Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1907)
- Date
- 1907-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'l^WHHMff^ygfa Jlt;^ «j^'W^.VM^lWffW'.lDIWIiiHW Rc. 33. 6. Juni 1907 Der JSraeltt. Sette S. werden, daß unter Assistenz eines gesetzestreuen Rabbiners ein Uebertritt zum Judentum zu den größten' Seltenheiten gehört. Wenn die einschlägigen Gesetzesbestimmungen genau befolgt werden, ist es auch anders gar nicht denkbar. Eine Errungenschaft der Reform bleibt es, auch in diesem Belange jüdische Grundsätze leichtfertig preisgegeben zu haben. Die Chewrcr-Kadischah der Gemeinde hat nahezu eine Million für wohltätige Zwecke verausgabt. Der Frauen-Berein hat meyr alseine Viertelmillion und der isr. Handwerks- und Ackerbau - Verein viele Tausende für humane Zwecke verwendet. Im Schoße dieser größten Reformgemeinde Ungarns, die über hundert jüdische Millionäre zu ihren Mitgliedern zählt, besteht eine große Zahl humanitärer und religiöser Anstalten, die, zusammengenommen, mit Summen arbeiten, die dem Budget jedes Balkanstaates zur Ehre gereichen würden. Aber zur Hebung des Judentums, zur Verwirklichung der jüdischen Gesetzespflicht im allgemeinen geschieht blutwenig. Die Zöglinge des obenerwähnten Vereins werden z.B. zur Entweihung des Sabbaths und zum Genuß von ex otto verhalten. Der jüdische Charakter dieser und ähnlicher Anstalten der großen Budapester Kehillah wird nur Noch zweimal im Jahr, durch Veranstaltung eines Chanukaabends und eines Seder, bei welchen Anlässen die steinreichen Wohltäter von Zöglingen und offiziellen Rednern belobt werden, vordemonstriert. Wir wollen durchaus nicht den großartigen Zedokoh-Apparat jener Vereine geringschätzen. Aber erst dann erfüllten solche Institutionen ihren wahren Zweck, wenn sie vom Geiste des unverfälschten Judentums durchhaucht wären und so erst den Stempel echter und rechter jüdischer Zedokoh an sich trügen. Man stelle sich z. B. vor: Die große Budapester Gemeinde, die alljährlich, wie wir sehen, mit vielen Millionen operiert, besitzt kein rituelles Bad. Man sollte es gar nicht glauben, wie unsere fortschrittlichen Juden mit ihrer rühmlichst bekannten Freigebigkeit bankerott werden, wenn es sich um eine echtjüdische Sache handelt.^ Belgien. Chora-HJeihe in Brüssel. (Bon unserem Korrespondenten.) Brüssel, 4. Juni. In der gleichen Nummer des vorigen Jahrgangs brachte der „Israelit" einen Bericht aus Brüssel, der mit der Bemerkung schloß, daß unsere gesetzestreue Gemeinde immer mehr erstarke und blühe, und heute, also nach genau einem Jahre, kann ich Ihnen von einer Feier in derselben berichten, die sogar von großen hiesigen Tageszeitungen erwähnt wird. Am vorigen Sonntäg fand nämlich die Einweihung einer neuen mm ">Lv statt, ein Fest das seit dem Mittelalter, in dem Brüssel eine große jüdische Gemeinde hatte, vielleicht noch nie hier gefeiert wurde, jedenfalls nicht in den letzten 50 Jahren - was Wunder also, daß das Gotteshaus in der rue Delenglentier überfüllt war und auch Personen, die in der Lebensführung die Lehren der Thora mehr oder weniger außer Acht lassen, sich doch gedrungen fühlten, zu deren Ehre in der Synagoge zu erscheinen. Ist es denn nicht natürlich, daß Jeder, der noch einen Funken jüdischen Gefühls verspürt, mit Ehrfurcht die wunderbare Pergamentrolle betrachtet, die in Tausenden Exemplaren in allen Weltteilen verbreitet, unverändert ist und bleiben wird! Gibt es