Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1907)
- Date
- 1907-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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MMWMWMWWWW 16. «at 1907. diese Theorieen haben ja keine prinzipielle Bedeutung für den Glauben. Aber es scheint nur so. Im echten Geist des Maimonides ist es, wenn wir uns nicht auf diesen Standpunkt stellen. Wie Maimonides sein seltsames Eventualversprechen eingelöst hätte, alle fraglichen Bibelstellen dahin zu interpretieren, daß die Ewigkeit der Welt feststehen würde, das wissen wir nicht. Wir können es nur ahnen. Er hätte sie vielleicht allegorisch gedeutet?) — Doch dieser Art der Exegese stehen wir jetzt völlig verständnislos gegenüber. Die Anthropomorphismen in der Bibel können wir begreifen, weil sie in der Unmöglichkeit begründet sind, von Gott anders als in menschlichen Vorstellungen und menschlicher Sprache zu reden. Unmöglich ist es uns aber in einer ganzen Schöpfungsgeschichte eine allegorische Darstellung zu sehen. Maimonides' Ausführungen könnten auf Grund der Auffassung, die wir heute von der Exegese haben, nur das bedeuten, was Pater Wasmann in seinem ersten Vortrage in die Worte kleidet?) „Die heilige Schrift ist kein Lehrbuch der Naturwissenschaften im modernen Sinne. Darum können wir Gelehrten des 20. Jahrhunderts auch nicht zoologische Aufschlüsse darin suchen. Die Bibel wollte nicht der naturwissenschaftlichen Aufklärung dienen, sondern religiösen, Heilszwecken-. .... der biblische Bericht ist abgesaßt für das Verständnis jener Zeit und nach der Auffassung der Menschen jener Zeit." Doch dieser Auffassung würde, so glauben wir, Maimonides durchaus entgegentreten. Denn hier eben handelt es sich um einen Glaubenssatz von durchaus prinzipieller Bedeutung, genau so wie Maimonides ihn hinsichtlich der Erschaffung der Welt annahm. Für uns ist die Bibel und vor Allem der Pentateuch und was er berichtet und fordert, die Grundlage des Glaubens. Der geschichtliche Akt der Offenbarung knüpft an die Anfänge der Geschichte Israels an, diese an die Geschichte der Stammväter und diese wieder an die Entwicklung des Menschengeschlechts. Wer bürgt uns dafür, daß' nicht auch diese im uneigentlichen Sinne zu nehmen sind, wenn wir die Schöpfungsgeschichte ihres Wirklichkeitsgehalts entkleiden. Nein, es bleibt dabei, daß freilich die „Bibel nicht ein Lehrbuch der Naturwissenschaften im modernen Sinne ist", daß sie aber in großen Umrissen eine Darstellung des wirklichen Geschehens gibt. Dabei läßt der Umstand, daß wir eine anthropamorphe Darstellung vor uns haben, noch Freiheit genug in der Exegese. Wasmann hat es bequemer. Die katholische Kirche hat der Bibel gegenüber eine merkwürdige Auffassung, die viel näher dem Standpunkt des liberalen als dem des orthodoxen Protestantismus kommt. Selbst für die Bibelkritik hat sie Leitsätze aufgestellt, die dem gesetzestreuen Judentum unannehmbar sind. Das ist kein Wunder. Liegt doch für sie der Schwerpunkt der Religion im Auftreten des christlichen Religionsstifters und in der Geschichte der Konsolidierung der Kirche durch die Kirchenväter uud die Konzilien. Alles was dieser Zeit vorangeht, ist nach dieser Auffassung eine vorbereitende aber übertvundene Stufe im göttlichen Heilsplan. Da das Gesetz nur für eine bestimmte Zeit verbindlich war, warum sollte die Darstellung der Schöpfungsgeschichte nicht auch nur für eine bestimmte Zeit und für das Verständnis jener Zeit abgefaßt sein? Für uns aber steht und fällt das Wesen des Judentums, d. h. die verpflichtende Verbindlichkeit des göttlichen Gesetzes mit dem Wahrheitsgehalt des Pentateuchs. Es bleibt also dabei, daß wir den Bericht des Pentateuchs mit den Tatsachen der Wissenschaft auch hinsichtlich der Einzelheiten in Einklang bringen müssen. Nun kann über das Verhältnis der Bibel zu den wissenschaftlichen Feststellungen innerhalb der Geologie und Paläontologie hier nicht im Einzelnen gesprochen werden. Wenn auch die *) In dem arabischen Original der obenerwähnten Stelle steht in der That statt des hebräischen Wort BflTt das Wort für „allegorische Deutung." Bgl. Munk. llnids de* Egare.