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Der Israelit · 1907-06-06 · Heft 23 (6.6.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 23 (6.6.1907)
Date
1907-06-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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WWWW 4. Nr. S8. V« Israelit. 6. Amit 1907 uns aufgeworfenen Frage heißt es in seinem schon oben erwähnten Buche (S. 99—106): „Versuchen wir nun, zu der Lehre von der Abstammung Stellung zu gewinnen, so ist das Wichtigste dabei die Erkenntnis, daß das eigentliche Problem in der Sache gar kein speziell-zoologisches bleibt, sobald man genauer Hinsicht, sondern ein allgemeines ist,, und damit zugleich kein plötzlich ausgeschossenes bedenklich neues, das uns unvorbereitet trifft, sondern ein uraltes, das wir längst in unserer Mitte hatten. An der ganzen Lehre ist' nämlich die „Descendenz" eigentlich etwas sehr Nebensächliches. Auch wenn sie hinfiele und sich als wissenschaftlich nicht sicher erweislich herausstellte, so bliebe die „Evolution" im Gebiete des Lebendigen als nicht mehr anzusechtende Tatsache bestehen und mit ihr genau die gleichen angeblichen Fatalitäten für fromme Wettansicht, die man gewöhnlich der Descendenzlehre zurechnet. Das sieht bedrückend aus, ist aber in Wahrheit befreiend. Evolution, Entwicklung, ist seit Aristoteles ein alter vornehmer Begriff in der Geschichte des Denkens, Descendenz aber sozusagen erst ein moderner Emporkömmling. Sich entwickeln heißt nach alter gewohnter Borstellung, aus dem cl^namei in das energftia einai aus der poienua in den actus, aus dem Sein der Anlage, etwa aus dem Keim, in das der vollen Verwirklichung, etwa in den Baum, übergeführt werden. Dabei durchläuft das sich Entwickelnde alle möglichen Phasen der Entfaltung, die sich wie Stufen zu einander verhalten, eine genau aus der anderen hervorgehend und wieder die nächste vorbereitend. So ist die ganze Natur, so speziell das Reich des Lebendigen in ihr eine Stufenleiter der „Entwicklung". Was im niedersten Lebewesen „potentiell" beschlossen ist, das ist im höchsten, etwa in, Menschen, „aktuell" geworden, oder verwirklicht, d^urch eine geschlossene Kette von Phasen immer vollerer Entfaltung hindurch. Bei dieser Anschauung nun ist früher nicht von ferne daran gedacht worden, daß die jedesmal höhere Stufe aus der niederen de facto „descendiert" sei, aus ihr durch körperliche und geistige Umänderung einiger ihrer Vertreter umgestaltet sei. Wie die Welt z. B. bei Aristoteles von unendlicher Zeit her immer war, so auch die Stufen und Formen des Lebendigen, jede immer nur wieder sich selber erzeugend. Vielmehr der Idee und dem Wesen nach ist jede höhere Stufe eine Entwicklung, eine völligere Entfaltung dessen, was auf niederer Stufe, und schließlich der Mensch die volle Berlvirklichung dessen, was schon auf unterster Stufe in der Potenz gesetzt war. - Diese Lehre von der Entwicklung war in neuerer Zeit wieder die Grundanschauung der Leibniz und Kant, der Goethe, Schelling und Hegel. Sie brachte Einheit und Zusammenhang in. den Bau der Natur, verband alles durch Stufen, verneinte alle klaffenden Risse und stiftete Verwandtschaft zwischen allen Formen des Lebendigen. Und zu dem allen, brauchte sie nicht erst die Vorstellung der eigentlichen Descendenz. Ein wirkliches äußerliches Mündern und Uebergehen einer Stufe in eine andere erschien ihr als eine allzu hölzerne und grobe Veräußerlichung des Evolutionsgedankens, als eine „allzu kindliche und nebulöse Hhpothese". (Hegel.) Dabei würde man gerade vom Standpunkte dieses ursprünglichen und echten Evolutionsgedankens aus alle jene bedeutsamen Einsichten vergleichender Anatomie, Morphologie und Physiologie, die heute die Deszendenzlehre als Hauptargumente zu schnell für sich in Anspruch nimmt, als Bestätigungen des eigenen Standpunktes begrüßt haben. In der Tat beweisen sie alle zwingend für Evolution, aber nicht eine einzige, bis zum biogenetischen Grundgesetze und bis zum geimpften Schimpansen inklusive, zwingend für