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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ch zufamwenhängt, das nur eine Unterabteilung der istdas Wort Beten kann mitunter einen egoistischen Beigeschmack haben. Die Bezeichnungen Tefilloh und Oren ftttb von erhabenerer Bedeutung, weit umfassender. Die Tatsache, daß die breiten Volksschichten gar nicht wissen, daß „Oren" dem Lateinischen entlehnt ist, sondern es für ein hebräisches Wort halten, zeigt, wie dieses Wort im Bolksmund das hebräische „n^sn" ersetzt, demgegenüber der Ausdruck beten matt und wenig anheimelnd klingt.*) Ebenso ist der Ausdruck „Lernen" im jüdischen Kreise seit alten Tagen wohl heimisch. U n s e r e t - wegen könnte man die „Gänsefüßchen" wealassen. Man weiß, daß es der stehende Ausdruck fiir des Juden vornehmste und heiligste Lebensaufgabe ist, nämlich das Studium des göttlichen Gesetzes. „N. N. kann gut lernen" besagt bei uns nichts anderes, als daß der Betressende sich gediegene Kenntnisse in der Thora erworben. Keinem Menschen fällt es ein, hier etwa an das Erlernen eines Handwerks oder an die Aneignung profaner Kenntnisse zu denken. Auch in anderer Beziehung ist der Ausdruck höchst bezeichnend. Der Thorakundige ist in unserer Vorstellung ein „Lernender",- ein Mann, der lernt und lernt ad in finit um. Und hat er es zur Meisterschaft gebracht, dann.ist er erst recht kein Ausstudierter. Ihn schmückt der Ehrentitel D2n TD7n, d. h. „Schüler des Weisen". Das und nichts anderes ist er, das und nichts anderes will er bleiben sein Leben lang! Somit verknüpfen sich mit den stereotypen Ausdrücken „Oren" und „Lernen" Ideen, die spezifisch jüdische Anschauungen wiederspiegeln. Interessant muß ein Vergleich erscheinen zwischen den beiden Geistestätigkeiten. Greifen doch beide vielfach ineinander, so daß es fast unmöglich erscheint, die Grenzlinie abzustecken. Oren und Lernen sind ihrem inneren Wesen nach so nahe verwandt, daß eine vergleichende Betrachtung sich ungesucht anstellen läßt. Und der Talmud geht hier mit dem besten Beispiel voran. Die Sorgfalt, welche man beiden religiösen Pflichten zuwendete, hat in keinem Jahrhundert nachgelassen. Immer zeigte sich das eine, daß Beten und Thorastudium unzertrennlich verwachsen sind. Man könnte nun gleich die Kardinalfrage aufwerfen: Ist das Lernen oder Oren wichtiger? Wem ist die Hauptbedeutung beizulegen? Auch diese Frage ist alt. Die Mischna bezeichnet Thauro und Awaudo gemeinsam als Der in Rußland, Galizien rc. für „Oren" gebräuchliche Ausdruck ist'„dawcnen", was verschiedene Erklärung finde. wo Sie denken, daß der Mt ihnen konkurrierende jüdische turist oder Arzt für daS russische Bo.k ein ebenso großes chreckgespenst als für sie selbst sei, und daß diese Juden dem Bock etwas anhaben können, das doch mit seinem seinem Ackerbau so mächtig ist, wie der Erdboden selber. Laßt dieses gramerfüllte und durch tausendjährigen Druck erschöpfte Geschlecht hierher kommen, und als Ackerbauer werden sie Raum finden, Güte und eine herzliche Aufnahme bei dm Dorfleuten. Glaubm Sie mir, ich habe von meiner Kindheit an auf dem Dorfe gelebt, und ich * te jetzt in einem typisch-russischen Dorfe, aber nie ich bemerkt oder gehört, daß auch nur einer von Dorfbewohnern Haß gegen die Juden ausgedrückt habe wegen ihrer Religion oder ihrer Nationalität. Sie werdm im Gegentell finden, daß jeder Landmann die te Achtung hat vor der jüdischen Religion und vor die fie befolgen. Hier in Jsnaja Poljana denkt jeder noch an einen jüdischen Farmer, der im Wald gearbeitet hat. Redm Sie mit den altm Leuten über ihn, fragm Sie Prokofy, Stevan Rezunow, Jegor, und Sie wewfin hören, mit welcher Ehrfurcht sie seiner gedmken. «Das ist ein Israelit!" werben fie alle sagen, und fie find aufrichtig in dem, was fie sagen. Das aber ist nur ein Reflex der Empfindungen der ganzen russischen Nation. Unsere Dorfbevölkerung kann fich keine Vorstellung machen von der geistigen Beschaffenheit von Leutm, die ein ganzes in die Städte zusammendrängen und fie dort