Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1907)
- Date
- 1907-05-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Livischen Turcbf und Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 8] von S. Schachnowitz in Endingen. euilleton. Kapitel 4. Mehr als zwei Jahre waren seitdem verflosseneine kurze, aber bedeutungsvolle Zeit, für enttäuschte, vom Schicksal betrogene Seelen. Weit nach dem Nordosten, in eine Welt, die so roh wie die Berge, die sie umgaben, wurde Salam, schon an der Schwelle einer freien Zukunft stehend, mit brutaler Gewalt hineingeschleudert. Nach dem Westen, zu einem neuen Leben in der neuen Welt trieben die Wellen oft sanft, oft stürmisch das Schiff, auf dem sich seine Reisegefährtin durch seine rettende Hand befand. Zwischen beiden aber lebte jenes sanfte, bescheidene Wesen, das allein mit ihren Geschicken vertraut war und an ihnen regen Anteil nahm — Rosa Robenschein. Es war bereits die elfte Nachtstunde. In der großen Wirtsstube waren die Lampen ausgelöscht. Die Kinder schliefen längst und die Eltern hatten müde von des Tages Arbeit sich auch zur Ruhe begeben. Auch Rosa, die tapfer mithalf, hatte des Tages Pflichten erfüllt, aber an Schlafen dachte sie noch nicht. Ernst und ruhig wie das etwas matte und trauliche Licht der grünen Lampe, die ihr Zimmer beleuchtete, faß sie vor ihrer Briefmappe in ernste Gedanken vertieft. Das war wieder' ein Tag. Wie viel Elend, Tränen und Verzweiflung hat er wieder von drüben gebracht? Dort herrschte der Krieg, der Hunger, die Revolution, dort ziehen sich die schwarzen Wolken immer enger, immer dichter zusammen und es krachte in allen Fugen. Nun flüchten sie, die Unglücklichen, die als erste Blitzableiter herhalten sollen, zu Hunderten und Tausenden, plirn- und mittellos, nur um den Schrecken der lieblosen Heimat zu entweichen. Heute hat sie wieder dem Elende zugesehen, — nur zuschauen durfte sie, aber helfend einzugreifen war keinem gestattet. Denn man befürchtete, wie die Beamten sagen, Ansteckungsgefahr. Das Mädchen seufzte wehmütig. Um Menschen öor einer angeblichen Gefahr zu schützen, von der keiner was weiß, werden andere Menschen, ebenfalls Menschen wie wir, vernichtet, zu Grunde gerichtet. Jünglinge, die trotz ihrem verzweifelten Bitten und Flehen wieder über die Grenze in die Hände ihrer Verfolger gestoßen wurden- Greise, Weiber und Kinder, die in einem dumpfen Wagen zusammengepfercht wurden, der bis zum Einfchiffungshafen durchzugehen hat. Herzzerreißende Abschiedsszenen u. s. w. Diese Schauerbilder werden sie heute in die Nachtruhe begleiten. Sollte sie all. dieses der Freundin, die ihr ein ähnliches Schicksal zugeführt, mitteilen. Rahel schrieb ihr aus Amerika so oft, so innig — war sie doch die einzige, mit der sie von ihrem Herzensgeheimnis sprechen durfte — und sie wollte alles wissen. Sie mußte ihr schreiben. Hatte sie doch auch ihrerseits der Freundin von neuen Entfchlüffen und Plänen mitzuteilen. Nun denn, heute Abend noch. Sie schraubte die Lampe etwas höher und nahm aus der Mappe einen kleinen, auf steifgestreiftem Papiere geschriebenen Brief, den letzten der Freundin, den sie nochmals durchlas: Es ging ihr dort gut. Mit Hilft der reichen Verwandten ist ihre materielle Zukunft gesichert. Aber ihr neues Leben, ihre neue Welt begann nicht mit der Landung in New-Aork, sondern dort in Nacht und Grauen am Grenzgraben - Siehst Du, liebe Freundin, oft diesen