Deszendenz. Dieser Umstand ist immerhin bedeutsam genug, euren Augenblick dabei zu verweilen. Um gleich oas letzte Beispiel herauszuneymen: Blutmischung zwischen zwei Arten ist durchaus nicht schon deswegen möglich, weil sie etwa voneinander oder von einer gemeinsamen Wurzel deszendierten, sondern ganz lediglich ihrer systematischen (ideellen) Verwandtschaft wegen, nämlich deswegen, weil sie sich in ihren physologischen Qualitäten und Funktionen nahe genug stehen und homolog sind. Wäre bei der Descendenz, etwa durch sprungweise Entwicklung, diese Homologie gestört, diese Verwandtschaft i m 2 y st e m aufgehoben worden, so hülfe Descendenz ihnen nichts. Also nur für System-Verwandtschaft, also nur für Evolution beweist der Fall. Woher aber solch systematische Verwandtschaft sich schreibe, ob sie durch Descendenz zu „erklären", ob sie von Ewigkeit bestanden, ob sie sonstwie entstanden sei, darüber schweigt das Experiment völlig. ....... Bon der Evolutiouslehrc auch noch zur Descendenzlehre überzugehen, wird nun allerdings doch durch den Umstand gefordert, daß die Erde nicht ewig war und also auch nicht die Formen ihrer Lebewelt ewig waren, daß die einzelnen Stufen derselben in geordneter aufsteigender Jkeihe nacheinander erscheinen, und dadurch, daß es einfacher und plausibler ist, sich vorzustellen, daß jede höhere Stufe aus der niederen hervorgegangen sei, als daß jede sozusagen für sich einzeln das Werden angefangen habe. Eine Reihe von Argumenten kommen bestätigend hinzu, llnd gewiß wird man, wie oben schon gesagt, den Uebergang von bloßer Evolutionszur Descendenzlehre vollziehen. Wer klar ist, wie wenig dann der spezielle Gedanke der Descendenz zur Sache hinzutut. Es ist ein oft wiederholter und durch sich selbst einleuchtender Satz, daß es sachlich sehr gleichgültig sein würde, ob der Mensch aus der Erdscholle oder aus schon geformtem lebendigen Stoffe, etwa aus einem höheren Wirbeltiere hervorgernfen sei. Die Frage würde nur sein, wie viel oder wie wenig er von der einen oder dem anderen noch an sich habe, und wie vrcl ihn unterscheide. Auch bei stattgehabter Descendenz — z. B. im Wege der fprünglveisen Entwicklung — könnte ganz wohl das letztere, das Unterscheidende nämlich, so groß sein, daß der Mensch trotz leiblicher Abstammung nach seinen geistigen Fähigkeiten, nach Gemüts- und sittlichen Anlagen in eine völlig neue, über alle keine Vorgänger hinausgreifende Kategorie, hineingehörte. Gar nichts hindert und vieles spricht dafür, anzunehmen, daß der letzte Sprung aus der Tierheit in die Menschheit bin so weiter war, daß mit ihm ein zu allein früheren unvergleichliches Frei- und Reichwerden des Seelischen stattfand, durch welches es erst in Wahrheit zu sich selber kam und alles vorige nur zu feinem Vorspiel machte. Und andererseits könnte auch ohne Descendenz und bei getrenntester Einzelschöpfung der Mensch, vermöge ideeller Verwandtschaft und Evolution, sehr wohl nichts anderes sein als eine nur relativ von den unteren geschiedene Stufe der Entwicklung. Nicht erst die Descendenzlehre, sondern schon die Evolutionslehre gruppiert den Menschen in eine Reihe mit den Lbrigen Lebewesen, läßt ihn die Entfaltung sein dessen, was unter ihm ist, und in allmählicher Stufenfolge zu ihm hinansteigt. Und die Nähe, Analogie und Verwandtschaft mit dem, was unter ihm ist, wird durch die Descendenz nirgends größer oder intimer oder fataler. Die Descendenzfrage stellt sich also Heralls als eine solche, die w der isolierten Charakter, noch eigenen Wert hat. Sie wird eine nebensächliche Be gleiterin all jener Fragen und Probleine, die durch den Gedanken der Evolution überhaupt gestellt sind oder mit ihm verwandt sind, die ohne Darwin in unserer Mitte sein würden, die durch zoologische Ein sichten nicht erleichtert und nicht erschwert werden können, und die, wenn sie erledigt werden, die Schwierigkeiten von seiten der Descendenzlehre sogleich mit erledigen. Zu Veranschaulichung hierfür über lege man nur Folgendes. Es ist doch an der Desccn denzlchre wohl