Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1907)
- Date
- 1907-05-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Nr 22 des „Israelit" euilleton. Lwircden Turcbt nns Hoffnung. Erzählung aus dem rusfisch-japanischen Krieg 10] von G. Schachnvwitz in E«Vi«Le« (Fortsetzung.) Der Kommandeur seufzte leise und murmelte etwas in seinen Bart, dann ließ er die kleine Expedition abtreteu, mit der nochmaligen Mahnung, sich für den Nachtdienst für den sie vom Wachtmeister noch nähere Weisungen erhalten, frisch und bereit zu halten. Am Nachmittage wollte Salam, in Vorbereitung für die kommende schlaflose Nacht, sich ein wenig Ruhe gönnen. Kaum war er jedoch auf der Bank eiugeschlafen, als ihn ein Kamerad lachend weckte, es treibe sich draußen ein langer Soldat vom 2. Jägerbataillon umher, der durchaus zu ihm wolle und sich nicht abweisen läßt. Es sei ein Jud', beteuerte der Jäger, aber einer mit eisernen Klauen. Namen wußte er keinen zu nennen, es kann aber, meinte der Kamerad, kein anderer als er, Salam Chasimow, sein. Unwillig stand Salam auf und ging hinaus. Vor ihm stand Wanuschka, verdutzt und niedergeschlagen. „Lieber Freund," fing er gleich an, ohne ihn anzublicken, „bin gekommen, um Dich um Verzeihung zu bitten " „Ist durchaus nicht notwendig!" „Und dünn noch eine Bitte," setzte der Jäger schüchtern fort, „weiß nicht, ob ich es verlangen darf. Aber habe, weiß Gott, keinen anderen Answeg. Du mußt mir helfen, mußt mich retten!" „Ich? Wieso? Und Deine Freunde?" Salam war überzeugt, daß es sich nur um Rettung aus Geldnöten handeln konnte. Aber Wanuschka lachte bitter: „Ja, meine Freude! Darum handät es sich eben. Die, der Wainka, Karntzki, Swinow haben gestern Nacht in sinnloser Betrunkenheit drüben in der Kneipe etwas Unheilvolles an gerichtet. Weiß nicht genau was, aber sie sind bereits alle drei im Loche und man spricht vom Kriegsgerichte. Nun hat man mich auch bei ihnen gesehen und werde ebenfalls in Untersuchung gezogen, bin aber, weiß Gott, unschuldig, denn ich habe sie nicht mehr zu sehen bekommen. O Bruder, hilf mir nun, da ich sonst verloren bin!" Dem blonden, langen Kerl standen große Tränen iu den Augen. Salam antwortete nach einigem Nachdenken mit ruhigem und festem Tone: „Wenn Du mich als Zeugen angibst, so werde ich der Wahrheit gemäß aussaaen, daß Du Dich am Felsblocke von den Freunden getrennt hast und etwa eine Stunde bei mir geblieben bist. Dann aber einen anderen von der Hügelschenke entgegengesetzten Weg eingeschlagen hast." Ein Freudenstrahl durchzuckte das Gesicht Wanuschkas, dann aber schaute er wieder finster und ungläubig den jüdischen Kameraden an. „Und nicht, daß ich betrunken war, daß ich Dich beleidigt, daß ich Raufhändel anfing?" „Nein!" Das „Nein" war so fest und überzeugend, daß jeder Zweifel von dem besorgten Soldaten wich. „Habe tausend Dank," sagte er, seine Hand ergreifend, „und sage mir, was ich Dir dafür schulde!" Salam lachte heiter: „Nichts! — Oder doch etwas, das Versprechen, Dich nicht mehr zu betrinken und keinen Kameraden, sei er Jude, Rechtgläubiger .oder sonst was er will, zu beleidigen." „Darf ich nicht bei Dir bleiben? Kann ich Dir keinen Dienst erweisen?" bat Wanuschka. „Habe die Nacht Patrouillendienst und möchte nun etwas ruhen," lehnte Salam ab. Schweigend und dankbar drückte Wanuschka