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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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IS Mat »s« Juden nur ein Lächeln abzunötigen vermögen, wird -er Nachweis versucht, die ungarische Orthodoxie sei im Unrecht, wenn sie sich bei der Verteidigung ihrer Verfassung auf die deutschen Gesetzestreuen berufe. In Deutschland gibt es, so erzählt Herr Szabolcsi, nach außen hin nur ein Judentum. In mancher Gemeinde unterscheidet man zwei Richtungen, die gleichberechtigt sinddie Anhänger der Reform haben ihren Orgeltempel mit gemischtem Chor, während die Konservativen in einer Synagoge beten, die von jeder Reform unberührt geblieben ist. Die Kultussteuer wird in eine Kaffe bezahlt, die Kultusbedürfniffe werden aus einer Kaffe gedeckt. Als Beweis für diese Behauptung wird Mainz angeführt, wo die Verhältnisse der obigen Schilderung entsprechen sollen. Mit einem Wort, in Deutschland und speziell in Mainz herrschen, wenn Herr Szabolcsi die Wahrheit sagt, Zustände, wie sie die Neologie in Ungarn ersehnt und nur deshalb nicht erreichen kann, weil die Orthodoxen dort ungebildet, unzivilisiert und herrschsüchtig sind. Was die wunderbare Mär, die Herr Sz. aus Mainz zu berichten weiß, anlangt, so brauchen wir zu deren Widerlegung nur auf die eingehende Darstellung zu verweisen, die bei der Erörterung der hessischen Oberratsfrage über die Mainzer Verhältnisse in unserem Blatte gegeben wurde und die in der Feststellung gipfelt, daß die Mainzer Religionsgesellschaft sich mit großen Opfern alle Institutionen selbst geschaffen und daß sie nur zwei Einrichtungen mpö und Friedhof, mit der Gemeinde zusammen hat, von denen die erstere der Aufficht des Rabbiners der Religionsgesellschaft untersteht. Im übrigen braucht man sich auf die Phantasien des Herrn Szabolcsi nicht ausführlich einzulaffen. Nur eines möge ihm erwidert werden. Die Gesetzestreuen in Deutschland lehnen eineeinheitliche offizielle Organisation der Juden mit derselben Entschiedenheit ab wie ihre ungarischen Brüder. Sie erkennen in den Versuchen eine solche Organisation herbeizuführen, die denkbar größte Gefahr, die ihnen drohen könnte, und die Aufnahme, die der Rosinsche Gesetzentwurf im vorigen Jahr gefunden hat, zeigte, daß über diese Dinge bei den Gesetzestreuen vollständige Einmütigkeit herrscht. Man ist hier in Deutschland ebenso wie in Ungarn darüber im Klaren, daß bei der Tiefe des Gegensatzes zwischen Neologie und orthodoxem Judentum der Friede zwischen beiden nur durch reinliche Scheidung und selbständige freie Entwicklung gesichert werden kann, und weiß, daß den Kreisen, die eine gewaltsame Vereinigung dieser Gegensätze auch in Deutschland wünschen, jedes Verständnis für die Bedeutung lächter. Wir Kinder stimmten in ein gewaltiges „Hurrah, Wilki verloren!" ein und unter Lachen und Schreien zerstreute sich die Menge. „Hab' es mit gleich gedacht!" lachte einer. „Und ich habe die ganze Zeit kein Wort davon geglaubt," rühmte sich ein anderer. „Reb Nochum, kommt her! Was^ meint ihr jetzt da- Es war in der Tat sehr einfach. Was?" spottete Doch Nochum lief wie ein geschlagener Feldherr, ohne sich umzusehen und jede Begegnung vermeidend, nach Hause. Auch wir liefen nichts Gutes ahnend, so gut wir konnten. Aber es war zu spät. Als wir im Cheder erschienen, war der erboste Rebbe bereits da, der nun die ganze Schale seines Zornes über uns, die Pflichtvergessenen und Landstreicher ausleerte. Wir waren an allem schuld und mußten alles büßen. So war wenigstens für uns der Unheilstag doch noch teilweise in seine Rechte getreten. Da harrte unserer noch am gleichen Abende eine große Freude. Als wir gegen sieben Uhr nach des Tages Sorgen, Freuden und Plagen endlich die Freiheit erlangt und heim liefen, da stießen wir auf den großen Leiterwagen Chajims, der die Straße herunterkam. In der Mitte lagen noch die vollen Säcke, Körbe und Kasten unberührt, die Sitze waren jedoch leer. Die Passagiere, die unterwegs den Sachverhalt erfuhren uno samt Wagen und Ladung Kehrt machten, hatten schon, um nicht als Zielscheibe des Spottes zu bienen, vor der Stadt dm Wagen verlassen und sich auf Umwegen in ihre Wohnungen geschlichen. Chajim schien sehr mißmutig und übelgelaunt, duldete