Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-05-30 · Heft 22 (30.5.1907) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 22 (30.5.1907)
Date
1907-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449267--63519-2506068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

WWWSWW 30. Mai 1907. WWW WW Der JSraelit. Nr. 22. Seite. 7 wirken geeignet ist, versteht selbst der laienhafteste Laienverstand, der gar kein Amt vertritt. Dann drohte um ein Haar eine „Affaire Lehmann" auszubrechen. Das kam so: Ein Herr Dr. Lehmann, der bisher, trotz eines sich förmlich überschlagenden Radikalismusses in der Verleugnung alles dessen, was dem Juden — ich sage nicht: dem Jehudi! — als göttliches Gebot erscheint/ nicht weiter als bis zum interimistischen Hilfs- Prediger der hiesigen jüdischen Gemeinde hat bringen können, leistete sich voll der ihm zur Verfügung gestellten Kanzel der Lützowplatz-Synagoge herab eine tolle Beschimpfung der sogenannten Ceremonialgesetze. So toll, daß selbst unter den Besuchern dieser Orgelsynagoge eine tiefgehende Entrüstung, die in Protesten an den Gemeindevorstand allch ihren Ausdruck fand, entstand. Genau eine Woche darauf brachte von derselben Kanzel aus ein Gemeinde-Rabbiner — ich weiß nicht, ob nian bei sotanen Verhältnissen von einem „Amtsbruder" spricht — in mehr als deutlichen Worten sein Uneinverständnis mit dem geehrten Herrn Vorredner zum Ausdruck. Der Vorstand, der offenbar seine ganze Energie an den* Fall Cohn verwendet hatte, „soll" Herrn Dr. L. sein Mißfallen ausgedrückt und ihn für ganze vier Wochen von seiner interimistischen Hilfspredigerschaft interimistisch suspendiert haben — eine komplizierte Rechtslage, auf deren Konstruktion die Herren Juristen im Vorstalld wahrscheinlich mit Recht sehr stolz sind. Seit 14 Tagen haben die Berliner Herrn Dr. L. wieder, der in Zukunft sich etwas weniger decouvrieren wird — was ja die Hauptsache ist! Die Seitenblicke, die diese „Toleranz" auf das Verfahren gegen Dr. C. geradezu hinlenkt, dürfen in diesem Zusammenhänge außer Acht bleiben. Weiter ist die Berliner jüdffche Gemeinde seit einigen Monaten in den Besitz eines Rabbiners gelangt, der zwar nicht sagt, was Herr Dr. Lehmann sagt, dafür es aber tut} was, wie die einstimmig erfolgte Wähl beweist, seine Eignung für das Amt eines Berliner Gemeinderabbiners zu schmälern nicht vermochte. Ist es da so gar verwunderlich, daß der Vorstand sich in Rabbinerangelegenheiten nicht mehr ein und aus findet und am Ende nicht mehr weiß, was denn eigentlich ein Rabbiner soll, muß und darf, und was nicht? Dieses mangelnde Verständnis zu ersetzen, das ist offenbar die Mission des „theologischen Beirats", und wenn er sie zu erfüllen, die Eigenschaften zu benennen weiß, die zur Bekleidung eines Berliner Gemeinderabbinats qualifizieren oder disqualifizieren, so verdient er sein Gehalt und sein Amt mit Fug und Recht. Und diese Aufgabe wäre nicht einmal die einzige, die des Herrn Beirats wartet. Es würde zweifellos eine wesentliche Entlastung des Vorstandes bedeuten, wenn er in Zukunft die Durchsicht der „verdächtigen" Predigtkonzepte nicht mehr selbst vorzunehmen brauchte, sondern dem Herrn Beirat überlassen könnte, und die korrigierten „Beamten" würden sicherlich den sachkundigen Zensor „immerhin" als einen Fortschritt begrüßen können! Ferner, die Indiskretionen aus den Verhandlungen hinter den Kulissen in der Affaire Cohn haben gelehrt, daß die „Gesundheitsrücksichten", die bisher nur als Minifterkrankheit Geltung hatten, nun auch in den Berliner Rabbinatskreisen Aussicht haben Eingang zu finden,' wenigstens, wenn es nach dem Vorstande geht! Man kann nun nicht eben behaupten, daß Herr Justizrat Lilienthal in den bezüglichen Verhandlungen mit Herrn Dr. Cohn eine glückliche Hand bewiesen hat. Der theologische Beirat dürfte vorkommenden Falles mit mehr Geschick an eine derartige delikate Angelegenheit Herangehen und als theologischer Lucanus die Erholungsbedürftigkeit gesundheitsrücksichtenreifer