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Der Israelit · 1907-06-06 · Heft 23 (6.6.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 23 (6.6.1907)
Date
1907-06-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ii^fimijf ,,^K, ,*nv^.ji.'»■ yim1 Aywv.WA cf)eNX/arf crans E.J-A- 3$t Sbylock ein Jude? Ein Bortrag von Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel. (Fortsetzung.) Welches die eigentliche Meinung des Dichters war, wer möchte dies mit jener Bestimmtheit sagen, die jeden Zweifel ausschließt, da er seine Ansicht nirgends unzweideutig ausgesprochen? Allein, so sympathisch uns die günstige Auffassung Shylocks als eines Märtyrers ist, und so sehr sie zu der jüdischen Geschichte des Mittelalters Paffen würde, so möchte ich doch sowohl aus inneren Gründen, als auch besonders mit Rücksicht auf die historischen Momente, die ich vorhin angeführt, bezweifeln, ob sie der Absicht des Dichters entspricht. Zwar ist Shakespeare gewiß kein Judenfeind gewesen. Hat er doch den Christen im Stücke keineswegs geschmeichelt. Da ist Bassanio, ein leichtsinniger Glücksritter, der sein Vermögen vergeudet, Schulden gemacht hat und nun durch eine reiche Heirat sich finanziell aufrichten will. Da ist Antonio, ein weichncher Charakter, von dem Heinrich Heine sagt, er ist der Mitschuldige eines der infamsten Hausdiebstähle, und nach dem preußischen Landrecht würde er zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, gebrandmarkt und an den Pranger gestellt werden. Da sind endlich die Schmarotzer, die gern an einer fremden Tafel speisen und sich an Weinen berauschen, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Und wo bleibt die christliche Liebe aller dieser Freunde, da Antonio sich in Not befindet? Ganz Venedig weiß von dem Schuldschein und seiner schrecklichen Bedingung, und in ganz Venedig sind — man denke — nicht 3000 Dukaten aufzutreiben für den königlichen Kaufmann? Alle seine Freunde beschränken sich darauf Shylock zu verdammen und zu verfluchen, eine Tätigkeit, die bekanntlich sehr billig ist, aber niemand denkt daran, seinen Geldbeutel zu öffnen, um ihm zu helfen, den verhängnisvollen Schein einzulösen. Können wir nicht überzeugt sein, Shylock hätte anders gehandelt, er hätte, so sehr er am Gelde hing, einen Freund in der Not nicht verlassen und seinem Todfeinde ausgeliefert? Auch an einer anderen Stelle zeigt Shakespeare seine Vorurteilslosigkeit. Auf die Bemerkung der Tochter Shylocks: ,,Jch werde durch meinen Mann selig werden, er hat mich zu einer Christin gemacht," läßt er ihr durch den Diener Lanzelot die Antwort geben: „Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln, es gab unser vorher schon Christen genug, gerade so viel, als nebeneinander gut bestehen konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Sch-reine steigern. Wenn wir alle Schweinefleisch-Effer werden, so ist in Kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne mehr zu haben." Wie wenig muß Shakespeare von der Anschauung, daß nur das Christentum zur Seligkeit führe, gehalten haben, wenn er über einen so ernsten Gegenstand so losen Spott treiben kann. Die Juden auf der anderen Seite kannte Shakespeare nicht. Und doch, wiewohl er nur wenig von jüdischen Eigentümlichkeiten gehört hat, wie hat er es verstanden, seinem Shylock ein echt jüdisches Gepräge zu geben. Jüdisch ist vor allem die ernste Lebensauffassung, die ihm eigen ist. Wie durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt, steht er den anderen Personen des Stückes gegenüber, den leichtsinnigen Schuldenmachern, den engherzigen Spekulanten, den Schmarotzern und Schmeichlern, die das Leben als eine Stätte des Genusses und des Vergnügens zu betrachten scheinen. Hoch schätzt er die Arbeit und die ernste Tätigkeit, auch darin ein treuer Sohn seines Stammes, und seinem trägen Diener, den er entläßt, ruft er zu: «in meinem Stock bauen keine Drohnen." Wie hat vor allem der Dichter den uns Juden eigentümlichen Zug innigster Familien-Anhänglichkeit so gut getroffen. Wie muß Shylock seine Lea, seine Gattin geliebt haben, da er ihr ein so treues und