Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1907)
- Date
- 1907-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9. Mai 1907. Der Israeli*. rinnen auf ein bestimmtes Ziel, das Sehen und Betrachten eines bestimmten Gegenstandes von einem freien Willensakte, dessen mir uns Alle bewußt sind, ebenso ausgeht, wie — man verzeihe die Veranschaulichung — wie die Dampfschiffmaschine nach rein physikalischen Gesetzen arbeitet und gespeist wird, die zielanstrebende Bewegung des Schiffes aber, das Ausweichen an dieser, das Näherstreben nach jener, das Ankommen an bestimmter Uferstelle, nicht die schnauvende Dampfkraft, nicht der laute Kolbenstoß, nicht die in Feuersglnt schwitzende Heizerarbeit, sondern der freie intelligente Händedruck bewirkt, der still und geräuschlos den ganzen Koloß und alte in ihm arbeitenden .Kräfte auf ein bestimintes Ziel hinsteuert: so gewiß bleibt allem naturrvissenschaftlichen Fortschritt gegenüber doch die alte jüdische ^Wahrheit Wahrheit, ja gewinnt durch jeden solchen Fortschritt nur noch inhaltsreichere Bedeutung: kein Gedanke ohne Denker, keine Ordnung ohne Ordner, kein Gesetz ohne Gesetzgeber, kein bildungsreiches Sein ohne Bildung gebenden Schöpfer, keine Welt ohne Gott, kein Mensch ohne sittlich-freien Geist - und alle in der Welt waltenden mechanischen, physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetze erübrigen den die Gänge des Weltganzen und nach jüdischem Bewußtsein auch die des Einzelnen, zu Seinen und nach Seinen Zwecken lenkenden und leitenden Einen so wenig, wie der physiologisch atmende Leib nicht die freie leitende Menschenintelligenz und das mechanisch arbeitende Schiff nicht den frei lenkenden Steuerregenten erübrigt. Wir sind von der, die Sphären unseres Berufes und unserer Fähigkeit überschreitenden Anmaßung weit entfernt, ein Votum von irgend welcher fachwissenschaftlicher Bedeutung in dieser, die Zeit so ernst bewegenden^ Frage abgeben zu wollen. Wir wollten nur den Standpunkt des Judentums zu dieser Frage andeuten, der es ermöglicht, ruhig der Pflege der Jugendbildung aus der unerschütterlichen Basis seiner Gottes- und Menschenlchre zu leben, Harrd in Hand mit einer möglichst wissenschaftlichen Einführung seiner Zöglinge in die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Gegenwart. In der Tat kann ja auch nur ein einigermaßen wissenschaftliches Vertrautwerden mit derselben vor einer sich verirrenden Ueberschätzung ihrer Bedeutung und Tragweite schützen. Nur in den Hallen der Wissenschaft wird es klar, wie sehr die meisten Annahmen des Tages einer apodiktischen Gewißheit entbehren, wie sehr alles nur einer hypothetischen Möglichkeit, höchstens einer Wahrscheinlichkeit sich erfreut, nach welcher, — so weit man heute übersieht, — Alles sich so verhält, als ob die Annahme der Wirklichkeit entspräche. Nur in den Hallen der Wissenschaft erfährt man, wie es kaum eine Naturerscheinung gibt, über welche nicht die verschiedensten Theorieen divergieren, und wie gerade die gewöhnlichsten Erscheinungen noch ungelöste Probleme der Erklärung bieten, wie überhaupt eine zur Berechnung der Verhältnisse einer Erscheinung genügende Formel nur ein möglichst genaues Abschauen des tatsächlich Gegebenen eines Vorganges enthält, weit ab aber davon ist, eine Einsicht in das Wesen, in den letzten Grund, in das „Woher" und „Warum" dieses tatsächlich Gegebenen zu gewähren. Nur in den Hallen der Wissenschaft erfährt man, welchem Wechsel die Theorien unterliegen, und wie das ja eben den erstaunlichen Fortschritt der Wissenschaft bedeutet, daß, was heute als siegreiche Wahrheit verkündet und von der unwissenschaftlichen Menge mit einem