« «d. ll. S. 196. Alim. 1. *) Die Stelle iü in unserem Auszüge nicht ausgenommen. Entwicklungslehre in dieses Gebiet übergreift und andererseits das Tatsachenmaterial aus jenen Wissenszweigen resp. seine Deutung zahlreiche Bausteine für die Entwicklungslehre liefert, so wollen wir doch hier nur die Descendenztheorie im engeren Sinne besprechen, die es mit den Abstammungsreihen der o r g a n i sch e n Wesen zu tun hat. Nicht als ob die Auseinandersetzung mit jenen Wissenschaften von geringerer Bedeutung wäre. Man denke nur daran, auf wieviel Wissensgebieten uns die technischen Ausdrücke der Geologie begegnen. Doch wir müssen uns beschränken. Abgesehen davon^daß darüber ein ganzes Buch zu schreiben wäre! Wie die Vorträge Wasmann's der Anlaß zu unseren Aus sührungen war, wie wir unserem Leser nur das Material aus diesen Vorträgen geboten haben, so können wir hier uur aus den einen ganz bestimmten Punkt ein gehen, der durch die Frage gegeben ist: Konstanztheorie oder Descendenztheorie? 4) Noch einmal sei betont, daß die Descendenztheorie nicht ganz loszulösen ist von der Paläonthologie, da ja, wie aus dem ersten Vortrage Wasmann's dem Leser erinnerlich, die indirekten Beweise für die Theorie jener Wissenschaft entnommen werden. Doch müssen wir von der Be Handlung dieser indirekten Beweise absehen. Nur andeutungsweise lei bemerkt, daß wir rpach dem Beispiel der Ausführungen von S. R. Hirsch V'Xt und vieler Anderer bis auf die Weisen des Talmuds auf Grund von Gen. Kap. 1, Vers 1, eine Reihe der jetzigen Schöpfnng vorangegangenen und untergegangenen Welten annehmen, und in dem Sechstagewerk eine Reihe von Schöpfungsperioden erblicken dürfen. In dieser Richtung bewegen sich die Versuche, die Wider spräche zwischen dem biblischen Bericht und den von den Wissenschaften angenommenen Tatsachen auszugleichen. Also Konstanztheorie oder Descendenztheorie? Erinnern wir uns noch einmal auf Grund der Mitteilungen aus unserem Auszuge, um was allein es sich bei dieser Frage handelt. Nicht mehr um den Darwinismus als Weltanschauung. Die Annahme, daß die ganze Welt mit allen ihren Lebewesen und der gesamten Kultur sich ganz aus sich selbst entwickelt habe ohne eine zwecksetzende Intelligenz ist ein Dogma der Monisten, das wissenschaftlich natürlich absolut unbeweisbar und philosophisch völlig unbegründet ist. Wir wollen das Vergnügen derer nicht stören, die sich zu diesem Dogma bekennen, statt zu den Dogmen der Religion. Wer aber nur ein wenig philosophisch geschult ist und einen Blick in die ernste philosophische oder naturwissenschaftliche Literatur getan, weiß, was von diesem Dogma zu halten ist. Wir haben es ferner nicht mit dem Darwinismus im engeren Sinne zu tun, mit der Selektionstheorie. Diese lehrt, daß die. Entwickelung der Lebewesen sich nach dem Prinzip des Kampfes ums Dasein durch die natürliche Zuchtwahl vollzogen hat. Sie hat eigentlich an sich auch keine Beziehung zu den Grundlagen der Religion, denn sie will ja nur der Ausdruck eines naturwissenschaftlichen Gesetzes sein. Sie behauptet, daß die Entwickelung der Arten nicht durch zweckwirkende Kräfte, die den Lebewesen selbst innewohnen, zustande kam, sondern durch ein Spiel von Kräften des Zufalls, die es bewirkten, daß das Zweckwidrige ausschied, das Lebensfähige erhalten blieb und durch Vererbung sich konsolidierte. Immerhin ist es gut, daß die Selekttonstheorie Allgemeingülttgkeit nicht beanspruchen darf. Wenn sie auch nicht, wie Häkel meint, „eine Hauptmasse in der schweren monistischen Artillerie" wäre, so würde doch der Schöpfer aus der Entwickelung eliminiert, es bliebe Ihm nur der erste Anstoß, und die rein mechanische Betrachtungsweise, die der Selektionstheorie zu *) lieber die Stellung der Bibelgläubigen zur Geologie und Paläontologie vergl. man neben vielen neueren Aufsätzen, die in Zeitschriften zerstreut find, das populäre Werk von I. Urquhart. Die neueren Entdeckungen und die Bibel I. Band. Kap. 10 u. 11. desgl. den Aufsatz meines verehrten Lehrers Dr. Hosfutantl „die biblische Schöpfungsgeschichte und die Geologie". Litteraturblatt der Jüd. Presse 1877. No. 10 