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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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(»eite 20. No. 20. Der Israelit. 1H. Ma' 1907. Auch er hatte heute Mittag nach getanem K Dienste und geduldigem Harren Urlaub bekommen. „Aber wohin damit'?" mußte er sich fragen. Kameraden, die abgesehen von dienstlicher Interessengemeinschaft ihm näher standen, hatte er keine. In einer der Wirschaften bei Spiel und Trank zu verweilen, war nie sein Geschmack gewesen und die Arien der chinesischen Primadonnen übten .keine Anziehungskraft auf ihn. Sich aber im Innern der Stadt unter die bezopfte Bevölkerung zu mischen, hatte den Reiz der Neuheit für ihn längst verloren. Er wandelte irr der Nachmittagshitze in den Pärken und zwischen den Bäumen auf den Vorplätzen des europäischen Viertels umher. Endlich Lat er, was er fast immer in solchen Fällen zu tun pflegte — er setzte sich auf den Felsblock am Hügel, von wo aus seine Blicke nach der weiten Ebene schweifen konnten, und.träumte. (Fortsetzung folgt.) '65] Dämon und Phirrtias i» der i«fcettg«f|fe. Bon Arthur Kuh«. Nachdruck verboten. Süll, mit weiten, gegen die niedere Zimmerdecke gerichteteil Blicken lag er im Bett und blieb gleichgiltig gegen die zahlreichen Besucher, die sich fortwährend, besonders von der Chewra Kadischa einstellten. Nur wenn Nathan Kahn erschien, da verklärte ein glückliches Lächeln das nachdenkliche Gesicht des Kranken. Das war ja der ewig gütige, in seiner Nächstenliebe immer über sich selber hinauswachsende Mensch, in deffen Nähe alle Furcht vor Leid und Tod und Krankheit hinschwand. „Es ist Zeit, daß Jechiel kommt", sagte er auf der Straße zu dem zu den Kranken aufopferungsvollen Chewramann Josef Eis. Mittwoch früh traf Jechiel, am Bahnhof von Herzchen erwartet, ein. Erst als sie in der Judengaffe angelangt waren, berichtete Herzchen seinem Meister, daß Berez krank niederliege. Mit verschleierten Blicken sah Berez inzwischen sehnsüchtig nach der Tür. Sie war schon einigemale geöffnet worden, aber statt des Erwarteten waren schon dreimal andere Männer eingetreten. Bereits lag ein merkwürdiger, heiliger Glanz in Berez' Augendie Züge waren so wunderbar feierlich geworden, daß die erfahrenen Männer wohl erkannt hatten, daß Berez an der Grenze des Irdischen angelangt war. Da wurden schwere stolpernde Tritte vernommeil. Die Züge des Kranken nahmen einen gespannten Ausdruck an: das sonst schwerhörige Ohr erkannte die Schritte des Freundes. Jechiel hatte noch seine Festkleider an, als er geisterbleich, von Herzchen mühsam gestützt, in die Stube wankte. Er schien einer Ohnmacht nahe, als er Berez erblickte. Ein glückseliges Lächeln glitt über die Züge des Kranken, a(s er den treuen Freund erblickte, und ein warmer, liebevoller Blick strahlte aus den grauen, gutmütigen Augen. Jechiel aber schrie laut auf und ließ sich bitterlich weinend an Berez' Lager nieder. Eine tiefe Sülle herrschte in der Stube, in der sich bereits ein halbes Dutzend Menschen befandennur Jechiels Schluchzen und zuweilen ein Seufzer der Männer wurde hörbar. Von seinem Schmerr überwältigt hatte sich Jechiel über Berez' Antlitz gebeugt und mit Küssen bedeckt. Sanft faßte ihn da die Hand eines der Männer und Jechiel wandte sein tränenüberftrömtes Gesicht einen Augenblick von Berez ab, zu dessen, Füßen Koppel, in sich hineinweinend und die' Hände ringend, stand. Die Blicke des Sterbenden glitten vom Sohne zum Freund und blieben sekundenlang sinnend, müde und wie im großen Mitleid mit ben Lebenden an Jechiel haften. Bis zu diesem Augenblick war kein Wort über Berez' Lippen gekommen. „Unser Harrjet (Herrgott) ruft", sprach er nun