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Der Israelit · 1907-05-23 · Heft 21 (23.5.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 21 (23.5.1907)
Date
1907-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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m rat 1907 ■ D er Mraeltt. Seite 3. Rr. 21 16 Firmen und auch in der durch die Gemeindebehörden beschlossenen Fassung enthalten war, durch das Wort „Sabbath" ersetzt und damit nicht nur ein weitgehendes Verständnis für die sich auf Freitag und Samstag erstreckende Sabbathfeier, sondern vor allem auch mit aller Schärfe die Auffassung bekundet, daß es sich um eine Begünstigung religiöser Momente handele. Diesem Verständnis und dieser Sympathie für religiöse Forderungen wird man sonst nicht allzu häufig begegnen. Vielfach auch dominieren in den Gemeindevertretungen die Juristen, die nicht gerne Zugeständnisse an eine freiere, noch so vernünftige Interpretation des Gesetzes machen. Wenn wir nichtsdestoweniger lebhaft wünschen, daß die Aufforderung der „Freien Bereinigung" in möglichst zahlreichen Städten befolgt und — vor allem durch die Ortsgruppen des „Verbandes * der Sabbathfreunde" — der Versuch gemacht wird, auf dem Wege ortsstatutarischer Be- ( stimmunaen eine gebührende Berücksichtigung unserer Wünsche zu erreichen, so darf doch nicht I vergessen werden, daß in letzter Linie nur eine i reichsaesetzliche Regelung von dauerndem Werte für uns sein kann. Sicherlich werden sich die berufenen Instanzen dieser Tatsache bewußt sein und aus dem erfreulichen Erfolge an der Isar neuen Mut und erneute.Anregung schöpfen, die Sache des Sabbaths vor den Reichsbehörden mit uugeschwächter Energie zu vertreten. * $ * Paläflinenfifdies Sdiulmefen. Auf der jüngsten Tagung des Großen Zionistischen Aktionskomitees hat Herr Jakobus Kann in seinem Referat über Palästina den gegenwärtigen Stand des dortigen jüdischen Nnterrichtswesens einer Kritik unterzogen, die für uns dadurch besonders intereffant ist, daß sie das, was wir über, den gleichen Gegenstand wiederholt gesagt haben, vollauf bestätigt. Herr Kann, der auf einer Palästinareise viele Schulen besucht hat, erklärte: der Unterricht. Es ist der unverzeihliche Fehler unserer Vorgänger gewesen, baß ste diesen Unterricht so furchtbar schlecht eingerichtet haben, und dieser Fehler rächt fich jetzt. Man hatte junge Mädchen und junge Leute nach Paris geschickt, um fie als Lehrer und Lehrerinnen auszubilden, als ob man das nicht viel besser in Palästina machen könnte. Ich muß sagen, daß diese jungen Leute leider oft keinen Men Einfluß auf die Jugend gehabt haben. In den letzten Iahrm ist es mit dem Unterricht besser geworden, aber wir sind noch lange nit$t da, wo wir sein müßten. So z. B. ist in dm Schulen der Alliance die Sprache Franzöfisch, beim Hilfsverein Deutsch, bet der Anglo-Jewish Association Englisch. Die zukünftige Landesbevölkerung Palästinas braucht diese Sprachen nicht! Wir müssen zu einer gänzlichen Reform und zu einem einheitlichen Lehrplan kommen. Gute Elementarschulen brauchen wir, einfachen Unterricht in Hebräisch und Arabisch, und ganz besonders müssen die Kinder mit der Natur vertraut gemacht werben." Wir würden zwar wohl auch mit einer Einrichtung der palästinensischen Schulen im Sinne der Zionisten nicht übereinstimmen könnenaber es ist doch erfreulich, wenn von dieser Seite einmal ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht