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Der Israelit · 1907-05-30 · Heft 22 (30.5.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 22 (30.5.1907)
Date
1907-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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WWWWWWWWM! WffWW»MM«5MlAWiNWMW? N». 33 Seit» L. Der JSraeltt. SV. Mai 1*07. der Mitglieder der mosaischen Konfession, deren die Partei mehrere in ihren Reihen hat. In Galizien hat zum erstenmale die zionistische Partei einen Erfolg errungen. Außer dem bereits gewählten Dr. Mahler, dem man den nationaljüdischen Czernowitzer Abgeordneten Dr. Straucher zugesellcn darf, werden die Zionisten wohl noch zwei oder drei andere Männer aus ihrer Mitte in den Reichsrat entsenden können. Es ist nicht zu leugnen, daß das einen Erfolg bedeutet. Denn die Tatsache, daß die Partei durch eine wenn auch kleine Gruppe im Reichsrat sich politisch betätigen kann, wird ihr Prestige erhöhen und auch die Kreise, die bisher den Zionismus ignorierten, zwingen, diese Bewegung ernster zu nehmen. Man hat denn auch in Parteikreisen das galizische Resultat mit großer Freude begrüßtfreilich verhehlt man sich auch nicht, daß der zionistische Sieg die jüdische Wählerschaft teuer zu stehen kommen kann. Denn die eroberten Mandate waren früher Besitz der Allpolen, sie find diesen teilweise mit Hilfe der Sozialdemokraten abgenommen worden. Das werden die Polen, die auch sonst schlecht abgeschnitten haben, nicht vergessen. Die Schlachta ist in Galizien im Besitz der Aemter wie der wirtschaftlichen Macht. Sie können die zionistischen Wähler ihre Abstimmung schwer büßen lassen, und der Umstand, daß auch ein Jude als polnischer Kandidat gewählt wurde, wird sie schwerlich davon abhalten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Es war bei den Gegnern der nationaljüdischen Politik nicht etwa ein Mangel an Mut, sondern ein Ausfluß ruhiger realpolitischer Erwägung, daß sie den zionistischen Rufern im Streit keine Gefolgschaft leisten wollten. Antisemitismus in Baden. Seit dem Tode Windthorsts und Liebers hat die Stellungnahme der Zentrumspresse gegenüber dem Antisemitismus eine bedauerliche Wandlung erfahren. Zwar nehmen einzelne große, Organe — allen voran die „Kölnische Volkszeitung" noch immer, im Geiste jener verstorbenen Führer, eine vornehme, den Antisemitismus strikt ablehnende Haltung ein, aber die große Mehrheit der Zentrumsblätter wandelt heute in den Fußtapfen der „Germania" die es von altersyer an hetzerischer Tätigkeit mit den Antisemitenblättern voll Beruf aufnehmen konnte. Heute liegt uns No. 113 des in den weitesten Kreisen unbekannten „Mosbacher Volksblattes" vordiesem unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinenden Blättchen, als dessen Redakteur, Verleger und Drucker — alles in einer Person — ein Herr Eiermann zeichnet, hat es ein Artikel der „Frankfurter Zeitung" über den Papst und den Vatikan angetan, in dem ausgeführt war, daß der Vatikan neuerdings auch Grundstückspolitik zu treiben anfange. Für die betreffenden Gemeinden sei das kein Vorteil, denn der Papst genieße Steuerfreiheit u. s. f. Diese Ausführungen bekämpfend schreibt das genannte Blättchen: „Wer treibt Spekulation? Nicht wahr, zuerst die üben. WaS ist denn das für ein Nutzen für das olk, wenn jüdische Großhändler die Waren hinaufschrauben und Millionen in die Ta che stecken. Das Jubenblatt soll doch den Papst in Ruhe lassen und bei den Stammesgenossen Nachsehen. Der Papst ist im Vergleich zu Rothschild der reinste Bettelmann. Kurz, ich meine eS wäre das beste, wenn ein Judenblatt von Geldhascheret und Grundstückspekulation des Papstes schweigen würde, denn wenn von derartigen Dingen (Spekulation, Geldjägerei u. s. f.) die Rede ist, dann muß jeder zuerst an die Juden denken. Die haben auf diesem Gebiete das meiste auf dem Gewissen und im Beutel." Es hieße dem Mosbacher Bolksblatt zu viel Ehre antun, wenn man auf den volkswirtschaftlichen Unsinn, den es hier verzapft, näher eingehen wollte. Was uns die Feder in die Hand drückt, ist lediglich der Umstand, daß hier in geradezu perfider