u. 11. Grunde liegt, könnte leicht den, der nicht tief genug denkt, auf Abwege führen. Aber wie Wasmann im zweiten Teil seines zweiten Vortrags ausgeführt hat, ist die Selekttonstheorie als alles beherrschendes Prinzip fast allgemein aufgegeben. Schon Wasmann bemerkt bei dieser Gelegenheit: „Für die hier anwesenden Zoologen und sonstigen Naturforscher ist dies Kapitel eigentlich überflüssig - denn in geologisch gebildeten Kreisen weiß man längst darüber Bescheid". Wir könnten diese seine Behauptung durch Anführung zahlloser Zitate aus den Werken der hervorragendsten Naturforscher belegen. Wir möchten nur die von Wasmann berührte Aeußerung des bedeutenden Zoologen Driesch hier wörtlich anführen. Im biologischen Zentralblatt 1896 Seite 16 sagt er bezüglich der Selekttonstheorie: „Darwin gehört der Geschichte an, wie das andere Kuriosum unseres Jahrhunderts, die Hegel'sche Philosophie. Beide sind Variationen über das Thema: Wie man eine ganze Generation an der Nase führt". Es handelt sich allein um die Frage: Konstanztheorie oder Descendenztheorie? Müssen wir annehmen, daß die TierundPfianzenarten konstant sind, d. h. seit der Schöpfung durch Gott ewig beharrend, oder können wir zugeben, daß die jetzt existierenden Arten sich früher entwickelt haben? Nun sei gleich bemerkt, daß auch hie Descendenzkheöriö, die es nur mit dieser Frage zu tun hat, wissenschaftlich nicht völlig unbestritten ist. Fleischmann, ein bekannter Zoologe und früherer )arwinianer hat in seinen beiden Büchern „die Descendenztheorie und die „die Darwinische Theorie" eine vernichtende Kritik der Descendenztheorie gegeben. Er erkennt keinen einzigen der Beweise aus der Morphologie, Ontogonie und Paläontologie an. In ähnlicher, wenn auch nicht ganz so schroffer Weise (er gibt zu, daß durch Kreuzung neue systematische Arten entstehen können) spricht sich der Botaniker Kerner von Marilaun in seinem großen Werke-„Pflanzenleben" aus. Doch stehen diese beiden Naturforscher in ihrer Ablehnung der Entwicklungslehre ziemlich vereinsamt da. Von einer sehr großen Zahl von Forschern aber wird die einstämmige (monophyletische) Entwicklung geleugnet und allein die viel stämmige (polyphyletische) Entwickelung der Tier- und Pflanzenwelt angenommen. Weder für den gemeinsamen Ursprung beider organischer Reiche aus einer Urzelle, noch dafür, daß das Pflanzen- und Tierreich je aus einer Urzelle entstanden ist, ist auch nur der Schatten eines Beweises beizubringen. Ebenso werden z. B. für das Tierreich bald sieben, bald neun, bald siebzehn Hauptreiche angegeben und über die Stammesverwandtschaft zwischen diesen Tierkreisen gibt es fast ebensoviele Ansichten, wie es Zoologen gibt. Also wir können als die Auffassung der Wissenschaft nach ihrem heutigen Stande ohne weiteres die Theorie von der vielstammigen Entwicklung annehmen. Mit dieser Theorie steht nun aber der Wortlaut der Bibel nach unserer Meinung durchaus n i ch t i ni W i d e r s p r u ch. Denn auch wir fragen mit Wasmann: Handelt es sich im biblischen Schöpfungsbericht um jene Arten, die die moderne Konstanztheorie als naturwissenschaftliche Arten für unveränderlich hält? und antworten mit ihm: „Nein!" Denn dieser Begriff der Arten hat sich erst im achtzehnten Jahrhundert entwickelt durch Ray, Linne und Cuvier. Mit viel größerem Rechte könnte man die Arten des bibischen Schöpfungsberichtes eben auf die Stammreihen der Entwickelungslehre begehen, auf den Inbegriff sämtlicher aufeinander olgender Generationen, die miteinander stammverwandt sind.*) Und in der That, warum *) Man könnte es störend empfinden» daß bei Ablebnung der Konstanzentlieorie der Grund, der allgemein für das gesetz angegeben wird und dem S. R. Hirsch zu Lev. 19,19 so packende Worte geliehen, nicht mehr anzunehmen wäre Dazu ist zu bemerken : Zunächst darf das Moment, daß wir eventuell auf einen der von uns konstruierten nxa •»ayo verzichten müßten, nicht ausschlaggebend sein. Handelt es sich doch gerade hierum ein Gesetz, das zu den a'PN gehört, wird doch eben dieses Gesetz mit den Worten eingeleitet: '"Hwri "riipn r« a'xra ratn rr^ -jrcna. Man vergl. auch Dr. Hoffmann