Graben? Wie beneide ich Dich drum! Für mein Leben ward er historisch einschneidend. Die Gefahr, liebe Rosa, verbindet schnell die Herzen. In Minuten der Panik durchleben wir ganze Welten. In meiner Erinnerung existieren nur noch diese Welten. Und diese sind nur von zwei Personen ausgesüllt, von ihm und von Dir, die Du als zweiter Engel schützend und leitend mir in den Weg gekommen bist, der ich mich auch jetzt ganz anvertraue. Ich knüpfe nicht die leiseste Erwartung daran - es ist bloße Aeußerung der Gefühle, die mein Herz seit mehr als seit zwei Jahren bewegen. Und doch, liebe Freundin!... doch! ... „Du mußt meiner nicht lachen. Aber ich kann es Dir nicht verhehlen, daß in diesem Augenblick doch ein Hoffnungsschimmer mein Inneres durchzuckt. Du bist am Scheidewege, und nur durch Dich kann mir eine gütige Vorsehung jene Erscheinung zum zweiten Mal zuteil werden, lassen." Rosa seufzte tief und setzte sich sofort, ohne die weiteren Zeilen zu lesen, an die Beantwortung des Briefes. „Liebe Rahel! Bei dem Elend und Jammer, die von drüben kommend uns täglich hier umgeben, bieten Deine Briefe allein mir einige Zerstreuung. So auch heute Abend nach einem tieftraurigen Tage. Und wenn ich hoffen darf, von den gesehenen Schreckensbildern nicht in den Schlaf verfolgt zu werden, so kann dieses nur durch Deine reine Gestalt geschehen, die ich mir durch abermalige Lektüre Deiner Briefe und das Schreiben dieser Zeilen vors geistige Auge zu rufen suche. Allein, ich weiß nicht, ob ich Dir heute viel Freudiges zu sagen imstande sein werde. Bei Euch in Amerika — sagt man — lernt man das Leben von der ernsten, praktischen Seite aufzufassen. Wie ernst und heilig muß es Dir nun, liebe Freundin, mit Deinen Gefühlen sein, daß sie selbst in der kühlen, prosaischen amerikanischen Luft so glühend bleiben! Mit welcher Wehmut und Freude zugleich erfüllt mich die leise Hoffnung, die eine unbestimmte Ahnung Dich an mich knüpfen lehrt! Soll ich Dich auch um diese bringen? Darf ich es? Und doch muß es sein! Denn höre, teuere Seele, ich bleibe nicht am Scheidewege. Ich verlasse die Heimat diese Woche nochich gehe nach Berlin. Berlin? höre ich Dich rufen — willst leben und genießen? Im Großstadttrubel all die traurigen Jugendeindrücke untertauchen lasten? Mit Nichten, liebe Freundin. Es ist vielmehr die Heimat mit ihren Erfahrungen, die mir den Weg nach Berlin zeigt. Ich lerne dort am großen jüdischen Bürgerspital die moderne Krankenpflege, zu der ich einmal unwiderstehliche Neigung habe und die nun mein dauernder Beruf bleiben wird. Es hat einen harten Kampf gekostet. Meine lieben Eltern wollten es nicht zugeben, aber sie lieben mich über alles und sahen doch endlich ein, daß nur in dieser Richtung mein Lebensglück liege. Noch energischer sträuben sie sich gegen meine weiteren Pläne. Denn höre, Freundin, Berlin ist mein letztes Ziel nicht. Berlin braucht mich nicht und ich will da sein, wo ich am meisten nützlich bin. Ich habe daher schon ein Engagement in spe angenommen und zwar an einem neuerbauten israelitischen Krankenhause in Kiew, wo ich, wie Dir bereits erzählt, einen reichen Onkel wohnen habe, der Komiteenntglied der Anstalt ist. Ich hoffe den Kursus in Berlin bald mit Erfolg zu absolvieren und werde dann sofort mein neues Arbeitsfeld in Deinem Heimatlande auffuchen. Von dort korrespondieren wir als Landsleute. Meine Eltern suchen auf die verworrene Lage in jenem Lande