Weise die „Frankfurter Zeitung" als „I u d e n b l a t t" bezeichnet wird, um in den katholischen Lesern den Glauben zu erwecken, als sei sfir wirkliche oder vermeintliche Angriffe, die die „Frankfurter Zeitung" gegen das Zentrum oder den Katholizismus richtet, die deutsche Judenheit verantworlich zu machen. Auch dem Universalgenie, das das Mosbacher Weltblatt leitet, ist sicherlich bekannt, daß die Frankfurter Zeitung ein politisches Blatt ist, das seine Haltung lediglich von politischen Gesichtspunkten bestimmen läßt und auf das Judentum nicht nur keine Rücksicht nimmt, sondern es oft genug in einer gerade von uns häufig scharf bekämpften Weise angreift. Ferner muß ihm bekannt sein, daß von den Redakteuren der „Frankfurter Zeitung" neun Zehntel keilte Juden sind. Das gilt insbesondere auch für den Leiter des politischen Teils, Reichstagsabgeordnet.en O e s e r. Wenn trotzdem immer wieder versucht wird, die „Frankfurter Zeitung" wie die meisten Blätter der politisch linksstehenden Parteien zu „Judenblättern" zu stempeln, um gegen die deutschen Juden den Haß der politischen Gegner zu entfesseln, so muß dem entgegengetreten werden, selbst wenn es sich, wie in diesem Falle um ein winziges Lokalblättlein handelt. Die fliehende Seele. 'w rw*w th 'n idd iziO'st - "1DDD n-QD nTQn pilYID "111 nWB ICWI ]1WI V1D13 VP1 Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und. Erleben künstlerisch verflechtend, so geleitet den Juden die von den weisen Vätern feines Volkes geordnete Liturgie durchs Jahr, durch die Jahre seines Lebens hindurch, und es ist mehr als eine bloße Aeußerlichkeit, wenn jüdische Briefschreiber in ihren Alltagsbriefen düS Datum oben am Kopfe durch einen womöglich beziehungsreichen Satz aus der Wochensidra anzudeuten pflegen. Was da am Sa.bbath vorgelesen und gelernt wird, das giebt dem Tage nicht nur, das giebt der ganzen Woche Färbung und Stimmungsgehalt —, mit seinen längst Heimgegangenen Vätern erlebt der echte Jude Sklaverei und Erlösung, zagenden Kleinmut und siegesfrohe Gewißheit, die Gottesanschauung am Meere wie den Aufstieg zu den Höhen des Sinaitages- und mit ihnen wandert er, alljährlich wenn der Sinaischofar verklungen und die Festesblüten verwelkt sind, vom „Gottesberge hinweg — hinein in die Wüste".- Ein volles Jahr fast, vom siebten Siwan bis zum zwanzigsten Jjar war vergangen, seitdem die große Zeitenwende im Geschicke der Jakobsstämme eingetreten und aus dem bunten Gewoge einer in gemeinsamem Leide mehr zermürbten, als aneinandergeschmiedeten Menge vor dem flammenden Sinai ein Volk geworden war. «Tn tps:*? onien wi —'wie aus organisierter Materie ein Gotteshauch erst den Menschen schuf, so war von Sinais Höhen in die zum Volkskörper sich formenden egyptischen Ziegelbrennerhorden die Seele eingezogen, dem unsterblichen Volke ewiges, nimmer verlöschendes Leben schenkend! Und nun galt es dem zur Erde gesandten Gottesfunken, galt es, dem Gesetze den ganzen Volkskörper für alle Ewigkeit zu gewinnen, galt es, jeden Einzelnen so sehr, so innig mit dem Geiste der Gotteslehre zu durchdringen, daß der aus dem Innersten, aus dem Mittelpunkte des Volkskörpers herauswirkenden Seele jedes Glied freudig zu gehorchen lerne, und, von innen heraus erwärmt leines Feuilleton. Zedoko Eazzil Mimoives. Bon Judaeus. (Fortsetzung.) Der Seufzer, mit dem diese letzten Worte begleitet warm, sagte mir jedoch, daß diese Zufriedenheit keine vollkommene war. Um etwas darüber zu erfahren, ohne eine indiskrete Frage zu stellen, bemer te ich: „Da sind Sie ja selten glückliche, beneidenswerte Menschen." „Das find wir nicht" seufzte die Greisin. „Zwei Dinge find es, die unser Glück trüben. Sehen Sie, junger Mann, wenn man so in der Blüte der Jugend steht wie Sie, da glaubt man es nicht, man begreift es f\ax nicht, was das Aelterwerden bedeutet. Als wir noch ün^er waren, haben wtr's auch nicht geglaubt, haben wir leicht und sorglos in den Tag hineingelebt,' aber jetzt fällts uns jeden Tag schwerer auf die Seele, daß wir ohne Genossen so ganz allein für uns unsere Tage und Nächte dahinbringen und nicht als Juden eben