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Der Israelit · 1907-05-30 · Heft 22 (30.5.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 22 (30.5.1907)
Date
1907-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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30. Mai 190T. Sette 6 Nr. 22._ erhabenste freilich im Raume; aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht!" Die Sonne mag so unendlich viel größer sein als die Erde, ihr eigentlicher Wert liegt nicht in dem Umstande, daß sie eine gewaltige Feuerkugel ist, sondern daß sie der Erde leuchtet und sie wärmt und so das wesentlichste Mittel für alles Leben hier aus -Erden wird. „Von der ungeheueren Masse des Sauerstoffs, welche die Atmosphäre der Erde durchdringt, sind nur wenige Partikelchen gewürdigt, menschliches Blut neu zu beleben und so in den Umkreis des Geisterreiches wirksam einzutreten, dennoch werden wir diesen Dienst, den sie leisten, als den höchsten und eigenartigsten Wert des Sauerstoffs bezeichnen/") So könnte man die Beispiele aus allen Gebieten häufen, immer würde sich ergeben, daß durch die Erschließung des Weltenraumes, wie sie durch Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton und durch die Spektralanalyse in immer weiterem Maße sich vollzog, der Mensch auch nicht um eine Stufe von seiner Höhe herabsteigen mußte. Die Winzigkeit des Menschen dem Universum gegenüber hat auch der Psalmist betont: „Seh' ich Deinen Himmel, Deiner Hände Werk, den Mond und die Sterne, die Du hingestellt: Was ist der Sterbliche dann, daß Du seiner gedenkst, der Erdensohn, daß Du seiner Dich annimmst". Aber er fügt hinzu: „Und doch hast Du ihn um ein Weniges gestellt unter Gott, mit Ehre und Pracht ihn gekrönt, lässest ihn herrschen über Deiner Hände Werk, alles legst Du ihm zu Füßen." Es ist auch gar nicht wahr, daß durch das kopernikanische Weltensystem eine so grundstürzende Umwälzung im Denken sich vollzog, die auf die religiöse Weltanschauung einen entscheidenden Einfluß gewinnen mußte. Vielleicht für den Ungebildeten, der in konkreten Anschauungen zu denken gewohnt war und dem nun, als die Erde sich zu drehen begann, mit seiner früheren Borstellungswelt auch oas Heim seiner religiösen Gedanken und Gefühle ein zustürzen drohte. Vielleicht auch für den modernen Religionsstürmer, der da meint, daß alle Gläubigen die Bilder der Bibel und der populären religiösen Schriften buchstäblich nehmen. Das gilt aber durchaus nicht für die Gesamtheit Wir wollen hier nur vorn Judentum reden: R. Bechais „Herzenspflichten", R. Jehuda Halevys „Kusari", Maimonides' „Führer der Fremden", um nur einige Bücher zu nennen, wurden vmi jedem Thorakundigen und werden noch hellte in den Ländern des Ostens von Unzähligen gelesen.. Nun, das Bild von dem Universlim, das sich in ihnen darbietet, ist so grandios — den Kundigen erinnern wir an die technischen Ausdrücke: SyiBH SütP 'lD ^2 D^-na — ,das Oben und Unten so völlig aufgehoben, Gott als völlig unabhängig vom Raume gedacht, daß für diese Leser durch das neue kopernikanische System die Weltauffassung wohl vertteft, aber nicht völlig umgestaltet wrrde, vor allem nicht ein für das religiöse Empfinden völlig Neues in die Erscheinung trat.* 5) Freilich vertieft wurde die religiöse Erkennwis, und so bedeutet das Kopernikanische Weltsystem einen Gewinn für die Religion. Wie jede eingehende Naturbetrachtung dadurch, daß sie den Betrachter vor immer neue Wunder stellt, das gläubige Gemüt desto tiefer ergreift, 4) M. La;arus Ethik des Judentums S. 254. n) Wir können U! s daher der Meinung R. Schmidt's, soweit wenigstens das Judentum in Betracht kommt, nicht anschließen, wenn er (a. a O. S. 41 f.) sagt: „Auch für das religiöse Erkennen und Borstellen war diese Umwälzung der Welterkenntnis von einer nicht zu unterschätzenden Tragweite. Diese Tragweite läßt sich vielleicht am kürzesten auf die Formel bringen, daß der für unsere Religiösität so wichtige Unter schied zwischen