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Der Israelit · 1907-05-09 · Heft 19 (9.5.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 19 (9.5.1907)
Date
1907-05-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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9. Mtt 190t Sette 4. Nr. 1V._' Herr Rosen unterstützte die Resolution, die dann von der Versammlung angenommen wurde. Zur Erklärung des teilweise turbulenten Verlaufs der Versammlung hat — das muß noch bemerkt werden — zweifellos der Umstand beigetragen, daß die Mehrzahl der 3000 Teilnehmer kein Englisch, sondern nur Jargon verstanden. Hinzu kommt, daß die Gewerkschaftsfrage die Gemüter gerade gegenwärtig sehr stark beherrschtman wird daher hoffen dürfen, daß in einer künftigen Versammlung bei geeigneten Vorkehrungen vereinzelte Ruhestörer nicht auf ihre Rechnung kommen werden. Die Uorträge des Paters Erich Aasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). In einer größeren Abhandlung aus dem Jahre 1873»), betitett: „Von dem pädagogischen. Werke des Judentums" schildert er, was das Judentum und die Bibel der Naturbeobachtung verdankt, und fährt dann, bezüglich der Fragen, die uns hier beschäftigen, fort: Das Judentum scheut nicht den Fortschritt der Wissenschaft, es freut sich seiner und rechnet auf ihn. Nur weiß es sehr wohl zu unterscheiden zwischen Tatsache und Hypothese, zwischen richtiger Prämisse und sehr oft an einseitiger Halbheit leidender Folgerung, zwischen dem bescheidenen Ernst wahrhaft in den Schachten der Erkenntnis arbeitender Männer und dem oft gedankenlosen Jubel an deren Resultate sich berauschender Jünger. Wenn die heutige Naturwissenschaft — dieser gerechte Stolz des Jahrhunderts — als Höheziel aller Naturerforschung die Möglichkeit ahnt, die ganze Mannigfaltigkeit der Formen auf Eine Grundform, die ganze Mannigfaltigkeit der Kräfte auf Eine Kraft, die ganze Mannigfaltigkeit der Gesetze auf Ein Gesetz zurückzuführen, wenn — man verzeihe dem Zuschauenden diese Aeußerung — von einigen wenigen überraschenden Erfolgen berauscht, diese vielleicht nie sich verwirklichende Möglichkeit, bereits als Gewißheit verkündet und als feste Basis einer sich ohnehin überstürzenden Folgerung verwertet wird: ist da das Judentum nicht vielmehr berechtigt, schon die bloße Möglichkeit einer solchen wissenscl>aftlichen Ahnung, die bloße Tatsache, daß doch immerhin, je mehr die Naturforschung fortschreitet, je mehr das zu bewältigende Material zu einer immer weiter auseinandergehenden Teilung der wissenschaftlichen Arbeit nötigt, gleichwohl eine Einheit ahnen lassende Aehnlichkeit der Ergebnisse sich aufdrängt, also, daß der Astronom auf der Warte und der Mineralog in dem Schacht, der Physiolog mit ') In: „Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Unterrichtsanstalten der Religionsgesellschaft zu Erankfurt a. M." Die Abhandlung enthält soviel des chönen, vor allem eine glückliche Auswahl der Naturschilderung, daß wir sie zum Wiederabdruck für den nächsten Band der „Gesammelten Schriften" dringend empfehlen. _Der JLraelit. der Lupe, der Anatom mit dem Messer, der Chemiker mit der Retorte, daß sie alle des Bewußtseins sich nicht erwehren können: Ein Werk im Himmel und Erde studieren sie alle. Einem Stoff und Kraft, Gesetz und Form bildenden Gedanken sind sie Alle aus der Spur, Eine r harmonischen Einheit werden sie alle inmitten der unendlichen Weltmannigfaltigkeit inne — ist das Judentum nicht berechtigt, in dieseiu, aus den wenigen Weltlauten, die der forschende Menschengeist bereits aus dem Weltenbuche zusammengefügt, das Menschheitsbewußtsein zum Ausspruch drängenden Welteinheitsgedanken, nichts als den endlich andämmernden Triumph seiner eigenen Wahrheit, eben jener Wahrheit zu feiern, mit welcher es bereits