leise, langsam, in der feierlich stillen Stube deutlich vernehmbar. Der Herr hatte gerufen und Berez, der arme Schuster, der Mann mit dem guten Herzen und dem kindlichen Gemüte, war dem Rufe gefolgt. Langsam waren die Lider herabgesnnken, um den großen Schlaf zu schlafen und sich nimmermehr zu öffnen. Auf den letzten Schwingungen eines langgedehnten „echod" war Berez von hinnen gezogen. Da warf sich, ehe sich dessen die in ergriffenem Schweigen Umherstehenden versahen, Jechiel über .den Hingeschiedenen Freund. „Berez, Berez, mein Herz,-meine Seele, — — mein Leben, mein Alles", schrie Jechiel gellend auf. Sanft faßte ihn wieder die Hand eines der Männer und suchte ihn zu entfernen. Da schrie Jechiel nochmals herzzerreißend: „Berez, Berez". Und als ob die Stimme des Freundes noch einmal die entflohene Seele zurückgerusen hätte, rollten jetzt zwei dicke Tränen durch die geschlossenen Augenlieder und über die Wangen des Verblichenen. Freitagmittags ein Uhr ward Berez begraben. Trotz des rauhen Windes, dem zuweilen niedergehenden Schneegestöber, waren dennoch viele Menschen dem Leichenwagen bis zur Friedhofspforte gefolgt. Der Rabbiner predigte schön von David und Jonathan, deren Liebe zu einander stärker gewesen wie der Tod. Berez' Grab schloß eine Reihe ab, und seines lag dicht an der Mauer. Zu den letzten, die den Friedhof verließen, gehörte Hahnemann, dessen vom Weinen geröteten Augen von feinem Schmerz um den toten Hausgenossen erzählten, Koppel, Maier Korn und Jechiel. „Neben ihm ist kein Platz mehr", aber hier gleich zu seinen Füßen möcht' ich mein Kewer (Grab) haben", wandte er sich zu Maier Korn. „Wollen Sie mir eine Tauwe tun, Mechutten?" Jechiel sah dabei wie ein bittendes Kind seinen Schwäher an. „Was?" frug der zurück. „Sorgen Sie, daß ich dieses Plätzchen 'mal kriege, wenn die Reih' an mich kommt." Korn versprach es, indem er die Hoffnung aussprach, daß es noch lange dauern möchte. Der Gottesdienst begann nach ihrer Rückkehr. Jechiel blickte, während die Psalmen gesungen wurden, schmerzerfüllt nach der Tür. Ihm war, als müsse jetzt Berez, wie fast stets an dieser Stelle des Gesanges, in der Tür erscheinen und, seine Riesengestalt leicht gegen Osten neigend, seinen Platz neben ihm einnehmen. Aber Berez' Platz blieb leer. Als der erste Gebetsabschnitt vorüber war, hielt der Vorbeter inne. Der Rabbiner begab sich an die Hinterpforte, wo Koppel, in seinen Betmantel gehüllt, als Leidtragender geharrt hatte und jetzt die Synagoge betrat Langsamen Schrittes näherte er sich dem Almemor, um zum erstenmale für den Vater das Kaddischgebet zu sagen. Mit tränenersückter zitternder Stimme begann er das uralte Gebet, und als in tiefem, feierlichen Ton die ganze Gemeinde Omen jehe sch'me rabbo sagte, schlug Jechiel die Hände vor's Antlitz und schluchzte laut aus. Er hatte seinen Freund für ewig verloren. Für ewig? Einige Tage nach Berez' Begräbnis vollendete Maier Korn seine Süftung, die seines Vaters und seiner Gattin Namen trug. An Berez Gruft hatte er sich endlich völlig überwunden. Jahre rollten der Ewigkeit zu und nahmen in ihrem raschen Lauf die Ueberlebenden mit sich und eines Tages auch Maier Korn, nachdem er durch einen streng religiösen Lebenswandel, durch Liebeswerke jeglicher Art und in stiller Beschaulichkeit, meistenteils aber bei Emil lebend, zu sühnen gesucht, was er einst in schnöder Habsucht gesündigt hatte. Mit bewundernswürdiger Fassung und in frommer Ergebung stand er, ein hochbetagter Greis, noch am Grabe Simons, der unvermählt und kurze Zeit vor seinem Vater starb. Wehmütig blickte Jechiel in die Gruft Korns. Der Rabbiner hatte wohl das Richtige an seiner Bahre gesprochen. „Wohl und Heil denen, die im Leben noch