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Der Israelit · 1907-05-23 · Heft 21 (23.5.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 21 (23.5.1907)
Date
1907-05-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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®er aHSmelti Nr. 21 Mül ISO?. betrachten und darstellen! Wenn vorliegendes verdienstvolles Buch nur dazu die Anregung bieten könnte, bann würde es für uns genug geleistet haben. Die Ausstattung des Buches, bas auch reichen Bilderschmuck aufzuweisen hat, ist mustergültig. Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, Preußisch Stargard. Eine ««gekannte Welt. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben von Jndäns. Frankfurt a. M. Verlag von Sänger & Friedberg 1907. 518 Seilen. Press 2.50 Mk. Die Reise- und Erholungszeit beginnt, die Annoncen der Kurorte und Sommerfrischen bedecken schon gan Seiten der Tagesblätter. Zum rechten Genuß der Ausspannüngszeit gehört, neben paffender Gesellschaft, auch ansprechende Lektüre. In der Welt-Literatur ist darin für jeden nur denkbaren Geschmack reichlich gesorgtfür jedes Alter, jedes Geschecht, jede Bildungsstufe ist an Altem und Neuem, an Originalen und Ueoersetzungcn unerschöpfliche Auswahl vorhanden. Aber an Erzählungen aus dem jüdischen Leben, an Charakterbildern aus unserm eignen Volke hat es früher fast ganz gefehlt, und so viel auch auf diesem Gebiete in den letzten Jahrzehnten erschienen ist, als Ghettogeschichten und dgl., an lesbaren und empfehlenswerten Büchern ha'.en wir noch lange keinen Ueberfluß. Deshalb habe ich das obengenannte Buch mit Heller Freude begrüßt, und, nachdem die ersten Seiten mcin Jntereffe geweckt, mich kaum mehr zu trennen vermccht und in ganz kurzer Zeit das Buch mit immer erneuter Spannung und ungetrübtem Genuß bis zu Ende gelesen. Das Inhaltsverzeichnis weist 17 Nummern auf, Erzählungen aus verschiedenenen Zeiten urd verschiedenen Orten, aus allen Ständen, von hohen Wü denträgern und Gelehrten bis herab zum schlichten Dorfjuden, aber allsamt naturgetreu, liebevoll und " lebendig geschildert, oft mit einem Anflug von erfrischendem Humor und so sehr fern von Trivialität und Hausbackenheit, daß ich nicht ansteben würde selbst echten Gelehrten und großen Laumdim das Buch für ihre Mußestunden zu empfehlen. Auch Gelehrte können aus diesen Erzählungen Vieles lernen und auch die Besten aus ihnen für ihre Gottesfurcht und ihr Gottvertrauen neue Nahrung schöpfen. Und dennoch find die Geschichten auch für ganz jugendliche Faffungsgabe nicht zu hoch. Das Buch ist darum Alt und Jung, Kennern und.Kenntnislosen aufs Wärmste zu^ empfehlen. Knaben und Mädchen werden es gewiß mit Heitzyu ger verschlingen und bejahrte Männerund Frauen es gewiß nicht unbefriedigt aus der Hand legen. Lest das Buch, ihr Väter und ihr Mütter! N cht um zu prüfen, ob. ihr es auch unbedenklich euren unverdorbenen Söhnen und Töchtern in die Hand geben dürfet, denn das ist bei diesem Buche nicht nötig. Es zeigt vielmehr hast man 500 Seiten hindurch erzählen kann, ohne nur daS Gebiet zu streifen, das sonst zum Mindesten die Einkleidung für die Begebenheiten bildet. Nein, leset es, um zu. sehen, daß ihr religiöse Gedanken und Gesinnungen in die Herzen eurer Kinder pflanzen könnt, wenn ihr ihnen dieses Buch in die Hände gebet, obschon es nichts weniger als ein Religionslehrbuch ist, lest es, um euer eigen Familienleben vergleichen zu können mit dem in dieser „ungekannten Welt" geschilderten. Ich möchte nun nicht gesagt haben, daß mir alle 17 Nummern