Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1907)
- Date
- 1907-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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W. ZKai 1907. ■*• ' Der Israelit. daß angesichts der Gefahren und Schwierigkeiten, mit welchen das Judentum zu kämpfen habe, ein Zusammenschluß erforderlich sei. Der „Verband" habe in diesem Sinne erfolgreich für unsere religiösen Interessen bei der Schechitahagitation, bei dem Preußischen Volksschulgesetz und jetzt bei dem Entwurf für Erweiterung der Sonntagsruhegesetzgebung gewirkt. Etwas, was gegen unsere Ehre oder gegen unser Interesse verstoße, -sei bisher in der Tätigkeit des Verbandes nicht hervorgetreten. Auch in der Organisationssrage habe der Verband loyal gehandelt. Gegen den Anschluß spreche anderseits, daß an seiner Spitze Persönlichkeiten stehen, die mit der hiesigen jüd. Gemeinde eng liiert sind, und daß die jüdische Gemeinde eine Präponderanz im Verbände beanspruche, daß aber die Gemeindeverwaltung bei jeder Gelegenheit die Adaß Jisroel systematisch zurücksetze und erdrücken rnöchte. Aus diesen Gründen enthalte er sich der Abstimmung. Dr. Biber selb betont, daß schon der letzte, von dem Herrn Vorredner angeführte Grund zur Ablehnung des Anschlusses förmlich zwänge. Wer den Geist, der in der hiesigen Gemeindeverwaltung gegenuns vorherrscht, kennt und anderseits berücksichtigt, daß dieselben Persönlichkeiten hier wie dort maßgebenden Einfluß ansüben, könne über die gebotene Stellungnahme nicht im Zweifel sein. Für die Schechitah sei der Verband nur mit a n d e r e n Korporationen gemeinsam tätig gewesen; seine Wirksamkeit in der Schulgesetzsraae sei für unsere Interessen geradezu verhängnisvoll gewesen und überdies Habe der Verband bei dieser Gelegenheit — es handelte sich um die Sabbatruhe der jüdischen Volksschullehrer — offiziell abgelehnt, sür spezifisch orthodoxe Juteressen einzutreten. Redner erinnert an die Be schimpfun g der Austrittsgemeinden in einem offiziellen Schriftstück des Verbandes, wo dieselben als zu vernachlässigende, „abgesplitterte Sekten" bezeichnet wurden. Man brauche solche „Entgleisungen" nicht allzu tragisch zu nehmen,- aber symptomatisch seien' sie für die Stimmung, die dort über uns herrscht, bezeichnend. Er bittet um einmütige Ablehnung und ersucht den Vorstand, diesen Beschluß mit der Motivierung dem Verbände mitzuteilen, daß in erster Reihe unsere Stellung gegenüber der jüdischen Gemeinde und ihrer Verwaltung uns den Beitritt unmöglich macht. Herr Rosenblüth will dem Vorstand das Recht wahren, die Form der Ablehnung zu finden, wogegen Herr Dr. B iberseld bei einem aus gemeinsamer Beratung hervorgehenden Beschluß auch Berücksichtigung der dabei hervvrgetretenen Gesichtspunkte fordert. Der Antrag des Verbandes wird einstimmig abgelehnt unter Stimmenthaltung des Herrn Prof. Barth. — Es folgt die Interpellation Biberfeld, die folgenden Wortlaut hat: „Nach Mitteilungen in der Presse hat der Vorstand unsere Gemeinde bei der Jubelfeier, der Bnei Briß-Logen offiziell vertreten. Ist diese VAtteilung richtig, bew. wenn ja, ist der Vorstand geneigt und in der Lage uns die Gründe anzugeben, welche ihn dazu veranlaßten, die Gemeinde offiziell bei diesem Anlasse zu vertreten." In einem Schreiben an den Herrn Repräsentanten-Vorsteher hatte, auf die offizielle Mitteilung von der Jnterpellationsabsicht hin, der Vorstand erklärt, daß in der Tat die Gemeinde, einer Einladung der Loge folgend, bei jener Gelegenheit für den Vorstand durch Herrn Rosenblüth, für die Repräsentanten durch Herrn Prof. Barth vertreten worden sei. Er sei nicht nur zur Beantwortung der Interpellation bereit, sondern es sei ihm erwünscht, daß die Bedeutung der Loge und unserer Stellung zu ihr einmal eingehend erörtert werde. In der Begründung der Interpellation bestreitet der Interpellant dem Vorstande das