nur der Unwissenschaftlichkeit möglichen, blinden, in verda mafnstrorum schwörenden Glauben hingenommen wird, die Wahrscheinlichkeit in sich trägt, schon im nächsten Dezennium vom Fortschritt der Wissenschaft überholt und zu den überwundenen Jrrlümern gezählt zu werden. Wie elend, wie unsäglich elend wären wir, wenn das, was den Menschen zum Menschen macht, das den ganzen Wert unseres Hierseins bedingt, wenn unser Pflichtbewußtsein und ~ unsere Pflichterfüllung abhängig wäre von den jeweiligen und immer nur zeitlich herrschenden Systemen der Naturerkenntnis! Das Judentum hat so viele überlebt, hat sich mit allen befreundet, hat aber nie eines dogmatisch in den Kreis seiner Ueberzeugungen gezogen. Es liegt ihm unendlich daran, seine Bekenner in dem Bewußtsein einer überall in der Natur waltenden Gesetzmäßigkeit heranzubilden. Ihm, selber durch und durch Gesetz, hat der naturwissenschaftliche Unterricht einen tief ethischen Wert. Je mehr seine Zöglinge in der Einsicht erstarken, wie überall bestimmt gegebene Gesetze walten, jedes Wesen sich nur innerhalb bestimmter gegebener Gesetze zu dem was es ist, vollendet, jede Kraft nur in bestimmt gegebenen Grenzen wirkt, und nicht durch Willkür, sondern nur in genauer Kenntnis und Beobachtung dieser Gesetze der Mensch die Natur seinen Zwecken dienstbar macht und so in Wahrheit nur durch Unterordnung zur Herrschaft gelangt, um so mehr und um so freudiger werden sie archh für die Vollendung ihres Daseins und für ihr eigenes Wirken jeder Willkür entsagen und auch für ihr Sein und Wollen mit freiem freudigen Gehorsam sich dem Gesetze dessen unterordnen, der auch jedem anderen Wesen das Gesetz gezeichnet und dem Menschen nur den freien Pfttchtgehorsam, als die ihn vor allen adelnde Bestimmung Vorbehalten. Allein das mehr oder minder Adäquate, die größere oder geringere Richtigkeit einer Ansicht von dem irgend einer Naturerscheinung zu Grunde liegenden Naturgesetze hat Nichts, hat nrcht das Geringste mit dem sittlichen Berufe des Menschen gemein. Daß das Heer des Himmels nach dem Gesetze des Einen-Einzigen sich bewegt, die Erkenntnis.ist dem Judentum von unendlicher Wichtigkeit. Allein ob wir uns die Ansicht von diesem Gesetze nach der ptolemäischen oder kopernikanischen Weltanschauung bilden, ist für die rein sittlichen Zwecke des Judentums vollständig gleichgiltig. Das Judentum hat nie aus diesem und Aehnlichem ein Credo gebildet. Und wenn einmal die allerneueste Anschauung, die die ganze Manigfaltigkeit des organischen Formen-- reichtums in ihrem Entstehen auf eine einzige, bildungsärmste allererste Urform zurücksührcn zu können verneit, mehr als was sie noch kaum zur Stunde ist, mehr als eine hypothetische Möglichkeit, für welche bis jetzt keine Tatsache der Wirklichkeit als Zeuge erscheint, geworden fein wird, dann wird der jüdische Gedanke, der Gedanke des Judentums uns nicht wie der Prediger dieser Anschauung zur ehrfurchtsvollen Betrachtung einer vermeintlich noch lebenden Repräsentanz dieser Urform als des ehrwürdigen Urahns unser Aller hinrufen, dann wird das Judentum seine Bekenner nur zu noch tieferer Anbetung des Einen-Einzigen führen, dessen unendlicher Schöpferweisheit und ewiger Schöpfungsgesetzallmacht das Schaffen eines einzigen formlosen Keimchens und das Geben eines einzigen Gesetzes der «Anpassung und Vererbung" genügte, um aus dem scheinbar regellosen und doch so tief geregelten Ungefähr die ganze Manigfaltigkeit der in ihrer spezifischen Eigentümlichkeit doch so stark und so konstant gesonderten Gattungsfvrmen hervoraehen zu lassen, in welcher sich gleichwohl sein <Gattungs-)Gesetz der Schöpfung verwirklicht. Denn dieses