ein zweites Werk auf der Welt, von dem man sagen könnte, daß alle Ausgaben desselben seit Tausenden von Jahren auch nicht in einem einzigen Buchstaben voneinander abweichen? Und dieses einzigartige Band, das die Israeliten der ganzen Welt umschlingt, bewährte auch seine, einigende Kraft bei der eindrucksvollen Feier, die vorigen Sonntag in der festlich geschmückten Synagoge der rue Volsoglvnlier stattgefunden hat. Zu derselben erschienen der Oberrabbiner von Belgien, die Rabbiner Schwartz von Brüssel und Wiener' von Antwerpen - der Berwaltungsrat der Hauptsynagoge delegierte Herrn Generalkonsul Cassel, um so öffentlich die Berechtigung zur Bildung einer Separatgemeinde anzuerkennen, die jedoch der Regierung gegenüber vom belgischen Zentralkonsistorium ressortirt. Es soll jedoch ausdrücklich betont werden, daß die Beziehungen der orthodoxen Gemeinde zum Konsistorium mehr administrativer und finanzieller Natur sind, daß aber bezüglich der speziellen Institutionen unserer Gemeinde deren absolute Unabhängigkeit vollständig gewahrt ist. Unser verehrter Vorsteher, Herr PolosinskL der Begründer und unermüdliche Leiter unserer Gemeinde erhob am Schluß der Feier das Glas auf das Wohl der Gäste und mit Freude gab er der Hoffnung Ausdruck, daß auch ferner sich Veranlassung bieten möge zu fteudigen Zusammenkünften im Interesse und zur Ehre von 7*0 773 Und nun noch einige Worte über den Verlauf der Feier: Nach dem Mincho-Gebete und der Vollendung des neuen "idd wurden die übrigen Thorarollen der heiligen Lade e tnommen und in feierlichem Umzuge dreimal um den Almemor getragen, wozu der Vorsänger das Onohoschiono sang. Hierauf bestieg Herr Oberrabbiner Bloch die Kanzel, um unter Zugrundelegung des VNO in französischer Sprache schwungvoll auszuführen, daß aus dem Glauben an einen Gott die Versöhnung und Einheit des Menschengeschlechts resultirt und der wahre Israelit deshalb die Menschenliebe gegen Jedermann übt, der des einen Gottes Kind ist. Nach Rezitierung des 33. Psalms richtete unser Rabbiner, Herr Bamberger, eine begeisterte Ansprache an die Festteilnehmer in deutscher Sprache unter Betonung der risi-r mm, wie sie für Alle gleich bindend sei oyne Unterschied des Rangs und sozialer Stellung und wie sie allen gleiche Pflichten verleiht und allen gleiches, unvergängliches Glück gewährt. Nach dem Gebet Hanoffen Teschuoh wurde unter dem Gesang von Psalm 24 die Seser-Thora wieder in die heilige Lade gebracht, worauf die Feier in Psalm 150 und Jigdal stimmungsvoll ausklangdenn unser pn, Herr Kubowitzki, verbindet mit einer klangvollen Stimme eine gemütv lle Vortragsweise, die von Her;en kommend auch den Weg zum Herzen der Zuhörer findet. vermischtes. Hanau, 29. Mai. Man schreibt uns: „Seit einiger Zeit arbeitet in der näheren und weiteren Umgegend Hanaus, z. Zt. in Bayern und Hessen ein 7O1O, namens Ab r aha m Hey de aus Trechen bi Köln. Derselbe wurde durch einen Lehrer des Hanauer Rabbinats- Bezirkes, dem gegenüber er sich auf eine n73p eines nicht mehr amtierenden Rabbiners berief — die er aber nicht vorzeigte —, aufgefordert, sich vor der Uebertragung von Arbeiten an den Provinzialrabbiner zu wenden, leistete aber dieser wiederholten Aufforderung, trotzdem er in Hanau gewesen sein muß, nicht Folge und verzichtete lieber auf die Arbeit. In einer anderen Gemeinde desselben Bezirks gelang es ihm, Arbeit zu bekommen, wo von ich nachträglich Kenntnis