wird, daß die nach europäischem Muster zugeschnittenen Schulen, wie sie von den verschiedenen philanthropischen Gesellschaften im heiligen Lande unterhalten werden, ihren Zweck nicht erfüllen. Nicht Englisch, Französisch oder Deutsch, sondern die Kenntnis der Landessprache brauchen die palästinensischen Juden für ihr wirtschaftliches Leben. Schulen, die nach diesem Gesichtspunkte eingerichtet sind, müssen an die Stelle jener durch ihre Verschiedensprachigkeit einander geradezu entgegenarbeitenden Anstalten treten. Vor fünfzig Jahren wäre die Zustimmung der dortigen Rabbiner zur Gründung solcher Schulen leicht zu erlangen gewesen. Die Wirksamkeit der europäisierenden Institute ist daran schuld, wenn heute vorher ein starkes Mißtrauen der rabbinischen Kreise überwunden werden muß. „Oren" und „Lernen". Vergleichende Betrachtung. . . . „Für mich steht es fest, daß eine Ursache mehr alS alle anderen Schuld daran ist, daß wir noch nicht viele gute Kolonisten in Palästina haben: es ist das die Tatsache, daß der N n t e r r i ch t im allgemeinen nicht von einem jüdisch-palästinensischen Geiste durchdrungen ist. Wenn man in den Schulen Franzöfisch, Deutsch und Englich unterrichtet, anstatt Hebräisch und Arabisch, wenn die Landessprache (Lcsen und Schreiben) nicht ordentlich unterrichtet wird, wenn die Kinder nicht viel mehr mit der Natur vertraut gemacht werden, als es ihre Eltern waren, bann kann es wirklich nicht wundernehmen, baß fie fich nachher im Lander der Väter als Fremde fühlen und auswanoern. Nach allem, was ich in Palästina gesehen habe, muß ich sagen, daß wir manchmal anderen gegenüber, die in Palästina gearbeitet haben, ungerecht gewesen sind,' denn die Fehler, die die anderen gemacht haben, hätten wir zum Teil auch gemacht, aber eine Sache hätten wir gewiß besser gemacht, und das ist Bon A. Mannheimer in Dettelbach. (Fortsetzung.) Damit kommen wir auch zu der Frage des rechten Verhältnisses vom „Oren" zum,/Lernen", sofern hier psychologische Momente hereinspielen. Man könnte sich rein oberflächlich die Erscheinung erklären, daß die Ignoranz so erschreckend verbreitet ist inbezug auf jüdische Dinge, daß hingegen beim letzten Am-Hoorez im letzten Dorfe man noch eine „Tefillo" antrifft! Nicht oren zu können, betrachtet mau immerhin als eine Schande - man denkt sich aber weiter nichts dabei, wenn man nichts „lernen" kann. Der Hauptgrund für diese Erscheinung liegt unstreitig darin, daß „Lernen" einen hohen Grad geistiger Anspannung in sich schließt und Zeit und Kraft beansprucht. Das „Lernen" führt durch alle Formen der Logik: Begriffsbildung, Synthese, Analyse, Induktion, Deduttion, Urtellen und Schließen auf>Grund von Prämissen ete. Wer den Diskussionen des Talmud erwachsen ist, hat die beste Schule juristischen Scharfsinns genossen. Daher „begnügt" man sich zumeist mit dem Oren. Allerdings braucht kaum gesagt zu werden, daß höchst bedauerliche Zustände sich da herausbilden mußten, Mißgriffe und Mißstände aller Art, die wir nicht zu erörtern brauchen. Man suchte zu bessern, indem man den Gottesdienst verschiedentlich reformierte. So hat man deutsche Gebete eingeführt, jüdische abgeschafft, andere verstümmelt und entstellt, je nach dem Geschmack und Urteil der großen Menge oder, wie man schöner sagte, nach „dem Geiste der Zeit." Damit hat man jedoch das Jgnora ntenum und den Jndifferentismus sanktioniert, anstatt