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Der Israelit · 1907-05-09 · Heft 19 (9.5.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 19 (9.5.1907)
Date
1907-05-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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9. M .i 1907. Der JSraelit. »o. 19. Sette 11. fein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, wenn du sitzest zu Hause (n'33) und wenn du des Weges gehst, wenn du dich niederlegst (*|33B>3) und wenn du aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen an deine Hand, und sie sollen zur Stirnbinde sein zwischen deinen Augen. Und du sollst sie schreiben an die Pfosten deines Hauses ("pra!) und an deine Tore. Und der Ewige gebot uns, alle diese Satzungen zu üben, zu fürchten den Ewigen, unfern Gott, daß es uns gut gehe alle Tage und uns am Leben zu erhalten (’irnvnnVi), wie an diesem Tage. Und Gnade wird uns werden, wenn wir achten auszuüben dieses ganze Gebot vor dem Ewigen, unsrem Gotte, wie Er es uns geboten hat. Die Thora, die uns Mosche geboten, ist ein Erbgut der Gemeinde Jakobs. Gott hit sie gegeben. Gepriesen sei unser Gott in Ewigkeit und gepriesen sei Sein Name in Ewigkeit." — Und wenn diese Verses zu Ende sind, sagen die Männer zu dem Jüngling: Zum Segen sei diese Uebergabe (jnon nr "jro). (Fortsetzung fvlgt.) Ist Sbylock ein Jude? Ein Bortlag von Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel. (Fortsetzung ) Der Kern der Legende stammt aus ältester Zeit. Ein französischer Troubadour Herbers, der unter König Philwp von Frankreich in der Mitte des 13 Jahryunderts lebte, erzählt zuerst die Geschichte, von der er selbst sagt, sic habe sich im grauen Altertum zugetragen. Ein tapferer Ritter, so berichtet er, der um eilt schönes Fräulein wirbt, braucht, um das Mädchen seiner Wahl gewinnen zu können, ein Darlehen. Einer seiner Vasallen, dem er einmal den Fuß hatte abhauen lassen, bietet ihm das Geld unter der Bedingung, daß wenn die Summe nicht pünktlich bezahlt wird, er das Recht haben solle, dem Ritter ein Stück Fleisch von seinem Leibe herauszuschneiden. Die Verfallszeit verstreicht, und der Gläubiger besteht aus Rachegefühl auf buchstäblicher Vollziehung des Vertrages, auf Ausschneiden eines Fleischstückes, wozu der König und die Gesetze ihm die Berechtigung zusprechen. Aber die junge Gattin maskiert sich als Richter lind spricht ein anderes Urteil. Der Gläubiger soll das Fleisch schneiden, aber nicht mehr oder weniger als nach der Verabredung, sonst würde er sein Leben verwirken. Hier ist der erste Ursprung der Fabel. Der hartherzige Gläubiger ist, wir konstatiererl es mit aller Entschiedenheit, nicht ein Jude, sondern ein Christ, den Rache zu seiner Grausamkeit antreibt. In einer späteren ähnlichen deutschen Erzählung ist der Gläubiger ein Bürger, aber auch ein Christ. In den altenglischen 6l68t«. Uomaaorum läßt sich der Kaufmann sogar das ganze Fleisch des Ritters verschreiben, es mit einem scharfen Messer zu schneiden, „bis zu den Knochen", der Richter entscheidet ganz so wie im Drama, der Gläubiger dürfe beim Schneiden keinen Tropfen Blut vergießen, — aber immer noch ist der Gläubiger ein Christ. Noch eine andere Version finden wir im 14. Jahrhundert. Danach hatten zwei Brüder in Dänemark den abscheulichen Vertrag geschlossen, daß der reiche dem armen eine Handbreit Fleisch neben dem Herzen ausschneiden dürfe. Der König aber spricht zu dem hartherzigen Bruder: „Nimm das Fleisch, wo es Dir gefällt, da aber das Blut meines Unter¬ *) Hier steht im samaritanischen Text PDO (fing.). Dies Wort bedeutet auch im Talmudischen einen Abschnitt resp. ein Stück aus der heiligen Schrift, auch wenn es nur der Teil eines Satzes ist. Es sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet, die Frage des (#ö p"DD n"tf) weshalb man beim Einheben den Vers i^iT und bei der Keduscha p"pp zu teilen pflegt (nach dem