das Drückendste, daß durch sie das menschliche Geschlecht ohne sichere Grenze, ohne ab solute Scheidung mit undeutlichen Linien ins Unter menschliche sich zu verlieren scheint. Lercht zu sehen ist nun, daß dieses Problem in der Tat nur ei» Teil ist eines größeren und daß es nur erst mit diesem größeren wirklich, erledigt wird. Glückte es nämlich auch, jene Fatalität inbezug auf das ganze Menschengeschlecht zu neutralisieren und irgendwie das selbe gegen das Tierreich mit sicherer Grenze abzn reißeu, so stellte sich dieselbe Fatalität doch sogleich bei jedem einzelnen Menscheil wieder her. Hier haben wir ja unausweichlich das Problem der Entwicklung mit gleitenden Uebergängen, das Aufsteigen aus dem animalischen zu menschlichem Zustande und die Frage: „Wann ist wirklich Seele und Geist, wann wirklich Mensch und Ich, ivann Freiheit und Verantwortlichkeit". Das ist aber dasselbe Problem wie dort, Nur mit kleineren Buchstaben geschrieben, nämlich das allgemeine prodlema continui im Gebiete des Lebendigen und Geistigen. ...... Solchem probst ma continui gründlich nachzudenten, ist hier nicht der Ort. Hier nur noch einmal die Erinnerung daran, daß die „Entwicklungslehre" die Lehre der großen philosophischen Systeme von Aristoteles bis zu Leibniz und zu den großen deutschen Idealismus-Philosophen gewesen ist: Männer, in deren Schule die fromme Weltansicht sich gewöhnt hat. Und weiter kurz die wichtigsten Gesichtspunkte zur Beur teilung der allmählichen Entwicklung: 1. Eilte Sache als in Entwicklung werdend erkennen heißt nicht, ihr Werden erkennen. Das Innere des Werdens verbirgt sich im Geheimnis des Trans szen deuten. Durch das stufenrnäßige und allmähliche Hervor gehen des Höchsten und Vollendetsten aus dem Primi tiven wird nicht die spezifische Eigentümlichkeit, das Eigene und Neue der höchsten Stufe gegen ihre Unterstufen verneint. Denn so eng auch Stufe an Stufe sich legt und so unmittelbar sie auch aus ihr hervorgeht, so hat doch jede höhere ein Minimum und Differential von Neuem (oder mindestens von individueller Gruppierung der Momente des Alten), das aus dem Vorherigen sich nicht als aus seinem zureichenden Grunde erklärt, sondern aus der Tiefe der Dinge neu erschließt. 3. Die Entwicklung drückt nicht den absoluten, gegen den Wert der Mittelstufen unvergleichlichen Wert der Vollendungsstufe herab, sondern stellt ihn fest. Dem vollendeten Baume sind die Stufen von Eichel, Sproß, halbentwickeltem Stadium nicht gleichwertig, sondern sie verhalten sich zu ihm wie Mittel zum Zweck und sind dem seinen gegenüber verschwindenden Wertes. 4. Alle „Abstammung" und „Entwickelung", wie sie schon für das allmähliche Werden der körperlichen Organisation und ihr Geheimnis nicht sowohl Erklärung, als nur ein Leitfaden ist, erklärt noch viel weniger inbezug auf Entstehung und Wachstum der psychischen Vermögen überhaupt und inbezug auf das die Gewerbekaffe. Dm etnm Dollar kaffe ich als Anzahlung hier zurück und nun gehabt Euch wohl auf Wiedersehen!" Der Wirt schob ihm noch eine Flasche vom bestm Tiroler in die Tasche und dann verließ Jacob Weber das Haus und eilte mit seinem Geldschatz der Höhe zu. IV. Reisinger hatte sich anscheinend in sein Frühstück und in die Zeitung vertieft) in Wirklichkeit aber war ihm kein Wort von der ganzen Unterhaltung entgangen. Die Dollars warm ihm so sicher, als hätte er sie bereits in der Tasche. Er schüttelte nur den Kopf über das Borurteil, das ihn mit Dachshofer einm belebten Badeort aufsuchen ließ in der Meinung dort leichter zu Geld *u fontmen, während es doch offen am Tage lag, daß Geld überall zu finden ist. Nur offene Augen und Ohren muß man habm und ein bischen Glück, dann findet man das Geld selbst in einem Nest wie Imst und sogar in einem abgelegenen Bahnhäuschm wo man nichts zu tun braucht als eine alte Frau abzumurksen. Reisinger war entschloffen bald nach ein Uhr in dem Wärterhäuschen zu sein, die Frau zu töten und dann mit dem Geld bis zur nächsten Station zu gehen von da nach Landeck und dann in die Schweiz