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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
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JLraütt. L-ehörde in Palästina gehörte vor allem auch die Berechnung und Heiligung der Neumondstage und Schaltjahre. Diese Festsetzung eines gemeinsamen, das ganze religiöse Leben beeinflussenden Kalenders war das einigende Band, das ganz Israel umschlang, und das selbst nach der Zerstörung des Tempels und der Vernichtung der nationalen Selbständigkeit die Einheit Israels «hielt, es ist dies mit eine der offiziellen Aeußerungen der gemeinsamen Thora, die trotz aller äußeren Zersplitterung unseres Volkes im Innern die Zusammengehörigkeit gewährleistet. — Bei der Heiligung der Neumondstage aber und der Ein- ‘ jung von Schaltjahren wurde gerade auf die >ische Bevölkerung Babels besonders Rücksicht genommen. Zu den Gründen, die für die Bestimmung eines zweiten Adar maßgebend waren, rechnet der Talmud auch die Fürsorge für die Kulanten, die auf der Wanderung nach Jeru salem begriffen waren und infolge von Hinderniffen nicht mehr rechtzeitig vor dem Feste eintreffen konnten; unter diesen Söhnen der Gola sind vor allem die Festwanderer aus Babel zu verstehen. Für die. Gola bestand in der ältesten Zeit eine anschaulich in Mischna und Gemara beschriebene Institution, die den Zweck hatte, so rasch wie möglich die Entscheidung des obersten Gerichtshofes bezüglich des Neumondes dahin zu vermitteln, und oie erst durch die Störungen von feiten der Boethusianer vereitelt wurde. Ursprünglich, heißt es in der Mischna, schwang man Fackeln, .... man begann damit auf dem Oelberge, östlich von Jerusalem, und vermittelte das Feuersignal von Statton zu Station, von Berg zu Berg, bis man nach Beth Balthin an die Grenze Babels gelangt war. Von dort wich man nicht, sondern schwang die Fackeln auf und ab, hin und her, bis die ganze Gola wie ein Flammenmeer erschien. — Diese merkwürdige Einrichtung hörte noch während des zweiten Tempels auf, mld doch hat uns Rabbi dieselbe in der Mischna aufbewahrt, weil sie zu den Institutionen gehörte, die den Zusammenhang zwischen der jüdischen Bevölkerung Babels, dem Kerne der Nation, und Palästina aufrecht erhielten und darum wert war, der Nachwelt überliefert zu werden. Bon dem mächtig pulsierenden Leben in den jüdischen Niederlaffungen Babels lesen wir aber auch in den außertalmudischen Quellen. Es folgt eine anschauliche Schilderung, die uns über die ' kelsendungen erhalten geblieben ist. Daselbst ßt es: In Babel aiebt es eine Stadt Nehorl, die autzergewöhnuch stark bevölkert ist. Abgesehen von ihren anderen großen Vorzügen ist me Landschaft ringsum sehr fruchtbar, die Stadt selbst fürchtet keinen Feind, denn von allen Seiten umgibt sie der Euphrat, außerdem hat sie ringsum Befestigunaswerke. Im Vertrauen auf ihre Uneinnehmbarkeit legten dort die Juden ihre Haupt- Schatzkammer an, in welche alles Silber und alle Schekelgelder, die für das Heiligtum in Jerusalem eingingen, gebracht wurde, ebenso die Spenden für den Tempel. Für alle solche Zwecke war Nehordea der Mittelpunkt für ganz Babel. Zu beratten Zeiten wurden dann die Gelder nach rrusalem geschickt, begleitet von vielen Tausenden berittener zum Schutze gegen die parthischen Räuber. Die ganze Veranstaltung gibt uns ein lebendiges Bild von dem Leben der Juden Babels. Wir sehen Nehordea, eine starke, volkreiche Festung, ganz von Juden besiedelt und unter jüdischer