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Der Israelit · 1907-05-16 · Heft 20 (16.5.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 20 (16.5.1907)
Date
1907-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der tm. den einmal fest gewordenen engen Rahmen im Bedarfsfälle auszudehnen, ohne, das Ganze schweren Erschütterungen auszusetzen. Dann aber und vor allem wird bei jener Argumentation übersehen, daß daß es in unserer Zeit leichter ist, die Massen für ein großes Werk zu begeistern als für ein lokales oder beruflich spezialisiertes Sonderunternehmen. Wer alle ruft, darf mit der geistigen Kraft und dem idealen Schwung der Gesamtheit rechnen, und aus der gegenseittgen Anregung und Befruchtung im gr o ß e n Kreise erwächst auch dem Einzelwerk die reichste Förderung! Unser Rat lautet daher für England und Ungarn: Gründet Landesverbände für den Sabbath, Landesverbände mit einer kräftigen Leitung uud einer starken Dezentralisation durch Ortsgruppen. Nur auf diesem Wege werden die notwendigen materiellen Mittel gewonnen und auch die Zweifelnden und Schwankenden mit fortgerissen werden können. Auch der Zusammenschluß der verschiedenen Verbände zu einem internationalen Sabbathbund würde dann nicht mehr als Utopie angesehen zu werden brauchen. Reinfte contra kseckel. „ Im preußischen Herrenhause hat während der abgelaufenen Woche Prof. Reinke aus Kiel eine Rede gegen Den Haeckel'schen Monistenbund gehalten, die nach mehr als einer Richtung die Aufmerksamkeit gesetzestreuer Juden verdient. Reinke gehört zu den sympathischsten Erscheinungen unter den zeitgenössischen Naturforschern. Durch seine exakten Forschungen auf dem Gebiete der Pflanzenbiologie bei seinen Fachgenoflen vollgültig accredittert, hat er die Aufmerksamkeit weiterer Kreise, namentlich der an den Fragen der Weltanschauung interessierten Gebildeten, zuerst durch sein großes Werk „Die Welt als Tat" auf sich gezogen. Reinke führt darin mit sicherer Hand auf induktivem Wege den überzeugenden Beweis, daß der durch Darwin zu neuem Leben erweckte und von Haeckel zum Dogma erhobene Versuch einer mechanistischen Welterklärung durchaus gescheitert, daß eine vorurtellslose Naturphifophie vielmehr zu dem Bekenntnis genötigt sei: Ohne eine absichtsvoll wirkende „kosmische Intelligenz", und ferner ohne ein wiederholtes schöpferisches Eingreifen dieser Intelligenz ist die Entwicklungsgeschichte des Weltalls auf Grund unserer heuttgen Kenntnisse überhaupt nicht zu erklären. Es ist ein überzeugtes Bekenntnis zum Theismus, d. h. zum Gottesbegriff des Judentums, in das jenes große Werk Reinkes ausklingt, und eine Huldikeines Feuilleton. »t Ulilki“ verloren. Eine heitere Jugendertnnerung von S. Schachnotvitz in Güdingen. (Schluß.) Um die hölzerne Landungsbrücke am sandigen Ufer staute sich eine gewaltige Menschenmenge, ungeduldig und erwartungsvoll. Die Polizei, selber von den Wogen der allgemeinen Erregung mitgerissen, hatte Mühe einen Ansturm auf das hölzerne, halbmorsche Gestell, das unter oerzMacht des elementaren Ereignisses zusammenzubrechen drohte, abzuwehren. Indes war vom Dampfer noch.keine Spur. ,/Wie unruhig heute das Wasser plätschert!" — entdeckte einer. - Wasserspiegel hat vollständig seine Farbe verändert!" - fand ein anderer. „Ob der Dampfer heute überhaupt eintrifft?" jedenfalls wird eine längere Verspätung nicht zu vermeiden gewesen sein!" „Er könnte", kommentierte ein anderer, „sich am Rettungswerke beteiligt haben, vielleicht auch Flüchtlinge und Verwundete ausgenommen haben.' Das erforderte Zeit!" „Wie aber, wenn er nichts ahnend in die reißende, kochende Flut hineingefabren und mit Mann und Maus mit untergegangen wäre" — ließ sich ein Schwarzseher hören. gung für Moses, der Reinke umso größer dünkt je mehr dieser natürlich in dem „Manne Moses" den Autor, nicht den Vermittler des Bibelworts erbliat. Daß Reinkes wissenschaftliche Theorien im Lager der. Haeckelianer und der „freisinnigen" Feuilleton-Naturforscher mit dem ganzen Fanatismus des Unglaubens bekämpft werden