npfl)- Die mM auf die sich der n"d beruft (Ende Beroch. I), sagt nur DVD rppDD pIDB/ verbietet also nur die Trennung von Sätzen auS der mW während es sich bei den beiden erwähnten Sätzen um Stücke aus den Psalmen (148, 13) nnd Jes. (6, 3), also aus Y'l handelt. Bei letzterem kann Man übrigens mit jnpl anfangen. tanen mir gehört, so bist Du des Todes, wenn Du nur daß Geringste davon vergießest." Auch die beiden Brüder dieser Erzählung sind Christen! Erst einem Novellenschreiber am Ende des 14. Jahrhunderts — Giovanni Fiorentino, so hieß der Mann, dem wir Juden manche Beschämung und manche bittre Stunde zuzuschreiben haben — blieb es Vorbehalten, einem Juden die gehässige Rolle des grausamen Gläubigers zuzuerteilen. Gianetto, ein reicher venetianischer Jüngling, so erzählt er, wirbt um eine reiche, vornehme Wittwe, in dem Hafenort Belmonte,- — dieser Name kehrt bekanntlich bei Shakespeare wieder. Sein Stiefvater Ansaldo macht für ihn eine Anleihe von 10,000 Skudi bei einem Juden aus Mestre gegen den bekannten Schein, auf dessen Ausführung der Jude besteht, um, wie er meint, „sagen zu können, daß er den reichsten Kaufmann der Christenheit habe aus dem Leben scheiden sehen." Man achte nur auf die alberne Motivierung der Grausamkeit der Juden. Hier stehen wir vor der Fälschung. Fiorentino ist es gewesen, der an Stelle des christlichen Gläubigers den jüdischen gesetzt hat. Was mag ihn dazu bewogen haben? Wenn wir bedenken, daß sein Buch im Jahre 1378 geschrieben worden ist, so werden wir den Schlüssel zu seiner Tat bald gefunden haben. Er schreibt 3 Jahrzente, nachdem die Pest, genannt der schwarze Tod, ganz Europa verheert hatte. Dieser Seuche waren, ihrer mäßigen, wir dürfen sagen, ihrer jüdischen Lebensweise wegen, nur wenige Juden zum Opfer gefallen, und so wurden sie von dem unverständigen Pöbel an vielen Orten der Brunnennnd Quellen-Vergiftung angeklagt und in mehreren Städten hingemordet. So töricht dieser Wahn auch war, er wurde überall geglaubt, ja, er galt als gerichtlich bestätigt, da viele Juden auf der Folter ihr angebliches Verbrechen eingestanden hatten. Seit dieser Zeit traute man den Juden jede teuflische Bosheit zu. Diesen Umstand benutzte Fiorentino, um seine Erzählung glaubhaft zu machen. Ein christlicher Kaufmann sollte einem Ritter haben ein Pfund Fleisch ausschneiden wollen, oder gar ein Bruder einem Bruder! Wie unwahrscheinlich! Nein! ein Jude ist es gewesen. Um sich an dem Schmerz eines Christen zu weiden, hat er die harte Bedingung gestellt und lieblos auf ihrer Ausführung bestanden. Leider ist es bei der Beliebtheit, deren wir Juden uns überall erfreuen, nur allzu begreiflich, daß, nachdem einmal einem Juden die Ro'le des grausamen Gläubigers gegeben war, sie ihm nicht mehr abgenommen wurde. Vielmehr wurden dem Juden immer mehr häßliche und widerliche Züge angedichtet. Wir haben uns bisher auf die Abwehr der in der Person des Shhlock alle Juden gemachten Vorwürfe beschränkt, indem wir nachwiesen, daß ein historischer Shylock nicht existiert, vielmehr mit Absicht aus der Person des christlichen Gläubigers ein jüdischer gemacht worden ist. Niemals, wir wiederholen es, ist ein Jude so hartherzig gewesen, einem Christen das Fleisch aus dem Leibe schneiden zu wollen. Wie aber, wenn der Vorgang umgekehrt gewesen wäre, wenn das, was man dem Juden angedichtet, sich wirklich zugetragen, jedoch so, daß ein Christ einem Juden das Fleisch habe ausschneiden wollen? Wir hören und staunen, und dennoch müssen wir sagen, es ist wirklich so gewesen. Nicht ein Legendenerzähler, ein Novellenschreiber oder ein dramatischer Dichter, sondern ein Historiker — Gregoris Ceti ist sein Name — berichtet uns folgendes: Im Jahre 1585 nahm der englische Admiral Drake die Stadt St. Domingo auf der Insel Haiti ein und machte viele Beute. Die Nachricht hiervon gelangte zuerst nach Ront in einem Briefe an einen reichen