vor Jahrtausenden in die Harmonielose Götter-Kraft-Bielheit mit seiner Lehre von den Einen Einzigen im Himmel und auf Erden und seinem allen Welterscheinungen zu Grunde liegenden alleinigen Gesetze eingetreteu ist, und um dieser seiner Gotteinheit willen das weltgeschichtliche Martnrium sonder Gleichen erduldet hat? Freilich bleiben Meister der heutigen Naturwissenschaft zumeist noch bei der Natnreinheit Stehen, ohne sich zu dein Einen, dem Schöpfer und setzer dieser Einheit zu erheben, ja, ohne nur zu ahnen, tvie sie eben mit jedem Entdeckungsfortschritt auf dem Wege der Natureinheit selber wider Willen nur Staffel zu Staffel zu dem Weltenthrone des Einen-Einzigen fügen, dem einst, nach der Zuversicht des Judentums, die Gesamtlnenschheit huldigen tvird, und dessen Huldigung sie mit beschränkter Einseitigkeit aus dem Gedankenbereiche der heutigen und künftigen Menschheit zu streichen sich bemühen. Auch solche auf dem Wege der Menschheit zur Gesamthuldigung des Einen- Einzigen vorübergehende Gedanrenkürze haben die Männer der jüdischen Wahrheit längst erschaut, haben längst (Jesaias 66, 17) eine Welt und Lebensanschauung gezeichnet, die bei der von denr Einen- Ernzigen zwischen sich und dem denkenden Geiste als Weg zu sich „in die Mitte gestellten Natureinheit" als Ideal stehen bleiben, die „d e r Einen" huldigen und dem Einen die Huldigung versagen, die (Jeremias 10, 8) „bei der Einen in Unvernunft und Beschränktheit" verharren. Das Judentum, das ja Jahrtausende herab des Verschwindens des noch klüftenderen Gegensatzes einer polytheistischen Weltanschauung ruhigen Auges hat warten können, es wartet noch ruhigeren Auges des Nahens der Zeit, in welcher der denkende Geist den noch kleineren Schritt von der Welteinheit zu dem Einen getan haben wird, von dem die Einheit der Welt. Wenn erst der Reichtum des Materials mehr bewältigt und wieder Raum gewährt sein wird, daß die Denker aus der durch die Teilung der wissenschaftlichen Arbeit gegebenen Zersplitterung des Gedankens sich wieder zur Umfassung eines Ganzen werden sammeln können und der Gefahr entgehen, aus der Erforschung eines Bruchteils von einem Bruchstück des Weltganzen das Weltganze konstruieren zu wollen; wenn namentlich die Forscher der durch Lupe und Messer, durch Retorte und Waage nicht zu erreichenden und doch in nicht minderer tatsächlichen, aus jedes Menschen eigenem Innern zu schöpfenden Gewißheit gegebenen Welt des Geistes und der sittlichen Freiheit sich hingeben werden: dann wird die alte ewige Tatsache, mit welcher das Bewußtsein jeder Kindespsyche in's Hiersein tritt, auf welche nach unserer Psalmenweisheit der Eine- Einzige die Zukunft seines Reiches gebaut, wieder in ihr altes Recht eintreten, und wenn die Vergangenheit ahnend zu denr Einen-Einzigen aufgeblickt, wird dann das offene, wissende Menschenauge mit noch tieferer Innigkeit zu ihm anfschaueu, dessen Wesen . und Welt schaffende Gedanken und Gesetze sich immer mehr und mehr dein nachdenkenden Menschengeiste erschließen, und nne einst ejner britische Altmeister der Naturerkenntnis, wird die fortgeschrittene Wissenschaft nie den Namen „Gott" denken, ohne, — damit nur sich selber ehrend, — das Haupt zu entblößen. Inzwischen bleibt das Judentuni ruhig des Wortes seines Propheten (Secharja 9 1) eingedenk: nicht die llnlvisseuheit, „des Menschen Auge ist Gottes", oder der Lehre seiner Rabbinen (Sabbath 75 a): „wer Einsicht in die astronomischen Berechnungen der Himmelskörper »gewinnen kann und vernachlässigt es, von denr heißt es: „das Werk Gottes wollen sie nicht schauen und haben für seiner Hände Werk kein Auge," und durch die zeitgenössische Erfahrung unbeirrt, oder vielmehr zu noch größerem Ernst durch sie veranlaßt, fährt es fort, die Jugend seine Wahrheit von Gott und