eS aber stillschweigend, daß wir die verlassenen Plätze auf seinem Wagen einnahmen. Und so fuhren wir »cs jjtinciiii des religiösen Momentes im Sinne des wahrhaftigen Judentums abgeht. Die Unabhängigkeit der beiden Parteien voneinander gibt allein auch die Möglichkeit, daß auf neutralem Gebiet da, wo es sich lediglich um die Abwehr von Feinden, um Hilfsaktionen für die unterdrückten Brüder im Ausland oder ähnliche Aufgaben handelt, von Fall zu Fall eine gemeinsame Tätigkeit in die Erscheinung tritt. Die Selbständigkeit der ungarischen Orthodoxie ist darum ein Gut, das sie mit Argusaugen hüten muß. Das allein können, die deutschen Gesetzestreuen auf die Phantasiegebilde des Herrn Szabolcsi antworten, und die Versuche sie mit den Gesinnungsgenossen in Ungarn in Gegensatz zu bringen, müssen an der Macht der Tatsachen zu Schanden werden. * * 4- £in „Brief aus Westfalen". „Brief aus Westfalen", so betitelt sich ein Artikel in der letzten Nummer der „Alla. Zta. des Judentums", der zuerst eine mittelatteruche Fabel lang und breit erzählt, dann unter Bezugnahme auf den Fall Cäsar eine vor 10 Jahren verfaßte Schrift des Dr. Coblenz in Bielefeld erwähnt und ganz am Schluß mit einleitendem „Uebrigens" auch — was man von einem „Brief aus Westfalen" im Grunde doch hauptsächlicherwartet — eine Neuigkeit aus dieser schönen Gegend zu berichten weiß. „Uebrigens", heißt es da, „scheint die ad 2 genannte orthodoxe Vereinigung (der Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen) nur im stillen zu wirkenin allen Wipfeln spürst du kaum einen Hauchdie kleinen Gemeinden des flachen Münsterlandes sind ihr eigentliches Arbeisfeld gewesen. Ob hier wirklich nichts mehr zu holen und zu retten ist? Ich glaube, ich kann weiter mit Goethe zitieren: „Warte nur, balde ruhest auch Du."" Die Methode, einen Gegner durch Tots a g e n tot m a ch e n zu wollen, ist weder neu noch sonderlich praktisch. Aber sie ist schon oft mit mehr Geschick, als der Briefschreiber der „Allgemeinen" besitzt, angewendet worden. Denn wenn dieser erst unvorsichtigerweise die Mitteilung macht: „Unsere Provinz hat nicht nur den Kampf zwischen jüdischem Liberalismus und jüdischer Orthodoxie auszukämpfen, sondern auch . . .", so glaubt ihm nachher kein Mensch, daß von dieser Orhodoxie „kaum ein Hauch" nlehr zu spüren sei. Der vor kurzein in der Volksfreundbeilage des „Israelit" veröffentlichte jüngste Tätigkeitsbericht des Vereins der Gesetzestreuen in Westfalen läßt denn auch nichts weniger als einen Niedergang erkennen. Er legt vielmehr von einem überaus intensiveil Schaffen auf allen Gebieten mit großem Jubel und mit „Hurrah, Wilki verloren!" die Straße entlang. Bor seinem Hause angelangt, hielt der Fuhrmann an, stieg langsam ab und sagte halb zu unS, hüb zu seinen Gäulen gewendet: „Die Dummköpfe und Trottel! Jetzt wollen sie kein Fahrgeld zahlen, als ob w i r etwas dazu könnten, daß sie in ihrer Verbohrtheit alles Geflunker glauben und Hirngespinnsten leichtgläubig Nacheilen. Wir wollen uns aber nicht umsonst den Tag abgeplagt haben, wollen uns schon schadlos halten. Und nun helft, liebe Kinder, avladen!" Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Froh über die Gelegenheit, uns sür die lustige Fahrt dankbar zeigen zu können, griffen wir unter Leitung des unermüdlichen Boruch tapfer zu und luden ab: eine Menge großer Brodlaibe, ganze Ballen Butter, Körbe voll Eier, Fleischkonservm,Käfe, auch Säcke voll Mehl und andere Biktualien aller Art. Außerdem aber auch Kleider, Decken und Wäsche, die Chajim unter Assistenz seiner hochüberraschten Frau und Kinder in gute Verwahrung nahm. Mehrere Tage konnte Chajim den Berkehr mit den Bäckern einstellen, und monatelang sah man ihn keinen Krämerladen betreten. — (Pesach auf einem Ozeandampfer.) Man schreibt uns aus Hamburg: Interessante Szenen spielten sich auf dem Dampfer „Badenia" von der Hamburger Paketfahrtgesellschast während seiner letzten Reise nach New-York ab. Das Schiff war einige Tage vor Pesach von Hamburg aufgebrochen und hatte außer anderen Passagieren auch etwa 400 jüdische Auswanderer an Bord. Zu deren Berproviantterung waren u. a. 20 Zentner MazzoS, 25 Zentner Koscheftleisch und Wurstwaren und einige Zentner Zucker mitgenommen worden etile s, «r. des jüdischen