Recht, die Repräsentanten - Versammlung durch Aufforderung eines ihrer Mitglieder vertreten zu lassen. Der Vorstand habe es als Pflicht der Courtoisie bezeichnet, der Einladung der Loge zu folgen. Dieser Pflicht wäre durch ein Gratulationsschreiben genügt gewesen,' es gäbe aber auch eine Eourtoisie gegen die Mitglieder der Repräsentänten-Bersammlung, vor allen gegen deren greisen Vorsitzenden, der nie ein Hehl daraus gemacht habe, daß er die Verbrüderung zwischen Orthodoxen und Neologen, wie sie die Loge geradezu fordere, für verhängnisvoll ansehen müffe. Redner wolle sich zunächst auf diese mehr formelle Seite beschränken und seine sachlichen Bedenken erst nach Anhörung der Gründe des Vorstandes Vorbringen. In der Besprechung der Interpellation berichtigt zunächst Herr Prof. Barth das Vorstandsschreiben dahin, daß er nicht vom Vorstande delegiert, sondern in seiner Eigenschaft. als Repräsentantenvorsteher und Stellvertreter, da der Herr Vorsteher verreist war, zu jener Feier gegangen und freue sich, daß er es getan. Als Vorsitzender habe er das Recht, ohne die Versammlung erst zu befragen, sie bei solchen Anlässen zu vertreten-. Und er freue sich, es getan zu haben, denn die Loge übe Wohltätigkeit größten Stils, hinter der unsere Leistungen verschwindensie unterstützt und unterhält Waisenhäuser und Krankenanstalten; sie hat Großes für unsere Brüder aus dem Osten getan; kurz ihr Gemiluth Chesed kann vorbildlich sein. Die übrigelt Ausführungen des Herrn Redners trugen mehr privaten Charakter und kommen für die Oeffentlichkeit nicht in Betracht. Hätte er allerdings vermutet, daß ein Geist, wie der in der Interpellation zum Ausdruck gebrachte, in dieser Körperschast so stark sei, wie es scheine, so hätte er es abgelehnt dieselbe zu vertreten. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr R o s e n b l ü t h, vermißt in der Begründung des Interpellanten den Nachweis des Ungeheuren, das der Vorstand begangen haben solle. Im übrigen betont auch er die grandiose Wohltätigkeit der Logenübrigens träfen sich in Geschichtsvereinen und ähnlichen Körperschaften ja auch Neologe und Orthodoxe. Dr. Biberfeld weist den Angriff des Herrri Roseublüth zurücker habe ausdrücklich erklärt, daß er seine Bedenken später Vorbringen werde- Er sei kein Ketzerrichter und lvolle Niemand das Recht verschränken, der sich stark genug gegenüber den Lockungen der Intimität mit Nichtorthodoxen wisse, Mitglied der Logen zu werden. Aber er warne vor den verderbenschweren Folgen, welche die Liaison für die spätere Generation haben werde, haben müsse. Und darum wolle er nicht, daß uns, die wir anderer Meinling sind, unser Entschließungsrecht vergewaltigt wird durch eine die ganze Gemeinde bindende Stellungnahme wie hier geschehen. Der Hinlveis auf die anderen Vereine sei deplaziert, denn dort arbeite man zusammen, hier habe man zusannnen gefeiert. Nachdem noch Herr K. K n o l l e r in warmen Worten betont, daß unser altjüdisches Gemiluth Ehesed sich durchaus nicht vor der Logenwohlthätigkeit zu verstecken brauche, schloß die Debatte. Eine Abstimmung fand nicht statt; es blieb aber kein Zweifel, daß kein weiteres Mitglied der Versammlung von der Ansicht des Interpellanten abwich. Nürnberg, 19. April. In einem Briefe aus Nürnberg, den Sie vor einiger Zeit veröffentlichten, war an den Fall erinnert worden, daß der Gemeindemachthaber einem jüdischen Lehrer wegen des Aussetzens einer Kopfbedeckung beim Religionsunterricht am Zeug geflickt hatte. Damals hat man leider nicht die Konsequenz gezogen, eine eigene jüdische Volsschule zu errichten. Noch heute hat die Adas Jisroel keiue Volksschule, trotz ihrer hundert zahlenden Mitglieder, von den viele sich in besten finanziellen Verhältnissen befinden. Die Adas Jisroel hat eine der schönsten Synagogen Bayerns, deren Errichtung der Borstandschast als hohes Verdienst anzurechnen