erwachen, bevor sie sterben. Maier Korn war im Leben noch erwacht, darum starb er auch so ruhig, gefaßt, fast freudig. In der Dämmerung eines heißen Sommertages, als die ganze Familie Emils im Garten beim Nachtmahl saß, schlich eine ärmlich gekleidete Frau ins Haus und begehrte ihn zu sprechen. Flora, welche sofort die Fremde erkannt hatte, schloß das unglückliche Weib, Emma Korn, geschiedene Lüneville, herzlich in die Arme. Hier fand Emma eine zweite Heimat. In dem altjüdischen Geiste, der Emils Haus durchwehte^ wo wahre Herzensbildung, Menschenfreundlichkeit und treues Festhalten am Neberkommenen harmonisch zusammenwirkten, erwachte in Emma eine neue Erkenntnis von der UnWandelbarkeit der ewigen Wahrheiten des von ihr einst so gründlich verachteten Judentums. Wenn bei Sabbatheingang Flora sich wie zu einem Feste schmückte und Emil, der sonst so ernst und still war, freundlich lächelnd seine in herrlicher Schönheit blühende Gattin grüßte, wenn sich die Kinder dann, um den elterlichen Segen zu empfangen, um Emil und Flora drängten und die Sabbathlichter auf sorglos fröhliche Gesichter leuchteten, dann funkelten Tränen in Emmas Augen. Sie dachte ans Elternhaus,' ein Jugendparadies, das sie übersehen, sich selber verscherzt, um einer Zeitströmung zu folgen, die nahm, aber nichts ersetzte. Sie dachte an ihren Gatten, der nie an sein Judentum dachte, ihr Gut draußen verpraßt hatte und selbst in jener Sabbathnacht nicht nach Hause gekommen war, in der ihr einziges Kind, ein vierjähriges Mädchen, im Sterben lag. Sie erkannte die Wertlosigkeit all der Bildungsphrasen, an denen die Menschen ihr Leben vergeuden, sie aber nicht besser, nicht glücklicher machen. Jechiel hatte noch die Freude, zwischen Joseph und Emil dieselbe edle Freundschaft von Neuem erstehen zu sehen, die einst ihn und Berez ein Lebensalter hindurch verbunden hatte. „Das Schönste im Leben bleibt doch Treue und Liebe zueinander," sagte er dann jedesmal.- An einem herrlichen Frühlingstag wanderte Jechiel hinauf auf die Bergeshalde, wo das „Haus des Lebens" in erhabener Stille auf eine unvergleichlich schöne Landschaft schaut. Nachts zuvor hatte ihm geträumt, Berez habe mit ihm die Thora aus dem Schrein gehoben. Bon allen Betern trugen sie allein die weißen Totengewänder, die man am Neujahrs- und Versöhnungstag beim Gebet trägt. „Berez hat mich gerufen," sagte er zu Herzchen, als er aus dem Morgengottesdienst nach Hause kam. Dann verließ er das Haus. Sttll sinnend vor sich hinblickend, durchschritt er die Gräberreihen. Vor Berez Ruhestätte blieb erlange in Gedanken versunken stehen. Schon war auch die folgende Reihe bis auf einen Platz vor Berez Grab, von hinzugekommenen Schläfern besetzt, dann war auch diese Reihe ausgefüllt. Lange, .lange blieb der Greis vor dem Grabe des Freundes stehen. Dann bückte er sich und legte einige Steinchen auf den Leichenstein, unter dem der „Jsch tam wejoscher" (der einfache und redliche Mann) — wie die Inschrift besagte — Berez Storch schläft. Mit verklärten Blicken in den wunderbar blauen Himmel blickend, und still lächelnd schritt er durch die enge Pforte hinaus ins Freie, wo das Leben friedlich webt. Im Walde sangen die Vögel aus dem hellen Grün des Frühlingslaubes, und es klang Jechiel tröstend und verheißend von den leise rauschenden Wipfeln herab. „-wenn's hoch kommt achtzig,' voller Arbeiten und Mühen dennoch köstlich," murmelte er vor sich hin. Eine Woche darauf schaufelten die Männer der Chewra Kadischa dicht unter Berez Grab eine frische Gruft zu. Jechiels Grab. Nun waren sie, die im Leben unzertrennlich gewesen, wieder beisammen, die beiden Chawerim minums- I E 4» — Ende. —

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