Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1907)
- Date
- 1907-05-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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33. Mai 1907 Seite 8. Der JSraeltt. gebackenen jüdischen Nationalismus ausgesprochen, hat in Uebereinstimmung mit den Nationalisten erklärt, die Juden seien eine Nation; haben wir uns jedoch über diese neue Errungenschaft zu freuen? Ich glaube, auch unsere extremsten Nationalisten werden über diesen ihren neuen Gesinnungsgenossen nicht erfreut sein; denn eben die Anerkennung einer jüdischen Nation von Seiten Stolypins soll dazu dienen, die Inden aus dem neuen von der Regierung eingebrachten Gesetzesprojekt über Gewissensfreiheit, „Niemand darf wegen seines religiösen Glaubens irgend welcher Rechtsbeschränkung unterliegen", auszuschließen, da die Juden, tute eine Anmerkung zu dem Gesetz tautet, „nicht wegen ihrer Religion, sondern ihrer Nationalität halber den Rechtsbeschränkungen unterliegen." Das ist zwar nicht wahr, aber ganz modern und unsere Nationalisten können auf ihre fruchtbare Propaganda stolz sein. Daß das Argument, das aus jener Unterscheidung zwischen Nationalität und Konfession hergeleitet wird, nicht stichhaltig ist, liegt ja auf der Hand. Die Taufe eines Juden bringt in seinem ethischen Charakter nicht die geringste Veränderung hervor, erlöst ihn aber nichtsdestoweniger von allen auf ihm, als auf einem Juden lastenden Ausnahmegesetzen. Es ist nun klar, was wir von der Kräftigung der Position Stolypins zu erwarten haben. Ueber einige an sich höchst unbedeutende Rechtserweiterungen im Ansiedelrmgsrayon, von - denen in der Presse bereits oft die Rede war, wird er kaum hinausgehen, aber vor Judenkrawallen dürfen wir uns wohl für geborgen halten, so lange er nicht bloß offiziell am Ruder ist — (denn daß dieses wenig bedelltet, haben uns die Krawalle in Bialystok und Siedlce bewiesen) - sondern seine tatsächliche Machtstellung inne hat. Unter den obwaltenden Umständen . müssen wir auch dafür den: Allgütigen danken. Wird aber dieses Gefühl der persönlichen Sicherheit vor Judenkrawallen, das die gegenwärtige Machtstellung Stolypins den Juden einzuftößen geeignet ist, der Emigrationsbewegnng Einhalt tun? Ich glaube kaum. Diese Bewee steht int inneren Zusammenhang mit den llutionswirren, die die Reichsduma sich außerstande ertviesen hat zu beseitigen. Wird diese, wie man nicht ohne triftige Gründe erwartet, geschlossen und eine zeitweilige Diktatllr an Stelle der sistierten Konstitution gesetzt, dann wird die Revolution nur stärker werden. Zu einem allgemeinen bewaffneten Aufstande wird es jedoch in Rußland noch lange nicht kommen. Bei der eisernen Disziplin der Millionenarmee, bei der dünnen Landbevölkerung, bei der relativ geringen Anzahl der Fabrikarbeiter, die dazu über ganz Rußland zerstrerit sind, bei der ungeheuren Armut und Dunkelheit in der Mehrheit des russischen Volkes und der schlechten Wegekommunikation des Reiches ist ein bewaffneter Aufstand, der auch nur halbwegs auf Erfolg rechnen könnte, für absehbare Zeit ganz aussichtslos, aber in ihrer gegenwärtigen, das Land im höchsten Grade ruinierenden Form kann die Revolution noch sehr lange andauern. Wir haben ja gesehen, daß auch die äußerst strengen Feldgerichte und die Anwendung unerhörter Torturen mit ihr nicht fertig werden konnten. Null haben