Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1907)
- Date
- 1907-05-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9. Mai 1907. Der J-raütt. Nr. 19. Seite 13. Schabbes noch packst du deine-Siebensachen zusammen und ziehst ein!" Jechiel atmete tief auf und sah mit fröhlich erwartungsvollen Augen den alten Freund an. Berez war noch bleicher, sein Gesicht noch starrer, seine Augen noch größer geworden. Sekundenlang faß er bewegungslos da/ dann fuhr er sich mit der flachen Hand über die breite Stirn, als müsse er sich aus etwas besinnen, über etwas denken, was er nicht begriffen hatte., Aber er schwieg noch immer, so daß Jechiel ganz beklommen zu Mute ward und ihm nach einigen Sekunden ein fragendes „Nun?" abnötigte. Bei diesem fragenden Wort wich die Spannung aus dem Antlitz des Riesen. Ein trauriger Zug lagerte darüber, in seine Augen trat ein schimmernder Glanz und wehmütig schüttelte er sein Haupt. „Jechiel, du bist ein braver, guter Mensch und ich möcht' ganz wie du, immer, Tag und Nacht mit dir beisammen sein, bis mich der da droben zu sich hinauf ruft. Ich sag' dir tausendmal Jejascherkoach (Dank) für deine Gutheit und deine Lieb'. Es war so schön, wie im Gan Eden, wenn wir zwei alte Chawerim unsere paar Jähtchen noch ganz beisammen bleiben könnten, — aber, lieber, alter Freund, sei mir's machet,*) es geht nicht. Alles was gut und schön gewesen wär', ist bei mir zeitlebens nicht gegangen. Das Massel (Glück) war bei mir immer rar gewesen und hätt' ich nicht dich und sonst die paar guten Freund' gehabt, so war' mein ganz' Leben für nichts gewesen." Berez' dröhnende Stimme sank herab, ein wehmutsvoller Ton zitterte hindurch, der Jechiel große Tränen in die Augen trieb. „Das kann dein Ernst nicht sein," wehrte erden Einwand des Freundes ab, „das darfst du mir nicht abschlagen . . ." Er begann zu weinen. Berez hatte sich erhoben und blieb vor Jechiel stehen. Ein leises Zucken bewegte sein Gesicht und ohne es zu merken, rollten nun auch ihm heiße Tränen über die Wangen. Doch rasch ermannte er sich und legte begütigend beide Hände auf die Schultern des Freundes. Nochmals raffte sich Jechiel zusammen, um Berez umzuftimmen: „Berez," begann er mit schmeichelnder Stimme, „du weißt doch, wie geschrieben steht, wie schön und lieblich es ist, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen . . ." „Ich weiß, ich weiß, Jechiel," fiel Berez begütigend ein, als gelte es ein Kind zu beruhigen, „aber damit du mir glaubst, will ich dir's auch sagen: es ist wegen meinem Jung' lSohn). Und alles sonst, auch ohne daß ich deine Lieb' verkenne, wollen wir einander gleich bleiben/ einer soviel wie der andere. Ich dank' dir, Jechiel, aber laß mich auf meinem Schusterschemel sitzen, da gehör' ich nun einmal hin, bis Gott mich ruft. Wir sind uns beide einander nichts chajrf (schuldig) als Treue und die alte Lieb'! Und was du sagst, es geht schon arg langsam mit dem Schaffen, ja, da hast du recht/ denn ich spür' es ja selber. Aber in derselben Stunde, in der ich den Hammer da aus der Hand leg', ist's mit Berez Storch aus." ,^Laß' mich ausreden," fuhr Berez fort, als Jechiel ihn unterbrechen wollte, ,,mein Koppel ist nebbich (leider) - ein schwacher Mensch, kein strammer Schaffer, efscher (vielleicht) auch ein Schlemihl in sei'm Handwerk, er cholemt (träumt) noch immer von der hoch Lott (Lotteriegewinn) . . . . und seine Frau, — Berez machte eine verächtliche Geste — was soll ich reden? . . . also muß ich weiter schaffen. Hättest du das N'schiros (Vermögen) von deinem Mechutten, ja, Jechiel, da weiß ich nicht, wie ich dir heut' geantwortet hätt'. Aber so . . ." Mit verweinten Augen trat Jechiel aus dem Gäßchen. Traurig stieg er die Treppen zu feiner Wohnung hinauf, begab sich zu seiner Frau, die in der Küche Geschirr aufwufch, setzte sich auf den Stuhl und weinte leise in sich hinein. Brendel ließ den betrübten Mann, ohne eine Frage zu tun, ruhig sein Leid ausschütten.