seinem Wohltäter nochmals die Hand: „Tausend Dank und auf Wiedersehen?" Kapitel 7. Es war eine stockfinstere Nacht. Nur von Zeit zu Zeit wurde ein Teil des Horizontes von Scheinwerfern oder explodierenden Granaten rot und hell beleuchtet. Es war kalt und unheimlich auf dem rechten Schanzenhügel, den die fünf Mann unter Anführung eines graubärtigen Wachtmeisters schleichend und tastend erklommen. Lauernd und horchend wie die Katzen stiegen sie den etwas steilen nördlichen Abhang hinunter. Nun galt es, sich in die Schlucht für die Nacht einzngraben. Unwillkürlich mußte jetzt Salam wieder an jene finstere Nacht der Grenzüberfahrt denken. War die Situation eine ähnliche? Damals hatte sich ihm in Rahel ein Engel offenbart, der ihn in Nacht und Graus mit Licht und Wonne umgab. Damals war er Deserteur, aber noch ein paar Schritte und das Jenseits wäre erreicht gewesen und jenseits winkte ihm eine neue Aera, ein neues Leben nie gekannter Hoffnungen und Freuden, es lohnte sich der Mühe und Gefahr. Nun kamen sie, die Verfolger, die Arbeit war nur zur Hälfte gelungen, jene Hoffungen auf ein neues Leben der Liebe waren durch den umheimlichen Grenzgraben durchkreuzt, wohl auf immer durchschnitten. Und jetzt? Warum hat er sich für den schweren' und gefährlichen Nachtdienst freiwillig gemeldet? Er gehörte heute zu den Helden im offenen Kampfe fürs Vaterland. Aber was hatte er zu hoffen, was konnte er sich vom Gelingen der Mission versprechen? Unwillkürlich fiel im jetzt der verlegene Blick des sonst gerechten und beliebten Kommandeurs ein und sein leises Aufseufzen, als er seinen jüdischen Namen hörte. — War es nur aus reiner Liebe zum Vaterlande geschehen, zum Baterlande, das ihm selbst den Wanderstab gewaltsam aus der Hand geriffen? Oder war es Trotz, Herausforderung des Schicksals, vielleicht auch der Wunsch, als Jude tapfer hervorzutreten? Es konnte auch all dieses zusammen unbewußt bei ihm mitgewirkt haben. Salam war sich selber nicht recht klar darüber. Reue und Unentschlossenheit empfand er keine. Bon der Südseite her umv Getrappel und klingendes Spiel hörbar, auch eine graue Staubwolke, die beim tanzenden Lichte von sich bewegenden Fackeln vom tiefen Dunkel der Nacht unheimlich abftach, war vom Südwinde herübergetrageu. Der Wachtmeister schaute mit dem Feldstecher nach jener Richtung und meinte: „Unser Regiment zieht ins Feuer. Das kam früher als sie ahnten, die armen Kerls/ es wird noch heiß heute Nacht, Gott sei mit ihnen." Er bekreuzte sich, dann setzte er sich und drehte gemütlich eine Zigarette. „Und ich glaube, auch im Nordosten Bewegungen wahd^Ehmen. Wollen wir nicht die Spur verfolgen?" bemerkte plötzlich Salam. Alle erheben sich. Auch der Wachtmeister forschte nochmals mittels des Feldstechers und konstatierte endlich, es sei nur das vom Süd" winde herübergetragene Echo der Truppenbewegungen und die aus den Sümpfen gebildeten Irrlichter. Alles setzte sich darauf beruhigt hin. Rur Salam blieb auf seinem Posten mit unverwandten Augen nach -er verdächtigten Richtung schauend. Neben ihm stand der große Bastian, ein wegen Unverträglichkeit und Herzlosigkeit von den Kameraden wenig geliebter Geselle. Salam wollte wieder etwas melden, als ihm Bastian unter rohem Lachen zuvorkam: „Die Feiglinge^" er deutete nach Süden, wo eben die letzten Spuren des