erhielt. Daraufhin erkundigte ich mich bei dem Rabbiner des Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen Rheinlands, zu dem die Gemeinde Frechen gehört und erhielt den Bescheid, daß ihm (Herrn Rabb. Dr. Wolf) der genannte nicht bekannt sei, er auch noch nie ihn habe als solchen nennen hören. Es dürfte sich demnach ohne Zweifel um einen nicht — oder wenigstens nicht mehr — qualifizierten Herrn handeln, der, auf die Unkenntnis vieler Landleute rechnend, angebliche Ausbefferungen, wahrscheinlich aber Verschlechterungen von tjnp *QrD ausführt und es erscheint mir angebracht, in Ihrem gesch. Blatte vor demselben zu warnen bezw. durch diese Bekanntgabe auf den Herrn selbst, deffen gegenwärtiger Aufenthalt mir unbekannt ist, in dem Sinne einzuwirken, daß er jeweils an zuständiger Stelle sich über seine etwa bestehende Qualifikation ausweise." Schtvabach. 3. Juni. Mit Rücksicht auf die wachsende Zahl der isr. Schüler am hiesigen P r o g y m n a s i u m hat der Magistrat beschlossen die Zahl der R e l i g i o n sst u n d e n für Israeliten um 2 zu erhöhen und die Mittel dafür in den E at einzustellen. Wie wir von wohlinformierter Seite erfahren, geht dte Anregung dazu vom Rektorat des Prozhmnasiums aus. Auch sonst zeigt dasselbe bei jeder Gelegenheit eine ersteuliche Rücksichtnahme auf die religiösen Anschauungen und Bedürfnisse unserer Glaubensgenossen. So ist den isr. Schülern am der Besuch des Bormittagsgottesdienstes, der naturgemäß in die Unterrichtszeit fällt, bereitwilligst gestattet und es wird der Stundenplan nach Möglichkeit so eingerichtet, daß diese Schulversäumnts keinen Nachteil für die Israeliten zur Folge hat. Pose», 30. Mai. Wiederum hat unsere Provinz eine jüdische Volksschule verloren. Nachdem Herr Lehrer Paus aus Jaratschewo die Verwaltung der Lehrerstelle an der jüdischen Volksschule in Gostjo übernommen, haben die Schulsocietätsmttglieber in Jaratschewo beim Kultusminister beantragt, da die Schülerzahl zu klein geworden ist, ihre Schme aufzulösen. Die vorhandenen Schu linder find der evangelischen Schule überwiesen worden. Die jüdische Schule bestand seit dem Jahre 1836. Pose«, 2. Juni. Der Bau der neuen Synagoge Hierselbst geht rüstig vorwärts. Die Außenarbeiten werden binnen kurzem beendet sein, worauf dann die Inneneinrichtung begonnen werden kann. Wie es allgemein heißt, soll die Einweihung im August oder September ds. Js stattfinden. Das weithin sichtbare Gebäude wirb mit zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt Posen zählen. Rotterdam, 3. Juni. Das Gemeinde-Laboratorium von Rhffel hat der Presse bas Resultat einer Untersuchung von Chocolade mitgeteilt. Man war darauf aufmerksam geworden, baß viel Chocolade zu niedrigerem Preis verkauft wirb, als echte Ware kosten kann. ES ergab sich, daß die Chocolade mit einem Fettstoffe verfälscht war, der unter anderem Palmöl und Wachs enthält. Es ergab sich bei weiterer Untersuchung, daß das Fett von einer Firma in Liverpool kam, die es in großen Mengen an Chocoladefabrikanten in Frankreich und England verkaufte. Sie spiegelte vor, baß daS Fabrikat selbst durch.chemische Untersuchung von Cacaobutter nicht unterschieden werden könne. Darin irrte sich die Firma nun fteilich. Aber ihr Glaube, daß solche groben Fälschungen nicht entdeckt werden könnten, beweist doppelt klar, daß man nur dann sicher geht koschere Chocolade zu erhalten, wenn man nur unter zuverlässiger