würden, war ebenso selbstverständlich, wie die Tatsache begreiflich ist, daß man in allen religiös gesinnten Kreisen Annäherung an Reinke suchte und fand. Man kann es verstehen, daß Reinke, einmal ergriffen von der Wahrheit seiner im besten Sinne voraussetzungslos aufgebauten Weltanschauung, auch öffentlich dafür eintrat und beispielsweise in evangelischen Vereinen Votträge über die Gottesidee hielt. Und dennoch haben wir bereits dieses Vorgehen im Interesse der guten Sache bedauert. Bei der nervösen Abneigung wissenschaftlicher und vielfach auch gebildeter Kreise gegen alles, was nach Theologischem oder Kirchuchem riecht, würde Reinke besser getan haben in einer gewissen Reserve zu verharren und die populäre Ausmünzung seiner wissenschaftlichen Arbeiten, namentlich aber ihre Vertretung in kirchlichen Kreisen Anderen zu überlassen. Noch unangebrachter scheint uns Reinkes Pyilippika gegen den Haeckelschen Monistenbund im Herrenhause, so sehr wir, auch in diesem Falle, den ehrlichen Wahrheitseifer des Kieler Professors anerkennen und bewundern. Der Monistenbund ist vor allem, das darf nicht verkannt werden, der Ausfluß eines S e h n e n s nach religiösem Kultus. Wenn die „Monisten" sich einreden, auf dem dürren Boden der Haeckelschen Quacksalbereien eine „Religion" anpflanzen zu können, wenn sie ferner durch die Erfolge Robespierres und August Comtes noch nicht genügend belehrt, des Wahnes leben, man vermöge „Religionen" überhaupt in den Studierstuben der Gelehrten oder in den Kabinetten der Staatslenker zu fabrizieren — so ist das schließlich der Herren eigene Angelegenheit, und man kann ihren Bund ruhig an seiner eigenen Naivität zu Grunde gehen lassen. Zu diesem löblichen Endzwecke bedarf es also sicherlich nicht, wie Professor Reinke meint, der Einführung biologischen Unterrichts, der im übrigen kaum mehr allzulange auf sich warten lassen wird. Wir haben der Frage des biologischen Unterrichts in Nr. 1 des vorigen Jahrganges ausführliche Darlegungen aus der Feder eines sachverständigen Mitarbeiters gewidmet, und auch die Aufsätze Dr. Wohlgemuths über die Wasmann-Borträge enthalten wertvolle Winke zur Lösung dieser Frage vom Standpunkte der jüoischen Weltanschanung. Reinkes Arbeiten — neuerdings hat er unter dem Titel „D i e Natur und Wir", „leichtverständliche Er- Dieses konnte jedoch glücklicherweise Nochum an Hand von Zahlen und Daten widerlegen: „Der Dampfer," sagte er, „fährt um 6 Uhr früh von Kowno ab. Um die gleiche Zeit muß meiner Berechnung'nach das Unglück geschehen sein. Bis Wilkt brauchte das Schiff eine Fahrzeit von 2—8 Stunden und so fand es jedenfalls nur noch einen Trümmerhaufen vor. Andererseits, bemerkte er nach einigem Nachdenken, muß man damit rechnen, daß der Fluß an der Unglücksstätte durch den herabgestürzten Berg verschüttet und unfahrbar geworden ist, sooaß der Dampfer zurück mußte." In diesem Augenblicke wurde jedoch eine kleine, dünne Rauchwolke am Horizont sichtbar. „Er kommr, er kommt!" ging es feierlich durch die Menge. Und nun tauchte schön und majestätisch wie immer aus der Schilfinsel das schlanke Schiff empor, mit Volldampf dem Landungsufer zustrevend. Alle Hypothesen und Theorien verstummten angesichts der näher kommenden Tatsachen. „Er ist selber darauf!" verkündete jemand. ES war Benze gemeint, den man jetzt auch deutlich auf dem Decke erkennen konnte. Er schien sehr verstört, uno sprach, erregt auf Land deutend, mit einem Matrosen. „Er sieht ganz starr!" bemerkte einer. „So sieht ein Mensch aus, der einer großen Gefahr entronnen!" erklärte ein anderer. Und nun hält der Dampfer an der Brücke still. Bon den wenigen Passagieren stieg als erster Benze ab, der sprachlos die ihn umdrängenoe Menge anstaunte. „Nun? Und sonst keiner mitgekommen?" stürmte einer ungeduldig auf den Schweigenoen ein. Doch dieser machte gar keine Anstalten zu reden. „Er ist vor Entsetzen stumm!" flüsterte einer. „Er scheint vor Schrecken die Sprache verloren zu haben!" raunte ein anderer. örterungen zMBegründung seiner Anstauungen bei