Verwaltung, was auch aus Talmudstellen klar hervorgeht, wir erfahren von einer großangelegten Organisation zur Sammlung und Beförderung der Tempelgelder und vor unserem geistigen Auge zieht die malerische Expedition vorüber, die in jedem Jahre die heiligen Gelder nach Jerusalem brachte. Allerdings unterschieden sich von Nehordea und deffen Provinz, in welcher sich die ältesten und bevölkertsten jüdischen Niederlaffunaen befanden, ganz merklich die übrigen Teile Babels, wo inmitten einer Überwiegend nichtjüdischen Bevölkerung ebenfalls große jüdische Ansiedelungen entstanden waren. Diese wurden in der letzten Zeit Hillels der Schauplatz blutiger Wirren, welche schließlich zu einer allgemeinen Verfolgung ausarteten. Dadurch erlosch in jenen Gegenden fast jegliches jüdisches Gemeindeleben und die Thorakenntnis schwand, bis zwei Jahrhunderte später Raw die verwahrlosten Gemeinden aufsuchte, inmitten derselben die Hochschule von Sura gründete und, persönlich das Land bereisend, und Thora verbreitend, „das freie Feld, das er vorfand, wieder umzäunte". Hierüber ist bei anderer Gelegenheit ausführlich zu sprechen. Kehren wir zu Hillel zurück. Aus edlem Geschlechte hervorgegangen— mütterlicherseits stammte er von dem Hause Davids ab — saß Hillel in seiner Heimat zu Füßen thorakundiger Lehrer, sodaß er mit vierzig Jahren, im Besitze reicher Kenntnisse, sich entschließen konnte, das Lehrhaus der Führer ihres Zeitalters, die Schule von Schemaja und Abtalion in Jerusalem, auszusuchen. Nach dem Schriftworte, daß „von Zion die Lehre ausgeht und das Wort des Ewigen von Jerusalem", war das große Sanhedrin in der heiligen Stadt der geistige Mittelpunkt der ganzen Nation. Die bedeutendsten Männer ihrer Zeit waren die Mitglieder dieses Gerichtshofes, sein Sitz war noch 'in der Quaderhalle auf dem Tempelberge, und vor seinem Forum kamen in letzter Instanz alle Fragen auf dem weiten Gebiete der Thorakunde zur Entscheidung. Seit Jahrhunderten hatten es die Verhältnisse mit sich gebracht, daß außer dem Vorsitzenden t es Sanhedrin, dem Ab Bechdin, noch ein Fürst, Nassi, eingesetzt wurde, in deffen Hand die Exekutive der Beschlüsse des Sanhedrin lag. Als Hillel, Belehrung suchend, nach Jerusalem kam, war Schemaja der Fürst, Abtalion der Ab Bethdin, und um sie scharten sich in ihrem gemeinsamen Lehrhause all die Tausenden, die aus Nah und Fern herbeikamen, aus dem Munde dieser treuen Führer des Volkes die Worte des lebendigen Gottes zu vernehmen. Die politischen Verhältnisse Palästinas waren unter der kurzen Regierung der edlen Salome außergewöhnlich günstige geworden. Nach den aufreibenden Bürgerkriegen und Verfolgungen der Thoragelehrten, welche die Regierungszeit des Alexander Jannai so verhängnisvoll gemacht hatten, war Ruhe und Frieden eingekehrt. Fortsetzung folgt. Die praktische €thik des Judentums und ihre Zukunft. (Fragmente aus den Sprüchen Salomos). (Fortsetzung.) So war in unserem herrlichen Kapitel der Gegensatz scharf und umfassend gekennzeichnet zwischen nichljüdischer und jüdischer Lebens- und Weltanschauung. Wenn wir nun, den Kampf beider beobachtend, nach dem endlichen Siege fragen, den die eine Geisteswett üb.r die andere erringen muß, stagen, wird eS denn für diegottgegekene jüdische Ansicht überhaupt möglich werden in so verklärtem ungetrübtem Glanze am Firmament der Bblkerweisheit zu erstrahlen, nie der leuchtende Aufgang ihrer Sonne herrlich c.ngekündigt wird, so meint, darauf der Dichter: „Drei