gleicherweise gefallen haben. Mißfallen hat mir keine, Aber so wie der Umfang der einzelnen Stücke verschieden ist, eine Erzählung über 100, eine andere kaum 20 Seiten sich durchzieht, so wird auch das Urteil über diese Darbietungen je nach dem Geschmacke der Leser wechseln. Mir z. B. erscheinen No. Hl, V, VII, VIII, XIV wahre Kabinettstücke der Erzählungskunst (die sich vielleicht auch sehr gut dramatisch bearbeiten ließen, da Alles darin leibt und lebt),* während ich No. II bei einer gewiß bald erforderlich werdenden 2. Auflage aus dem Buche Herausgelaffen wünschte. Ebenso gehören die No. 12, 15, 16 und 17 nach meiner Meinung kaum in dieses Buch hinein, da sie Betrachtungen und keine Erzählungen find. Als Betrachtungen find sie ungemein geistreich und schön und zeigen, daß der Verfaffer nicht nur höchst anziehend erzählen, sondern auch überzeugend belehren kann. Aber in diesem Buche segeln sie unter falscher Flagge. Und da ich beim Tadeln bin, will ich gleich noch hervorheben, daß ich mich wundere, daß der Verfaffer noch an der alten Orthographie festhält, die' der jetzigen Jugend nicht mehr geläufig ist. Auch mehrere Druckfehler müssen bei einer neuen Auflage, verschwinden (so auf S. 256, 373, 497 und noch einige.) Wäre ich ein reicher Mann, dann erschiene bald eine zweite Auflage. Denn ich würde es als große Mizwoh, als sehr verdienstliches Werk ansehen, diese Erzählungen aus dem jüd. Familienleben jeder jüdischen^-Familie gratis zu überreichen. Aber noch mehr als mit einer neuen Auflage würde ich mich mit der Fortsetzung freuen, da wir nach der Ankündigung des Verlags noch auf weiter folgende Bände rechnen dürfen. Möchten sie ja recht bald erscheinen. vr. 8. 0. Buche, daß ein schwermütig fatalistischer Zug durch das Ganze weht und nirgends des Dichters freispielende Phantasie das Schicksal dieser Menschen bestimmt. Man sieht ein, daß alles, was da kam, so kommen mußte und bedauert höchstens die übermäßige Dicke dieser beiden Bände, sowie die geringe Kenntnis des Dichters von Juden und Judentum, die beide ziemlich schlecht dabei .wegkommen. Wollte man für diese Verkennung bei dem ersten der oben genannten Bücher sich Trostes erholen, so käme man vom Regen in die Traufe. Das Buch ist wirklich nicht gut. Es zeigt die Entwicklung eines modernen Juden und läßt diese im Zionismus gipfeln. Das ist das gute Recht des Verfassers und fern sei es von mir, es ihm zu h,rfiinmtern (RAfitnm nfior Kt. Snfo ftrfi fipr 9ii>rfnfii»v? 5ie Rene Richter, von Lothar Brieger-Wasservogel. Die Entwicklung eines modernen Juden, Berliner Roman in 3 Büchern, Berlin 1906. Richard SchröderBerlag. Hans im Glück. Ein Roman in 2 Bänden, von Henrik Pontoppidan, aus dem Dänischen übertragen von Mathilde Mann. Jnselverlag, Leipzig 1906. Es sind zwei Bücher von sehr verschiedenen! Wert, die vor uns liegen. Auf Klassizität kann freilich keines Anspruch erheben. Aber das zweite wenigstens ist ein ernstes, den Leser zum Nachdenken zwingendes Werk, in dem die verschiedensten Probleme des Lebens in nordisch tiefsinniger Weife behandelt und eine große Zahl durchaus wahr erfaßter Charaktere uns vorgeführt werden. Es ist reich an überaus naturalistischen Schilderungen, die sich aber von jeder Raffiniertheit freihalten und durchaus nicht den Eindruck machen, als seien sie starker Pfeffer auf verdorbenem Fleisch, wie das leider sonst so vielfach der Fall ist. Diese Schilderungen machten im Gegenteil auf mich den Eindruck, als ob hier ter Dichter dem Zwang der Notwendigkeit erliege, sich gewissermaßen entschuldige, daß er