Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1907)
- Date
- 1907-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 23. Gelte 5 BO. Mai 1907. Der Israeli». Pachtungen in den Gebeten Anknüpfungspunkte und für die der Nächstenliebe, Wohltätigkeit, Treue gegen den Staat rc. nicht, da doch der „badische Schulmann" meint, die „Gebote und Lehren" sollten gerade das eigentliche Gebetbuch ergänzen und „nur das bringen, was in diesem nicht vorhanden ist"? Nein! Wir sehen uns nicht in der Lage, unser Urteil über das badische Gebetbuch nach irgend einer Richtung zu korrigieren, und finden den Kern des Artikels in den „Blättern für Erziehung und Unterricht" in dem Satze: „Die seelische Befriedigung der Erwachsenen — nicht die der Kinder — ist ... das iel, welches in dem Gebetbuche des berrates die dein hebräischen Texte gegenübergestellte deutsche Uebertraaung vor allem im Auge hat." Wer aber dem Verfasser des Artikels und uns nicht glauben will, daß das Gebetbuch des Oberrats kein Schulbuch sei, den verweisen wir nochmals aus das Zeugnis jenes „w i r k l i ch praktischen" Schulmannes und „anerkannt vortrefflichen" Lehrers, der schon die Probe gemacht hat: „Ich muß mich vorerst daraus beschränken, beit Schülern nach der Durcharbeitung eines Abschnittes jeweils die Uebersetzung aus dem neuen Gebetbuch vorzulesen." — Die Vorträge des Paters Erich lvasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. - - (Fortsetzung). Wenn man den biblischen Bericht mit diesen Augen ansieht als eine Darstellung wirklichen Geschehens in großen Zügen mit besonderer Berücksicht i gung. des religiösen Gehalts, die um dieses Gehalts) willen und weil sie zu allen Menschen reden will, in ein anthropomorphes Gewand gehüllt ist, dann ist leicht zu erkennen, wie wenig Berührungspunkte doch eigentlich die Naturwissenschaft mit der Bibel hat. Es handelt sich nur um die Ausfüllung des Rahmens, der in dem Sechstagewerk gegeben ist, mit dem Tatsachenmaterial der Geologie und Paläontologie, eine Aufgabe, die uns erleichtert wäre durch den Umstand, daß wir Schöpfungsperioden angenommen haben. Das kann hier nicht geschehen, denn das ist Sache wissenschaftlicher Kleinarbeit. Die vermeintlichen. Beweisstücke müssen einzeln vorgenommen werden. Nur ein Wort über die Kant- Laplace'sche Theorie. Wir setzen sie als bekannt voraus. Sie steht noch heute unübertroffen da, erklärt vieles und ist durchaus einleuchtend. Aber sie bietet trotzdem noch sehr große ungelöste Schwierigkeiten?) Die sollen hier nicht als ausschlaggebend angenommen werden. Das Recht der Naturwissenschaft, Hypothesen aufzustellen, muß unbestritten bleiben. Ihre größten Fortschritte dankt sie oft solchen Hypothesen, die unbeweisbar bleiben und manchmal durch neuere ersetzt werden. Aber die Kant-Laplace'sche Hypothese wird vom Materialismus mißbraucht, wenn sie die Entstehung des Weltalls erklären soll. Wer mir einreden will, daß am Anfang der Urnebel war und aus diesem Nrnebel durch Rotation all die Himmelskörper sich losgelöst und durch rein mechanische Kräfte dann allnrählich die Fülle aller Wesen entstanden sind, ohne daß eine zwecksetzende Intelligenz als der Urheber all der wirkenden Kräfte zu denken ist, der ihnen die Richtung gibt, den überlasse ich mit ruhigem Gewissen seinem „Monismus". Er steckt noch völlig in dem antiken Atomismus Demokrits, und gegen ihn gelten all die Einwände, die bis zum Ueberdruß gegen die rein mechanistische Weltauffassung vorgebracht worden sind. Ein anderes ist es, wenn wir m»r die Entstehung unseres Planetensystems aus Grund dieser Hypothese zu erklären suchen. Doch auch hier bieten sich ganz abgesehen von den naturwissenschaftlichen Schwierigkeiten auch für das rein philosophische Denken unüberwindliche Hindernisse. Hören wir, was Hermann Lotze sagt?), dessen Bedeutung als Philosoph wohl von Keinem angezweifelt wird: „Nachdem die Vorstellung von der Bildung des Planetensysteips aus einem feurigen Nebel — eine geniale Ansicht über Ereignisse einer Bor- Leit, die aller Erfahrung entzogen ist — in den Bestand der allgemeinen Bildung übergegangen ist, so meint man wohl, nun doch endlich einmal eine schöne Ordnung der Erscheinungen zwar nicht aus nichts, aber doch wenigstens aus einem formlosen Urgründe entwickelt zu haben. Aber man vergißt, daß die Geschichte dieses