Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1907)
- Date
- 1907-05-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. Jahrgang. M 5. üdvecbcr Volhöframd Monats-veüage mm „ZrraeM" Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dr* ß. CHolf In Köln. Leseir und Leben. Die Zählung ist vollbracht. Pessach hatten wir uns im Geiste an den Ufern des Nils, dann in die Wüste und an die Gestade des roten Meeres versetzt. „Als wären wir selbst aus Mizrajim ausgezogen", so lebendig lebte die Geschichte dieses Auszugs wieder in uns mit allen Vergleichen für unsre Tage und die Gestaltung ihres freiheitlichen Geistes und freiheitlichen Volkslebens. Dann zählten wir, und „bangten" nach Gott, der zu erscheinen verheißen, um die Freiheit zu krönen, zu vollenden, ihr den Inhalt des Pflichtenlebens zu geben. Was anderes bedeutete diese Zählung, als die Forderunader alten, „Mussar- Seforim" und modernster Moralphilosophie täglich uns auf unsere Pflichten zu besinnen, auf Zweck und Ziel unseres Lebens und Wirkens? Zu erkennen, daß Freiheit etwas weit anderes, als Ungebundenheit bedeute. Menschliche, geistige, sittliche Freiheit ist etwas anders, als schrankenlose Betätigung physischen Wollens. Wenn wir von freien Menschen sprechen, so meinen wir die Freiheit des Menschen im Menschen, so meinen wir die Lossagung der geistigen Kraft von dem körperlichen Begehren, so meinen wir die uneingeschränkte Herrschaft des Willens in seinem Streben nach der Erreichung des Zieles, das der erkennende Geist als erstrebenswert erkennt, mit den Mitteln, die das unterscheidende Urteil als gut befunden. Wenn die Ketten des Tyrannen gesprengt waren, so sollten sie nicht durch Bande der Leidenschaft ersetzt werden. Der Jude sollte die Menschen lehren, die Freude bestehe nicht in sinnlosem Wühlen im Sündenpfuhl, in trunkenem Rausche umnebelten Denkens. Sich freuen heißt: sich selbst genießenzum Genuß des eigenen Daseins kommen. „Pflichtenfreude" mxo Vor nnotr ist ein Wort, das nur dieser jüdische Geist prägen konnte. Nur ein Pflichtenleben gewährt Befriedigung und Freude. Nur gebend, spendend, empfangen wir, nur genießen lastend, genießen wir. Nur durch Uebung unserer Pflichten erwerben wir uns ein Anrecht auf Genuß. Dann aber wird auch der Genuß uns Pflicht. Wir sollen der Welt ein Beispiel geben, wie ihre Schönheiten zu verstehen sind, und wie allein man zu ihrem Verständnis gelangen kann. Es ist daher sehr begreiflich, wieso der Talmud (Pessochim 68d) zu den Tagen, zu deren Feier ein körperliches Wohlleben als Pflicht gehört, wie Schabbos und Purim gerade Schwuoth, das Fest der Gesetzgebung, fügt. Man kann es gar nicht genug wiederholen und betonen in einer Zeit, in der die Kenntnis der Tauroh und noch weniger ihr Geist, ihr Wesen, Gemeingut des Volkes mehr ist, dem sie gegeben ward, wie anders geartet das jüdische Gesetz ist, wie es nicht verglichen werden kann mit einer Religion, wie andere Völker sie haben. Es ist ja so unendlich traurig, wie wenig die Anhänger des praktischen Judentums selbst darüber wissen. Wie anders stünde es um unsere gesamte moderne Literatur, wenn man in gebildeten Kreisen eine Ahnung vom Wesen des Judentums hätte. Wo man hinblickt, überall Berzichtleistung auf die Erziehung bestehender Religionen, Abrechnung mit ihrem Aufbau, ihrem Ursprung, ihrem Ziel. Es sind wahrlich nicht die schlechtesten Geister, die in Dichtung und Prosa das Mester ihrer Kritik an die bestehenden Religionssysteme ansetzen, die in ernstem und wahrem Liberalismus die lügenhafte Charakterlosigkeit der Zeit und ihre Schäden betrauern. Merkwürdig, immer gerade dort, wo sie einsetzen, gerade dort beginnt das Judentum. Sie sehen nicht schlecht, doch sie reißen nur ein, derweil ihnen die Kenntnis des Judentums fehlt, um aufbauen zu können. Wir erwiesen der Menschheit den denkbar größten Dienst, wenn wir jüdische Gedanken verbreiten würden. Die Erhabenheit der Ideen des Judentums zu zeigen, ist das einzige Mittel zur Besserung der sozialen Lage der Welt und der Juden auf ihr. Daß die Völker die Gedanken heute noch vielfach darum rundwea ablehnen würden, weil sie auf dem Boden der Tauroh erwachsen sind, das ist der sie selbst treffende Fluch der eigenen bösen Tat der Judenseindschaft. Allerdings wollen wir uns darüber gar nicht täuschen. Nicht überall haben wir es mit wahrem Liberalismus dort zu tun, wo uns dies Wort