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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Zeichnungen vieles, woS mir üttereffank genug erscheint eS zu erzählen und mit meinen Mitmenschen zu besprechen. Der geneigte Leser wird vergebens von mir eine eigentliche Reisebcschreibung erwarten. Ich werde mich hüten Beschreibungen zu liefern, die schon viele vor mir schrieben, oder Winke zu geben, die schon in den bekannten vorzüglichen Reisehandbüchern stehen. Meine Aufzeichnungen bestehen nur entweder aus den Erzählungen von merkwürdigen Begebnissen oder aus Beobachtungen und Betrachtungen. Wie ich um meine letzte Aleischmahlzeit kam Die Dinge, die ich für meine Weltreise brauchte, hatte ich. schon beisammen. Zwei Stunden blieben mir noch in Wien, bis der Expreß mich der Adria zuführen sollte.- Ich hatte mir fest vorgenommen während der ganzen Reise kein Fleisch esien zu wollen, einerseits weil es zu schwierig ist auf dergleichen Reisen stets streng 1WD Fleisch zu erhalten und anderseits, weil vegetarische Ein Sabbathvorabeud. Kost in jenen Ländern, nach denen ich zu fahren hatte, weit bekömmlicher ist. Nur noch einmal wollte ich den Fleischgenuß mir zu Gemüte führen, bevor die lange Zeit der Entbehrungen für mich begänne. An Restaurationen leidet wahrlich Wien keinen Mangel, findet man doch fast in jeder Straße der Leopoldstadt deren einige., Doch zwischen -UP3 und ist ein himmelweiter Unterschied und gar manches Schild, auf dem mit goldenen Lettern das Wort prangt, lügt. Vorficht war sehr am Platze, denn damals gab es ja noch nicht die rühmliche Einrichtung der Veröffent.ichung aller rituellen Speisehäuser. So stellte ich mich denn im zweiten Bezirk, den man außer „Leopo'.dstadt" auch noch „Neujerusalem" nennt, an eine Straßenecke, und als ein Mann mit ausgesprochenem jüdischem Typus des Weges kam, fragte ich ihn leise: „Ach, könnten Sie mir wohl sagen, wo man hier wirklich streng ieo esien kann?" „E woas?" fragte der Angeredete. Ich wiederholte leise meine Frage „E woas?" schrie da ziemlich laut der Gute. Schon starrten die Vorübergehenden auf uns, doch ich wiederholte zum drittenmal meine Frage. . E woas," schrie da ganz laut der Mann, „und so eppis sagt ma' leis, stolz kenn mer sei, as es noch solche Jiden gibt, die stteng -kjo esien wollen. Warum sagt Ihr so eppis so leis?" Inzwischen hatte sich durch das laute Geschrei und auffallende Benehmen dieses Mannes eine große Menschenmenge angesammelt, sodaß es mir sehr peinlich war mit ihm weiter auf der Straße zu verhandeln. „Warum sogt Ihr so eppis leis?" schrie da noch einmal dieser Mann, dem man schon auf 10 Schritt Entfernung den i-jirr» anfah. Schnell gefaßt gab ich, um loszukommen, leise die Antwort: „Ich sprach leise, weil ich meinte, Sie seien ein Goj." O, da hätten Sie einmal sehen sollen! Er drehte sich ein paar Mal um sich selbst und schrie in vollster Entrüstung unausgesetzt: „er Hot gemoant, ich wär ä Goj, ich ä Goj, er hat gemoant, ich wär ä Goj." Antwort auf meine Frage erhielt ich nicht und begehrte ich auch nicht mehr. Ich schlich mich von dannen und war glücklich nicht verfolgt zu werden. Der Hunger war mir durch das Erlebnis vergangen, und ohne noch einmal Fleisch gegessenzu haben, begab ich mich zur Bahn. Ei« „Abenteuer" in der Eisenbahn. Auf der Reise nach Triest teilte ich das Eisenbahn- Kupee mit einem sehr gesprächigen Herrn. Obgleich es Nacht war und ich gern ein wenig geschlafen hätte, war ich, um nicht unhöflich zu sein, gezwungen auf die übrigens interessanten Gespräche einzugehen. Schon graute der Morgen, da ging mit dem Herrn eine Veränderung vor. Er wurde nicht etwa schläfrig, wohl aber immer einsilbiger und zog sich schließlich ganz in seine Ecke zurück. Dies war mir nur angenehm. Run konnte ich wenigstens mit Andacht meist Morgengebet verrichtrn. Ich hüllte mich in meinen großen Beisemantel, streifte unter demselben den Aermel auf, legte die Arm- und Kopftephilin, wandte mich gegen das Fenster an der rechten Sette- und verrichtete leise mein Gebet. Bon Zeit zu Zeit blickte ich verstohlen zu meinem Nachbarn an der linken Seite hinüber. Der aber stand an seinem Fenster, blickte in den herrlichen Morgen und schien sich nicht im geringsten um mich zu kümmern. Ein parmal allerdings kam es mir so vor, als ob mein Nachbar auch nach mir schaue, und ein eigenartig banges Gefühl beschlich mich dann, welches mir fast die Andacht raubte. Doch wenn ich den Blick zur Seite streifen ließ, bemerkte ich stets, wie mein Nachbar mir den Rücken kehrte. So mögen wohl 25 Minuten verstrichen sein, als plötzlich