liebreiches Andenken über den Tod hinaus bewahrt. Als er von seiner Tochter hört, daß sie auf der Flucht in Genua einen Ring hingegeben habe, um dafür einen Affen zu kaufen, ruft er schmerzvoll aus: „Du marterst mich, Tubales war mein Türkis, ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle warich hätte ihn nicht weggegeben für einen Wald von Affen. „Als während der Gerichtsszene Antonios Freunde schwören, sie würden, so groß auch ihre Liebe zu ihren Frauen sei, doch willig ihre Frauen opfern, wenn sie damit dem Freunde Rettung bringen könnten, sagt Shylock bei Seite: „So sind die Christenmännerich Hab' ne Tochter, wäre irgendwer vom Stamm Barrabas ihr Mann geworden, lieber als ein Christ." Ja, diese Liebe zu seiner ungeratenen Tochter, sie ist die Triebfeder zu Shylocks Handlungsweise. Er hat den Schein ursprünglich sicherlich nicht ernst genommen, da Antonio damals als ein außerordentlich reicher Mann galt, dem es nicht schwer fallen konnte, einige Tausend Dukaten zu zahlen. Erst als ihm ein Freund des Antonio seine Tochter entführt, da tritt jedes andere Gefühl hinter dem Verlangen nach Rache zurück. Shakespeare hat uns Juden nicht gekannt, und dennoch wie wahr und jüdisch hat er die Liebe Shylocks zu seiner Tochter geschildert und wie wohlbekannt und vertraut dünken uns die Laute, wenn der Dichter den sonst so rauhen Shylock die Worte sprechen läßt: „Jeffica, mein Kind, Jeffica, mein Kind." Sprechen diese schönen Eigenschaften nicht für die poetische Gerechtigkeit, die der Dichter walten läßt, und dafür, daß er Licht und Schatten nicht gar zu ungleich verteilen will? Wahrlich, wenn wir alles recht erwägen, so müssen wir sagen, es hat der geniale' Geist des Dichters, der Tagesströmung folgend, etwas Böses gewollt und etwas Gutes geschaffen,' oder wenn wir jenem berühmten Dichter des Altertums glauben wollen, welcher sagte, daß bei seinen Schöpfungen ein Genius ihn beherrschte, dessen Einwirkung er sich nicht entziehen könne, so hat auch hier der Dichter unter bcm Einfluß seines Genius gestanden. Gleich jenem Redner, der das Unglaubliche vollbringen wollte, den einen Teil seiner Zuhörer lachen, den anderen weinen zu machen, hat Shakespeare die Gestalt eines Juden geschaffen, über den die oberflächlichen Zuhärer lachen, während die tiefer Denkenden weinen müssen über seine unaussprechlichen Leiden. Ja, ich möchte sagen, daß Shakespeare uns Juden von seinem Standpunkt aus gar kein Unrecht tun wollte, ja, daß er den verfolgten Juden, natürlich von seinem Standpunkt aus, wahr und folge richtig geschildert hat. Ich weiß wohl, daß Shakespeare uns sehr Unrecht getan hat, indem er einen Juden als blutgierig dargestellt hat, wie er in-freudiger Erwartung das Messer wetzt, um das Blut seines Feindes zu vergießen. Trifft uns doch kein Vorwurf so wenig wie dieser. Nach der Verbrecher-Statistik werden Mord und ähnliche Gewalttaten fast niemals von Juden verübt. Wir Juden haben ja eine Scheu vor dem Blute, die uns durch unser Religionsgesetz seit Jahrtausenden anerzogen worden ist. Wir dürfen das Blut von Tieren nicht genießen, und ein Stück Fleisch von einem lebenden Tiere herauszuschneiden ist eines der ältesten göttlichen Verbote der Bibel, das bereis den Söhnen Noa's erteilt worden ist. Der Dichter hat uns ferner bitter Unrecht getan, indem er die Figur der Jessica schuf. Ein Modell für diese entartete Tochter, die ihrem Vater, der an seinem einzigen Kinde mit zärtlicher Liebe hängt, davonläuft, die ihren Vater in gemeiner Weise bestiehlt, die den Berlobungsring ihrer Mutter für einen Affen hingibt, die die ärgsten Schmähungen über ihren Vater anhört, ohne zu erröten, konnte der Dichter in jüdischen Kreisen nicht finden. Galten und gelten doch Sittsamkeit und Keuschheit als die wesentlichsten Eigenschaften der jüdischen Mädchen, ist doch bei keinem Volke verbreiteter als bei uns die Verehrung der Eltern und ist uns doch heute noch maßgebend das Wort des weisen Königs: „Ein Auge, das des Vaters spottet, das mögen aushacken die Raben des Tales." (Fortsetzung' folgt.)

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