lemino-Gesetz, auf welches das Judentum einen so bedeutenden Nachdruck legt und darin seinen Bekennern das Walten des Gottesgesetzes über alle organischen Wesen vor Augen führt, es muß doch selbst diese Gattungs- Entstehungsthcorie bestehen lassen, ihr Vererbungsprinzip ist ja nur eine Umschreibung des alten jüdischen lemino-Gesetzes, nach welchem jedes Individuum normal seine spezifischen Eigentümlichkeiten auf seine Nachkommen vererbt, ein Schöpfungsgesetz, das doch mit solcher Allmacht die organische Welt beherrscht, daß selbst in Mumiensärgen gefundene Samenkörner noch nach Jahrtausenden ihre Keimkraft treu bewahrt, und gesäet, ganz den Pflanzen ähnliche Pflanzen erzeugte, die in der Umgebung ihrer Gräber wuchsen, und daß doch seit historischem Menschengedenken kein Landmann mit blindem Griff etwa Gerste säete, wenn er Weizen gewinnen wollte. Daß eine Ablenkung dieser normalen Gattungsentwicklung durch äußere Einwirkung möglich sei, das hat das alte Judentum sehr wohl gewußt und daher aus ethischen Gründen, um sie in Huldigung des Weltgesetzgebers zu erhalten, und Seine Weltordnung ihnen stets zum Bewußtsein zu bringen, seinen Bekennern jede Willkür in Behandlung der organischen Welt und jede Kreuzung organisch geschiedener Gattungen untersagt. So, wenn einst diese ganze Theorie sich »och als etwas mehr als spekulativer Traum erweisen sollte. Inzwischen wird es jedoch dem Judentum wohl gestattet sein, an dem Vorhandensein dieser Theorie seiner Zöglinge einmal den Grad der Haltbarkeit und Wandelbarkeit so mancher mit so entschiedener Zuversicht der jüdischen Gottes- und Menschenlehre entgegengehattenen Behauptungen zu veranschaulichen. Wieviel Dezennien ist es her, daß man die Rassenverschiedenheit des heutigen Menschengeschlechts dem biblischen Berichte von der Abstammung der Menschen von einem Menschenpaare entgegenhalten zu können vermeinte? Und nun wird der der Unwissenschaftlichkeit geziehen, der der Möglichkeit der Abstammung sämtlicher Lebendigen, nicht nur des Menschen und des Orangutangs, sondern des Elefanten und der Spinne, des Adlers, der Eidechse und des Bandwurms u. s. w. von einem einzigen lebendigen Geschöpfe seinen Glauben versagen "möchte! Nicht einmal die Hunderttausende, die Millionen von Jahren, mit welchen die geologische Erdentwickelungstheorie so freigebig ist, schreckten das Judentum; wären sie selbst mehr als hypothetische Doktrin, litten sie auch nicht an der unerwiesenen Voraussetzung, daß bei Entstehung der Erde nur dieselben Kräfte und in derselben Mächtigkeit wirksam gewesen, die wir und wie wir sie in der bestehenden Erdwelt wirkend sehen. Die Weisen des Judentums, die Rabbinen, sprechen auch (Midrasch Rabbah 9, Chagiga 16, a) von der jetzigen Erdschöpfung vorangegangenen und untergegangenen Welten, die der Schöpfer werden und untergehen ließ, bis er die Erde in ihrer jetzigen Gestaltung und Ordnung hervorgerufen. Allein sie haben nie die Annahme oder Verneinung solcher und ähnlicher Meinungen zu Glaubenssätzen erhoben. Sie ließen jede Theorie auf sich beruhen, die nur die Grundwahrheit: „Aller Anfang von Gott" unangetastet ließ. Ja, sie waren überhaupt den Fragen: was war, was wird sein? als einer die Grenzen des dem Menschen Erkennbaren verkennenden und für seine sittliche Lebensbestimmung mindestens müßigen Spekulation abhold. Das Buch zur Orientierung der Menschheit auf der jetzigen Erde war ihnen das Buch der Bücher, sie dort Gott als den ewigen Schöpfer und Herrn erkennen und durch treue Erfüllung seines Menschengesetzes verehren zu lehren seine Bestimmung; die Gewinnung dieser Erkenntnis und aller im Dienste eines solchen treuen