Feuerballs, den man so scharfsinnig in seinen späteren Gestaltungen verfolgt, notwendig auch rückwärts sich in eine unendliche Vergangenheit verlängert. Der allmählich erkaltende und sich verdichtende Feuerball muß eine Zeit erlebt haben, da seine Temperatur noch höher, seine Ausdehnung größer war: wo liegt nun der Anfangsaugenblick der Verdichtungsbewegung, in deren Fortsetzung begriffen jene Vermutung ihn aufgreift? Und woher stammt die ursprüngliche Richtung und Geschwindigkeit der Drehung, in welcher wir alle seine Teilchen übereinstimmend bewegt voraus¬ *) Vgl. Bollmann n. a. O. S. 109 ff. und auch Humboldt Kosmos I. 95 ff. 2) Mikrokosmus I* 2 S. 418. setzen? Alle unsere Wissenschaft klimmt nur ab und auf an diesem Unendlichen, den inneren Zusammenhang einzelner Strecken nach allgemeinen Gesetzen begreifend, aber überall unfähig, den ersten Ursprung des Ganzen oder das Ziel zu sehen, dem seine Entwicklung zustrebt." Was Lotze hier vom philosophischen Standpunkt gegen die Kant-Laplace'sche Theorie vorbringt, dürfen wir ebenso gut vom religiösen Standpunkt, auf den wir uns mit der Anerkennung des Schöpfungsberichtes stellen. Muß ich einmal das Einwirken einer Kraft voraussetzen, die dem Stoff die Richtung geben, so ist es für unser Denken ebenso zulässig, dies Eingreifen in der von der religiösen Urkunde uns geschilderten Form anzunehmen. Ich wüßte nicht, was die Naturwissenschaft dagegen einwenden könnte. Der fernere Verlauf mag sich nach den Gesetzen vollziehen, die von Gott festgestellt »lud die wir nun aus Beobachtungen ablesen oder für die Vergangenheit als Hypothese konstruieren. Aber, so könnte man sagen, und hat man gesagt: Diese Ausführungen sind ja recht kleinlich! Was sollen alle Versuche des Ausgleiches, wo doch das Weltbild ein durch und durch anderes geworden! Früher die allgemeine und auch iw der Wissenschaft geltende Auffassung, daß die Erde der Mittelpunkt des Weltalls sei, jetzt das kopernikanische Weltsystem: Die Erde ein winziges Körnchen im Weltall, anderthalb Millionen mal kleiner als die Sonne, die Sonne selbst ein kleiner Fixstern unter unzähligen größeren. Das Oben' und Unten hat ein l^nde, der Himnrel hat sich in einen optischen Schein aufgelöst, und an die Götter^), sagt D. F. Strauß, ist die Wohnungsnot herangetreten. Ter anthropocemrische Standpunkt, nach dem der Mensch räumlich im Mittelpunkt des Universums stand, ist aufgehoben und mit ihm auch der Wahn, als ob er dem inneren Zwecke des Universums nach die alles überragende Stellung einnehme, alles Sein und Leben auf seine unendlich winzige Persönlichkeit beziehen könnte. Es scheint so, als ob das ein berechtigter Einwand sei und ist doch nur eine große Torheit. Daß derartige Gedanken in der ersten Zeit gehegt und ausgesprochen wurden, als ^nan die trauten und liebgewordenen Vorstellungen verlassen und das gewohnte Weltbild völlig umgestalten mußte, ist verständlich und zu verzeihen. Doch für ein tieferes religiöses Denken ist das räumliche Verhältnis zwischen Sonne und Erde außerordentlich gleichgiltia. Wie sagt doch Schiller zu den Astronomen? „Euer Gegenstand ist der *) Wir sprechen von der Mehrzahl, weil wir die Blasphemie nicht niederschreiben wollen, die er ausgesprochen hat. Wie bekannt, gehörte die ganze Gegend, wo sich demnächst der Tietzsche Neubau erheben wird und noch wett herum, im ganzen 54 Häuser u. z. B etzelsgaffe, Flachsmarkt, Hintere Christophstraße, ein Teil der Schustergaffe, das Jnvalidenhaus (zum Hammerstetn), Hintere Flachsmarktstraße, Stadthausstraße, der Mainzer Judenschaft. (Bergt. Schaab, Geschichte der Juden zu Mainz, Mainz 1885 Salfeld, Bilder aus der jüd. Vergangenheit der Gemeinde Mainz, Mainz 1903.) Auch der „Hof zum Gutenberg", gegenüber dem Tietzschen Neubau war jüdisches Eigentum und manche wollen sogar behaupten, daß der Name unseres Meisters korrumpiert aus Judenerbe — Gutenberg — (nach niederrheinischer Aussprache) entstanden sei. (Bergt. Festschrift ^um 500jährigen Geburtstag von Johann Gurenberg. Im Austrage der Stadt Mainz herausgegeben von Otto Hartwig. Mainz 1900. Beitrag des Freiherrn Schenk zu SchweinSberg.) Bei den furchtbaren Judenverfolgungen Mide des dreizehnten Jahrhunderts wurden die den gemordeten und entflohenen Juden gehörigen Häuser vom Stadtmagistrat konfisziert und erhielten von nun an den Namen