unter der revolutionären Terrorwirtschaft die Judeil als die vorzüglich geschäftstätige Stadtbevölkerung am meisten zu leiden. Kein Kaufmann, kein Handwerker kann ungestört seiner Arbeit leben. Niemand ist vor den gewaltsamen Streiks und den räuberischen „Expropriationen" der zügellosen politischen Banden eine Minllte sicher. Das bringt den kommerziellen und industriellen Betrieb in völlige Stockung. Die Zahl derjenigen Fabrikanten und Kaufleute, welche unter diesen unglückseligen Umständen ihre Etabliffements schließen und zum Wanderstab greifen, wächst mit jedem Tage. Solche Elemente bilden ein bedeutendes Kontingent der Emigranten. Selbstverständlich wandert mit diesen Arbeitgebern auch ein bedeutender Teil ihrer Arbeiter aus. Dauert also, wie nicht anders angenommen werden kann, der revolutionäre Zustand des Reiches noch lange fort — dann muß die Emigrationsbewegung auch für den Fall, daß wir fernerhin von Pogromen verschont bleiben, beständig wachsen. dßnglanfr« London, 10. Mai. A. Rosenthal, der Vorsitzende der Sabbath Observance Society veröffentlicht in der Jewish Chronicle folgenden Aufruf. „Seit der Gründung der Jewish Trabes Sabbath Observance Society ist noch kein Aufruf um Beiträge an die Oeffentlichkcit ergangen. Das notwendige Geld ging ein — die hervorragendsten Beiträge von Sir Samuel Montageu (55 Pfd. 5 Sh.) und Carl Stettauer (25 Pfd.). Während der kurzen Zeit des Bestehens der Gesellschaft ist schon bedeutendes geleistet worden, der Sabbatarbeit der Bäcker wurde ein Ende gemacht und etwa 100 Schneidern wurde Beschäftigung vermittelt. Biele von diesen Schneidern lvaren wochenlang arbeit- und brotlos, und ohne unsere zeitweilige Hilfe würden sie jetzt die Wohltätigkeit des Board of Guardians in Anspruch nehmen. Diese überaus wichtigen Mitteilungen wären schon in der Massenversammlung in der Great Asseinbly Hall am 29. v. Mts. gemacht worden, wenn nicht die wohlvorbereiteten Storungen es verhindert hätten. Indessen haben diese Störungen das Gegenteil dec beabsichtigten Wirkung zur Folge gehabt Sie haben der Genreinde über di? in ihrer Mitte lauernde Gefahr die Augen geöffnet, das Volk außerordentlich erregt und es zu dem Entschluß gedrängt, um so entschiedener für seine Sache zu kämpfensie haben der Bewegung eine Schwungkraft gegeben, die sie in drei Jahren e.friger Propaganda nicht erlangt hätte. In einem bedeutenden Bezirke des Esit-Cnd hat man bereits Schritte getan, die Schließung der Läden und Warenhäuser am Sabbath herbeiführcn, und auch in anderer Richtung werden llntcrnehmungen erwogen. Mit Rücksicht auf diese starke Entwicklung hat das Comitee der Jewish Trabes Unions Sabbath Observance Society beschloffen unter Streichung des Wortes Unions seinen Wirkungskreis zu erweitern, sodaß sie nun (nicht mehr nur die Gewerkschaften, sondern) alle, die ihr beitreten und sie fördern wollen, zu um fassen vermag. Gewiß gibt cs zahlreiche Mitglieder der Gemeinde, die gerne sich mit einem Beitrag subskribieren werbenich bin bereit, solche in Empfang zu nehmen und zu quittieren. Je größer unsere Mittel sind, desto mehr können wir leisten. Jetzt wo die Bewegung einen tüchtigen Anlauf genommen hat, ist es Pflicht, jedes Gemeindemitglicdes sich ihc cmzuschließcn und an dem Kampf gegen die Entweihung deS heiligen Vätrrerbes teilzunehmen." Rumänien. Bukarest, 14. Mai. Wie dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle aus Bukarest gemeldet wird, werden durch die Ausweisungen rumänischer Juden zahllose Familien zur Verzweiflung getrieben. Dicht au den Toren von Bacau ist die Gemeinde Staueresti. Dort wohnten seit Jahren 6 jüdische Familien, die mit 2 oder 3 Ausnahmen regelrechte Niederlaffungserlattbnis hatteil. Alle diese Familien haben nachstehendetl Befehl erhalteit: Befehl. Wir, Bürgermeister der Gemeinde Staileresti, Bezirk Bacau: In Anbetracht, daß Avram Bercowici die Bedingungen des Artikels 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden nicht erfüllt, in Anbetracht, daß der genannte bisher die in diesem Artikel vorgesehenen Akten zur Erlangung der Niederlassungserlaubnis nicht eiugereicht hat, demgemäß und auf Grund des Gesetzes, sowie der einschlägigen Ministerial- Vecfügungen befehlen wir, daß der genannte Avram Bercowici die Gemeinde binnen 5 Tagen nach Empfang dieses zu verlassen hat, und tun ihm kund, daß er eventuell nach den Bestimmungen des Gesetzes abgeschoben werden wird. Der Bürgermeister: V. Anghiel. Der Sekretär: (unleserlich.) Nr. 1429. 1907, April 25. Unter Bezugnahme auf den Befehl Nr. 1429 vom heutigen Tage teile ich Ihnen mit, daß Ihnen eine Frist zum Verlassen der Gemeinde von nur 48 Stunden nach Empfang dieses gewährt ist, nicht von 5 Tagen, wie irrtümlich angegeben war. Der Bürgermeister: V. Anghiel. Der Sekretär: (unleserlich.) Nr. 1463. 1907, April 25. Der Präfekt von Bacau, Radon Porumbaru, ist einer der wildesten Antisemiten Rumäniens. Einige Israeliten von Staueresti sind nach Bukarest gekommen, um Hilfe von der Allianz zu erbitten. Neue Bemühungen beidemMinisterium, wenigstens einen Aufschub von einigen Tagen zu M. S1 erlangen, sind vergeblich gewesen. Herr Bratianu zeigt 'sich unbeugsam. Vatkrstina. Jerusalem, 5. Mai. Die Kolonie Ri sch on- Lezion feiert in diesem Jahre die 25. Wiederkehr ihres Gründungstages. Es werden große Vorbereitungen getroffen, um den bedeutsamen Gedenktag würdig zu begehen. llermirchtes. Berlin, 17. Mai. Die von einem unabhängigen Komitee in der Biktoriabrauerei einberufene P r o t e st - Versammlung gegen die Absetzung Dr. Emil Cohns war von mehr als 2000 Personen besucht und viele Hunderte mußten unverrichteter Sache wieder abziehen, weil sie in dem überfüllten Saal und seinen Nebeneräumen keinen Einlaß finden konnten. Referate hielten die Herren Dr. A. Biram und Lr. I. Zwirndann sprach Herr M. A. Klausner. Dr. Zwirn war ermächtigt, einen scharfen Protest des Repräsentanten Prof. Dr. 'Baginsky zu verlesen, der durch Majorisation in der famosen Repräsenrantenversammlung verhindert war, Protest gegen die Vergewaltigung des Rechts einzulegen. Von der Gegenseite sprach Herr Recktsanwalt Stein, der sich Mühe gab, Herrn Lilienthal weiß zu waschen. Nur mit Mühe konnte der Vorsitzende, Dr. Julius Katz, es durchsetzen, daß die Versammlung die wiederholten Reden des Herrn ruhig anhörte. In glänzender Weise widerlegte Herr Lichtenstein die Auseinandersetzungen Stein's. Oberlehrer Dr. Johannes Joel erklärte namens seiner Kollegen, daß der eine Vermittler der Direktorbotschaft an den Vorstand, der Lehrer Hanfs, kein Oberlehrer, sondern Gemeindelehrer sei, daß er und seine Kollegen aber entrüstet jede Gemeinschaft mit den Angebern zurückwiesen. Rechtsanwalt Stein sprach zum zweitenmale und zitierte einen