Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1907)
- Date
- 1907-05-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton-Beilage zu Nr. (9 des „Israelit". 'euilleton. Lvische« lurcdt «na Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 7] von S. Schachnowitz in Endingen. „Wie," sagte er mit zärtlichem Blick nach den etwas ungeduldig schnaufenden Pferden, „wie, wenn uns dieser junge Mann sieht und erkennt? Ein Ertrinkender zieht bekanntlich gern noch andere nach sich. Es braucht nur die Nennung meines Namens, einen Gruß, einen freundlichen Zuruf und ich, euer treuer Lenker und Berpfleger würde euch dann verlassen können, um dort an der Seite des Gefeffelten Platz zu nehmen. Also," beschloß er, „stehen bleiben und anhalten, bis die „Troika" außer Hör- und Sehweite ist!" „Halt," rief er ärgerlich seinen Gäulen zu, die wohl seinen philosophischen Gedankengang dieses Mal nicht mitgemacht und j tzt, als sie die Straße frei sahen, vorwärts ziehen wollten. eHalt, ihr Meschumodim! Ihr versäumt nichts! erdet noch euer Futter fressen können! Abwarten, sage ich, bis die „Troika" außer Sicht ist!" Jetzt schienen sie alles zu begreifen, denn sie senkten geduldig das Haupt und warteten. Die „Troika" verschwand immer mehr aus den Augen. Vom begleitenden Roß und Reiter war nur noch ein verschwommener, schwarzer Punkt zu sehen, endlich verschwand auch dieser und Gute! fuhr langsam weiter. Darin aber, im Wagen saß Salam still zwischen seinen Wächtern und in trüben Gedanken versunken. Es war das erste Glück in seinem bis dahin freudlosen Leben: es war plötzlich gekommen, um ebenso plötzlich zu verschwinden und eine große bittere Enttäuschung zu hinterlaffen. . . . Die Erlebnisse der letzten zwei Tage waren bunter und wechselvoller als die der zwei und einhalb Jahrzehnte seines ganzen Lebens und all dieses machte einen so verwirrenden Eindruck auf sein Gemüt, daß er die Schwere seiner Situation noch nicht zu überblicken vermochte. Als er gestern Nacht zur Besinnung kam, befand er sich im'Kordon. „Wo ist sie?" war seine erste Frage. Dann kamen die grausamen Verhöre und Untersuchungen, und während all dieser Leiden beschäftigte ihn nur der eine Gedanke: „Wo ist sie?" Er hatte in Verwirrung und Sinnestrunkenheit Name und Wohnung angegeben. Jetzt wird er per Schub dorthin transportiert. Das Schicksal, das dort seiner harrte, wußte er zur Genüge. Er war Deserteur, in dem Sinne, daß er der Militärpflicht noch nicht genügt und wird als solcher behandelt werden. Gericht und Gefängnis und wahrscheinlich Einstellung in die Strafkompagnie. Und dann? „Aber was wird aus ihr geworden sein?" Diese Frage legte sich kreuz und quer über all seine Gedanken und bedeckte all die trostlosen Perspektiven wie mit einem Nebel. Er wußte es erst jetzt so recht, was sie ihm war und wie nahe sie ihm stand. Die Macht des Schicksals hatte in der grausamen Nacht deren schwarze Schatten auch über sein junges Glück ausgebreitet/ sie haben die Helle Flamme, die in seinem Herzen zum ersten Mal aufloderte, ewaltsam gedämpft, überdeckt, aber nicht gänzlich auszulöschen vermocht. In seiner Brust glomm und loderte es immer noch und ließ mitten in die Trübsal und Finsternis seiner Lage einen Schimmer von Licht und Glück hineinflackern. Er hatte seine Kindheit ohne Liebe und ohne Freude verlebt. Noch balb ein Kind, zog er in die Fremde, wo er zugleich mit dem Leben der Schule, die er in Jeschiwoh und Lehranstalten genoß, auch schon die Schule des Lebens kennen lernte. . . . Als er mit 16 Jahren in Kowno in ein Geschäft eintrat, war er für das praktische Leben in der Fremde genügend vorbereitet. An die Heimat dachte er fast nid Es war weder Liebe, die ihn zur Scholle seiner Geburt hinzog, noch Haß, der ihn von ihr trennte, sondern vielmehr eine Art Kaltsinn und Gleichmut, die hinter den Erlebnissen seiner Jugend alle Brücken abbrachen. Und doch drückte ein ungewisses etwas, ein unbestimmtes Sehnen seine Brust. Es trieb ihn eine geheime Sehnsucht, ein unwiderstehlicher Drang nach neuem Leben, nach neuen Verhältnissen. Sein Vater war inzwischen verstorben; Mutter hatte er längst keine, von der Heimat hörte er nichts mehr, er hatte hier nichts zu verlieren. „Nach Amerika." Dieser Gedanke lebte schon lange in ihm. Er war nach den Begriffen der Heimat ein intelligenter und praktisch gebildeter junger Mensch und er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er in der neuen Welt sein Glück finden müsse. Zudem kam das Schicksal, das keinem jüdischen Jüngling in Rußland erspart bleibt, nämlich die Militärpflicht und stellte ihn vor die schleunige Entscheidung. Er konnte sich in der fremden Stadt noch einige Jahre halten. Als jedoch dann die Behörde auf seine Spur hätte kommen können, war inzwischen sein Emigrationsgedanke zum Entschlüsse