-- Wie vorauszusehen war, fühlte sich Berez in der neuen Wohnung unbehaglich. „Es zieht aus allen Fugen/ Gicht und Schwindsucht kann man sich hier holen," schimpfte er den ganzen Tag. Tatsächlich war es kalt und ungemütlich, woran aber das Wetter draußen meist schuld war. Am zweiten Sabbath nach dem Umzug stand ganz in der Frühe Koppel vor seinem Vater, der sich eben fertig machte, in Schul zu gehen. „Wo ist nur mein Ueberzieher?" frug Berez, der vergeblich im Schrank gesucht hatte und schon deshalb wieder auf die Wohnung schimpfen wollte. „Hier ist dein Rock, Vater," antwortete Koppel und hielt den neuen pelzverbrämten Ueberzieher hin. In diesem Augenblick trat Jechiel ein und rief taut: „Mit Gesund sollst du ihn tragen!" Berez war so verblüfft, daß er die auf diesen, beim erstmaligen Gebrauch eines neuen Gewandes dargebrachten Wunsch übliche Antwort: „mit Lieb' sollst bit leben," ganz vergaß. Nun sah er den fröhlich kichernden Jechiel an, der mit leuchtenden Augen zu dem fassungslosen Riesen hinaufblickte. Dann, wie vom selben Impuls getrieben, öffneten die beiden weit ihre Arme, hielten fest umschlungen und küßten sich mit überströmenden Augen. In der Synagoge sperrten die Leute erstaunt die Augen auf, als Berez groß und stolz auf seinen Platz zuschritt. In dem schönen Pelzmantel schien er noch größer und reckenhafter wie sonst. Da erfuhren die Leute denn auch, daß Berez in einigen Tagerl siebzig Jahre alt werden sollte. Da ließ der Parnes Berez nicht nur zur Thora rufen, sondern auch ihn zum Aufheben und Jechiel zum Umkleiden der heiligen Rollen eii.laden. Und als Berez, dev Riese, mit starken Armen das inhaltsvolle Pergament hoch emporhob, nach aller: Seiten einen Augenblick lang hirrhielt, da ergriff die betende Menge eine heilige Ehrfurcht. In demutsvoller Ehrerbietung blickte Berez in die Schrift, dann ließ er sich nieder, und Jechiel vollendete die heilige Handlung. Währenddem tauchten die Blicke der beiden Freunde voller Zärtlichkeit ineinander; ihre Augen sprachen von neuern das Gelöbnis ewiger Treue aus. — „Ach, wie schade, daß nicht drei Tage lang Schabbos ist", klagte Berez, als er bei Sabbatausgang den rvarnren Rock auszog. Den ganzen Tag über war er zu allen Bekannten und Freunder: durch die Gassen und dem Rhein entlang gegangen, um sich in diesem schönen Pelzrock zu zeigen. Und Jechiel trabte vergnügt lächelnd neben ihm her. Es rührte viele Herzen, wie diese beiden Greise, zwei große Kinder, irr gleicher Weise sich so harmlos mit einander frerrten. Maier Korn hatte, als er die beiden Männer durch seirrerr Fenfterspieget von weitenr erblickte, trotz der unangenehmen feuchten Kälte die Fenster weit aufgerissen und so lange gewinkt, bis sie näher und dann ins Haus kamen. Es war eine aufrichtige Herzlichkeit, mit der er die beiden armen Handwerker in seine Strrbe nötigte und lange Zeit zum Verweilen bat. Und so schön wie an diesem Sabbat war Berez das Leben schon seit Jahren nicht erschienen. — Trotz der unfreundlichen Witterung, Nebel, Reger: mit Schnee vermischt, reiste noch in derselben Woche Jechiel Friedberg mit seiner Frau zu seirrer Tochter. Flora sah einer gefahrvollen Strrnde entgegen und hatte den Wunsch, die Eltern bei sich zu sehen. Berez begleitete die Freunde an den Bahnhof und sagte ihnen den üblichen Reisesegen nach. Zwei Tage darauf traf eine Depesche arr Maier- Korn ein, daß Flora einem Knaben dys Leben geschenkt habe. Im Ueberschwang der Freude eilte Korn zrr seinem Sohn, um ihm das freudige Ereignis mitzuteilen. Darnit war die Aussöhnung wieder vollzogen. Aber damit