das Uebel an der Wurzel zu faffen. Das „Lernen" müßte so volkstümlich gemacht werden wie das „Oren". Das ist ein Problem,' an dessen Lösung sich die besten Kräfte des Judentums zu versuchen haben. Wenn wir den Mann des Volkes immerhin am Väterbrauche festhalten sehen, wenn ihm Beten noch zu den heiligsten Pflichten zählt, so benützen wir das verständigerweise als Stütze und Ausgangspunkt, wieder zur Lebensquelle, zum „Lerne n" zu gelangen. In einem herrlichen. ja geradezu rührenden Ausspruch will uns der Taunud Anleitung geben, den in Unwissenheit Irrenden auf die rechte Bahn zn führen, „ ronfc *6y ", sein Panier über mir ist die Liebe! Dieses Wort aus dem Hohelied variiert der Talmud in „nariK ^y d. h. sein „Lückenhaftes" gilt mir auch als Liebe. Das ist ebenso sinnig wiemettschl i ch schön gesprochen! Auf unfern Gegenstand angewandt: Wie ein liebender Vater dem irrenden Kinde treten wir dem Tpten Dy gegenüber, der noch frommen Sinn, aber nicht das rechte Verständnis bekundet wenn er das Oren überschätzt im Verhältnis zum Lernen. Nicht stumme Resignation, noch weniger spöttische Verachtung ist hier am Platze, ran# 'Vy WlVl, die Liebe benützt selbst das Fehlerhafte, wenn ein frommer Sinn auf den rechten Weg zu führen ist. — Wie verhalten sich Oren und Lernen überhaupt in ihrer Wirkung auf den inneren Menschen? Man ist leicht geneigt, dem Beten die Sphäre des Gemütes, des innig erregten Gefühles zuzu- 4 -1 1 4 H 3 8 SM i, ,1 zapfen liebst, noch widerlicher an als sonst. 31!eine Gewährsmänner für diese Anschauung find unsere großen Weisen. Ist Dir nicht ihre Erzählung von Binjamin Hazabdtk bekannt?" Da eS zu den Eigentümlichkeiten dieser Species von jungen Leuten gehört, daß fie bereits alles wissen, so gestehen fie nie ein, etwas noch nicht gehört zu haben. Hätte der Adolf die Erzählung gewußt, so wäre er gewiß seinem Onkel längst in die Rede gefallen, wie es der liebenswürdige Brauch derjenigen ist, welchen die Flegeljahre ihren zutreffenden Namen versanken. Da dies nicht erfolgte, so hielt der Onkel eine Mitteilung dieser Erzählung nicht überflüssig. „Eine Frau," erzählte er, „kam zur Zeit der Hungersnot zum Verwalter der Armenkasse, Rabbi Binjamin Hazeddik, und bat ihn um eine Unterstützung. Rabbi Binjamin beteuerte mit einem Eide, daß seine Kasse leer sei. ,Wenn Du mir keine Unterstützung gewährst/ sprach verzweifelnd das Weib, ,so stirbt eine Frau mit ihren sieben Kindern den Hungertod/ Da unterstützte Rabbi Binjamin die Darbende aus eigenen Mitteln. — Nach einiger Zeit erkrankte Rabbi Binjamin und war dem Tobe nabe. Da traten die Gott dienenden Engel vor den Heiligen gepriesen sei Er mit den Worten: ,Du hast in Deiner Thora gesagt, wer eine einzige Seele in Israel erhält, hat eine ganze Welt erhalten, und Binjamin hat eine Frau mit ihrm sieben Kindern vom Hungertode gerettet und soll in der Blüte seiner Jahre sterben?' Daraufhin wurden noch zweiundzwanzig Jahre seiner Lebensdauer hinzugefügt;" „Diese Geschichte," fuhr der Onkel fort, „ist auch nach der Seite hin sehr lehrreich, nach welcher Deine Frage zielt. Rabbi Binjamin Hazaddik ist nach zweiundzwanzig Jahren trotz seines WohltunS gestorbennichtsdestoweniger hat ihm sein Wohlttm oaS Leben gerettet und eS um zweiundzwanzig Jahre verlängert. Wir alle wissen nicht, wie viele Einflüsse fich täglich, ja stündlich geltend machen, die unser Leben gefährden. Aber wir wissen, daß