zu reisen wo er sich vollkommen sicher glaubte. Der Löwmwirt hielt sich jetzt verpflichtet seinen Gast ein wmig zu unterhalten. ,>Jst daS nicht ein eigner Kauz" meinte er, „eine solche Summe Goldes in ein abgelegmes Bahnwärter häuöchm zu tragen? Dabei ist der Mann sonst ganz vernünftig, er sieht ganz intelligent aus. Aus seiner Religio» kann freilich keiner herausfommen, man weiß nicht ob er zu den Evangelischen oder gar zu den Juden oder Heiden gehört, eS hat ihn noch Niemand in der Kirche gesehen." Der Gast gähnte und sagte cr habe weder den Mann mauer angesehen noch habe er etwas von der Unteraltung gehört, sondern er habe die Zeitung inzwischen gelesen. Jetzt müsse er aber über den Berg nach Lanoeck und ließ sich vom Wirt die Tour genau beschreiben, zahlte dann seine Zeche und lud den Rucksack auf dm Rücken und ging seines Weges. Zuerst folgte er der Vom Wirt bezetchnetm Richtung, dann bog er ab nach der Bahnlinie und der Höhe zu in welcher das Wärterhäuschm sein mußte. Auf dem Wege kam er bei einem Kleidertrödler vorüber, der neue und abgetragene Arveiterkleider zu verkaufen hatte. Er kaufte einen fadenscheinigen Wamms, ein Paar abgenützte Hosen und einm alten Hut für weniges Geld und trug die Kleider in einem^kleinen Packen mit sich. Im Wolde zog er seine guten Kleider aus und legte sie. in den Rucksack und zog die Arbeiterkleider an. Die blaue Brille steckte er in die Tasche und steuerte nun der aufwärts steigenden Bahnlinie entlang auf einem Fußpfad dem Wärterhäuschm entgegen. Als er dasselbe in der Entfernung von ewigen hundert Metem gewahrte, stellte er Rucksack und Alpstock unter eine der Tannen und ging als bettelnder Handwerksbursche auf sein Ziel los- Fortsetzung folgt. Berliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 2. Juni. Ueber Herm Asch's „Gott der Rache" haben Sie unter dem zutreffendm Titel „Ein literarischer Skandal" bereits referiert. Ich komme aber noch eimal auf dieses Machwerk zurück, weil der Hauptschuldige an diesem Skandal viel zu wenig erkannt wordm ist. Wenn ein schlechtes Stück dm Beifall des Publikums findet, so ist dieses allemal viel schärfer zu beurteilen als der Dichter. Sucht man den wahren Schuldigen für diese Herabwürdigung unseres Heiligsten, so ist es wirklich nicht Herr Asch. Ich würde wenigstens jeden für einm ausgemachten Narrm ansehey, der sich darüber aufregte, daß Herr Schalom Asch sich seinen Gott als einen „Gott der Rache vorstellie, oder daß er es fertig bringt, die Empfindung von der Heiligkeit einer Sefer Thora mit dem Niedrigsten, was es auf Erdm gibt, zu Verkuppeln, oder daß ihm selbst die Oualitötm avgehen, die den Vogel davon abhalten, sein eigmes Nest zu beschmutzen usw. usw. So bedeutsam diese Gedankenreihe für die Bewertung des Menschen und Dichters Asch auch wärewen außer ihn selbst könnte sie interessierend Der wahre Schuldige an dieser plumpen Verletzung unserer bestm und reinsten Empfindungen ist wieder jener jüdische „Kultur"-Klüngel, der schon so unendlich viel Unheil und Unsegen über uns heraufbeschworen hat, der vermöge seiner Lungenkapazität und Muskulaturentwicklung die leicht irrczuführenoe Oeffmtlichkeit über die- Bedeutungslosigkeit seiner Gefolgschaft nur zu oft, wie auch hier wieder, zu täuschen verstandm hat, dem durch unausgesetzte Aufklärung der Oeffmtlichkeit ent. gegenzuwirken und die Wurzel abzugrabm, darum eine der vornehmlichsten Pflichten der jüdischen Publizistik sein muß. Was diese Kreise bewog. Herm Asch in die Oeffmtlichkeit zu lancieren und in tollem Begeisterten gs taumel die . epochale" Bedeutung ihres Dichters in alle Winde zu rufen? ES gehört immerhin schon etwa? psychologisches Verständnis dazu, die Beweggründe dieser methodischen Tollheit zu erkennen- Im Berliner Kunst leben herrschen z. Z. unumschränkt zwei Liebhabereien, von ihren Amateurs wohl auch „Richtungen" benannt. Die eine Nennt sich „Heimatskunst" und reicht von Frenssen bis Jettchm Gebertdie'andere nennt fich nicht

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