wir auf diese Frage die „seine Untersuchmrgsergebniffe resümierende" Antwort (P. 45): „Gott hat dem jüdischen Volke wie keinem andern die etnzigarttge, nie in ihm untergegangene religionöbildende Kraft eingeflößt, deren Beurkundung die schriftliche und im Wege der Ueberlieferung die mündliche Lehre bildet. Nur aus beidm zusammmgmommm, aus Thora und Talmud, kann man eine richtige Vorstellung von der reli- *) Jüdische Apologethik von Dr. M. Güdemann, Oberrabiner in Wien. Glogau 1906,8°, 248 pp. — Aus dem „Grundriffe der Gesamtwiffmschaft des Judentums", herauSgegebm von der ' Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentums —. gionsbtldenden Kraft des jüdischm Volkes gewinnen." Also die göttliche Offmbarung stellt fich nach G. lediglich in einer höheren Inspiration des Volks zu selvfikraftig eigener Schaffung feiner Rel gion bar. „Die jüdische Religion" — schreibt G. p. 18 — ist Geist vom „Geiste des jüdischm Volkes, in dem eine stetige Offenbarung GotteS fich vollzog." Und dies wägt G. die „Grundlagen der Religion" zu nennm! Wie hat Rabbi Akiba im Midrasch jenem NichttSraeliten geantwortet? „Gott spricht durch den Mund des Propheten Jesaias: Eure Neumonde und e u r e Feste haßt meine Seele, b h. was ihr aus meinen Neumonden und Festen gemacht habet, was ihr als religiöse Feier ausgebet, ist mir bis zum Halse zuwider." DaS, waL Güdemann aus unserer jüdischen Religion gemacht hat, was er als unsere Tora aus Abt —, sollten wir dagegen nicht mit aller apologetischen Wucht zu Felde ziehen? Er verteidigt die jüdische.Religion wider christliche Polemik. Und wer verteidigt 'die jüdische Religion wider Güdemannsche Polemik? „O über den, deffen Verteidiger sein Angreifer zugleich wird!" Bei dieser seiner . verschwommenen Theorie erklätt G. natürlich „die Tora als etwas gleich der Entwicklung des Volles selbst niemals Abgeschlossenes, vielmehr in einem stetm Werdeprozeffe Begriffenes" (v. 40), währmd er an einer anderen Stelle (p. 36) „die schriftliche und mündliche Lehre auf den gleichen Ursprung, den Einen Hirten zurückführt". Der Talmud ist nach G. nicht in unserem Sinne, JTYin, die Sammlung und Sichtung und Erhaltung des gesamten mündlichen Ueberlieferungsstoffes, sondern eine aus dem Innern heraus sich vollziehende Fortentwicklung der Thora in ihrem „steten Werdeprozeffe." Dabei deutelt G. (p. 7) aus dem so unschuldigen im Deuteronom oft wiederholten nwn mmn rnn mmn ied heraus, daß „schon in sehr früher Zeit eine oder mehrere Thoras (8ic.') vorhanden gewesen seien, denen gegenüber die allgemeine Tora als diese Tora oder als dieses Buch der Tora späterhin (was heißt dieses „späterhin"?) bezeichnet wird." Dann muß ja selbst nach G. im Deuteronom — wir sprechen hier — die Tora schon als etwas Fertiges, ewig Verbindliches abgeschlossen gewesen sein. Und dennoch ist sie in „stetem Werdeprozeffe begriffen?" Apologetik verlangt vor allem Klarheit der Begriffe. Seite 15 will G. durch die gliederverrenkende Auslegung einer schlichten Hagada, die übrigens das gerade Gegenteil besagt, „die Verflüchtigung deS Thorabuchstabens, seine Sublimierung im Geiste als einen notwendigen Vorgang" beweisen. Und vorher p. 13 erklärt er die Mischna Synhedr. XI 1 richtig dahin, daß „hier der göttliche Ursprung auch für den gesamten Text, für jedes Wort, für jeden Buchstaben zu reklamieren sei." „Andererseits" — so fährt er fort — ist der Text bei aller Genauigkeit im Allgemeinen der Zweifelhaftigkeit im Einzelnen nicht gänzlich entzogen, und die Anzweiflung eines Wortes oder eines Buchstabens erscheint als unbedenklich usw. und unsere Weisen selbst verfuhren willkürlich mit dem Texte in halachischer und hagabischer Hermeneutik." Sonderbar! Also unsere Weisen erklären den, der auch