uns daS alles erzählen müsse, aber er könne nichts dafür, denn es war ja doch nun einmal so, und relats retero. Das ist überhaupt das Beste an dem verkümmern. Schlimm aber ist, daß sich der Verfasser' deutsche Sprache noch nicht vollkommen angeeignet hat. Es heißt z. B. auf S. 4: „Manchmal mußte er sich fragen, ob diese Leute nicht n ahnsinnig in ihrem tierischen Lebensdrange, in ihrem Lichthunger, der sie über die drohenden Abgründe des Niveaus hinwegtäuschte, alle diese Leute mit den wunden Herzen und den kulturbeleckten Clowngesichtern, lachende Seiltänzer, zum lustigen Daseinsfasching ausgefckminkt, mit einem Leichengeruch und der grinsenden Todesangst, schlangengleich unter den Rosen des Lebens." Ter Schluß dieses eleganten Satzes ist doch wahrhaft göttlich. Leider lassen sich solche Muster beliebig vermehren. — Die 2. Hälfte des Buches ist künstlerisch vollends wertlos und ergeht sich in den sattsam bekannten Wendungen dcr zioniftisischen Parteiliteratur. Jnr allgemeinen können wir dieses Buch jedem zur Befestigung seines antizionistischen Standpunktes warm empfehlen. Die langweiligen Stellen mag er ruhig überspringen. Das schadet nichts. Das, worauf es deni Verfasser offenbar ankommt, ist folgendes. Rene Richter, der auf Seite 157. „aus dem Stamme Benjamin (!) war, aus dem in alten Zeiten, des Reichs die Priester (!) und herrschenden Geister hervorgegangen waren," wird sich allmählich des zwischen Juden und Deutschen herrschenden Gegensatzes bewußt und schließlich von einen, Wiener Zionisten, einem Manne „mit lockigem Haupthaar und majestätischem Barte" darüber aufgeklärt, daß Judentum und jüdische Religion ganz verschiedene Dinge seien, letzterer die Menschheit längst „entreift" ist (S. 292), aber das erstere immer noch lebenskräftig sei und durch den Ziouismns reorganisiert werden solle. Und so wird er schließlich Zionist und seine treue Ehehälfte mit ihn,. Dem „alttestamentlichen Gott" kann er auf Seite 325 „keinen Geschmack abgewinnen", und nicht einmal an den lohen Feiertagen geht in die Synagoge. Daß er einen so schlechten Geschmack hat, finde ich traurig. Noch trauriger aber die sich in den letzten Kapiteln äußernde kolossale Geschmacklosigkeit des Verfaffers. Man ist ordentlich froh, schließlich Herrn Richter als „ahnenden Vorläufer der Renaissance des Judentums" sich nach Palästina einschiffen zu sehn — seine treue Ehehälfte natürlich wieder mit ihm'— und gestattet sich nur noch die Hoffnung auszusprechen, es möge die Luft Palästinas, dieses Ausgangs unseres Stammes," ihre gehirnstärkende Wirkung, von der die Weisen erzählen, auf die Beiden auszuüben nicht verfehlen. c.d.-c. „um sie . . ." Und ihr Bild, so rein und schön wie das eines Engels stand vor seiner Stele. „Me" —' er konnte den schrecklichen Gedanken kaum sasien — „wie, wenn sie anstatt seiner in euilleton Zwischen furcht und ffoNnuiig. 9] Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg von S. Schachnowitz in Endingen. Er träumte von der fernen Heimat und der nahen Vergangenheit. Es waren kaum zwei Jahre verflossen, seitdem er sie zum ersten Mal erblickt und eine neue Aera in seinem Leben, in seinem inneren und äußeren, durch sie begann. Was er in diesen Jahren alles erlebt und erfahren, haftete schwer an seinem Geiste und Körper. Das AndenLn jenes Mädchens aber, das ihm ein brutales Schicksal in jener Schreckensnacht an die Seite gestellt, um das Grauen des Momentes mit unsäglicher Seligkeit zu übertünchen, dieses Andenken lebte in ihm. Es winkte ihm, wie ein Leuchtturm mitten in der sinfteren