Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1907)
- Date
- 1907-05-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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16. Mal 1907. De»! Israeli». Rr. 20. Gelte 5 können, um richtig „oren" zu können. Wer die Kraft und den Inhalt unserer mVsn ermessen möchte, wird dies nur auf Grundhinlänglicher Kenntnis des jüdischen Schrifttums erreichen können! Das jüdische Gebetbuch ist eben eine wundervolle Komposition! Nicht „Beten" und „Bitten" erschöpft seinen Jnhnlt. Inhalt. Es ist zugleich ein Lehrbuch, weil zahlreiche Stücke direkt lehrhaften Charakters darin ausgenommen sind. Gewiß sind Abschnitte wie nanfi ,?vipv wpk ,2^21 l1?« ,*von ,|yow die nvar ,PP^V non, die o'p*is keine „Gebete" im landläufigen Sinne. Es sind „Lern- Stücke." Und die öffentliche Thora- Vorlesung beim Gemeindegottesdienste soll erst recht der Belehrung dienen. Welche Summe von Schristkenntnis ist ferner dazu nötig, die jüdischen Festgebete (iimv und die Einschaltungen für besondere Gedenktage) zu verstehen! „Aus dem Schatz jüdischer Wissenschaft ist dem Paiton*) der Tag nach seiner geschichtlichen und gesetzlichen Seite und nach den über Beides ausgesprochenen Ansichten unserer Chachomim gegenwärtig, und von ihm erfüllt tritt er uns bei den einzelnen Teilen des Gottesdienstes entgegen, den innewohnenden Begriff im Lichte der Tagesbedeutung vollendend. Beneiden wir das Zeitalter, wo Jaakauws Erbteil, seine Wissenschaft, also Gemeingut der Jaakauwsgemeinde war, daß wenigstens die bedeutendsten Tatsachen und gesetzlichen Begriffe der Paiton als heimisch in der Brust seiner Hörer voraussetzen konnte und überall nur den Grundton anzuregen hatte, um vollen Akkord in seines Hörers Gemüt zu wecken." Hirsch's Choreb, 8 671). Ein ganzer Stab hervorragender Kommentatoren nahete unseren n'iVsn mit ihren geistreichen Erläuterungen zu allen Teilen. Ist denn wohl so etwas auch nur denkbar bei den Gesaug - und Gebetbüchern nichtjüdischer Völker? Wohlan, wir begreifen recht gut, warum der Jude seine Andachtsstätte „Schul" nennt. Unsere Religion ist keine „kirchliche", sie ist nicht Glauben, sondern Lehre, und wenn der Jude betet, dann lernt er; nicht mit dem Herzen allein arbeitet er, er ist mit dem Kopfe ebenso sehr in Anspruch genommen. Gefühl und Verstand bedingen und ergänzen sich hier in schönster Weise. (Schluß folgt.) Die Uorträge d es Paters Erleb Aasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). Soweit S. R. Hirsch V'XT. Nicht nur dem Leser des mehrfach erwähnten großen Werkes von Wasmann, in dem dieser die theologische Seite der Frage viel ausführlicher behandelt, auch wohl dem Leser unseres Auszuges aus den Vorträgen Wasmanns wird die Uebereinstimmung in den beiderseitigen Ausführungen geradezu überraschend sein. Es scheint zunächst als könnten wir alle Ausführungen Wasmanns uns ohne Weiteres zu eigen machen. Denn ebenso vieles wie er bezeichnet Hirsch als für den Glauben irrelevant. Also könnten wir alle modernen Theorieen annehmen, wenn wir nur an der Erschaffung der Welt und an der Besonderheit der menschlichen Seele festhalten? Dem ist aber nicht so. Denn bei aller Verehrung vor den Worten des Meisters müssen wir die Frage in den Einzelheiten prüfen. Hirsch giebt ja nur die Richtlinien an im Allgemeinen. Sicher werden wir seine prinzipiellen Ausführungen unterschreiben. Doch ein anderes ist es, wenn man an ganz bestimmte Einzelsragen herantritt. Nehmen wir ein Beispiel: Dürfen wir vom *) So heißen die Dichter der shnagogalen Liturgie Standpunkt unserer Religion annehmen, daß der Mensch nach seiner leiblichen Seite sich aus einem höheren Säugetier entwickelt hat? Die Frage ist nicht aktuell, da, wie aus dem oben abgedruckten dritten Vortrag bekannt, nicht das geringste Beweismittel dafür vorhanden ist. Aber angenommen, man fände diese „Beweisstücke" uild alle Naturforscher erklärten sich einstimmig für diese Theorie Wasmann bejaht diese Frage vom Standpunkt seiner Religion. Er sagt darüber in seinem Werke (S. 444 ff.