christlichen Kaufmann namens Paolo Maria Sechi, der ein Interesse daran hatte, sie zu verbreiten. Er erzählte sie auch dem in der Gemeinde Roms angesehenen Juden, Samson Ceneda. Dieser hielt die Nachricht für unwahr, bestritt sie und sagte schließlich: ich will ein Pfund Fleisch von meinem Leibe verwetten, daß dies nicht wahr ist. Sechi erwiderte: und ich will gegen Euer Pfund Fleisch tausend Scudi setzen, daß solches wahr ist. Ceneda blieb bei seinem Einsatz und bot Sechi die Hand mit den Worten: Wenn es dem Herrn gefällt, wollen wir eine Schrift darüber aufsetzen lassen. Sechi war damit einverstanden, und so unterschrieben beide in Gegenwart zweier Zeugen eine Schrift des Inhaltes: Wenn die Zeitung falsch wäre, daß Drake zu der und der Zeit die Stadt San Dominica in der Insel Hispaniola eingenommen, sollte Herr Paolo Maria Sechi verbunden sein, dem Juden Samson Ceneda 1000 Scudi an baarem Gelde und in gebräuchlicher Münze auszuzahlen. Umgekehrt sollte, wenn diese Nachricht wahr wäre, der gedachte Sechi Macht haben, mit seinem wohlgeschärften Messer dem genannten Juden ein Pfund Fleisch von feinem Leibe herauszuschneiden und zwar an welchem Otte es ihm am besten gefallen würde. Vor Ablauf von drei Monaten traf die amtliche Bestätigung von der Eroberung derStadt ein, und Sechi beständ auf seinem Schein und verlangte die Erfüllung desselben. Der bekümmerte Jude bot 1000 Skudi, Sechi wollte von keiner andern Genugtuung als der verschriebenen hören. Der Jude erbat die Vermittlung des Gouverneurs. Dieser berichtete die Sache dem Papst Sixtus V., der von 1585 bis 1590 regiert hat. Er ließ beide Parteien vor sich kommen, las den Schein und sagte zu Sechi: „Wer sich in We ten einläßt, muß sie erfüllen. Nehmt Euer Messer und schneidet in unserer Gegenwart aus dem Leibe des Juden, an welchem Orte es Euch gefällt, ein Pfund Fleisch heraus. Doch wenn Ihr ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig schneidet, müßt Ihr ohne Barmherzigkeit hängen. So schärfe man das Messer und bringe eine richtige Wage herbei." Als Sechi dieses Urteil hörte, zitterte er und küßte tränenden Auges die Erde zu des Papstes Füßen und sagte: „Ich bin zufrieden, heiliger Vater, und verlange nichts als Euren Segen und daß man den Schein zerreiße." Daraus fragte der Papst den Juden: „Bist auch Du zuftieden?" Der Jude bejahte es. Allein Sixtus erwiderte: „Wir sind nicht zufrieden. Welch ein Gesetz erlaubte Euch solche Wetten? Die Untertanen der Fürsten, ja alle Menschen, haben nur den Gebrauch ihres Leibes, sie dürfen ihn weder ganz noch teilweise ohne Erlaubnis ihrer Oberherren verkaufen." Man führte beide ins Gefängnis. Der Papst verlangte vom Gouverneur die schärfste Bestrafung beider, damit so ärgerliche Wetten künftig unterblieben. Der Gouverneur schlug dem Papste vor, jeden um 1000 Skudi zu büßen. Allein der Papst verurteilte beide zum Galgen, weil sie mutwillige Totschläger seien. Auf Ansuchen der angesehenen Verwandten beider Parteien milderte er die Todesstrafe in Galeerenstrafe, und erst als sie schon die Ketten an den Füßen hatten, verwandelte er diese Strafe in eine solche von 2000 Skudi für Juden, die zum Bau des Hospitals Di pont6 sisto verwendet wurden. Soweit der Geschichtsschreiber. Franz Drake hat Domingo im Jahre 1586 erobett. Der Kaufmann von Venedig ist im Jahre 1594, acht Jahre später, zum erstenmal gegeben worden. Es hat demnach der Dichter die Ereignisse, deren Zeitgenosse er gewesen, geradezu auf den Kopf gestellt, indem er den Juden in einen Christen, den Christen in einen Juden verwandelte. Freilich wird der eine oder der andere die Frage aufwerfen: ist denn die Geschichte glaubwürdig, verliert sie nicht dadurch jeden Wert, daß sie eine alte Fabel als wahr ausgibt, die wir in den Legenden und Novellen vergangener Jahrhunderte gefunden haben? (Fottsetznng folgt.)

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