festhaltm, die ihm die Möglichkeit nehmm, sich in den Dörfern niederzulassen und sich 6er natürlichsten Beschäftigung des Menschen, dem Ackerbau, zu widmen. Das ist ganz dasselbe, als wollte man diesem Volke nicht Luft zu atmen oder Wasser zu trinken geben. Wer, möchte ich en der sittlichen WÄordnung. „Auf drei .f ■ t Dingen steht die Welt: rrnayn by minn auf Thorastudium, Gottesdienst und Mildtätigkeit." Thorastudium vor allem und über alles! Es steht an der Spitze aller 'jüdischen Lebensinteressen, es ist der Mittelpunkt, von dem aus die Strahlen sich verbreiten über die mannigfaltigen Gestaltungen unserer religiösen Aufgaben und Ziele, einer leuchtenden und erwärmertden Sonne vergleichbar, „min "ilv^n D^ID “IMS, das Thorastudium geht über alles." Es blieb unser Lebensnerv noch nach Jahrtausenden, da längst unsere nationale Selbständigkeit dahingeschwunden und das Heiligtum auf Zion in Asche und Trümmern lag. Biit der Fahne der Thora zogen wir durch alle Zeiten, alle Länder und Fährnisse, sie begleitet heute noch alle bedeutsamen Momente unseres Lebens. An der Wiege des jüdischen Kindes gelobt man schon, es zu erziehen v'2D D'tyyöVi nsirfti min?; das kaum zu den ersten Kräften erstarkte Händchen reicht einem alten sinnigen Brauche zufolge die „Wimpel" zur Thora und bekundet so auch ohne Worte das Festhalten am Gottesgesetzeder religiös-großjährig werdende Knabe spricht zur Weihe dieses wichtigen Lebensabschnittes in öffentlicher Gemeinde zum erstenmale den Segensspruch über die hl. Thorader Jüngling weiht die Gattin sich ntPö ms", nach dem Gesetze Moses jund Israels. Und geht unser" Erdenwallen zu Ende, dann sucht und findet man die schönste Quelle des Trostes ebenfalls in der nun; selbst in religiös indifferenten Kreisen hält man noch auf den „Sch iur" zum Seelenheile des Dahingeschiedenen. Es ist somit feststehend, daß im „Lernen" des Juden herrlichste und höchste Aufgabe beschlossen erscheint. Die Konsequenzen dieses Grundsatzes finden in ungezählten Aussprüchen der Weisen ihren Ausdruck. „Rabbi Jochanan sagte im Nanten Rabbi Meirs: niv* *?7 K*?K nun n£D p2iö min, eine Thorarolle darf man nur zu dem Zweck veräußern, um für den Erlös sich das Thora studi um zu ermögl'chen." (Talmud,' Trakt. Megilla, 27«.) Welches ist der geweihteste Ort im außerjüdischen Lande? Es ist das ttnnDn n'2, das Lehrhaus, in dem ständig und ununterbrochen „gelernt" wird. Dem modernen Geschlechte, dem das Bet-Hamidrasch kaum dem Namen nach bekannt ist, glaubt man das erst beweisen zu sollen. Man kennt heutzutage nur „Synagogen gemeinden". Prunkvolle Gotteshäuser werden gebaut, nach allen Regeln der Technik und der Kunst ausgestattetdenn die Synagoge ist das äußere sichtbare Wahrzeichen der jüdischen Gemeinde. Fast schüchtern möchte man da cm daS 'Wärt erinnern r i? n2*?n bvr nivn n übtt zy^ixz n"2pnV, der Allheilige hat auf dieser Erde für seine Gegenwart nur einen sehr bescheidenen Raum notig, die vier Ellen der Halacha!" Wozu bedarf's der gewaltigen Luxusbauten? Wir können sie nimmermehr so hoch einschätzen als das kleine ttnnon n'2, wo Tag und Nacht gelernt wird. Tatsächlich gilt auch der rezipierten Gesetzesentscheidung nach dieser Ort als der höchstheilige, an dem man überhaupt im außerjüdischen Lande beten könnte, mi'2 anipon Olpü, der durch die größte Heiligkeit ausgezeichnete Raum! Die Frage i nach der Superiorität des no:2n n'2 oder n^2 Bnnon wird im Talmud (ebenda) ventiliert: „Bar Kqpora warf die Frage auf: „Was ist der Sinn der Schriftstelle „und er (Nebuhadnezar) , verbrannte das Haus des Ewigen, das Königshaus, alle Häuser Jerusalems und jedes große i Haus"? (2. B. d. Könige, 25, 9.) Das Haus * des Ewigen, damit ist der Tempel gemeint, das wissen, würde darunter leiden, wer dadurch verlieren, wenn die Juden sich in den Dörfern niederlaffen und ein re nes und arbeitsames Leben führen könnten, nach welchem dieses alte, weise und prächtige Volk, dieser widerstandsfähige Märtyrer sich schließlich sehnen muß? — Ja, die Juden haben für ihren Glauben