-: „Der Mensch wird übrigens erst zum Menschen durch seine geistige Seele, und deshalb sand die Schöpfung des ersten Menschen dann statt, als seine geistige Seele geschaffen und mit dem „Leib aus Erde" verbunden wurde. Daß Gott sich einer bereits vorher durch natürliche Ursachen zu jener Bereinigung vorbereiteten Materie bedienen konnte, um sie mit der geistigen Seele als neuer Wesenssorm zu verbinden, dürfen wir als möglich annehmen. Die dogmatisch-exegetische Frage, 'wie die betreffenden Schriftworte tatsächlich zu verstehen seien, ist hiervon ganz unabhängig, und wir können uns in dieser biologischen Studie auf eine nähere Erörterung derselben nicht einlassen. Unsere atheistischen Gegner spotten nicht selten darüber, daß wir uns den Gott des biblischen Schöpfungsberichtes als „Töpfer in Menschengestalt" vorstellen, wie er „aus Lehm einen Adamsleid knetet" und diesem dann die Seele „inL Angesicht" einbläst." Diese anthropomorphe Anschauungsweise hat jedoch schon der hl. Augustinus als Minimum puerili8 cogitatio bezeichnet, und sie liegt, auch denjenigen völlig fern, welche den biblischen Bericht über die Schöpfung des Menschen nicht im „bildlichen", sondern im „wörtlichen" Sinne aufgcfaßt wisien wollen. Eine endgültige kirchliche Erklärung über die Frage, von welcher Beschaffenheit der Stoff gewesen sei, dessen Gott sich bei der Schöpfung des ersten Menschen bediente, liegt jedoch nicht vor. Jedenfalls war es nicht die Msicht des biblischen Schöpfuiigsberichtes, uns in naturwissenschaftlicher Weise über den Ursprung des Menschen zu belehren. — Bon rein philosophischem Gesichtspunkte aus können wir zur Lösung jener Frage nur wenig beitragen. Sicherlich gehört es nicht zum Begriffe der Schöpfung des Menschen, daß der ganze Mensch unmittelbar von Gott durch außerordentliches Eingreifen in die Naturgesetze hervorgebracht wurde: der Leib und die Seele können auf verschiedene Weise von Gott geschaffen worden sein, ersterer mittelbar, letztere unmittelbar. Zum Begriff der Schöpfung des menschlichen Leibes genügt es, daß die Atome desselben von Gott ursprünglich geschaffen, und daß die Gesetze, nach denen aus jenen Atomen der menschliche Leib sich bildete, ebenfalls ursprünglich von Gottes Allmacht in die Materie gelegt worden seien. Daher können wir auch heute noch von jedem einzelnen Menschen mit vollem Rechte sagen, er sei ganz und gar „ein Geschöpf Gottes", sowohl der Seele als dem Leibe nach, obwohl nur die Seele unmittelbar geschaffen, der Leib dagegen durch natürliche Enttvicklungsgesetze aus den elterlichen Keimzellen gebildet wird. — Wenden wir diese Erwägung auf die Schöpfung des ersten Menschen an, so bieten sich uns zweierlei Möglichkeiten. Einerseits könnte man es für angemessen halten, daß Gott den ganzen Menschen gleich in fertigem Zustande erschuf, wobei er sich allerdings zur Hervorbringung des menschlichen Leibes der schon vorhandenen Atome bediente; denn die Hauptsache im Menschen, die geistige Seele, konnte ja nur durch einen Schöpfungsakt entstehen. Andererseits erscheint es jedoch vielleicht manchem noch passender, daß Gott auch bei Hervorbringung des ersten Menschen, wie bei derjenigen der übrigen Naturwesen, sich der natürlichen Ursachen insoweit bediente, als sie fähig waren, zur Entstehung des ersten Menschen mitzuwirken." Können wir uns diesen Ausführungen anschließen? Es heißt Gen. 1,26: „Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen in Unserm Ebenbilde, in Aehnlichkeit mit uns, daß sie herrschen über die Fische des Meeres u. s. w." Und Gen. 2,7: „Und Gott, der Ewige, bildete den Menschen aus Staub vom Erdreich und blies in seine Nase den Odem des Lebens. So ward der Mensch zum lebenden Wesen." „Nun stellen auch wir uns Gott sicher nicht als Töpfer in „Menschengestalt" vor. Die „atheistischen Gegner" zeigen nur ein reichlich Maß von Unbildung oder bösem Willen, wenn sie die Tatsache ignorieren, daß die Bibel absichtlich in anthropomorphistischen Wendungen sich bewegt, und daß diese zu keiner Zeit von den Höherstehenden unter den Bekennern einer Religion anders als in übertragenem