hinzuweisen, in der sie Gefahr -für mich erblicken. Aber so weit habe ich den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren, um zu fürchten, daß Rohheit und Leidenschaft, und wären sie allen Feffeln entsprungen, nicht vor den Mauern eines Krankenhauses Halt machen könnten. Ruhig und mit klarem Zielbewußtsein beginne ich das Leben, das nicht mehr ganz neu für mich ist, und hoffe, Dir bald von Erfolgen berichten zu können. Deine Rosa." Es war bereits um die Mitternachtstunde als das junge Mädchen, nachdem sie ihren Brief noch einmal durchflogen, sich zur Ruhe begab. Sie war vollständig beruhigt und die Schreckensbilder des Tages waren gewichen. Sie hatte sich ausgesprochen, sich selber und der Freundin gegenüber ihre Ziele klargelegt, und mit einem befriedigten Lächeln wob sie im Schlafe ihre Pläne weiter, die der Traumengel seinerseits noch mit einem Kranz von lieblicher Farbenpracht umwand. Kapitel 5. Auf einen! Steinblocke, der als Ausläufer eines Felsenabhanges von Bambuspflanzen und wildem Gestrüpp umgeben war und einen Ausblick auf die Königsgräber gewährte, saß ein Soldat einsam hinbrütend. Aus den nahen Kasernen drangen hie und da einzelne Stimmen und unzusammenhängende Rufe, die in der Abendluft verhallten. Soldaten in bunten Uniformen kamen einzeln oder in kleinen Truppen, grüßen kurz oder gingen, ohne den Einsamen zu beachten, weiter. Dienst gab es nicht viel. Die Leute sollten geschont und frisch erhalten werden für die Momente der Entscheidung. Von dem drüben sich erhebenden Hügel, wo die deutsche Schenke stand, brachte die Abendluft gedämpft ein wirres und mehrsprachiges Stimmengewühl herüber, das je nach der Windschwankung sich erhob und senkte und oft in der Luft verschwamm. Oft konnte man deutlich die Töne mehrsprachiger Gesänge unterscheiden. Chinesische Bauern kamen, an zweirädrigen Handkarren ziehend, von der Arbeit oder kletterten langsam, aber mit ihren Plattfüßen sicher auftretend, einen Hügel hinauf, wo die Teegärten liegen. Für die Sonnenkinder im Reiche der Mitte giebt es weder Ruhetag noch Feierabend. Für sie hat die Woche sieben Arbeitstage, der eine wie der andere mit demselben Gleichmut gehalten. Als Konfuzius vor jenen Millionen von Jahren all die oberen und unteren Regionen geschaffen und die verzwickten Seelenwanderungen geordnet, blieb ihm keine Zeit für die Ruhe übrig. Sie sahen durchaus nicht neidisch auf die sonntägliche Stimmung ringsumher, nur etwas mißtrauisch und in asiatischer Neugierde richteten sie ihre Schlitzaugen nach dem einsamen Soldaten, gingen aber, äls sie die ihnen längst bekannte russische Farbe erkannten, gleichgiltig weiter. Hie und da huschte auch, von zierlichen Füßchen leicht getragen und mit buntem Schirm überdach^ eine kleine Chinesin vorüber, die wie ein gescheuchtes Reh einen Augenblick, als sie den Fremden gewahr wurde, stehen blieb, um dann in koketter Verlegenheit weiter zu schnellen. Der Soldat kannte diese Sorte der einheimischen Damen. Sie standen abseits von allen politischen Umtrieben und zeigten weder Furcht noch Abneigung gegen die fremden Teufel, deren Haß sie auch nie empfanden . . Es waren in gewissem Sinne Damen internationalen Charakters, die jetzt offenbar in die Kneipen der Fremdenniederlaffung zogen, um ein feiertäglich gestimmtes Soldaten-Publikum durch Gesang und Tanz zu erfreuen. Der Soldat seufzte leise und sehnsuchtsvoll überließ er sich seinen Gedanken. 1