entgegenklingt. Beweis dafür sind zur Genüge die jüdischen Verhältniffe selbst. Da nennt sich liberal, was eigentlich radikal genannt zu werden verdient. Zwischen Liberalismus und Radikalismus besteht ein großer Unterschied. Liberalismus erhält, Radikalismus zerstört, Liberalismus ist tolerant, Radikalismus ist rücksichtslos, Liberalismus ist bescheiden, Radikalis¬ Feuilleton. Maarrer. (Fortsetzung.) „Fräulein Erna," Bär wurde ernst, „Frl. Erna, Sie wiffen selbst,, daß Ihre Worte den krassesten Widerspruch bilden zu Ihren eigenen religiösen Anschauungen." „Zu meinen, Sie meinen wohl zu denen, in denen ich erzogen werden sollte," antwortete das junge.Mädchen hochmütig- „aber Anschauungen können niemand aufgezwungen werden, die Ge< danken find ja frei." „Gewiß, aber, liebes Fräulein, bitte, denken Sie stets an Ihre große Jugend, die unmöglich durch eigene praktische Erfahrung zur inneren Klarheit gekommen sein kann." „Bitte, die größten Gelehrten sagen, daß ein Teil unserer Gesetze aus Aegypten stammt und die anderen aus Babel." „Die Unanfechtbarkeit dieser Ansichten läßt sich nicht behaupten. Es gibt ja gerade auf dieses Werk von Delitzsch eine Antwort von Männern, die Professoren und" auf wissenschaftlichem wie jüdischem Gebiet gleich bewandert find. Diese weisen Delitzsch die Unhaltbarkeit seiner Behauptungen nach. Aber auch noch viele andere christliche Gekehrte stehen Delitzschs Auffassung schroff gegenüber. In der Naturwissenschaft hat diese Sicherheit des Urteils, wie sie noch Darwin gehabt hat, längst aufgehört, und einer der Größten der letzten Dezennien bekennt bescheiden: wir wiffen nichts und können nie etwas wiffen." „Sie sind gelehrt, Herr Dr., und so ein dummes Mädchen" ... „oh, oh" wehrte Bär, „kann natürlich nicht wissenschaftlich widerlegen." Aber wenn ich mir etwas natürlich erklären kann, brauche ich doch das Uebernatürliche nicht. Und ich meine, daß Moses doch mindestens ebenso genial war, wenrl er aus den Gesetzen der Völker die ausgesucht hat, die ihm für sein Volk passend erschienen, als wenn er durch ein Wunder in den Besitz seiner Weisheit gekommen wäre." „O nein, Frl. Erna, das ist doch ein großer Unterschied," rief Bär aus, „Menschensatzung ist nicht bindend für Ewigkeit, wie es die Tauroh ist." „Ja, so sagen Sie," antwortete Erna schnell, „aber vielleicht haben wir uns einfach Jahrtausende knechten lassen - jetzt siegt aber unser Verstand." Bär sah das Mädchen traurig anwie konnte sie sich so durch Phrasen beeinflussen lassen. Als Erna den betrübten Blick ihres Lehrers sah, wurde ihre hochmüttge Miene gleich wieder freundlich. „Seien Sie nicht böse, Herr Dr., bitte, bitte, aber sehen Sie mal, habe ich nicht vielleicht recht. Wir waten im Bade mit so einem furchtbar gebildeten Herrn zusammen, dessen Eltern waren auch religiös, aber er war über diese Kleinlichkeit erhaben. Er sagte, es sei Gott sicher gleichgiltig, ob er Ochsen- oder Schweinefleisch esse, Moses habe letzteres bloß aus sanitären Gründen verboten. Aber bitte, Herr Dr., seien Sie mir bloß nicht böse, ich möchte Sie sicher nicht ärgern," sie wurde ganr rot vor Aufregung und streckte Markus dieHano hin. Dieser ergriff sie. „Frl. Erna," sagte er warm, wir wollen sehen, den richtigen Weg zu finden. Ihr Herz ist viel zu aufrichtig, als daß es sich durch solche Modephrasen betören ließe. Sehen Sie mal, Frl. Erna, Sie sagen da, Moses hübe die besten Gesetze aus denen der anderen Völker für das seinige herausgesucht. Ja, aber wo findet man noch einmal eine so herrliche Sittenlehre? Wir haben gerade bei jenen Völkern den entsetzlichsten Götterkult, alles wurde der zürnenden Gottheit geopfert, selbst die eigenen Kinder brachten die Eltern dem Moloch dar, wie Sie wiffen. Und wie steht es bei uns? Achtung vor dem Menschenleben steht bei der Pflicht gegen Gott. Sie haben doch schon von Hillel gehört? Ein Heide kam zu ihm und wollte den bekanntlich sehr Sanftmütigen reizen. „Ich will Jude werden, wenn Du mir des Judentums Hauptwert erklären kannst, während ich auf einem Beine stehe." „Nun," antwortete der große Gesetzeslehrer, „liebe für Deinen Nächsten, was Du für Dich selbst liebst. Der Heide wurde Jude." * Erna war einen Augenblick ganz still, dann schaute sie auf, eine Träne glänzte in ihrem Auge. „Herr Dr., verlieren Sie die Geduld nicht mit mir. Wie gern möchte ich glauben können wie Sie." Es wurde Bär ganz eigentümlich i