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Der Israelit · 1907-05-23 · Heft 21 (23.5.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 21 (23.5.1907)
Date
1907-05-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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lllerans ar lll ED-G. L Ist Shylock ein Jude? Ein Vortrag von Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel. (Fortsetzung). Allein dieser Einwurf ist unberechtigt. In den alten Erzählungen handelt es sich um einen Schuldschein, den der in Not Befindliche seinem Gläubiger ausstellt. Ganz anders bei Giovanni Leti/ er erzählt von einer unbedachten Wette, die ein Jude eingegangen. Das ist so unglaublich nicht, denn richtig bemerkt er selbst: Es gibt Wetten, die von solchen gemacht zu werden pflegen, welche eigensinnig auf ihrer Behauptung beharren, indem sie sprechen: ich verwette meinen Kopf, oder ich verwette meine Hand. Aeußerst bemerkenswert ist ferner, daß Leti ein Vorkommnis aus seiner eigenen Zeit schildert, welches in dem Moment, als er sein Buch herausgab, allbekannt gewesen sein muß. Wäre das ganze erfunden, so hätte er befürchten müssen, Lügen gestraft zu werden. Er erzählt es ferner anknüpfend an die außerordentliche auch sonst bekannte Strenge des Papstes Sixtus und bemerkt dabei, daß er nicht gewöhnt war, von dem einmal von ihm ausgesprochenen Urteil abzugehen. Er nennt ferner die Namen der Wettenden vollständig, er nennt noch dazu den Kardinal Montalto, der ein Verwandter des Papstes war, an den sich die Freunde beider Parteien gewendet hätten, um eine Milderung des Todesurteils herbeizuführen. Das sind alles Anzeichen historischer Treue. Und endlich spricht ein Umstand überzeugend für die Wahrhaftigkeit des Erzählers: der Christ 'ist der Grausame. Hätte er die Geschichte erfunden, so hätte er gewiß dem Juden die Rolle der Hartherzigkeit zuerteilt, wie es die Legenden- und Novell en-Erzähler und Shakespeare selbst getan haben. Wir sind also zu dem überraschenden Ergebnis gekommen, daß das historische Vorbild des Shylock der Christ Sechi gewesen ist. Doch was bestimmte Shakespeare einem Juden eine so schimpfliche Rolle zuzuweisen? Tat er es aus ähnlichen Motiven wie diejenigen waren, die ihn veranlaßten, Othello als Mohren zu schildern, während der historische Feldherr Venedigs ein Weißer war, der nur den Namen Mauro führte? Persönliche Gründe der Abneigung konnte Shakespeare, so sollte man meinen, gegen die Juden unmöglich haben, da sie zu jener Zeit schon 300 Jahre lang aus England verbannt waren. Ueber diese Frage würden wir im Dunklen tappen, wenn nicht vor einiger Zeit ein englischer Schriftsteller mit einer außerordentlich scharfsinnigen Untersuchung hierüber Licht verbreitet hätte, Ich kann hier auf die Ergebnisse dieser Forschung im einzelnen nicht näher eingehen und will nur soviel kurz erwähnen, daß allerdings Juden in England nicht MEeben dursten, wohl aber Marannen, sogenannte Neuchristen, spanische Juden, die, um ihr Vermögen nicht zu verlieren, öffentliche sich zum Christentum bekannten, insgeheim aber Inden waren. Vor der spanischen Inquisition fliehend, scheinen eine Anzahl solcher Marannen in England ein Asyl gefunden zu haben, das ihnen aus politischen Gründen gerne gewährt wurde, da England damals mit Spanien im Kriege sich befand. Zur Zeit Shakespeares nun spielte ein Maranne, d. h. also ein Christ, von dem Jeder wußte, daß er heimlich ein Jude war, und den man wohl auch, besonders wenn man böse auf ihn war, den Juden nannte, Namens Rodrigo Lopez, eine hervorragende Rolle. Er wurde Leibarzt der Königin Elisabeth, und er wurde auch, da er fünf Sprachen sprechen konnte, im diplomatischen Dienste verwendet, besonders im Verkehr mit einem portugiesischen Prinzen, namens Antonio, — achten wir auf diesen Namen — den die Königin als Schachfigur gegen ihren Todfeind, den König Philipp II. von Spanien, auszuspielen gedachte. Die Einzelheiten interessieren uns hier nicht/ genug, im Jahre 1594 gab es in England eine Art Dreyfus-Prozeß, der die ganze damalige Welt in Spannung hielt. Lopez, der jüdische Maranne, wurde, wie die Akten ergeben, fälschlich des Hochverrats angeklagt und beschuldigt, er habe den portugiesischen Prinzen und sogar die Königin vergiften