Lebens beredtes Zeugnis ab. Eine Fülle segensreicher positiver Arbeit ist in den letzten zwei Jahren von dem Verein geleistet worden, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn die Reform nun, wenig erbaut von seinen Forffchritten, ihm zum Unheil verkündenden Boten werden möchte. Es ist wahr, der Verein ist in der letzten Zeit weniger laut als früher mit seiner Tätigkeit yervorgetreten - seine Kräfte waren nicht so sehr dem Kampf und der Abwehr, als dem inneren Ausbau gewidmet. In umso bedenklicherem Lichte erscheint die so oft betonte Friedensliebe der Reformer, wenn diese gerade das ruhige Verhalten der Orthodoxen züstr Gegenstand einer hämischen Auslastung machen. Es ist wirklich kostbar : Schlägt die Orthodoxie Lärm über Attentate, die vom Lager der Reform ausgehen, dann entrüstet man sich dort über die Friedensstörer. Schweigt aber die Orthodoxie, weil sie die Uebergriffe der Reform bereits mit genügender Entschiedenheit zurückgewiesen hat und nun ihren friedlichen Bestrebungen nachgehen kann und muß, dann — wird man poetisch und singt der Freundschaft ein Lied von baldiger ewiger Ruh'. Nun, fälschlich Totgesagte sollen ja lange leben,, und der Westfälische Verein denkt einmal gar nicht ans Sterben. Uebrigens — um auch mit „übrigens" zu schließen — tragen diese Gesetzestreuen wie der alte Jugurtha Krieg und Frieden in ihrer Toga, und wenn es nötig ist, — die Hand die zuletzt mit der Kelle geschafft, hat auch das Schwert zu führen nicht verlernt. tt Oren“ und „Cerncn“ Vergleichende Betrachtung. Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Mit Wohlbedacht sind in der Aufschrift für diese Abhandlung zwei in unserem jüdischen Bolksbewußffein tief eingewurzelte, in der Umgangssprache geläufige Bezeichnungen beibehalten. Der dem Lateinischen entlehnte Ausdruck „Oren" besagt unendlich mehr als das Wort „Beten" oder „Gebet". Wenn der Jude „ort", dann verrichtet er seine nVsn, er ist „VVfiriD", h. wörtlich: er geht mit sich selbst ins Gericht, prüft Herz und Nieren, um ein Urteil der Wahrheit über sein eigenes Ich zu gewinnen. Durch die Kraft solchen Urteils will er all seine Beziehungen zu Gott und zur Welt läutern, heben und stäÄen, will er neu dem tätigen Leben wiedergegeben sein. Solche Selbsturteilserringung heißt „Tefilloh", und wir geben sie mit dem Worte „Oren" wieder, das allerdings sprachlich unserm deutschen „Beten" entspricht. Letzterer Ausdruck stellt den Begriff „Tefilloh" Der von Herrn Oberrabbiner Hirsch für die Ueberfahrt eigens bestellte Koch und idw, Herr Flußbera, erzählt mir nach seiner Rückkehr von der schönen Pefachfeierdie an Boro der „Badenia" auf hoher See von dm Auswanderern begangen wurde. Am Donnerstag vorPefach ging eine Anzahl von Frauen daran, unter Leitung de« "1121V in der Koscherküche die Borbereitungen für baS Glühen der Gefäße und Geräte zu treffen, das am anderen Morgen vorgmommm wurde. DaS Handgeschirr ward einem jeden neu geliefert. Als dann der Pesach herbeikam, war alles bereit und in bester Ordnung. Auf Befehl des Kapitäns wurdm einige große Schiffsräume iür die Abhaltung der Geber zur Verfügung gestellt. Auch auf dem Oberdeck hat man mittels des Sonnmsegels einen geetgnetm Raum gefchaffm, sodaß an vier Stellm Seder gegeben werdm konnte? Für fflBD JETT» hatte man 100 Flaschen Wein mitgenommen. So brauchten die armen Emigrantm nichts zu entbehren; beim auch an nviD und CIDIin fehlte es nicht. Herr Flußberg rühmte sehr die Liebenswürdigkett der Schiffsofftziere, öie sich ein Bergttügen daraus gemacht hätten, dm Leuten die Reise und besonders die Feiertage recht angenehm zu gestalten. H. B. (Tolstoi über die Jude«.) In dem Buche Tmeromosnews über Tolstoi werden folgende Amßerungm des Dichters zur ruffischm Judenftage wiedergegebm: In dm hohen Häusern der stickigen Städte wird ein heftiger Krieg geführt gegen baS erschöpfte jüdische Bolk, und grausam will man unser gutes und vernünftiges Bolk, dem das ruchlose Gefühl der Intoleranz ftemd ist, in dm Kampf hineinzerren. Diese gtsttgm Publizisten und die trockenen, seelmlosm Beamtm, die auf fie hören, wollm baS Bolk in einm Zustand Aer Furcht versetzen, indmi sie die Juden alS eine schreckliche Macht barstellen.

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