Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1907)
- Date
- 1907-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 23. Nr. 20. Der JSraelit. mus ist hochmütig, Liberalismus ist gerecht, Radikalismus braucht Gewalt, Liberalismus gibt ein Beispiel, Radikalismus höhnt, verfolgt — und wo er kann — vernichtet er die Beispiele, Liberalismus gewährt jede Freiheit, Radikalismus Hemmt sie, schwingt die Knute, unterdrückt alle Freiheit und jede Eigenart und erkennt nur der Macht die Herrschaft zu. Doch auch dort, wo die Theorie des Liberalismus in seinem ganzen Umfang aufgestellt wird, werden wir so lange abwartend zur Seite stehen, bis der Wille sich zeigt, das als wahr und recht Erkannte in die Tat umzusetzen. ntry „Wir wollen tun und hören" riefen mtfere Väter freudig. Von langen theoretischen Erörterungen üver unsere Pflichten ist das Judentum kein Freund. Es will Taten sehen. Zunächst muß der Wille erzogen werden, dann kann man über Sinn und Bedeutung denken. Erst dann hat man auch die Grundlage für solche Gedanken gewonnen. Der Hungrige versteht das Gefühl der Sättigung nicht, wenn er es noch nie empfunden hätte. Wie häusig erleben wir es umgekehrt in der Armenpflege, daß derjenige, der im Leben noch nie Hunger gelitten, kein Verständnis dafür hat, daß Hunger weh tut. Man kann keinem Fernstehenden, der nie die Seligkeit^>er Sabbatweihe empfunden, dieselbe erklären. Erst durch die Betätigung wird das Verständnis erweckt. Die Thauroh ist keine Wisienschaft, deren Resultate zuerst ju bewerten wären, bevor man sie anerkennt. Sie ist ein Gesetz und verlangt zunächst die Ausführung. Und wäre sie eine Wissenschaft: nun, wer wagte es über einzelne Punkte eines Systems zu verhandeln, gegen sie zu streiten, bevor er es ganz kennen gelernt, kennen gelernt aus diesem System selbst heraus, nicht aus Büchern darüber, die selbst schon aus einseitigem Gesichtspunkt die Beurteilung vornehmen. Weil es die Bibel ist, weil sie die Thauroh, die Erzieherin und Erhalterin unseres Lebens ist: darum wären wir berechtigt, wie ungeratene Kinder es zu tun pflegen, ohne Kenntnis, ohne Wissen von ihr, sie zu kritisieren?! Sie zu.kennen, dazu gehören zunächst fünf ganze Bücher Mosis, die früheren und die späteren Propheten, die Hagiographen, die Mischnah der Talmud. Wer kann es wagen, ein Buch zu kritisieren, das ibm mit sieben Siegeln verschlossen ist, dessen Sprache er nicht einmal mächtig ist, daß er es selbständig lesen könnte. Für solchen wunderlichen Wagemnt gibt es nur eine Erklärung: Man kritisiert, weil man kritisieren will, man will das Leben nicht, drum verwirft man das Gesetz: „Wir wollen nicht tun, drum wollen wir nicht hören," welch' trauriges Gegenstück zu jenem „wir wollen tun und hören," das unsere Väter sprachen. Doch dem Werdegang des geistigen Lebens der Menschheit, dessen Zeugen wir sind, mehr als irgend eine Zeit vor uns es gewesen, diesem Werdegang der in stetigem Fortschritt des Denkens und Erkennens unseren Enkeln vielleicht die ersten Lorbeeren zum Huldigungskranz, den er der Thauroh flicht, entgegenbringen wird, können wir es vertrauensvoll überlassen, die Wahrheit zu verkünden: Der Sitte, nicht 8er Vernunft gebührt die Palme. Dann werden die heute abgefallenen Söhne der Thauroh beschämt dastehen, bei ihrem „Fortschritt" stehen sie als arge Rückschrittler gebrandmarkt, sie, die das Große besessen, und ihr „Genüge hatten an den Wahngeburten der Fremden." Und mit den treuen Söhnen des jüdischen Volkes wird die Menschheit jauchzend nach dem ewig unveränderlichen Wort des Gottes der Wahrheit verlangen: wir wollen tun und hören. €i»e welke Triedbofsbltite. Ein