wollen. Vergebens beteuerte er seine Unschuld, er wurde zum Tode verurteilt. Lange weigerte sich die Königin, das Urteil vollstrecken zu lassen. Schließlich gab sie nach und Lopez wurde hingerichtet. Begreifen wir es nun, daß in England damals eine gehässige Stimmung gegen die Juden herrschte und daß, wie wir bestimmt wissen, im Todesjahre des Lopez nicht weniger als drei Dramen aufgeführt wurden, welche alle die Juden in das häßlichste Licht stellten, und daß der Zulauf zu diesen Stücken ein außerordentlicher war! In eben demselben Jahre nun hat Shakespeare seinen Kaufmann von Venedig, der ursprünglich Shylock hieß, aufführen lassen. Er trug also der Stimmung des Tages Rechnung, indem auch er den Juden als blutdürstig schilderte. Begreifen wir es nun, daß der Schuldner des Stückes, der eine so edle Rolle spielt, Antonio heißt, wie jener historische Feind des Juden Lopez, und daß im Stücke Antonio als der „königliche Kaufmann" bezeichnet wird, mit deutlicher Anspielung auf den portugiesischen Königssohn? Der erste Schauspieler, der damals Shylocks Rolle spielte, hat einen Bart vorgenommen wie ihn Lopez trug und hat diesen völlig kopiert! Wir haben demnach nachgewiesen, daß ein jüdischer Shylock in Wirklichkeit nicht existiert hat und daß Shakespeare den christlichen Gläubiger in einen jüdischen verwandelt hat, um sich der durch den jüdischen Hochverratsprozeß jener Tage hervorgerufenen judenfeindlichen Stimmung anzuschmiegen. Wersen wir nun wieder einen Blick auf das Drama selbst. Wohl selten sind über eine Rolle die Meinungen so wert auseinander gegangen, wie über Shylock/ diametral stehen einander die Ansichten und die Anpassungen gegenüber. In früherer Zeit wurde Shylock als Karrikatur gespielt, als schmutziger, habgieriger, verworfener Jude mit krummer Nase und abschreckendem Aussehen, über den die Zuschauer nicht genug lachen konnten, wenn er rief: meine Tochter, meine Dukaten, meine Dukaten, meine Tochter. . . . Noch in unseren Tagen gibt es hervorragende Schauspieler, die Shylock zur Belustigung der Zuhörer mauschelnd einführen, obwohl sie sich mit einiger Ueberlegung sagen könnten, daß in Venedig nicht gemaufchelt wurde, der Jargon vielmehr eine den polnischen Juden anhängende Eigentümlichkeit ist. Im allgemeinen jedoch, kann man sagen, daß heute viele denkende Christen zu der Erkenntnis gelangt sind, wie schwer die christlichen Völker sich an den Juden im Mittelalter versündigt haben, wo man sich der Scheiterhaufen, die man für uns entzündet, der Prozesse wegen Brunnen-Vergiftung, die man gegen uns angestrengt, und der unmenschlichen Martern zu schämen beginnt, denen man unsere Väter unterworfen, auch die Auffassung des Shylock eine wesentlich andere geworden ist. Man sieht in ihm den Sohn eines unterdrückten Volkes, den Paria der Gesellschaft, dem die Qualen, die man ihn erdulden ließ, dem der Hohn und der Spott, mit dem man ihn überschüttet, dem das Unrecht, dessen Opfer er aller Orten aus keinem anderen Grunde wurde, als weil er ein Jude ist, den einen Gedanken eingeben, der glühend seine Seele erfüllt, den Durst nach Rache. Seine Peiniger, seine Verfolger, die ihn gelästert und gehöhnt, die ihm sein einziges Kind, die ihm sein Gold geraubt, er will sie treffen in der Person des einen, den das Schicksal in seine Hand gegeben. Keinen Wert hat das gleißende Gold in seinen Augen, das sie ihm bieten, um seinen Feind zu lösen. Nur der Durst nach Rache lebt in seinem Herzen. So wird Shylock zu dem eigentlichen Helden des Stückes,- neben dessen Größe die anderen Figuren wie Schemen verbleichen. Ja, manche Schauspieler stellen Shylock in der Gerichtsszene dar, wie er nicht demütig und kleinlaut, sondern höhnisch fragt: „Ist das das Gesetz? steht das im Gesetze?" und wie er dann zwar äußerlich gebrochen abgeht, aber innerlich triumphiert über die Ungerechtigkeit, die ihm angetan ward, welche die Erbärmlichkeit seiner Gegner kennzeichnet. Diese Auffassung hat zuerst der auch wissenschaftlich tüchtige Schauspieler Irving betätigt, der über Shylock sagt: „Ich betrachte Shylock als den Typus einer verfolgten Rasse, als beinahe den einzigen Gentleman und als den am meisten Verfolgten im Stücke." i i Tri i

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