find sie, die vor mir verborgen find Und vier kenne ich nicht in ihrer Kraft. Den Weg des Ablers am Himmel, Den Weg der Schlange auf dem Felsen Dcn Weg des Schiffes im Herzen des Meeres Und den Weg des Mannes zur jungen Frau, So den Weg der ehebrecherischen Frau, Die wenn ste genoffen, ihren Mund abwischt Und spricht „ich habe kein Unrecht begangen." Wohl ist die Großartigkeit dieser Erscheinungen in ihrem Wesen dem denkenden und beobachtenden König unbekannt, doch er ahnt, wie eS der Zusammenhang mit dem Vorhergehende-, zu besagen scheint, die vorbildliche Bedeutung. Die Rabm- und die Adlersjungen werden dereinst, das Unrecht besiegen. Dem Wirken des überwältigenden Vergeltungsprozeffes, das im ursächlichen Zusammenhang der Welt der Eeeigniffe und des Geschehens seine Begründung findet, fällt baS selbstaeschaffene Anrecht anheim — unerbittlich — und empfängt.vor dem erhabenen Throne der ewig schwungkräftigen sittlichen Wahrheit seinen verutteilenden Richterspruch. Diese Wahrheit selbst aber — wird ihr, wenn sie die Höhen erre cht, zu denen sie von der Erde sich emporheben wüte, in ihr wurzelnd, sie überdachend, die Mühe noch anyasten des Ringens, baS sie gegen die Luftströmungen int Bereich der.Erde hat auSkämpfen. wirbthr Antlitz entstellt fein von dm Faustschlügen, die sie hat ertragen müsien, werden die Schwingen, die ihr beschnitten wurden, noch geschwächt erscheinen? -- Nein, der Weg zur Emporhöhe wird nicht mehr kennbar sein, sobald das Hochziel erreicht ist.' Alle Ober-und Unterst»ömungen, alle Stürme und 'Orkane werden nicht vermocht haben, den Höhenflug zu verhindern und zu stören, eine Windstille wird eintreten und nur das liebliche Weben und friedliche Säuseln wird vernehmbar bleiben, das nötig ist, um den Ausgleich des Letens und die Beziehungen der Geschöpfe zu erhalten. Unerkennbar wirb tie einst stürmische Bewegung der Lüste sein, unerkennbar aber auch der Pfad, den die Schlangenweisheit einst über den kahlen kalten Stein unfruchtbarer Naturnattheit gewandelt. Was die Schlange nweisheit im. Gewande des ältesten Heidttttums bis zur modernsten Gotlesläugnung gesprochen, waren Laute, die nur von d e r Zunge geformt werden konnte, die auch in ihrer bloß dem Kö per dienenden Funktion überall Staub schmeckt. „Das Tier hat freilich nur seine sinnliche Natur zu entfalten, und sein Verstand steht nur im Dienste dieser. Natur. Der Mensch wird aber nicht in das Paradiesder Erde gesetzt, um an den dort dargebotenen Genüssen seine sinnliche Natur zu beftiedigen . . . Das Tier mag alles nur an seiner individuellen Natur prüfen, eS ist nur für sich da. Der Mensch aber ist für Gott und die Wett oa, und soll auch diese individuelle Natur freud g dieser höhere., Bestimmung opfern-" (Hirsch zu 1 3,). Längst wird der unter der Herrschaft einer sinnlich-realen Wett kalt und kahl gebliebene rauhe Stein der Erde munterlieblich zum Frommen und zur Annehmlichkeit der sich auf ihr im priesterlichcn Beruf freuenden Menschheit in Laub und Segen sich gehüllt haben. — Den Weg der Schlange kennt dann keiner mehr. Und wie im Leben des Einzelnen der jüdische Geist — nein die göttliche Weisheit zu Triumph gelangt sein wird und verschollen und vergessen^ was, ihr trotzend den Weg verlegen wollte, also, wird die Gesellschaft unt.r der ncsten Flagge friedlich und glücklich segeln, die durch das Herz der Fluten das von ihr geleitete Fahrzeug sicher hindurchführt. Auf dem Schiff der Gotteslebre, die die