Fall, wo nach seinem Wissen Dr. Cohn mit seinem Unterricht Mißbrauch getrieb n habe, wollte aber keineswegs den Namen nennen. Dr. Rosenkranz, der zufällig die Sache genau kannte, nannte den Namen und widerlegte unter allgemeiner Heiterkeit das Vorbringen des Herrn Rechtsanwalt. Stein. Es sprachen noch Dr. Alsied Klee, Herr Stein, Herr Karfunkel und zum Schluß Herr Heinrich Loewe, worauf mit allen gegen eine Stimme eine Resolution angenommen wurde, die in ruhiger aber nicht minder entschiedener Weise dem Protesteund der Entrüstung der Versammlung Ausdruck gibt. Hannover, 21. Mai. Zwischen drei hiesigen Fleischern nnd der Schächtkvmmission des Repräsentantenkollegiums spielt schon seit einiger Zeit ein Konflikt, der auch im Inseratenteil des „Israelit" einen Widerhall gefunden hat. Die Fleischer weigern sich nämlich, die festgesetzte Schärbtgebühr zu entrichten nnd ans diesem Grunde ist die Schächtkvmmission einen anderen Fleischer nach Hannover zu ziehen bemüht, dem sie einen entsprechenden Kundenkreis garantieren will nnd der die Gebühren zu zahlen sich bereit erklärt. In dieser Sache richtete nun behufs Richtigstellung verschiedener Behauptungen der Fleischer Landrabbiner G r o n e m a n n an diese ein Schreiben, in dem es heißt: „Sie haben in einer gegen die hiesige Schüchtkommission abgegebenen Erklärung auch mich hineingezogeil und zu meiner Stellung zu der betreffenden Angelegenheit Ausführungen gemacht, die nicht zutreffend sind und von mir nicht unwidersprochen gelassen werden können. Umsomehr fühle ich mich dazu veranlaßt, als Sie sich auf ein in Ihren Händen befindliches Schriftstück von mir berufen und auf Grund desselben erklären, daß die Angelegenheit „hinter dem Rücken des Landrabbiners ins Werk gesetzt ist". In Wirklichkeit habe ich, nachdem Sie durch ein Schreiben vom 15. dlpril d. I. gegen das Vorgehen des Vorstandes bei mir Verwahrung eingelegt und gleichzeitig mir die Abschrift eines in verschiedenen Zeitungen erschienenen Inserats cingesandt hatten, am 18. April d. I. Ihnen den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend geantwortet, daß die Schächtgebühren lediglich zu dem Ressort der Gemeindeverwaltung gehören und daß ich ebensowenig mit dein durch Ihre Mitteilung mir erst bekannt gewordenen Inserat etwas zu tun hätte. Gleichzeitig aber habe ich Sie auch auf die Konsequenzen hingelviesen, die sich aus der Verweigerung der Gebührenzahlung Ihrerseits auch für mich ergeben würden und bemerkt, daß, wenn der Vorstand auch die fernere Anstellung eines ständigen Auffehers ablehnen sollte, auch mir die Möglichkeit entzogen wäre, eine religiöse Aussicht über Ihre Geschäfte auszuüben. Außerdem habe ich aus das von Ihnen unterschriebene Protokoll vom 29. Juli 1904 aufmerksam gemacht, in dem Sie sich damit einverstanden erklären, daß auf Ihre gemeinsamen Kosten ein ständiger Aufseher angestellt werde, ich mir aber gleichfalls mit Ihrem ausdrücklichen Einverständnis das Recht vorbehielt, wenn eine ausreichende Garantie für eine religiöse Kontrolle nicht gegeben sein sollte, Ihren Betrieben die religiöse Aufsicht wieder zu entziehen. Hieraus ergibt sich, daß Ihre Bemerkungen in dem vorerwähnten Inserate, daß die Anstellung eines Aufsehers ohne ihr Einverständnis erfolgt sei, unrichtig ist. Daß der Ausseher später von der Gemeinde übernommen und ihm ein höheres Gehalt gegeben