deutlich das Wort „Echoood" an mein Ohr drang. Ich wandte mich. Im selben Augenblick drehte auch er sich um, denn niemanden anders als ihm war dies Wort in Andacht entfahren und er wollte »tun wohl sehen, ob es mir aufgefallen sei oder nicht. Man kann sich vorstellen, wie wir uns erst einen Augenblick verdutzt anschauten, an unseren uns als Juden erkannten und nun weiter unser Gebet ungeniert laut verrichteten. Ich muß gestehen, daß ich mich in jener Stunde vor mir selber schämte. Es kam mir recht verächtlich vor, daß mich die Gegenwart eines Menschen überhaupt genieren konnte, wo es doch galt vor dem allrnächtigen Schöpfer sein Gebet zu verrichten. Im Orient kann man es oft genug beach- . . ten, daß Menschen der verschiedensten Nationen frei und völlig unbefangen öffentlich ihrenKultus ausübend Es mag rmhl nicht richtig sein sich auffallend zit benehnien und die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu lenken, wo dies zu vermeiden ist. Ich kann mir nicht denken, daß ein Mensch andächttg sein Gebet verrichten kann, wenn er dabei von der Menge angeaafft und auch z. T. verspottet wird, und ein Gebet ohne Andacht kann wahrlich keinen rechten Wert haben, -fo Psin Piro tib? Plten Deshalb ist es, wo es möglich ist, unzweifelhaft besser, auch auf der R ise in Privatzimmern zu beten. Wo dies jedoch nicht gut zu ermöglichen ist, soll man, wenn auch nicht auffällig, so doch ungeniert legen und beten. Mögen auch Spötter unter den Zuschauern sein, so finden sich unter den Gaffern doch auch immer genug Personen, die sagen: „Laßt ihn doch sem Gebet verrichten," „davor kann man nur Respekt haben" rc. Manchmal kommt es auch vor, daß man vin Nichtjuden nach der Bedeutung des Legens gefragt wird. Es wäre ganz verfehlt, wollte man dies als Spott auffaffen und die Antwort darauf schuldig bleiben. Ich fand noch regelmäßig, daß die richtiae Antwort jedwedem gegenüber großen Eindruck macht. „Knüpfe sie zum Zeichen an deine Hand und sie seien zur Stirndinde zwischen deinen Augen." Im Arm sitzt die Körperkraft und mit dem Legen der Arm-p^Oll dokumentieren wir, daß wir die ganze Körperkraft in den Dienst Gottes stellen wollen. Im Hirn ist der Sitz des Denkens und mit dem Legen der Kopf-ji^ON drücken wir symbolisch aus^ daß wir unser ganzes Denken in den Dienst Gottes stellen wollen. Es ist nicht nöttg erst eingehmd die rTPttHO '1 zu erklären, es ge nügt darauf aufmerksam zu machen, daß in den Gehäusen auf Pergament geschrieben der Satz steht -p:& -p-ibtt 'i ritt rnn«! ■pND tal teav si^ON-legen heißt: sein ganzes Ich in den Dienst Gottes stellen. Ein guter Christ hat vor einem Juden, der sein Gebet verrichtet oder sonst eine religiöse Handlung vollzieh', nur Hochachtung. (Fortsetzung folgt.) Lieber Sie grvrsicbeir Me« veröffentlicht Prof. A. Chachauow in den Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde Heft 22 einige Angaben. Danach wohnen die Juden, deren Existenz in Grusien schon im 3. Jahrhundert b. Z. erwähnt wird, gegenwärtig in den Städtchen Zchinwaly, Suram und Kareli im Gouvernement Tiflis, Lailaschi, Sudshuny, Satschcheri, Lachamuli und Oni im Gouvernement Kutais. Bon den Städten weisen eine zahlreiche jüdische Gemeinde folgende auf: Tiflis, Gori, Achalzioh und Kutais. In den früheren jüdischen Ansiedlungen — Mzchet und Kachetien — sind jetzt keine Juden mehr vorhanden. Man muß bemerken, daß die Juden aus Lachamuli (in Jwanetien) .sich bereits zum Christentume bekennen. Die grusischen Juden treiben hauptsächlich Kleinhandel,- sehr selten bringen sie es aber zu großer Wohlhabenheit. Sie bewohnen besondere Stadtviertel und assimilieren sich nicht mit der übrigen Bevölkerung. Die Juden haben nicht nur ihre Religion, sondern auch ihren anthropologischen Typus beibehalten. In ihren Schulen werden die Kinder in der hebräischen Sprache unterrichtet, aber sehr wenige beherrschen dieselbe. Die grusische Sprache wird auch gelehrt, besonders in Kutais, wo es einige wohlhabende Juden gibt. Hier stehen sie auch kulturell auf einer höheren Stufe, wohnen reinlicher und reicher im Vergleich mit der allgemeinen Volksmasse, die unter der Armut und chronischem Hunger leidet. Die große Sterblichkeit während epidemischer Krankheiten (z. B. Cholera) erklärt die schwache Vermehrung nnd sogar eine Verminderung der Zahl der grusischen Juden. Unter den Dorsjuden gibt es nicht wenige Ackerbauer und Handwerker, aber die Haupt- 'V4‘ M..- - umrn nritt beschäftiguna ist doch der Handel. In allen Teilen Grusiens begegnet man dem wandernden jüdischen Händler.

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