begnügte sich Korn nicht. Die Armen sollten sich mit ihm freuen und er verteilte Geld, Mehl und Wein unter allen, die er als bedürfttg kannte, auch wenn sie nicht gleich würdig waren. Dann begab er sich in Koppels Schusterwerkstätte und bestellte ein Paar Pelzstiefel, die so terrer werden durften, wie Koppel nur rvollte. Und Koppel wollte natürlich, als Korn sagte, es käme ihm auf zehn und fünfzehn Gulden mehr oder weniger nicht arr/ nur eirre Bedingung sei dabei, daß die Stiefel vor seiner Reise zur Beschneidung des Enkels fertig seierr. Koppel, dem der Appetit beim Essen kam, rneinte dann, es würden schon fünfzehn Grrlden mehr werden, aber ob fünfzig Gulden — hier lachte er mit lauernden Blicken — Korr: nicht zrr viel seierr. „Unter einer Bedingung nicht", ging dieser rvohlgelaunt darauf ein. „Welche?" frug Koppel gespannt. Korn wandte sich jetzt an Berez, der gerade eine Sohle Zuschnitt. „Mit der Bedingung, daß Ihr, Berez, meine Frostballeil nicht mit Jekefchens leine verwechselt." Berez wurde bei der Erinnerung an diese larrge zrrrückliegende Begebenheit feuerrot. Korn, der dies wohl bemerkte, schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Berez, .wir zwei verstehen rrns doch?" Da lächelte Berez gutmütig. Koppel ging vergnügt im Hause umher. Dreißig Gulden hatte Korr: vorausbezahlt. Zwei Wochen waren die Eltern Floras und Korn schorr bei ihren Kindern. Emil, der junge, glückliche Vater wußte die Heimreise der Alten täglich Verschieber: zu macherr, und Maier Korn, dessen Enkel weder Franz noch James, sondern nach jüdischer Weise Nathan benannt worden war, ließ sich zum Bleiben gern überreden. Montagmorgens, so gegen zehn Uhr, legte Berez, nachdem er eberr noch Holzstifte in eine Sohw getrieben, plötzlich den Hammer beiseite. Der neue Geselle, der zufällig arrfblickte, erschrak, als er in das grausahle Antlitz des alter: Meisters blickte. „Ist's Euch nicht wohl, Meister?" Berez erhob sich mühsam und rvollte die Stube verlasserr. Er schwankte aber, und der erschrockene Geselle, der nicht allein vermochte, den großen Mann zrr stützen, rief laut um Hilfe. Er wurde sofort ins Bett gebracht, nicht in seine Mansarde, die er nicht ersteigen konnte. Der durch vieljährige Krankenpflege geübte Blick der Schwiegertochter erkannte sofort, daß Berez sein Lager nicht mehr verlassen werde. Er war auch ein zu geduldiger uud wunschloser Kranker, als daß man hätte seine Wiedergenesrrng erwartet: dürfen. Patienterr, die plötzlich so stille werden, genesen nicht mehr. (Fortsetzung folgt.) ZAmilirmiaOrichten. (Unseren Abonnenten steht diese Rubrik kostenlos zur Ber» sügung. Richtabonnenten haben für die Aufnahme jeder Notiz eine Gebühr von 1 Mk., die gleichzeitig eimusenden ist, zu entrichten. Die Sendungen müssen immer spätestens am Mittwoch vormittag vor dem Erscheinen der jeweiligen Stummer in unseren Händen sein.) Verlobt: Elvira Lion mit Dr. Sigmund Jampcl, Karlsruhe-Heidelberg. — Frl. R o t st e i n mit Jahnarzt Hermann Risch, Posen. — Cläre Simon mit Henri Oettinger, Frankfurt a. M. — Rikchen Rosenthal mit LouiS Straust, Lohrkanpten-Sch'öllkrivpen. Vermählt: Dr. Saly Rosen bäum mit Lina, geb. Schwarzschild. Frankfurt a. M. — Dr. Leopold Wersbecke r mit Einmy, geb. Kulb, Frankfurt a. M. Geburten : Eine Tochter: Mar Eschwege (Guttentag', Hamburg. — I. Oppenheimer (Kaufmann), Frankfurt a.M. — I. Wormier (Oppenheim), Amsterdam. Verstorben: Isaak Hans, Frankfurt a. M. — Julius W esthe im er, München. — Leopold Sichel. Schlüchtern. — Amalie Pilz, 96 I., Ostrowo. — Jakob R o s e n b c r g, Tirsch tiegel. — Julie Weinberg, *6 I., Hannover. — Rom G olds chmidt. 14 I.. Frankmrt a. M. — Josepb Schwan t Haler, 34 I. Frankfurt a. M. — Leopold O gut sch. 22 I., Frankfurt a. M. *) Verzeihe mir.