Menschheit in glücklichem, einigendem Zusammenleben sicher vom Diesseits zum Jenseits bringt^ werden nicht mehr fühlbar sein die Stöße der Stürme, bas Gewoge der Wellen, bas Schwellen der Fluten, geglättet ist der Spiegel - und bas Schwanken und Schaukeln der Gedankenfluten in dem bewegten Herzen ist der Ruhe gewichen, welche die Reinheit uno beglückende Zufriedenheit des Gottesgehorsams gewährt. Die Tauroh, die ja so oft das Wasser als Symbol der Reinheit in mannigfacher Form als Lehre wählt, kann in ihrer Wirkung nicht besser verglichen werden, als zu diesem Fahrzeug, das in diesem seinem Element abstrakt sittlicher Reinheit, getragen und doch nicht berührt vom irdischen Boden, am sichersten fährt. Das dürfte auch der tiefere Sinn der Auslegung sein zu der die Weisen unfern VerS "Hl wählen, wenn sie Sabb. IX* sagen: „Woher wissen wir, daß ein Schiff nichtUnreinheit (im Sinne des Religionsgesetzes) annehmen kann? Weil das Schiff zum Meer verglichen ist." Wie dann dieses Einzelfahrzeug der Gotteslehre auf der Weltflut hoher Seen vergessen haben wird aller Brandungen und Gefahren, wie man ihm, das nunmehr so ruhig und stolz einherschwimmr, nicht mehr anmerkt, welche Kämpfe und Gefahren eS bestanden hat, also wird man es nicht begreifen können, wie die berufenen Träger einer Anschauung, die ihre Manneskraft in sich trägt, und die, wiewohl Jahrtausende über sie dahingeganaen sind, noch in ungebrochener Rüstigkett sich behauptet, stets um die Gunst jugendlicher Größen gebuhlt, die sie unzählig in anmutiger Schönheit hat an sich vorübergehen und welk ins Grab finken sehen, wird es unverständlich sein, wie es möglich war, daß die Träger deS Gott geoffenbarten Stttrngesetzes immer wieder und wieder ihre Schritte zu Eintagsgrößen selbst lenken konnten und die dann endlich zur Anerkennung gelangten Taurohideale ehedem verachten und der Verachtung preisgeben konnten. Wie eine Treulose werden sie sich deffen schämen, und wenn ihr Gatte IwiV1 temp dann d.reinst zu ihnen heimkehrte, würden ste gern ihrer »e vergeffen und vergeffen laffen — doch schandhaft i da, wenn sie auch den Mund wischen und aus Furcht vor der Strafe sprechen: ich habe kein Unrecht begangen. Das Keri Ukelib yniN — njD"W haben wir wegen der darin zum Ausdruck kommenden Verschiedenheit der Geschlechter, wie geschehen, übersetzt. Doch wird es jemals ernstlich möglich sein, so fragt die Welt, daß die Thauroh mit dem zu ihren Trägern auserkorenen Kreis zu solcher Stellung in der Welt gelangt, daß sie angestaunt und verehrt von der Menschheit, oie mächtigsten Staaten, die gewaltigsten Herrscher, die machtgekröntm Häupter unter das Zeichen ihres Szepters zwingt? Steht nicht festgegründet auf allen Pfeilern der Macht, auf allen Fundamenten der Kraft deren Thron? Erkennt in ihrer Stärke die Menschheit nicht das Heil und in deren Blüte ihren Segm? Versteht nicht ihre Klugheit, mtt gewandter Lüge und höflicher Schliche gepaart, fest zu fügen den Kitt, der Länder und Staaten verbindet, ist nicht Friede und Ruhe, Glück und Wohlstand, Kultur und Menschlichkeit, Fortschritt und Edelsinn der Förderung und dem Schutz zu danken, die Macht und Waffen, Mittel und Menge zu verleihen vermögen? Nichts von alledem! Vermodert find ihre Grundfesten, erschüttert ihre Mauern. In ihrem Innern gähtt es, in ihrer Mitte herrschet Fäulnis. Denn die Bedingungen eines gesicherten Bestandes, der Charakter fehlt ihnen.

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