Suspensionskandidaten in bezwingender Liebenswürdigkeit mundgerecht machen können,' kurz, es eröffnen sich dem neuen Amt und seinem Inhaber Aspekten, von deren Weite die jetzige Generation noch gar keine rechte Vorstellung hat. Berlin, 27. Mai. Aus Rußland sind dem Hilfsverein der deutschen Juden wiederum Gaben für die notleidenden rumänischen Glaubensgenossen, die den Exzessen zum Opfer gefallen sind, zugefiossen, und zwar find überwiesen worden aus 3 russischen Städten in Summa 6544,85 Mk. Diese Spenden — das Erträgnis von Sammlungen — sind ein erneuter Beweis für das edle Solidaritätsgefühl der russischen Juden, die unter den Nachwirkungen der russischen Pogrome selbst noch schwer zu leiden haben, aber trotz der für sie selbst so ernsten Zeiten ihren verfolgten Brüdern im Auslande zu Hilfe kommen. Berlin, 24. Mai. Das deutsche Bureau der Alliance JsrcvMe Universelle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügung: Der rumänische Ministerpräsident Stourdza und der Minister des Innern Bratianu haben in Braila sich öffentlich dahin ausgesprochen, daß die Regierung die Absicht habe, von den neuen Kammern Kredite zur Vergütung der Schädigungen zu verlangen, die bei den jüngsten Unruhen angerichtet worden sind. Ob der Ministerpräsident und der Minister des Innern bei Abgabe der Erklärung eine Entschädigung nur der Landbesitzer und Pächter im Auge gehabt haben, oder ob sie Entschädigungen auch den Israeliten Rumäniens gewähren wollen, die unter den Unruhen in der Moldau gelitten haben, darüber liegen bestimmte Meldungen nicht vor. Mannheim, 22. Mai. Ein Vorstandsmitglied des Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden erhielt aus der Schweiz folgendes Schreiben: „Wenn auch im Auslande wohnhaft, habe ich doch Jnteresie an dem von Ihnen und Gleichgesinnten gegründeten Verein und füge ich hier meine Beitrittserklärung mit einem jährlichen Beitrag von 4 Mk., welcher gefl. durch Nachnahme erhoben werden soll, bei. Ich gehöre persönlich mehr dem Reformjudentum an, allein die Art und Weise wie derOberrat der Israeliten gegen die altehrwürdigen Sitten und Vorschriften unserer Religion Vorgehen, sowie der Ausschluß jeder gegentelligen Meinung in den maßgebenden Beratungen des Oberrats, besonders aber die Behandlung des Herrn Dr. Löwenstein-Mosbach, des würdigsten und gelehrtesten Vertreters der badischen Rabbiner, der vor allen anderen das Recht zu beanspruchen hätte, gehört zu werden, veranlaßen mich, um Aufnahme als Mitglied zu ersuchen. Ich wünsche Ihren Bestrebungen recht guten Erfolg." Breslau, 26. Mai. In der Repräsentanten- Sitzung vom 22. Mai, zu der eine größere Zahl von Vertretern erschienen war, erinnerte bei Beginn der Sitzung Landgerichtsrat Wollstein als Vertreter des Vorstands daran, daß der Repräsentantenvorsteher Geh. Justizrat Freund dem Kollegium jetzt 40 Jahre angehöre. Er verknüpfte damit den Wunsch, daß es dem Jubilar noch viele Jahre vergönnt sein möge, die Versammlung zu leiten. Justizrat Freund dankte in bewegten Worten. Die Versammlung bewilligte sodann an Subventionen : der Gemeinde Hundsfeld zur Umfriedigung des Friedhofs 500 Mk., der Gemeinde Hultschin zu einem notwendig gewordenen Neubau 100 Mk., dem jüdischen Krankenhaus in Memel 200 Mk., dem Kurhospiz für arme Israeliten in Kissingen 100 Mk., dem Hilfsverein für jüdische Taubstumme in Deutschland 100 Mk. Für rumänische Flüchtlinge sind bereits 1500 Mk. früher abgesandt worden, diese werden nachträglich bewilligt. Beantragt werden weitere 1500 Mark zu gleichem Zweck dem Hilfsverein deutscher Juden zu überweisen. Auf Antrag des Prof. Badt werden 2000 Mk. bewilligt.' Beschlossen wird der Ankauf zweier Grundstücke für die Gotthelf-Stiftung zur Beschaffung von Mietsräumen für arme Leutefür ca. 50000 M. in der verlängerten Alsenstraße. In der Debatte wird von D. N. Schlesinger bezweifelt, daß die Angabe des Vorstandes richtig sei, von diesen Grundstücken sei zu Fuß nur eine Entfernung von 25 Minuten bis zum nächsten Gotteshaus. Man müsse doch