Judenerbe. Diesen Namen behielten' die Häuser bis zum Jahre 1462, wo fich der Erzbischof Adolf II. alles städtische Vermögen zueianete und darüber nach seinem Gefallen verfügte. Für den Geschichtsphilosophen mag die Tatsache merkwürdig sein, daß gerade von der Stätte aus, wo der Aberglaube der Jutenverfolgung in den Gefühlen der Menschen so furchtbare Verheerung anrichtete, der große Lichtbringer erstand, der durch seine Erfindung Aufklärung und Wiffen über die Welt verbreitete. Also an dieser Stelle war dereinst bas Gotteshaus der Mainzer Juden, dessen Gründungsgedenkstein jetzt mit dem neuen Fund zum Vorschein kam. — Einen Stein, ebenfalls eine hebräische Inschrift enthaltend fand man am 6. Mai bei der Erneuerung der JohanniSkirche. Dessen Schrift, nur wenige Buchstaben scheint aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zu stammen. (Bergl. Wallau wie oben Tab. Nr. 8.) Man will bas Wort Schalom — Friede — herausgelesen haben. Es ist möglich, daß der Stein einen Teil einer Portalinschrist an der Johanniskirche bildete, oder des an dieser Stelle gewesenen alten Doms, wie es ja früher Gebrauch war, hebräische Inschriften an Kirchen anzubringen. (An der St. Jgnazkirche hier findet sich noch heut eine solche.) (Der Münchener Universitätsprosessor Dr. Traube) ist vor einigen Tagen nach schwerem Leiden gestorben. Wenngleich der Verstorbene mehr zu unfern Stammesals zu unfern Glaubensgenossen zählt, so muß doch gesagt werden, daß er fich in erwähnenswerten Gegensatz zu vielen seiner Kollegen stellte, die durch das leichtfinnige Ueber-Bordwersen ihres Bäterglaubens den Professorenstuhl erkauft haben. Es wäre auch Traube — er war ein Sohn des berühmten Mediziners — als er fich in München habilitierte, ein leichtes gewesen den dornenvollen Pfad des Privatdozenten abzukürzen, wenn er fich bereit gezeigt hätte, in die christliche Religionsgemeinschaft einzutreten. Er tat es nicht, weil er, wie er dieses noch kurz vor seinem Tode dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber aussprach — einen solchen Schritt als eine Charakterlosigkeit bettachtete, und so bauerte es lange Jahre, bis er (1902) zum ordentl. Professor der Philologie ernannt, wurde. Sogar die nicht allzu philosemitifchen „M. N. N." meinen, daß die Vorgeschichte der endlichen Berufung Traubes nicht zu den Ruhmesblättern der bayerischen Gelehrtenanalen gehöre. Nicht ohne Interesse dürfte die Rückäußerung Traubes an die Redaktton der Jewish Enchclopedia sein, als diese ihn um seine Biographie ersuchte. Traube meinte durch seine bloße Geburt als Jude habe er noch nicht das Recht unter die jüdischen Größen gezählt zu werden, denn seine Forschungen und Leistungen auf dem Gebiet der mittelalterlichen Lattnität und Paläographie seien denn doch nicht dem Judentum zu Gttte gekommen-. Sein letztes unvollendet gebliebenes Werk behandelt die aomina sacra und darunter auch die im jüdischen Schrifttum vorkommenden iTErnpn fTIDW- Traube suchte darin in der ihm eigenen scharffinnigen Weise den Nachweis zu erbringen, daß die eigentümliche Schriftform des Gottesnamens in griechischen Handschriften der Alexandriner von ter jüdischen Eigenart herrühre, den u& anders zu sprechen als er geschrieben wird. Mit wehmütigem Lächeln machte mich Traube darauf aufmerksam, daß ihm, dem Juden, die Kenntnis der jüdischen Sprache, ja sogar ihrer Schristform abginge. Sein feinsinniges, vornehmes Wesen bekundete er nicht nur gegenüber seinen ihn vergötternden Schülern, sondern es offenbarte fich auch im Verkehr mit gesctzestteuen Judenso entschuldigte er fich mehreremale bei mir, als er im Eifer des Gesprächs mich nach der genauen Aussprache des DV gefragt hatte. Möchten doch die jüdischen Erforscher fremder Kulturen auch der Kultur des Judentums selbst und den in ihr verborgenen Schätzen stch zuwenden. |-pmD rotfTiHDn- (Ein sonderbarer Heiliger). Der in Cottbus vor wenigen Wochen verstorbene frühere Kaustnann C. W. Zöllner, hat in seinem Testament einen Bettag von 100000 M. zum Bau einer „Kirche für alle Konfessionen in Konstantinopel" bestimmt, jedoch daran die Bedingung geknüpft, daß erst eine Weltsprache, die in dem Verstorbenen einen begeisterten Anhänger hatte, in Auf- «nähme gekommen sein und „allgemeine Verbreitung" geftmden haben muß. Für 100000 M. heißt das wohl ein bischen viel verlangt.