dem Diesseits und Jenseits von einen quantitativen Unterschied, wie er es unter der Herrschaft des ptolemäischen Weltsystems war, durch das kopernikanische Weltsystem in einen qualitativen Unterschied verwandelt worden ist. Die Erde mit ihren Einwohnern i|f dem Himmel nicht ferner und nicht näher gerückt, als der fernste Fixstern, den ein Fernrohr erreichen kann." — Was an diesen Ausführungen berechtigt ist, folgt oben im Text. _Der JSraeltt. _ so haben jetzt für das religiöse Bewußtsein, nachdem auch der Laie sich daran gewöhnt hat, mit Siriusentfernungen zu rechnen und die ganze Unermeßlichkeit des Weltenraumes inseine Vorstellung aufzunehmen, Begriffe wie Himmel, Herrlichkeit Gottes usw. einen großen Reichtum erhalten. Das ptolemäische System schloß die Welt mit der obersten Sphäre ab, das kopernikanische durchbricht diese Sphäre und sagt: Der unendliche Raum dehnt sich immer weiter und weiter, er gibt uns immer neue Rätsel auf. Aber eben diese Geheimnisse, die sich uns stets von neuem anfdrängen, diese Steigerung in den Verneinungen gibt uns letzten Endes etwas Positives, eine immer höhere Vorstellung von der Erhabenheit des Weltenraumes und der Herrlichkeit seines Schöpfers. Maimonides führt in seinem More Nebuchim (I. Kap. 60) einen ähnlichen Gedanken für die Attributenlehre aus. Er hat bekanntlich mit der Lehre Ernst gemacht, daß wir Gott gar keine Eigenschaften beilegen dürfen, weil jede positive Aussage eine Beschränkung bedeuten würde. Wir könnten immer nur sagen, was Gott nicht ist. Und je mehr Negationen wir hinsichtlich Gottes häufen, je mehr wir Ihm Unvollkommenheiten absprechen, desto näher kommen wir der wahren Gotteserkenntnis. Aber, wendet sich Maimonides ein, kann man es wirklich als einen Zuwachs an Erkenntnis, als eine Annäherung an die wahre Vorstellung bezeichnen, daß immer neue Verneinungen in Bezug auf ein Wesen zu Tage gefördert werden? Er bejaht die Antwort auf das Entschiedenste: Während der Bekenner positiver Attribute nur dadurch seinen Gottesbegriff zu vollenden und zu festigen glaubt, daß er immer neue Bestimmungen seiner Vollkommenheit an ihn heranträgt, sieht derjenige, der von der Unerkennbarkeit Gottes durchdrungen ist, dadurch allein Seine Würde gewahrt und gesteigert, daß er zu immer höheren Stufen fortschreitet, auf denen er Vorstellungen als Gottes unwürdig verwirft, mit denen er früher Ihn zu verehren glaubte. Je mehr wir uns von Gott dadurch zu entfernen scheinen, desto mehr fühlen wir uns ihm genähert; was anderen als ein fortgesetztes Opfern der teuersten Ueberzeugungen vorkommt, empfinden wir als zunehmenden Gewinn, als süße Bereicherung an reinen Vorstellungen über das Gewisseste alles Vorhandenen.o) Wir haben uns in unserem Exkurs schon viel zu weit von unserem eigentlichen Thema entfernt und sind doch nur sehr kurz gewesen. Wir haben nur ein paar Andeutungen gemacht - wollten wir den Gegensatz der naturalistischen und religiösen Weltansicht erschöpfend behandeln, so müßten wir noch über unzählige andere Dinge sprechen. Ueber die Gravitation, die Erhaltung des Stoffes und die Erhaltung der Kraft. Ueber den Materialismus als Dogma, über Kausalität und Teleologie, über Mechanismus und Vitalismus, über Menschen- und Tierseele usw. Da haben wir im bunten Durcheinander nur ein paar Stichworte genannt. Immer aber wäre der Nachweis zu erbringen, daß die Auffassung, die mit der Religion nicht in Widerspruch gerät, auch die naturphilosophisch begründetere ist, daß sie an einer großen Anzahl von Naturforschern und vor allem von den Besonneneren geteilt wird. Ich wollte nur zeigen, wie sich im Kopse eines Menschen, der davon überzeugt ist, daß der Schöpsungsbericht der Bibel dem realen Geschehen entspricht, der von Philosophie mehr als Häckel versteht') und von 6) D. Kaufmann Geschichte der Attributenledre S. 479 f. 0 Das ist eigentlich ein Armutszeugnis. Denn von der Philosophie versteht Häckel gar nichts. Dafür will ich von viele > nur das Zeugnis eines zünftigen Philosophen anführen. Erich A d i ck e s, Professor der Philosophie an der Universität Tübingen, ein durch seine Werke gut legimitierter Kantforscher, hat gegen Häckels naturphilosophische Schriften: Welträtsel", „Lebenswunder", „Der Kampf um den Entwickelungsgedanken", „Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaften' eine 160 Seiten große Streitschrift veröffentlicht: „Kant contra Häckel" (II. Aust. 1906). Dort weist er nach, daß Häckel auch nicht einmal soviel von Kant Verden Naturwissenschaften soviel, daß er den Gründen der Forscher, die die Fehlerquellen in Häckels Werken aufdecken, folgen kann, wie sich in einem solchen Kopf die Bereinigung zwischen Bibel und Naturwiffenschaft darstellt. Die spezielle Form dieser Vereinigung gebe ich jederzeit preis. Sie mag.von Anderen aus Grund einer anderen Exegese anders und besser vollzogen werden. Nur eine Anleitung sollte es sein, in großen Umrissen gezeichnet. Von diesem, jetzt hoffentlich deutlich genug angegebenen Gesichtspunkt aus, möchte ich die Entwickelungslehre in die Schöpfungsgeschichte, wie sie die Bibel uns gibt, ausgenommen sehen. Auch dem naiven Leser, der nie etwas von Enrwickelungslehre gehört, stellt sich im Schöpfungsbericht ein Aussteigen vom Niederen zum Höheren darnach unseren obigen Ausführungen können wir das Bild noch vertiefen, indem wir von der Urmaterie allsgehend und von den Keimen, die in ihr zur Erhaltung bereit lagen, immer höher allfsteigen zur Loslösung der für die Erde bestimmten Masse von der Urmaterie, der Scheidung in Wasser und Festland, der Flora, den verschiedenen Abstufungen innerhalb der Fauna bis zur Krönung des Entwickelungsprozeffes durch das Erstehen des vernunftbegabten Menschen. (Fortsetzung folgt.) und ^Wachrichten. orrespondenzen Deutsch esUetch. Der theologische bucanus. (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 24. Mai. Sehr geehrter Herr Redakteur! Bekanntlich lveiß ein Redakteur Alles, und sogar besser. Trotzdem wäre ich bereit, zu wetten, daß Sie mir folgende Frage nicht werden beantworten können: Was ist ein theologischer Beirat? Sie schütteln den Kopf und greifen mit bezeichnender Handbewegung an denselben! „Theologischer Beirat?! Giebt's ja gar nicht!" Urteilen Sie nicht vorschnell? So etwas giebt es doch, wir haben sogar einen! Nämlich, seit einigen Wochen hat sich der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde einen „Theologischen Beirath" zugelegt. Ich entschuldige Ihren Zweifeldenn auch ich hielt die Sache, als ich zuerst davon las und noch eine zeitlang nachher für einen Aprilscherz, zu dem die Jahreszeit damals einlud. Inzwischen habe ich sie besser verstehen und — verzeihen gelernt. Sie glauben nämlich gar nicht, was für eine Menge Last und Unbequemlichkeiten dem Vorstande „seine" Rabbiner verursachen. Unstimmigkeiten an allen Ecken und Enden! Daß die „Affaire Cohn" nicht gerade als Nervinum zu standen hak, wie ein Gymnasiast, der mit den Elementen philosophischer Propädeutik vertraut ist, ja daß er über Haupt keinem philosophischen Systeme folgt, nicht einmal dem des dogmatischen Materialismus, dem unbrauchbarsten System, das die Geschichte des nienschlichen Denkens kennt. Daß Adickes aber nicht theologisch oder auch nur religiös irgendwie voreingenommen ist, (er steht in sehr vielen Punkten auch im Gegensatz zu Kant), geht aus seinen: Bekenntnis ans S. 8 seiner Schrift hervor. Dort sagt er: „Ich bin Pantheist und strenger Determinist, glaube also nicht an einen außerweltlichen Gott, nicht an eine Schöpfung der Welt durch ihn, auch nicht an ein vom Körper getrenntes materielles Seelenwesen. Ich stehe ganz auf dev: Boden genetischer Auffassung, nehme einen lückenlosen allumfassenden Kausalzusammenhang an und eine „natürliche" Entwickelung von der organischen Welt zur anorganischen und in dieser hinauf bis zum Menschen (diesen eingerechnet!)."

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