Menschenbestimmung zu lehren und sie gleichzeitig, soweit als nur didaktisch möglich, mit den Ergebnissen der heutigen Naturerkenntnis vertraut zu inachen und mindestens Begriffe von einer Naturanschauung auf wissenschaftlicher Basis gewinnen zu lassen. Es muß die jüdische Jugend die Selbstüberzeugung gewinnen, wie das Gebiet der Gotteserkenntnis und der geistig sittlichen Menschenbestimmung, welche das Judentum zu pflegen hat, von allen Ergebnissen der gesamten Naturforschung völlig unangetastet bleibt, ja in ihnen nur noch eine bewußtvollere Basis gewinnt. So gewiß die gesamte naturforschende Welt noch heute den in's Bedlam weisen wird, der für die Versicherung Glauben fordern möchte, durch zufälliges Hinstürzen eines Setzerkastens habe sich, nicht eine Ilias, ein Schillersches Lied von der Glocke, sondern nur eine A-B-C - Fibel gesetzt, — durch zufälliges Zusammenfinden von Stoffen ein Haus in architektonischem Gleichmaß, ein physikalisches Instrument, eine Maschine in zweckentsprechender Zusammensetzung konstruiert, ja auch nur Eine Schraube an einem Instrumente, an einer Maschine in der Berechnungsvorausetzung'entsprechender Weise sich eingefügt; so gewiß es allem physiologischen Fortschritt noch nicht gelungen ist — und wir wagen bis auf dementierendes Weiteres den Zusatz: auch schwerlich je gelingen wird, — das „Woher" der zweckdienenden Bildungsform einer Zelle, geschweige denn das „Woher" des zweckdienenden Zusammengefüges bestimmter Zellen zu einem bestimmten zweckdienenden Organ, bestimmter Organe in eine bestimmte einheitliches Dasein und seine Funktionen vermittelnde Zusammenordnung zu deuten; so gewiß der Physiologe es fühlt, daß, je mehr er mit seinen Forschungen dem Gebiet sich naht, welches das nicht? physiologische Bewußtsein das Gebiet der Freiheit nennt, ihm schon in jedem Leben aus unterster Stufe, noch mehr im Bewußtsein, selbst ini andämmerndsten Stadium, Sphinxe entgegeutreteu, denen vergebens eine klare, deutliche Antwort abgefragt lvird, und zu deren Beschwörung alle mechanischen und physikalischen Formeln so wenig ausreichen, daß es viel leichter sein kann, vermittelst der Wunder der Spektralanalyse über stoffliches Wesen der Sonne oder der noch ferneren Fixsterne, als über das „Etwas" Bescheid zu geben, das ein Jeder von uns im nächsten eigenen Inneren fühlt, das doch unabweisbar unabhängig, von allem Stoffwechsel das bleibende Eine inmitten des Wandels ist und allein die Continuität des Bewußtseins ermöglicht, und das die nichtphysiologische Welt „Geist" zu nennen wagt; — so gewiß jede organische Funktion, so gewiß eben so das Sehen des Auges nach optischen und physiologischen Gesetzen sich vollzieht, und doch der Gebrauch dieses Organs," die Richtung seiner Funk- Fehler konnten heute zollfrei passieren. Ganze Seiten wurden unbemerkt überhupft, ja selbst grober Unfug ging straflos aus. Und als später auch noch Boruch, wohl meinem Rate folgend, im Cheder erschien, da übernahm er ohne Weiteres das verlassene Kommando und mehr als einmal ertönte aus denr offenen Pentateuch das schaurige Wort „Wilki!" . So verlief in fast gehobener Stimmung und großer gemeinsamer Spannung der größte Teil des Tages ziemlich rasch und gar nicht unangenehm. Als aber nachmittags der Uhrzeiger der fünften Stunde entgegenrückte, steigerte sich die Unruhe des Rebben bis ins unendliche. Er lief im Zimmer auf und ab, lehnte spähend zunr offenen Fenster hinaus und schaute fortwährend nach der großen Wanduhr. Wir kannten den Grund dieser Unruhe ganz genau und teilten fie auch vollständig. Unr fünf Uhr pflegte nämlich der Dampfer von Kowno, der Wilki passieren mußte, einzutreffen, auf dem auch alle Hoffnungen und Erwartungen genaue Details von der Unglücksstätte zu erhalten, gerichtet waren. Schon sahen wir