abziehend.en Regimentes im Horizonte verschwanden, „Weiber und Hasefüße sind sie alle. Wie sie heute alle zitterten und zagten, als der Kommandeur da vom Nachttanze am Hügel sprach. Nun he he! Nun erhalten sie die Taufe heute doch noch, während wir hier gut gedeckt . . ." Er sprach den Satz nicht fertig aus. Denn eine kleine blaue Wolke kam wie vom Winde getragen, herbeigeflogen. „Duck Dich!" schrie Salam Aber es war zu spät. Mit mächtigem Geknatter entlud sie sich dicht vor d.m Hügel. Bastian, der am Nacken getroffen war, fiel mit einem furchtbaren Auffchrei rücklings zu Boden und kollerte einige Meter bis zum Graben hinunter, wo er in einer riesigen Blutlache liegen blieb. Einen Augenblick trat Todesstille ein, dann panische Verwirrung. Der alte Führer fand sich aber bald in seinem soldatischen Elemente wieder. „Salam Chajimow," meinte er, „hatte recht gesehen. Die gelben Teufel wollen uns tatsächlich im Norden den Rückzug abschneiden. Vielleicht nur einige Pioniere für einen Umgehungsplan. Gleichwohl, unsere Aufgabe ist soweit erledigt. Jetzt," kommandierte er, „zwei von Euch transportieren den Bastian an den Verbandsplatz, zwei bleiben mit mir gedeckt auf der Lauer, um die Richtung nicht zu verlieren. Und Dich, Chajimow, halte ich für tapfer und zuverlässig genug, um dem Regimente die Meldung zu überbringen. Gehe mit Gott, immer in der Richtung nach Südosten, bis Du seine Stellung gefunden. Es ist keine Sekunde zu verlieren." Salam hatte sich pfeilschnell mit seiner Mission entfernt. Es dröhnte jetzt von allen Seiten. Ein mächtiger Kugelregen schien sich allenthalben entladen zu haben und der ganze Horizont war rot gefärbt/ es war ein furchtbares Frage- und Antwortspiel der Gewehre. Die Hügelkette, an der entlang über die gezogenen Gräben und Stoppelfelder sich der einsame Salam behende bewegte, schien wie im Kampfe der Elemente zu erbeben. Ein furchtbares und zugleich erhabenes Bild! Salam empfand keine Spur von Angst, er war nur von einem Gedanken beseelt, von dem einzigen Wunsche, das Regiment zu erreichen, der ihn wie auf geheimnisvollen Schwingen über Berg und Schlucht, Tal und Graben trug. Schon war die Hügelkette zu Ende. Der Feldweg schlängelte sich östlich durch die offene Flur. Dort mußte das Regiment stehen Noch einige hundert Meter. Wenn er nur einmal die offene Ebene, die Feuerlinie hinter sich hätte. Er hoffte sein Ziel zu erreichen. Krankenträger mit Bahren kamen ihm jetzt entgegen und wiesen ihn auf den rechten Pfad. Er war schon so nahe, daß er die Manipulationen der Krieger sehen konnte, dieses fortwährende Bücken und Anlegen, Stürmen nnd Suchen. Dort hatte sich eine Reihe gelichtet, da bewegten sich stumm die Feldherrn und die Lücken waren wieder ausgefüllt. Hinten stand etwas gedeckt der Kommandeur, er schien ganz heiser und die dicken Schweißtropfen rannen ihm die roten, erhitzten Wangen hinunter. Wenn er jetzt seine Schritte beschleunigte, wäre es bald erreicht. Seine Beine schlotterten vor Aufregung und Müdigkeit, aber er schien zu schweben. Es flimmerte ihm vor den Augen/ er hatte das Gefühl, als käme ein Reiter mtt brennender Fackel auf ihn einhergestürmt. Noch wenige Augenblicke! Da krachte es fürchterlich dicht vor ihm / es packte ihn etwas Ungeheueres an der Seite. Er wollte vorwärts laufen, schreien, sich durch