frischer Hauch religiöser Selbstbesinnung wehte uns ein Blatt auf den Schreibtisch, das ein gar trauriger Zeuge des Niedergangs ist, den alles menschliche Empfinden erlebt, wo das Thermometer des religiösen Bewußtseins auf den Gefrierpunkt gesunken ist. Dieses Blatt ist eine am 3. April d. Js. „in gemeinschaftlicher Sitzung des Vorstands- und ' Repräsentantenkollegiums" einer rheinischen „Synagogen-Hauptgemeinde" beschlossene „Friedhofs- und^ Begräbnisordnung." Damit mall mit richtigem Verständnis das Elaborat des Verwaltungskollegiums würdigen und den Entwickelungsgang eines Verfalls verstehen kann, der in gedruckter Vervielfältigung sich selbst die denkbar größte Schmach zugefügt hat, wisse man, daß diese „Toten-Ordnung" woyl die einzige Ordnung ist, mit der diese ehrenwerte Verwaltungskörperschaft ein Lebenszeichm ihres Daseins gibt. Eine Mikweh existiert nicht. Eine religiöse Minderheit, welche um Herstellung einer solchen bei der pflichttreuen- und gewissenhaften Verwaltung der Synagogen-Hauptgemeinde petitionierte, wurde einfach abgewiesen. Es scheint, daß die Verwaltung dieser Synagogen-Hauptgemeinde nicht weiß, daß es gesetzliche Mittel gibt, die die Synagogengemeinde zur Anlegung eines Mikweh zu zwingen. Ueber die Erteilung des Religionsunterrichtes _- ---_ 16. Mai 1907» spricht man sich nicht gern aus. ES gilt bas leicht als persönlicher Angriff. Es wird uns darüber erzählt, daß die Kinder dabei barhaupt säßen. Diese äußere Blöße sei aber nur der sinnbildliche Ausdruck der innern. .. Wie das in kleineren Gemeinden üblich ist, selbst wenn sie den stolzen Titel „Synagogen- Hauptgemeinde" tragen, führt der größte Steuerzahler das Szepter, und wenn er spricht „hem, hem", dann tun die anderen Verwaltungsmitglieder, wie sich das schickt, secandam ordinem das gleiche. Wer einmal zuckt, als wenn er wirklich aufmucken wollte, der wird sofort mit „Störenfried" und dergleichen Titeln mehr belegt, die in solcher Gesellschaft eigentlich sehr ehrend sind, die zu tragen aber kein beneidenswertes Los für den ist, der in diesem Kreis leben muß. Der Ton eines solchen Regimentes Prägt sich vor allem in dem Verhalten gegen die Beamten aus, deren offizielle Bezeichnung mit einem mit „Diener" gebildeten Wort das Recht zur Anwendung einer Unteroffiziershaltung ihnen gegenüber gibt. Hie Herr Vorsteher «— hie Gemeindediener: das ist die Gleichheit vor der Religion. Wie nimmt sich nun ein Orthodoxer in solchem Verein aus? Er wird verlacht, verspottet, verhöhnt. Er erhält sein Recht nie und wird zu dauerndem Kampfe herausgpfordert. Warum? Weil er noch nicht so fortgeschritten, wie der Herr Vorsteher und seine Omeinsager und dessen persönlicher Untergeb ner, der Herr Lehrer und Kultusbeamte Wie fortgeschritten eine solche Synagogen-Haupt-Gemeinde auf dem Lande aussieht, davon, lieber Leser, mache Dir nach folgendem Parapraphen der anfangs April beschlossenen „Friedhofs- und Begräbnisordnung" ein Bild! Dem Rheinländer kommt es just wie Ironie vor, wenn er da § 11 (!!) liest: „Die Wiederbenutzung der Grabstellen darf erst nach Ablauf von 20 Jahren erfolgen." Zuerst trauten wir unseren Augen nicht und konnten es nicht verstehen, als wir in einer jüdischen Begräbnisordnung von einer „Wiederbenutzung der Grabstellen" lasen. Wiederholt und wiederholt überlasen wir den P iragraphen, bis wir schließlich die traurige Gewißheit erlangen mußten: es ist möglich, es ist wahr, was bis heute unerhört war, hier steht es schwarz auf weiß: „Den Toten nur zwanzig Jahre Ruhe! Auf den Kommunalfriedhöfen werden den Toten wenigstens dreißig Jahre gegönnt. Die jüdische Begräbnisordnung tut es