herangereift und er trat die große Reise an. Er fühlte sich bei. Antritt der Auswanderung mutig, unternehmend und siegesgewiß. . . . Dann kam die holde Reisegefährtin, die sein Denken und Fühlen ablenkte, die ihn mit einer geheimen Macht nach sich zog und einen vorher nie geahnten Zauber auf ihn ausübte. Er war durch die trostlose Kindheit und in der, wenn auch nicht mißlungenen, aber trocknen und freudlosen Jugend rein und lauter geblieben. Seine Adern waren voll heißen Blutes, sein Herz voll heißer Liebe, ohne zu wissen für und gegen wen. Dann kam plötzlichiener Blick, der aus blauen Augen zum ersten Mal so treu und lieb auf ihm ruhte, jene sanften und bestrickenden Züge, wie er sie in seiner Nähe noch nie gesehen. Der Ton ihrer Rede und die Sicherheit in ihrer Haltung und ihrem Benehmen, alles offenbarte ihm eine Welt von Reizen und Lieblichkeit, wie er sie nie gekannt, noch nie gesehen zu haben glaubte. Er glaubte anfangs nicht, sich einem solchen Jdealbilde einmal nähern zu dürfen, noch zu können. Dann kam der glückliche und schauervolle Moment, wo sie sich blindlings in Nacht und Schrecken ihm anvertraute. Es war ein trauriges, grausames Erwachen nach jenem schönsten aller Träume. . . . Der Wagen hielt nach einem kräftigen Rucke vor einem langen mit Stroh bedachten Waldhause an und auch die Gedanken des Arrestanten waren damit zum Stillstände gebracht. Es war das Wirtshaus am Rande des Kalianer Waldes. Der Wirt kam mit einem Kruge Branntwein heraus, dann kam aus der Schankstube auch ein halbbetruukener Soldat herausgewackelt, der in unsicherer Haltung und mit schwerer Zunge seine Kameraden von der Eskorte begrüßte. „Na, Iwan, das hast Du aber gestern recht gemacht", rief ihm der begleitende Konovoi vom Pferde herunter, „etwas spät kam Deine Meldung, aber zeitig genug, um noch etwas zu erbeuten." „He! Ja!" lachte der Angeredete, „den Schuft von einem Gutke habe einmal hineingelegt. He! he! he! Den Juden ist nicht zu trauen! He he he!!! Uno knauserig ist der Jud. — Für einen halben Rubel glaubt er mir Amtsgewissen und Seligkeit zu erkaufen." „Ja, ja! So ist's", warf der andere Soldat ein. ,^Hätte er wenigstens einen ganzen gegeben, der Schuft!" lamentierte Iwan weiter. „Und dann?" „Dann? Dann hätte ich ein Doppelmaß in Ehren trinken können und müßte nicht wie jetzt mit halb nüchternem Magen an den Dienst gehen." „Hol's der Teufel! Nüchtern, Freund?" „So wahr ich da stehe," beteuerte Iwan und wackelte mit dem Oberkörper nach hinten, indem sich seine Beine stolpernd nach vorwärts bewegten. „Ja, Du Sauhund! — noch nicht voll, genug!? Und daß Du nicht mehr auf den Beinen Dich halten kannst, kommt wohl aus Magenschwäche und allzugroßer Nüchternheit. Du Saufbold!" „He he he!!!" lachte Iwan, von den Komplimenten seines Kollegen angenehm beriihrt. — „Habt Jl,r auch guten Fang gemacht?" Er schaute mit glasigen Augen neugierig in den Wagen. Dem Arrestanten waren die rohe Stimme und das blöde Lachen nicht unbekannt und als er jetzt das Gesicht des Soldaten sehen konnte, hatte er ihn auch sofort erkannt. — Es war derselbe Iwan, der gestern im Wald den Wagen Gutels anhielt und sich durch ein Trinkgeld scheinbar abfertigen ließ. Die Sonne senkte sich und zog über die Wipfeln des russischen Waldes in den preußischen Horizont, von wo sie als feuerrote Kugel herüberstrahlte, als wollte sie noch einige enttäuschte Blicke nach dem großen Ostlande senden, das sie täglich durchzieht und sich vergebens bemüht, dort von seinem Lichte und Glanze zu spenden . . . Die Bauern zogen durch die armseligen Stoppelfelder in gebückter Haltung und mit verkümmerten Gesichtern heim. Vom Walde kam ein warmer Wind hergeweht und den rasch dahinrollenden Wagen umflatterte ein Schwarm rraurig summender Maikäfer. Noch einmal ließ Salam einen sehnsüchtigen Blick nach der Grenzseite schweifen. „Wohin Jud, mit dem Kopfe?" schrie ihn der Soldat an. Der rote Himmelball verschwand jetzt km westlichen preußischen Horizonte und der arme Deportierte schaute wieder aus seinen dicken schwarzen Brauen vor sich hin, der unbestimmten düstern Zukunft entgegen ... (Fortsetzung folgt.) Damorr »rrd Phintias 1« der Von Arthur Kahn. 64] Nachdruck verboten. „Sie wissen, wie du dir die Bissen vom Mund abgespart hast, um sie in ihre hungrigen Mäuler zu stopfen, drum, Berez, sprech' ich nicht aus mir allein . . . Berez, du mußt, jawohl, du mußt, wenn du mich nur ein klein bißchen lieb hast, jetzt zu uns kommen. Alles hast du bei mir, eine Stub' mit Bett und Ofen, mit Stuhl, Tisch, Sessel und Komode, kurz, was du begehrst und brauchst. Und das Schaffen kannst du jetzt aufgeben ... ich Hab' dir die ganze Zeit schon zugesehen, es geht, schon arg langsam . . . und wir zwei sind dann immer beisammen, wie's sich's gehört für zwei Chawerim min'urof. Vor