ist. Man möge aber nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern das Begonnene mit Energie und Beharrlichkeit ausbauen. An erster Stelle steht da die Ausgabe, eine jüdische Volksschule zu schaffen. Nr. 21. Seite 7 (Defte«r«i4r. Krakau, 21. Mai. Bei den am 14. Mai und am 17. Mai in Galizien stattgehabten Reichsratswählen haben die Zionisten ansehnliche Erfolge errungen. Von den zahlreichen Kandidaten, die sie ausgestellt hatten, sind an diesen beiden Tagen vier in Stichwahlen mit den polnischen Kandidaten gekommen: Dr. Birnbaum im Wahlkreis Buezacz, Dr. Gabel in demselben Bezirk, Dr. Brauer in Stanislau und wie wir bereits gemeldet haben, Dr. Mahler in Trembowla. Mahler war erst in letzter Stunde als Kandidat ausgestellt worden. Am 21. Mai finden die Stichwahlen 511 den am 14., am 24. Mai die Stichwahlen zu den am 17. vorgenommenen Hauptwahlen statt. Am 23. Mai hat in einer ziemlicher! großen Zahl von galizischen Wahlkreisen noch zum erstenmal gewählt zu werden. Ruft! and. Flach der Offerpaufe. (Bon innerem Korrespondenten.) St. Petersburg, 12. Mai. Tie Osterseiertage sind G. L. in aller Ruhe verstrichen. Preniier Stolypin hat sein Versprechen treulich gehalten. Nirgends, bis aus einige Mißhandlungen, die die „weiße Garde" oder die „schwarze Hundert" in Odessa verübt, haben Pogrome stattgesunden, und die Befürchtungen, die besonders die Juden in Südrußland veranlaßten nach dem Auslande zu flüchten oder die Frauen und Kinder wenigstens über die Grenze zu schaffen, haben sich als unbegründet erwiesen. Die Regierung hat somit den Beweis geliefert, daß sie imstande ist, die Juden vor Pogromen zu beschützen und daß sie dieses Ziel schon dadurch erreichen kann, daß sie diesen Willen deutlich bekundet. Leider fehlt der jüdischen Bevölkerung die Neberzeugnng, daß die Regierung nicht blos für die Osterseiertage, sondern auch für die fernere Zukunft keine Pogrome dulden werde. Was diese Ueberzeugung nicht auskommen läßt, ist die Tatsache der Erhebung des notorischen Organisators des Odessaer Krawalls, des Polizeipräsekten Neidhardt vom Kammerherrn zum Hofmeister und die Wiederernennung des früheren Kiewer Polizeimeisters Zichozky für diesen Posten, trotzdem die Untersuchung des Senators Turan seine Schuld an dem Kiewer Pogroms dargetan hat. Allerdings stehen diese Tatsachen in striktem Widerspruch zu anderen Tatsachen,'die beweisen, daß die Negierung entschlossen ist, dem wilden Treiben des „Verbandes des russischen Volkes" Grenzen zu setzen. Von den Haussuchungen im Hauptquartier des Verbandes und der Konfiskation von Waffen und antisemitischen Proklamationen wurde bereits berichtet. Bon nicht geringer Bedeutung ist die Verhaftung des berüchtigten Banditen und Helden vieler Pogrome Topelew, der im Dienste des „Verbandes des russischen Volkes" an der Ermordung des Deputierten der ersten Reichsduma Dr. Herzenstein den Löwenanteil hat. Allerdings wird nun mit seiner Auslieferung an das finländische Gericht, vor welcher die Ermordung Herzensteins zur Verhandlung kommt, vorläufig noch gezögert, aber wohl kaum um den Verband in Schutz zu nehmen, sondern, wie versichert wird, aus formellen Rücksichten. Jrnmerhin ist die Verhaftung Topelews symptomatisch, insofern er einer der thätigsten Mitglieder des „Verbandes des russischen Volkes" ist und als solches mehr als einmal die Begnadigung für verurteilte Pogrommörder erwirkt hat. Die erwähnten Tatsachen beweisen allerdings, daß die Macht Stolypins gegenüber der Kamarilla, die den „Verband" begünstigt und beschützt, im Wachsen begriffen ist. Haben wir aber in absehbarer Zukunft auch oie Gleichberechtigung zu erwarten, wie optimistische Schwärmer zu glauben geneigt sind'? — Keineswegs! Unsere heißspornigen jüdischen Nattonalisten können wohl mit Stolypin völlig zufrieden sein, sie haben ihn ganz aus ihrer Seite: auch er hat sich für den fnsch-