Gebr. Paetel, Berlin, erscheinen lassen — werden den jüdischen Pädagogen und Naturwissenschaftlern dabei weiter wertvolle Diettste leisten. vie ungarifdie Orthodoxie und ihre Oegner. „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen." Das dachte auch Herr Szabolcsi, seines Zeichens Redatteur des Egyenlösög, des in Budapest erscheinenden Organs der ungarischen Neologie. Dachte es und setzte sich in die Eisenbahn, gen Westen den Weg zu nehmen und in den Gauen Germaniens Umschau zu halten. Als Frucht dieser im vorigen Jahr unternommenen Reise präsentiert der Redakteur des Egyenlöseg seinen Lesern eine Artikelserie «Deutsche Juden" betttelt, in der die deutschen Orthodoxen mit einem für den sonst so orthodoxenscheuen Egyenlösög erstaunlichen Wohlwollen behandelt werden. Die Sache hat aber einen Haken. Die freundliche Schilderung der Gesetzestreuen in Deutschland dient nämlich nur zur Erzeugung einer Konttastwirkung, durch die die ungarische Orthodoxie in ihrer ganzen finsteren Verstocktheit, in ihrer ganzen Böswilligkeit erscheinen sollen. Herrn Szabolcsi kommt es vor allem darauf an, sich aus den ungarischen Orthodoxen ein leckeres Mahl zu be reiten, und um diesen Preis dürfen deren deutsche Gesinnungsgenossen auch einmal gelobt werden. Die Juden in Ungarn genießen seit 1871 die Segnungen einer vollständigen Trennung der religiösen Gegensätze, wie sie in Reform und Gesetzestreue sich verkörpern. Beide Parteien haben ihre autonomen Verwaltungen. Die 539 Reformgemeinöen unterstehen der sogenannten israelitischen Landeskanzlei, die 1597 orthodoxen Gemeinden der orthodoxen Durchführungskommission. Das wäre ein vortrefflicher Zustand, wenn nicht die Neologie danach strebte, ein einheitliches Judentum nach ihrem Bilde zu formen. Die Gesetzestreuen haben sich mit aller Kraft gegen die Angriffe der Gegner zu verteidigen, die kein Mittel unbenutzt lassen, um jene bei der Regierung zu diskreditieren und ihrer gesetzlichen Selbständigkeit au berauben. Dieser Machtstreit ist so alt, wie die autonome Verfassung der Orthodoxen selbst. Nur die Mittel, deren sich die Reformer bedienen, wechseln und sind von einer schier unerschöpfllichen Manigfaltigkeit, eine Tatsache, die durch die Reiseberichte des He.rn Szabolcsi trefflich illustriert wird. In den Berichten, die, ein Gemisch von viel Dichtung und wenig Wahrheit, den deutschen „Ich fürchte um seinen Verstand!" meinte wieder emer. In der Tat sah Benz in diesem Augenblick, wie er mit großen Augen und weitem Munde wortlos feine Begleiter anstarrte, einem aus dem Jrrenhause entlaufenen sehr ähnlich. Als aber einer seiner besten Freunde - ihn mit den liebevollen Worten aufmunterte: „So sprich doch, lieber Freund, wie hat sich das zugetragen? Wie ist es gekommen?" Da rückte er endlich mit der Sprache heraus: „Wie das zugegangen? Ganz einfach!" — „Ganz einfach!" wiederholte Nochum, „habe es heute morgen schon erklärt!" „Wilkt", setzte Benze fort, „war es gewiß zu gönnen, geldgieriges, ungerechtes Pack!" Bet den atemlos Aufhorchenden trat eine merkliche Unruhe ein und Oscher unterbrach den Redner entrüstet. „Aber so von ihnen zu sprechen, nach diesem großen Unglück, das sie betroffen?!" „Das Unglück für Willi war so gar groß nicht.'"antwortete Benze wieder unsicher werdend. „Gott Lob und Dank!" sprach Scholem der Gavbe mit großer Andacht. „Weiter! weiter! Nicht unterbrechen!" schrieen mehrere Stimmen zugleich. Uno Benze erzählte weiter: „Obzwar ich schon feit mehr als fünf Jahren aus Willi fortgezogen, verlangte die dortige Gemeinde, daß ich, weil ich dort zeitweise Geschäfte mache, Steuern zahle und machte mir den Prozeß. Die Sache geht schon ziemlich lange. Nun hat gestern abend das Gericht definitiv entschieden. Wilki hat verloren, wie ich heute morgen kurz depeschierte. Aber ich begreife nicht diese Teilnahme, da ihr doch nie etwas von der Sache wußtet!" Die letzte Frage wäre an taube Ohren gerichtet. Erst trat dumpfe Sttlle ein, dann erscholl ein stürmisches Ge-

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