Oede seines Lebens, Licht und sogar einige Schimmer der Hoffnung zu ... Ms Salam, nachdem die Untersuchungen und Verhöre glücklich zu Ende waren, in die Strafkompagnie eingestellt wurde, da stand Rahel wie ein lebendiges Traumbild vor ihm, an dem er in den Stunden der Not, wie in denen der Nuhe zehrte. „Es war um sie geschehen", sagte er sich, die Hände der verfolgenden Brutalität geraten wäre? Nein" — schloß er dann seine Gedanken „für sie und der Preis war durchaus nicht zu hoch." Seine Lage hatte sich ungemein verbessert, als er endlich in die ostasiatische Truppe eingereiht wurde und nach unendlichen Touren und Seereisen das Amurgebiet, wo seine Garnison stationiert war, erreichte. Das Land, der Schrecken des westrussischen Soldaten, bedeutete für ihn, nach den Leiden der Strafepoche das Land der Verheißung. Das Leben war da freier, und die Berge, so roh und so wild wie die unter ihnen wohnenden Tungusen, boten Abwechselung und Naturfreuden, wie er sie bisher nie gekannt. Ein Stück rohe Natur oben und unten, sowohl in der Landschaft wie im Leben in den Lehmhütten und Jütten. Die Männer sind tagsüber auf der Jagd und beim Fischfang. Der junge schmucke Kosak, dessen Stamm nicht zu den Einheimischen gehört, liebt offen die daheim gebliebene derbe Maid des Tungusen - er besucht sie in der Hütte, begleitet sie ins Feld und hilft ihr beim Eintreiben des Viehs. Salam sah dort täglich diese Idyllen, und immer und immer wieder blutete ihm das Herz vor Sehnsucht und Liebe. Er liebte die Natur, die er bis jetzt nicht recht gekannt, er sehnte sich nach der Liebe, die er erst jetzt erkannt. . . . Dann träumte er von einer trauten Hütte, dort an der Felsenwand gebaut mit dem Ausblick ins weite Tal. Was bedeutet alle Kultur, alles Chaos des Lebens gegen ein solch ruhiges Glück, ein stilles Heim in dieser Welt- und menschenentfernten Gegend? Er ginge dann, so frei wie die Tungusen, so mutig wie die Kosaken zu den Bergen hinauf, in den Wald und zum Fischfänge, und wenn er dann abends heimkehrte, käme aus der Hütte seine über alles geliebte Frau, im groben Bauern Hemde, gesundheitsstrotzend und mit lachenden Augen ihm entgegen. Diese Frau aber trug trotz dem groben Bauerngewande und der robusten Glieder die Züge Rahels. Als der Krieg mit Japan ausbrach, wurde sein Regiment für den Kriegsschauplatz bestimmt, mit dem er seit einigen Wochen in Mukden stationiert war. Hier wollten sie den heranrückenden Feind abwarten. Wann, w o und wie, wußte keiner. Vielleicht beute noch nicht. Furchtbar mußte er sein, der gelbe Satan, denn sein Granatendonner dröhnte seit Tagen und Nächten, und die täglich ihm entgegenrückenden Truppen kamen gar nicht oder in kleinen zersprengten Haufen wieder. Unterdessen suchte jeder zu genießen, so lange und so viel er kannte. Eine wahre Stupidität bemächtigte sich der Leute, die in Erwartung eines unbestimmten und unvermeidlichen Geschickes noch der Freuden Kelch bis zur Neige kosten wollten. Mit anderen Gefühlen sah Salam den: mächtig herandonnernden Schicksale entgegen. Unwillkürlich fielen ihm die Worte des greisen Rabbiners ein, der mit der heiligen Thora in der Hand ihnen beim Abzüge nach dem Schlachtfelde den Segen erteilte. „Der Weg ist ein blutiger — er möge aber zum Siege führen ■— in eine bessere Zeit für uns alle." Die Worte schienen lebendige, greifbare Form zu erhalten, vielleicht, nicht ganz im Sinne, wie sie der würdige Greis ausgesprochen. Der Weg — der Soldat lauschte nach dem Freudengehenl, der vom

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