ravbinischer Aufsicht hergestellte Ware kauft. Budapest, 1. Juni. Der ruffische Journalist Moses Schächter hätte von der Polizeibehörde in Bärtfa einen Ausweisungsbefehl erhalten. Die Schritte* die er hierauf beim Minister des Innern Grafen Julius And r ä ff y unternommen hat, um seine für den 31. Mai anberaumte Abschiebung hintanzuhalten, führten zum Ziele. Der Minister hat, wie man erfährt, den Ausweisungsbescheid der Bärtfaer Polizeibehörde mit der Motiviernng annulliert, daß Schächter eine Beschäfttgung nachgewiesen und auch eine ständige Wohnung in Ungarn habe. So lange er also den Bedingungen entspreche, welche an den Aufenthalt eines Fremden in Ungarn geknüpft seien, könne Schächter nicht ausgewiesen werden. Blazowa (Galizien), 21.^ Mai. Das hiesige Städtchen, das etwa 400 jüdische Familien zählt, ist am 15. v. Mts. das Opfer einer furchtbaren Feuersbrunst geworden. 250 Häuser, die meist Juden angehören, sino niedergebrannt. Das Elend der Obdachlosen ist unbeschreiblich. Die Betroffenen haben alle ihre Habe verloren und sind dem Hunger preisgegeben. Das am Orte gebildete Hilfskomitee bittet alle Brüder, nach Kräften zur Linderung der in Blazowa herrschenden Not beizutragen. (Die Expeditton d. Bl. ist bereit, Spenden in Empfang zu nehmen und weiter zu vermitteln.) Uerein$w*$eit. Hamburg, 2. Juni. Am 13. Mai fand die diesjährige (16.) Generalversammlung des hiesigen Israelitischen Stell envermittlungs-Vereins (rDlP im Vereinslokal statt Der Vorsitzende erstattete zunächst den Geschäftsbericht und erwähnte, daß der Verein im vergangenen Geschäftsjahre seine Zwecke in ruhigen Arbeiten gefördert und Resultate erzielt habe, die den vorjährigen aleichkommen. In mehreren Fällen konnten junge Leute direkt vor rDIP durch die Tätigkeit des Vereins geschützt werden. Bezüglich des bereits im Vorjahre erwähnten Antrags Kümpel in der Bürgerschaft betr. vollständige Sonntagsruhe in den Comptoiren, der einem Ausschuß überwiesen, ist, hat der Verein eine ausführlich begründete Eingabe an die betr. Kommission gerichtet, deren Resultat noch aussteht. Die Sache wird mit Aufmerksamkeit verfolgt. Auf mehrfach ausgesprochenen Wunsch des Verband es der Sabbathfreunde haben einige Herren aus dem Vorstande des Vereins die Vorarbeiten zur Begründung einer Ortsgruppe in die Hände genommen und werden in Kürze mit einem Aufruf in die Oeftentlichleit treten, hoffentlich mit gutem Erfolg. (Die Ortsgruppe ist inzwischen gegründet worden. D. Red.) Es waren im Vorjahre genieldet: Bakancen 318 (Commis 225, Lehrlinge 88, j. Mädchen 5), dagegen Bewerber 124 (Commis 106, Lehrlinge 14, j. Mädchen 4). Hiervon wurden besetzt 54 (Commis 39, Lehrlinge 11, j. Mädchen 4). Wie bereits in früheren Jahren konstatiert werden konnte, herrschte steter Mangel an guten Bewerbern und fanden tüchtige junge Leute fast immer sofort Stellung. Man konnte daher mit G.nugtuung die anderweitig gemachte Beobachtung bestätigen, daß ein Mangel an Stellungen, der leider oft genug als Grund für die Entweihung des Sabbath vorgeschoben wird, nicht existiert, umgekehrt fehlt es fast immer für besser dotierte Stellungen, bei denen größere Ansprüche gestellt werden, an Bewerbern. Man niuß daher fort und fort an die jungen Leute d e Mahnung richten fkch in kaufmännischen Kenntnisien (ftemde Sprachen, Stenographie, Maschinenschreiben etc.) nach.Mögl chkeit zu vervollkommendann wird Stellenlostgke t selten eintteten.