billiger. Wie? So fortgeschritten ist die Synagogen-Hauptzumute, das junge Mädchen wirkte eigenartig lieblich auf ihn in dieser weichen Stimmung. Er war zu verwirrt um weiter zu sprechen. Schnell verabschiedete er sich. „Ihre Stunde war einfach großartig heute," klang plötzlich Frait LöPiimbergs Stimme aus ihrem Sessel, indem sie den Schlaf aus den Augen wischte. „Sie hätten man bloß unseren Freund aus dem Bade sprechen müssen, der redete auch immer mit Ernachen von Religion genau wie Sie, nicht wahr, Ernachen?" Erna sah ihren Lehrer einen Augenblick lächelnd an, dann ging Bär. — Aber auch bei seinen Büchern konnte er nicht recht Ruhe finden, das Bild des jungen Mädchens drängte sich zwischen die gelehrtesten Sätze. Seufzend schloß er für heute. Er sah nach der Uhr. „Es ist noch Zeit zu Steins zu fahren," murmelte er. Dort in dem gemütlichen Familienkreise verbrachte er dann seinen Abend. — Am Schabbos machte er den beabsichtigten Besuch bei dem Trödler. Diesmal traf er die ganze Familie an, die gerade aus der Synagoge kam. Während sie frühstückten, hatte er Muße, das Zimmer nebst Insassen zu betrachten. Es war alles nett und sauber, das Töchterchen schien trotz seiner großen Jugend ein richtiges Haus- Mütterchen zu sein. Auch ihre ganze Kleidung war trotz der Einfachheit so geschmackvoll, daß man die fehlende Mutterhand nicht bemerkte. Anders bei Joseph. Ein unfreundlicher Ausdruck im Gesicht verzerrte seine eigentlich hübschen Züge, sein Anzug war geckenhaft aufgeputzt, und seine ganze Haltung hatte etwas geziertes. Auch der Ton, in dem er mit Vater und Schwester sprach, mißfiel Markus,' es war eine hochmütige, unhöfliche Art, man merkte, daßer sich etwas Besseres dünkte. Er gähnte ganz ungeniert. „Der Schabbos ist doch der langweiligste Tag in der Woche," sagte er, den Gast beisallsuchend anblickend. „Wie können Sie so etwas sagen," antwortete dieser erstaunt, „gerade Sie sollten doch froh sein einen Tag ganz frei zu sein und zu lernen." „Ja, prost, was hat man denn hier davon. Im Geschäft, da ist den ganzen Tag was anderes los, da hört man auch mal von den Kollegen, wie es in der Welt aussieht,' aber hier, wovon spricht man? Da soll mau dann alte Geschichten anhören, die keinen Menschen interessieren, na, und die Leute, die da kommen, na, mit denen kann man sich ja nicht auf der Straße sehen lassen." „Herr Doktor, so red't er immer, ist es nicht eine Schande", rief der alte Basch aufgeregt dazwischen,' er ärgert sich, daß er am Schabbos nach Schul die Sidroh maawir sein soll und daß ich mit ein paar Bekannten lerne. Die ganze Woche komme ich ja kaum dazu. Natürlich, solche feine Schlipfe wie Du tragen sie nicht, wandte er sich ärgerlich zu seinem Sohn, dessen giftgrüne Krawatte allerdings das Auge auf sich lenkte. „Könntest Deine paar Groschen auch besser gebrauchen." Man hörte Schritte. Da ist schon Reb Leib Mandelstamm, die anderen werden auch gleich kommen. Entschuldigen Sie mich» Herr Doktor, aber wir lernen immer Schabbos Morgen. Vielleicht erweisen Sie uns die Kowed; Reb Leib ist ein großer Lamdem. „Heute muß ich äefjen Herr Ba'ch, ich habe bald einen anderen Schiur." „Gut, Schabbos dann, Herr Doktor, und eben Sie uns bald wieder die Kowed", edankte sich der Trödler. Inzwischen traten die Männer ein; einen von ihnen kannte Bär als einen sehr braven, fleißigen Menschen. Er begrüßte ihn und wandte sich dann zum Gehen. „Wenn Sie Lust haben, begleiten Sie mich doch", ssagte er zu Joseph, der sich durch die Aufforderung des Studenten sehr geehrt fühlte und gleich seinen Hut holte. „Gut Schabbos, Frl. Mirjam", „gut Schabbos, Herr Doktor." (Forts, folgt.)