Pslichtlebens zu verwertenden Kenntnisse, meinten sie, sei umfassend genug, um neben dem Leben der Tatenpflicht die geistige Tätigkeit eines Menschen auszufüllen; was darüber hinausliegt, war für sie nicht da, und — man verzeihe dem Juden die Frage — sollte es denn im Grunde auch heute noch für uns mehr vorhanden _Nr. 19. Seite 5 sein? — Wie sehr die Lehren des Judentums und die von ihm anzustrebenden Zwecke sich im Einklänge befinden mit einer hingebenden Pflege des naturwissenschaftlichen Momentes in der Aufgabe der Jugendbildung, dürfte das Bisherige nicht ganz unerwiesen gelassen haben." c Fortsetzung jolgt.) orrespondenzen und Nachrichten. Deutsche« Kelch, kine Slucht in die Oeffenfti dihelf- (Von unserem Korrespondenten). II. E. B. Berlin, 0. Mai. Die Frage, auf welchem Wege der Inhalt der Unterredung des Herrn Dr. Cohn mit Herrn Gymnasialdirektor P r z y g o d e zur Kenntnis des Vorstandes der jüdischen Gemeinde gelangte, läßt die Broschüre in einem gewissen Dunkel; hier tritt die ausführliche, an anderer Stelle mitaeteilte Erklärung, welche Herr Justizrat Dr. Lilienthal in der letzten Repräsentantenfitzung abgab, ergänzend und aufklärend ein. Wir erfahren, daß weder Herr Dr. P. noch der in die Affäre hineingezogene jüdische Oberlehrer am Mommsen.Gymnasium den Stein ins Rollen gebracht, sondern daß drei Lehrer, Mitglieder des Talmud-Thora-Vorstandes, die Sache an den Vorstand geleitet und Remedur gefordert haben. Daß die Darstellung des Herrn Dr. Lilienthal in der Nuancierung der einzelnen Momente wie in der Gruppierung der Tatsachen sich von der des Herrn Dr. Cohn unterscheidet, ist in der Natur der Sache begründet. Im übrigen deckte sich das Tatsachenmaterial — von einigen wesentlichen Differenzpunkten, die weiter zu erörtern sein werden, abgesehen — in beiden Darstellungen so vollständig, daß von einem weiteren Excerpt der Broschüre füglich abgesehen werden könnte.*) Um dem Borwurf mangelnder Objektivität indessen vorzubeugen, sei der fernere Hergang auch noch an der Hand der Eohn'schen Darstellung im Folgenden wiedergeben. Am 31. Januar wurde Herr Dr. Cohn vor die Herren Justizrat Dr. Lilienthal und Julius Ja co b y vorgeladen, um über seine Unterredung mit Herrn Dr. Przygode sich zu äußern. Er behauptete, jene Unterredung sei privater Natur gewesen, von der andern Seite wurde dies unter Hinweis auf die Niederschrift in das Amts-Journal bestritten. Die Abschrift dieser Niederschrift wurde Herrn Dr. C., seltsamerweise, konstant verweigert,- er gibt sie aus dem Gedächtnis folgendermaßen wieder: „Herr Dr. Cohn führt aus: Seiner Ueberzeugung nach müsse jeder Jude sich zunächst als Mitglied des auserwählten Volkes Gottes fühlen, von dem er noch große Leistungen für die Zukunft erwattet. Als solcher muß er mit seinen armen russischen Juden mehr Mitgefühl haben als mit einem deutschen Christen und eine vollständige Asiimilation verwerfen. Wer anders denkt, lügt bewußt oder unbewußt. Herr Dr. Cohn hält eine vollständige Assimilation geradezu für unmöglich. Er sieht im Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage. Er kann den Antisemitismus als natürliche Reaktton verstehen." Auf die formelle Frage des Herrn Juftizrats Dr. L., ob er sich zu diesen Worten bekenne, erwiderte Herr Dr. C., daß buchstabenmäßig die Sache allerdings richtig dargestellt sei, nicht aber sinngemäß und den Tatsachen entsprechend, da Begründung und Zusammenhänge fehlten und auch die schroffen Ausdrücke von ihm in der Unterhaltung nicht gebraucht worden seien. fc: *) Die Erklärung des Herrn Dr. Lilienthal ging uns erst nach Redaktionsschluß zu und ist deshalb nicht mehr zum Abdruck gekommen. D. Red. .1