nur ein Wort dev Tora — die G. als „in stetem Werdeprozeffe begriffen" bezeichnet — als nicht göttlich anzweifelt, des ewigen Lebens verlustig und erblicken dennoch in der Anzweiflung eines Wortes keinen sakrilegischen Vorgang. In der Einleitung p. XV! stellt G.!;erade dem „kritischen Sinne" der Schriftaelehrten >as ehrende Zeugnis aus, baß fie „den Buchstaben in gewissenhafter Evidenz hielten, an dem Texte der Schrift auch nicht die leiseste Aenderuna Vornahmen, nichts ausmerzten, nichts interpolierten usw.," und auf derselben Sette schreibt er, baß „der alte Kanon", der Niederchlag der religiösen Hervorvrtngungskraft des jüdischen Volkes, vom Pharisäismus wiederholt der Revision unterzogen worden sei, für diesen seinen Offenbarungscharakter mrch den Inhalt und die Trabitton, nicht durch den Buchstaben, über den er nach freiem Ermeffen schaltete, besaß." Wer bahnt fich einen Weg durch dieses verworrene Gestrüpp? AlS die 5kundschafter Moses das Resultat ihrer Sendung mitteilten, zeigie fich ihre Polittk in dem Wörtchen DDK * jedoch, allerdings, freilich. Dieses DDK kommt bei G. in eürem Stücke auf Sette 12 in allen Bariattonen vor: „Bei aller außerordentlichen Sorgfalt, die die Schriftaelehrten der Erhaltung der atten Texte (was bedeutet übrigens dieser Plural?) widmeten, schalteten fie dennoch eigenmächttg mit dem überlieferten Wortlaute. Wenn a u ch bei diesem Verfahren eine wirkliche Textänderung niemals beabfichttgt war, erhielt es doch den Wortlaut gleichsam in. flüssigem Zustande. Diesen Ausführungen scheint jedoch eine Mischna zu widersprechen usw." Und unsere Weisen, die mit so mafforettscher Genauigkeit den Wortlaut bis zum -,y nsp zu erhalten sich angelegen sein ließen und nach Ketub. 19 es für einen direkten Frevel erklärten, irgend ein Buch der Bibel, welches einen Textfehler-in ich trage, länger als 30 Tage im Hause zu bergen, 'pielt G. zu Gunsten einer fteien Bibelkritik aus, „deren Grenzen zuweilen noch die moderne Schristkritik zu überschreiten scheint" (sie!). Zu den Funbamentalsätzen des Judentums, von denen eine Apologetik als sichere Voraussetzungen auszugehen hat, gehört neben der Offenbarung der Mefstasalauoe. Parallel mtt seiner Auffassung von der Offenbarungslehre geht seine Darlegung des „Meffianismus" (wie G. diesm nennt). Nach chm gibt es keinen persönlichen Messias; dieser sei vielmehr erst ein Produkt der späteren Zeit. Apodiktisch behauptet G., daß „die Bibel noch von keiner Persönlichkeit weiß, selbst in ton ältesten pharisäischen Kreisen dem MessiaS als Person ___ Nr. 23 S. Juni 190% noch keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird." Als beweisende Stütze für diese seltsame Behauptung wird — Klausner, Die „messianifchen Vorstellungen des jüdischen Volkes", zu Hilfe genommen. Wirklich seltsam! Einen persönlichen Mesfias soll nach G. also die Bibel noch nicht kennen, und G. läßt gerade die „mit Sen reichsten Farben gesätttgte messianische Zukunftsschilderung des Propheten Jesaias (Kap. II) an die p e r s ö n l i ch e Geburt des Königs HiSkia anknüpfen. Und sind G. nicht Stellen, wie Jerem. 23. 5., 33. 14., Hole« 3. 5., Micha 5.1., Zach. 9. 9., Daniel 7. 13. bekannt? Man lese einmal diese Stellen! Das Güdemannsche Buch zergliedert sich in 7 Kapitel, von denen das 3. über den Universalismus des Judentums mit dem 7. über die im Meffianismus fich darstellende allgemeine „Weltbeglückung" organisch zu eng verwandt ist, um, zumal durch so weite Entfernung, inhaltlich und formell von einander geschieden zu werden, wie überhaupt die einzelnen Kapitel hie und da ihre Gedanken unter einander auswechseln. Im 3. Kapitel ist die Hineinpassung der Schmone Esre in den Rahmen der universalistischen Tendenz etwas zu gezwungen, es