gelitten, und nur ihres Glaubens wegen. Unsere heutigen publizistischen Heuchler sollten diese Tatsache nicht verheimlichen, die Judenverfolgungen nicht einhüllen in bunte Lappen von allerlei Erfindungen und übertriebenen Schreckbildern. Die Juden werden wegen ihres Glaubens verfolgt. Denn wenn die Juten nur ihre drei Finger zusammentun wollen (Tolstoi machte, als er dies sagte, das Zeichen -es Kreuzes), dann werben ihnen alle Rechte gewährt, darunter auch das Recht, in oen Dörfern sich niederzulassen und das Land zu bebauen. Bis dahin, und so lange die Dinge liegen, wie sie sind, wird der schwane Fleck religiöser Verfolgung, mit welcher sich Menschen, die schamlos sich Christen nennen, beschmutzt haben, bestehen bleiben. Religiöse Verfolgung! Hat es jemals eine größere Verspottung heiliger Dinge gegeben, als diesen ganz und gar widerspruchsvollen Ausdruck? Religion schließt Haß und Verfolgung ausdenn die erste Regung in der Seele eines Menschen, in welchem religiöses Empfinden erwacht ist, weist auf die Erkenntnis hin, daß es eine höchste Macht gibt, die ihn ins Leben gemfen hat und die allen lebenden Wesen wohl will. Wie also könnte eine solche religiöse Seele Haß empfinden und Verfolgungen inszenieren, das heißt, das Gegentell von dem tun, was Gott von uns verlangt? Es ist klar, daß dies unmöglich ist, und daß Leute, die dies tun, noch tot find und noch das Lehrhaus, weil es heißt: Gott will die Thora groß machen seiner Gerechtigkeit wegen. So überliefert R. Josua ben Levi auch den Ausspruch: Man darf wohl ein Bethaus in ein Lehrhaus nmwandeln (weil dies nämlich eine Steigerung des Heiligkeitsgrates bedeutet) nicht aber umgekehrt." (Megilla 27 a). Wenn demnach das Bethaus an zweiter Stelle steht, so darf man doch keineswegs dabei an eine stiefmütterliche Behandlung der "mi2y", des Gottesdienstes im engeren Sinne, denken. Es ist vielmehr Tatsache, daß unsereWeisen dem Aufbau und Ausbau der „Tefillo" die minutiöseste Sorgfalt gewidmet. Ein ansehnlicher Teil des Talmud, ganze Bände der Codices und Dezisoren in späterer Zeit befassen sich mit den Anordnungen und Vorschriften für unsere Gebete. Die Weisen selbst proklamierten den Satz: nn*? n*?sn jöt ,7m1? nun jdt, sowohl das Thora-Lernen als das Beten muß „seine Zeit haben." Trotz der überaus großen Wichtigkeit des Thorastudiums ist also keiner von der Pflicht der n^sn, der unmittelbaren Erhebung der Seele zu Gott entbunden. Thauro und Awaudo gehören zusammen, sie sind nicht zu trennen. Aber — das ist der springende Punkt — unsere Tefillo ist ganz ans dem Fundamente der nmn aufgebaut, von ihrem Geiste durchweht und durchtränkt. Erst das Lehrhaus gibt dem nnasn n'2 seineWeihe nndWürde, mit anderen Worten, man muß „lernrn" nicht für den Glauben erwacht find. Aus der Tiefe meines HerzenS wünschte ich, den Leuten sagen zu können, daß sie mit ihrer Erfindung der Judenfrage eine schwere Sünde begehen. In nationalen Streitigkeiten und besonders, wenn es sich um eine abhängige Nation handelt, ist es vor allem nötig, jeden Druck, jede Verfolgung, alle Beschränkungen aus dem Wege zu räumen. Postverkehr zwischen Jaffa «nd Jerusalem.) Bekanntlich haben die fremden Mächte in Palästina ihre eigenen Postanstallen. Da dieser fremde Postdienst der Kontrolle der türkischen Regierung nicht unterliegt, hat die Regierung unter hoher Konventionalstrafe ben verschiedenen syrischen Bahnen die Beförderung fremder Postsäcke untersagt. Deutschland, England, Frankreich, Rußland und Oesterreich-Nngarn einigten sich infolgedessen und unterhalten einen eigenen, von der Eisenbahn unabhängigen Postbetrieb, der zwischen Jaffa und Jerusalem seil einer Reihe von Jahren ausgezeichnet ftmktioniert. Ein großmächtiger Postwagen verläßt nachmittags Jaffa und trifft früh morgens in Jerusalem ein. Dieser Postwagen wiro jetzt, da er letztens einen Angriff von Beduinen a wehren mußte, auf Antrag des Generalgouverneurs von Beirut durch türkische Zaptiehs gesichert werden.

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