Wohltun vor dem Tode rettet. Deshalb mag das Wohltun deS Heimgegangenen Wohltäters viele male dessen Leben gerettet haben, wenn auch füglich die Stunde kam, in der er sein zeitliches Leben für das ewige hingeben mußte. Wer Jemanden dem Feuer- oder Wassertod entreißt, hat ihm das Leben gerettet- und daß der Gerettete fünf oder zehn Jahre später stirbt, ändert an dieser Tatsache nichts." Auf dieses Argument konnte der junge Himmelstürmer nicht viel erwidern. Seinen Haupttrumpf, daß er an die ganze Geschichte nicht glaube, konnte er nicht so schlankweg vor seinem Onkel ausspielen. Er beschränkte sich deshalb auf die Bemerkung: „Es ist doch schade, daß fich keine Vorkommnisse aus unserer gegenwärtigen Zeit als Belege anführen lassen." ,,Jch könnte Dir ein Vorkommnis aus eigner Erfahrung erzählen, aber was würde es mir helfen, Du würdest' mir ja doch nicht glauben?" ,Was sagst Du Onkel," entgegnen der Neffe, „ich Dir nicht glauben? Habe ich jemals Anlaß dazu gegeben, einen solchen Argwohn zu rechtfertigen?" „Also, Du glaubst mir?" gab der Onkel zurück. „Uno unsere großen Weisen, denen ich nicht wert bin die Schuhriemen zu lösen, ihnen glaubst Du nicht? Höre einmal, Du kommst mir immer wunderlicher vor." Der Neffe wollte seinen ganzen Wortschwall von Unterscheidungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen über den Onkel ergehen lassen. Aber glücklicher Weise waren fie jetzt zu Hause angelangt. „Ich lade Dich für heute Abend zu einem GlaL Thee und kaltem Aufschnitt ein" sagte der Onkel, indem er Adolf fteundlich die Hand zum Abschied reichte. „Meine Geschichte gebe ich als Gratisbeilage. Wenn Du fie für eine Auffchneiderei hälft, so lege fie zum anderen Ausschnitt. Also auf Wiedersehen!" II. „Fünf bis sechs Jahre war ich älter als Du jetzt bist," erzählte der Onkel abends beim dampfenden Tee, „als ich einmal eine dreiwöchentliche Fußtour durch Tirol machte. Unter dem Herrlichen und Merkwürdigen jenes Ferienausflugs find mir am unverwifchlichsten em Bahnwärterhäuschen in der Nähe von Imst und feine Bewohner in der Erinnerung geblieben. Ich war statt der Bahnlinie Landeck-Jnnsbruck zu folgen, von Landeck auf einem Saumpfad über dm Berg marschiert und sollte zu Imst wieder auf die Bahnlinie stoßen. Beim Abstieg kam ich ein wenig vom Pfad ab und geriet in ein Gestrüpp von Brombeeren und Nesseln, die meinm Kleidern und meiner Haut zusetztm. Etwa drei viertel Stunden von Imst erreichte ich beim Abstieg von der Höhe die Bahnlinie und an derselben ein Bahnwärterhäuschen. An der Türe faß eine Frau, von etwa sechzig Jahrm, und flickte Kleider. Ich grüßte sie und wollte meines Weges wieder gehm, aber das ging so leicht nicht. „Junger Herr," rief mir die Alte zu, indem fie ihre große Brille abnahm. „Sie find ttef in die Darum und Hecken gekommm. Die Fetzen hängen Jhnm ja vom Körper und von den Kleidern. So können Sie nicht gut in die Stabt gehm. Mustem Sie fich hier ein wenig- Sie kommen noch früh genug, wenn Sie auch eine halbe. Stunde später drüben im Ott find." Bei diesen Motten kam auch der Bahnwärter aus der Türe hervor und unterstützte die Einladung seiner wackerm Frau. „Sie bluten ja an betdm Händen," tagte der gastliche Wirt, indem er mich in das Häuschen geleitete. Dott holte er mir eine Blechschüffel voll frischen Wasser« um mich von Staub und Blut zu reinigen- Meine abgl»

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