liegt auch keine Veranlassung hierzu vor. Andererseits find ganze Partieen in diesem 3., auch im 4. und 5. Kapitel, wenigstens so weit sie sich mtt der rüstigen Abwehr gegen moderne christliche Polemik befassen, nicht ohne Geschick, Güdemann führt dort zuweilen eine schneidige Klinge, wobei sich seine eingehende Belesenheit in der bezüglichen polemischen Literatur zeigt. Ueberhaupt ist in den mittleren Kapiteln manches beachtenswerte Material zusammengetragen und unter gewählter Benutzung der einschlägigen Schriststellen ansprechend behandelt. Sein Stil ist ruhig, nicht zu trocken, wenn auch nicht hinlänglich gereinigt von aufdringlichen Fremdwörtern. Alles in Allem leidet das Buch an innerer Verschwommenheit, an Vernebelung der Fundamentalbegriffe des gudentums und erfüllt seine Aufgabe (am Schluffe der inleitung): „nach außen und innen Klarheit über das Judenum zu verbreiten," so wenig baßes den Wunsch nach einer guten ^Jüdischen Apologetik" in uns reger macht. •KTlpn Naturbilder von A. W. Grube, zweites, drittes und fünftes Bändchen. Stuttgart, I. F. Steinkopf. Die oben genannten Bändchen der bekannten Grubeschen Naturbilder sind in vierter, dritter und zweiter Auflage erschienen. Die Darstellung ist durchweg klar und in hohem Maße anschaulicheingestreute Erzählungen aus alter und neuer Zeit erhöhen das Interesse an den flotten Beschreibungen. Angenehm fällt es auf — und das muß heuttgen Tags besonders hervorgehoben werden — daß die Grubeschen Naturbilder über dem Werk nicht dm Meister vergessen. Nicht nur verwenden fie die herrlichen Naturschilderungen der Bibel als Leitwort an der Spitze einzelner Abhandlungen und lehren so den Leser Natur und Bibel zugleich Neben, sondern der Verfasser nimmt auch häufig Gelegenheit zum Hinweis darauf, daß diese wunderbare Welt, deren Gesetze wir mühsam erforschen, von einem allweisen Schöpfer ins Dasein gerufen worden, daß der Verfasser die Hypothesen der moderueu Geologie als zugestanden voraussetzt. Freilich muß gesagt werden, eS ist bedauerlich, daß wir noch nicht Naturschilberungen besitzen, die nur das Tatsächliche darstellm und Hypothesen nicht als sichere Resultate der Forschung ausgeben. A. Kl. wm pmn n^DKnpan jnwn pbn □!? □noKan ptuk '»«rpm bw ns kitodw tidi "WD "hd bv rnroDD amb mm 121 p-pi n 4v6n pyotf nwo man znnD onpa •TD^n iwkti .pDTp^no ' Es ist ein höchst eigenartiges Werk, das uns vorliegt. Es sind eine größere Anzahl Gelegenheits - n WH r die Verfasser bei der Beeendigung der Traktate aus den Ordnungen iyiD und hielt, und die nun gesammelt vorliegen. Die Schablone derarttger Sijumderaschot pflegt gewöhnlich die zu sein, daß man besttebt ist, das Ende des Traktates mit dem Anfang bcsjelben, oder wenn es mt geht, auch mtt dem Anfänge des nächstfolgenden Traktates zu verbinden. Daß es hierbei ein wenig halsbrecherisch zugeht, wird gewiß Jedermann einsehen. Die Devise, die bei derartigen Operationen befolgt zu werden pflegt, lautet: „Gehst du nicht willig, so brauche ich Gewalt." Umso freudiger ist man überrascht, wenn man das vorliegende Werk zur Hand nimmt. Nichts von gewagten Borständesoperationen. Es ist ein gediegenes halachisches Werk, das man vor findet. Der Verfasser versteht mit Leichttgkeit und mit seltenem Scharfsinn, die fernliegenden Stoffe zu verbinden, ohne jemals die Grenze zu überschretten, die Scharffirm von Spitzfindigkeit und Klügelei scheidet. Das niDnn und das immense rrnnn werden jeden Sachverständigen zur Bewunderung Hinreißen. Das Werk sei daher allen Freunden olcher Arbeiten wärmstens empfohlen. ES ist zum Preise von 1,50 Mk. durch den Verfasser Rabbiner Simon Lvwi-Boldogaßzony Com. Moson (Ungarn> zu beziehen. Kronstadt. Dr. KL

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