bedenken, daß es sich um alte Leute in diesem Hause handeln würde, die nicht mehr gut zu Fuß sind, und die am Sonnabend nicht zur Synagoge werden fahren, sondern gehen wollen. Er bitte, daß bei den Entwürfen für den da zu errichtenden Bau bereits ein geeigneter Betraum im Hause selbst vorbereitet würde, wie Prof. Badt angeregt habe. Ferner wird der Ankauf des Hauses Tauentzienstraße 12 von den Elisabeth v. Kornschen Erben beschlossen. Die Kaufbedingungen sind äußerst günstige und es ist dringend erforderlich, daß) dies Haus in Gemeindebesitz übergeht, denn ein anderer Besitzer könnte sonst einmal im Garten dieses Hauses einen Bau errichten, der der neuen Synagoge Luft und Licht nehmen würde. Die Beratung über die Annahme der großen Isaak und Fanny geb. Eisner-Schäfer-Stiftung wird auf die geheime Sitzung verschoben. Angenommen werden dann folgende Legate bzws. Stiftungen S. Wienskowitz Mk. 300.—, Fanny Bauer Mk. 500.—, Joseph Jacobq Mk. 1000.—,Gustav Warschauer Mk. 1000.— (Jahrzeit-), Mk. 6000. (Armen-), Mk. 6000.—, (Braut-), Mk. 18000. (Kohlenstiftung). Die der Moral Leipziger-Stiftung vor einiger Zeit bewilligten Mk. 1000.— wurden restringiert, da ein inzwischen von Lgr.-- R. Wollsteiner vorgenommene genaue Untersuchung des Sachverhalts ergab, daß die frühere Auffassung, als sei diese Stiftung durch Verschulden der Gemeindeverwaltung geschädigt, eine durchaus irrige war. Für die Kommission der „Neuen Synagoge" wurde an Stelle des ausscheidenden Herrn Dr. Paul Schottländer Herr Emanuel B reslau er gewählt D. N. Schlesingerfragt, ob Herr Dr. Paul Schottländer Gründe angegeben, weshalb er das Amt niederlege. Für den Vorstand antwortet Stadtrat Pringsheim: „Nein. Er hat keine Gründe angegeben. Die Richtung paßt ihm nicht." (Es ist bedauerlich, daß keiner der Repräsentanten die allgemein bekannte nähere Erklärung für den letzten Satz an dieser offiziellen Stelle gab: Herr Dr. Paul Schottländer legte sein Amt nieder, weil er sich gegen die fortwährende Reformiererei an der Neuen Synagoge sträubte, es ihm aber nicht zusagte, sich immerwährend mit den anderen älteren Herren in der Kommission deswegen herumzustreiten, da er doch überstimmt wurde. Sein Rücktritt wird allgemein außer in den extrem liberalen Kreisen, zu denen ja Herr Pringsheim gehört, bedauert.) In die geheime Sitzung wurde dann noch eine Vorlage verwiesen, nach der die bisher dem Herrn Dr. Louis Neustadt als Erbe der Schule seines Vaters zugewiesenen Stiftungs-Zinsen u. drgl. diesem entzogen und Herrn Dr. Klüger zugewiesen werden sollen, nachdem die städtische Schuldeputation der Gemeinde mitgeteilt hat, daß die Neustadt'sche Schule auf Anordnung der Kgl. Regierung geschloffen worden ist. Breslau, 24. Mai. Wir hatten vor einiger Zeit mitgeteilt, daß der Magistrat zu Breslau den bei ihm von Seiten der Handlungsangestellten zwecks Erweiterung der Sonntagsruhe eingebrachten Antrag der Handelskammer zur Begutachtung überwiesen habe. Dieser Tage fand nun die erste Ausschußsitzung der Handelskammer statt, in welcher die Petition nahezu einstimmig abgelehnt wurde. Posen, 24. Mai. In der Versammlung des Vereins Israelitischer Lehrer der Ostprovinzen, welche am 20. ds. Mts. hier abgehalten wurde, kam auch auf die jüdischen Schulen der kleineren Gemeinden unserer Provinz die Rede. Die Gemeinde Schmiege! hat nach der Nebersiedelung des Lehrers Emanuel nach Nordhausen ihre Selbständigkeit als jüdische Schulsocietät eingebüßt. Die israelitischen Kinder daselbst besuchen seit April die dorttge evangelische Schule. Goftin, eine Gemeinde mit nur wenigen Mitgliedern, macht eine rühmliche Ausnahme. Keine Opfer werden gescheut, um nur die konfessionell jüdische Schule weiter bestehen zu lassen. — Ganz traurige Verhältnisse herrschen in Sulnierschitze. Dieser Ort liegt in der Mitte zwischen Schildberg, Ostrowo und Krotoschin. Dort sind sechs jüdische Kinder ohne jeglichen Religionsunterricht. Die Nachbargemeinoen entschuldigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.