Sinne genommen worden sind. Doch dürfte der Wortlaut unserer Bibelstelle mit der Theorie von der leiblichen Abstammung des Menschen vom Tiere schwer in Einklang zu bringen sein. Nach allen Regeln einer gesunden Exegese ist — so meinen wir — die Stelle nur so aufzufaffen, daß, als auf Gottes Schöpserwort der geistige Teil, die Seele des Menschen, sich mit dem Stoff vereinte und so der Mensch zu einem lebenden Wesen wurde, dieser Stoff der ungeformten Materie angehörte, sie mag anorganisch gewesen oder niedere organische Bestandteile enthalten haben, sie war ein Etwas, das mit dem hebräischen nsy auszudrücken ist. Doch das mag noch hingehn. Wir brauchten nur Maimonides' Ausführungen zu folgen, um auch jene andere Auffassung der Bibelstelle zuzugestehn. Im 25. Kapitel des More Nebuchim nimmt er in ganz eigenartiger Weise prinzipiell Stellung zu diesen Fragen. Die erste Hälfte seines Werkes bis zu diesem Kapitel nehmen zwei Erörterungen ein: Der Kamps gegen jede anthropomorphe Auffassung des Gottesbegriffes und die positive Entwicklung der Attribulentenlehre einerseits und der Kampf gegen die aristotelische Behauptung von der Ewigkeit der Welt und für die Annahme der Schöpfung andrerseits. Dann fährt er fort: “löKön *0 irnm2 p# '2 yi mira 182 iipk 2'2inrn 'iso oViyn monpn *?y wiivn □,ainrn pa '2 tmnc oViyn nvro nvn *?y 2'tidd 2'2)N2N je 2nri D^yn rsn-rn irs2 d'öwd ttm'sn nyar OLN orn itrsN rrn V2K 2*?iyn amn p'iy2 nb 2'y:ai n? 'Wi motrin npmra watyar 122 ottns*? ans1? "ifvp 2^12' irvn n2*>n bp mv rrn laanw 102 oViyn moip ToynVi onn cpiosn OVi “porv mvn i:pmm o'2inrn* „Ausdrücklich sei bemerkt: Ich lehne nicht deshalb die Theorie von der Ewigkeit der Welt ab, weil sie im Widerspruch mit den Scbriftversen steht, die auf eine Schöpfung Hinweisen. Denn die Stellen, die für die Erschaffung der Welt zeugen, sind nicht zahlreicher als die, die für die Körperlichkeit Gottes zeugen. Auch hinsichtlich der Schöpfung würden uns die Mittel der entsprechenden Exegese nicht fehlen und nicht untersagt sein. Wir könnten jene Stellen nach derselben Methode erklären, die wir für Ablehnung der Anthropomorphismen angewandt. Vielleicht wäre das noch viel leichter. Wir würden die fraglichen Bibelverse dahin interpretieren können, daß die Ewigkeit der Welt feststehen würde, genau so wie wir die anderen Schriftstellen erklärt und dadurch Gott die Nnkörperblichkeit abgesprochen haben." Wenn es von uns doch nicht geschieht, fährt Maimonides fort, so ist der Grund ein zwiefacher. Die Ewigkeit der Welt ist wissenschaftlich nicht beweisbar und die Annahme derselben würde gleichbedeutend sein mit der Leugnung des göttlichen Eingreifens in die Welt. Die Offenbarung, die Wunder der Erwählung Israels, alles Grundlagen unserer Religion, sind untrennbar mit dem Gmuben an die Erschaffung der Welt verbunden. Es ist kein Zweifel. Im Geiste des Maimonides wäre es, wenn wir bte Stelle im freieren Sinne auffaßten.') Denn sicher ist die Frage der Abstammung des Menschen nach seinerleiblichen Seite, sobald die Erschaffung des Menschen nach seiner geistigen Seite festgehalten wird, im Sinne des Maimonides keine Frage von prinzipieller Bedeutung gleich der Annahme der Ewigkeit der Welt. Doch wie steht es mit der Schöpfungsgeschichte im Allgemeinen? In ber Bibel wird uns berichtet, wie und in welcher Reihenfolge das Weltenall mit seinen Himmelskörpern, die Erde und was auf ihr an Wesen lebt, erschaffen wurde. Demgegenüber gibt die Geologie und Paläontologie und in Verbindung mit ihnen und anderen Wissensgebieten die Descendenztheorie eine andere Darstellung. Nach Maimonides könnten wir, so scheint es zunächst, uns auch die weitgehendsten Theorien zu eigen machen, sobald nur der eine Satz, daß Gott der Schöpfer ist, Er den Anstoß zu aller Entwicklung gegeben hat, festgehalten wird; denn alle ') Natürlich den Fall gesetzt, daß wir durch Umstände» die der jetzigen Sachlage nach völlig unwahrscheinlich find, dazu gezwungen würden, soweit von einem Zwange m derartigen jenseits aller Erfahrung liegenden Dingen überhaupt die Rede sein kann.