können. Mein Mann kann nicht einmal Schabbos und Jom tos halten. Er tut keine Arb.it an diesen heiligen Tagen, er trägt nicht einmal eine Stecknadel am SchabboS in seinem Gewand, aber seine Strecke muß er am Schabbos wie an Wochentagen abgehen und die reicht wett über den Techum (die Schabbosgrenze) hinaus. Wmn einmal einer von uns hinfällig wirb, keine Khtllo, keine Cbewra, keinm Friedhof,' ich darf gar nicht daran denken." „Und worin besteht die andere Trübung Ihres Glückes!" ftagte ich teilnehmend. „Daß wir keine Kinder haben-" ergänzte der Mann. „Wir würden uns leicht in unsere Abgeschiedenheit von der Welt finden, w nn wir eia Kind häten, das uns über hundert Jahre einmal Kaddisch nachsagt. Aber Vergangenheit und Zu uns. für das bischen Gegenwart, um das kärgliche Stückchen Brot für die Gegenwart hinzugeben, das ist ein ernster Gedanke, der einem in seinem nagenden Ernst erst fühlbar nurd, wenn die ersten Hazur- Tommt-Blümchen im Bart und Haupthaare zu sprießen anfangen." Einige Augenblicke schwiegen wir alle drei tiefbewegt. Ich glaubte mein biederen Wirten ein tröstendes Wort schuldig zu sein und brach daher das Schweigen zuerst mit der Bemerkung: „Das sind gewiß ernste Gedanken, deren Bedeutsamkeit ich trotz meiner Jugend zu würdigen verma x. Sitte*, man sollte meinen, von Ihren beiden Sorgen, hebe eine die andere auf. Wenn es Ihnen wirklich nahe geht, daß Sie Ihren jüdischen Lebenspflichten nicht gerecht werden können, dann müßten Sie das Geschick segnen, bas Ihnen Kinder versagt hat, weil diese unter solchen Berhälmiffen doch dem Judentum noch mehr entfremdet werden müssen. Sie haben in Ihren jungen Jahren in jüdischen Gemeinden gelebt und kennen daher das Judentum mit seinen Anforderungen. Aber Ihren Kindern, die in dieser Waldeinsamkeit geboren und erzogen würden, mußte doch selbst dieses abgehen." „Verzeihen Sie, lieber Herr," entgegnete Herr Weber, mit diesem Trost hattten wir uns auch früher einmal trösten wollen, aber als wir ihn genau ansahen, fanden wir, daß er diesen Namen nicht verdient. Wie heute das Leben in den jüdischen Gemeinden ist, wenigstens soweit ich es kenne, getraue ich mir zu behaupten: daß Man Kinder in der abgeschlossensten Waldeinsamkeit viel leichter und viel sicherer als Juden und Jüdinnen erziehen kann, als unter dem Einfluß des schlechten Beispiels, dem man im Verkehr nicht aus dem Wege gehen kann. Sehen Sie, wir leben hier beide ganz streng nach dem jüdischen Gesetze, bis auf den Schabbos, den ich durch -Gehen außerhalb des Techum entweihe. Sonst bin ich mir keiner Abweichung von d.m, was uns gebotene Pflicht ist, bewußt. Wenn uns der Himmel ein Kind schenken würde, so würden wir es erziehen nach dem Gesetze Mosch» h's und Israels. Ich würde ihm sagen: Dein Vater begeht die schwere Sünde der Sabbath-Entweihung. Ich weiß, daß ich damit ein Unrecht tue, das ich hier und dort nicht verantworten kann. Aber ich gebe die Hoffnung auf Gottes Gnade nicht auf, daß er uns noch einmal die Möglichkeit gewährt unser Brod auf erlaubt? Weise zu verdienen. Nicht als ob die Sorge ums Brod die Entweihung des Schabbos entschuldigen oder gar rechtfertigen kann. Das ist der eine Punkt, in dem Du's einst Deinen Eltern nicht nachtun darfst- Du sollst einmal die große Zahl derer, die den Schabbos und Jomtof preisgeben nicht vermehren - in allen anderen Punkten folge unserem Wort und unserer Tat." . Die armen Leute taten mir weh in ihrer Gewissenspein - ich hatte das Herz nicht, das Unhaltbare dieser Ausführungen darzulegen und schwieg. Auch Herr und Frau Weber schwiegen. Durch einige gletchgiltige Bemerkungen suchte ich der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. — „Das kommt wohl selten vor, daß fich ein Besuch zu Ihnen verirrt, wie es heute mir passiert ist?" fragte ich. „Unser Verkehr" sagte der Bahnwärter, „beschränkt fich auf meine zwei Kollegen im Amte, welche die Strecke rechts und links an meinem Rayon zu begeben haben. Diese sprechen fast jede Woche bei uns vor. Früher kam alle zwei vis drei Monate auch der Briefträger und in* i

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