durch das Fenster, wie die.Schaaren nach dem Landungsplätze hinströmten. Und von tiefem Schmerz erfüllt, in einem bedeutenden Moment nicht dabei sein zu können, konnten wir in dcm ungeduldigen Lehrer nur einen Leidensgenoffen bedauern. Doch dieser maß noch' einmal mit energischen Schritten das Zimmer, faltete die Stirn und nach einem leisen N onologe, der, wie es schien, den Ausschlag gab, griff er kurz entschlossen nach seinem dicken gelben Spazierstock. „Kinder!", sprach er uns musternd, „ich gehe fort, muß einen nötigen Gang machen. Ihr aber bleibt da, ich komme bald wieder!" Die letzten Worte klangen sehr unsicher, als glaubte er selber nicht an die Ausführbarkeit diese- Ukases. Einen Augenblick sahen wir uns, als er ging, still und fragend an. Dann unterbrach Boruch das Schweigen: „Und ich gehe doch an den Dampfer!" sagte er. „Wenn Du darfst, dann darf ich auch," sagte ein anderer. „Dann gehe ich auch!" „Auch ich!" „Und ich auch!" Und im Nu war das Cheder geräunrt. (Schluß folgt.) (Staatsanwalt und Verteidiger.) Ein ungarisches Blatt verzeichnet ein heiteres Rededuell, das vor einem Provinzial-Gerichtshof zwischen Staatsanwalt und Verteidiger stattgefunden haben soll. Bei der Verhandlung gegen einen gewissen Salamon K o h n machte ein Staatsanwalts-Substitut die Bemerkung, daß der Verteidiger des Angeklagten sich mehr Rechte vindiziere, als ihm gebühren. Der Verteidiger erwiderte, er besitze genau so viel Rechte, wie der öffentliche Ankläger. Damit war die Sache vorläufig erledigt. In seinem Plaidoyer begründete der Staatsanwalt seine frühere Bemerkung mit den Worten: „Der Herr Verteidiger ist im Irrtum, wenn er glaubt, daß ihm ebenso viele Rechte zustehen, wie mir, denn zwischen uns Beiden besieht ein gewaltiger Unterschied: der Herr Verteidiger hat nämlich seine Betrauung von Salomon Kohn, ich aber habe mein Mandat von seiner Sr. Majestät dem König erhalten." Der Verteidiger blieb die Antwort nicht schuldig, sondern replizierte in folgender köstlichen Weise: „Es fällt mir nicht im Traum ein, eine Varellele zwischen unseren Austrag- S' m &it ziehen. Da der sehr geehrte Herr Vertreter der age aber das Mandats-Verhältnis zur Sprache gebracht hat, so möge er entschuldigen, wenn ich die Bemerkung wage, daß Salomon Kohn darum zu mir gekommen ist, weil er mich gekannt hatich weiß aber nicht, ob Se. Majestät den Herrn Staatsanwalt bettaut haben würde, wenn — er ihn gekannt hätte." Die allgemeine Heiterkeit, in welche der Staatsanwalt selbst einstimmte, zwang den Gerichts-Präsidenten, die Verband lung für einige Minuten zu suspendieren. (Ein Prozeß wegen einer Synagoge in Cairo im 11. Jahrhundert.) In der Jewish Quarterly Review beschreibt Richard Gottheit eine Urkunde aus dem 11. Jahrhundert, betteffend eine Synagoge in Cairo. Das 1 Dokument ist das Protokoll eines Prozesses vor dem Ober-Kadi. Solche Protokolle wurden nämlich ausgenommen, wenn die obsiegende Partei es verlangte. Es war damals in mohammedanischen Ländern den Nicht-Muselmanen verboten, Gotteshäuser zu erbauen. Im vorliegenden Falle handelte es sich um eine Synagoge, die restauriert worden war. Dies muß den Zorn einiger Muselmanen erregt haben, und so brachte ein gewisser Ibrahim die Sache vor den Rich er, indem er behauptete die Synagoge sei ein ganz neuer, nicht ein wiederhergestellter alter Bau und müsse zerstört werden. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, ein gewisser Musa, wurde als Besitzer der Synagoge vorgeladen und seinem Ankläger gegenübergestellt. Er b stritt die Klage und gab an, er besitze die Synagoge bereits über 40 Jahre. Der Kläger wurde nun aufgefordert, seine Beschuldigung zu beweisen, erklärte aber, er habe keine Beweise. Musa dagegen brachte viele Zeugen, die seine Angaben bestätigten. Der Richter sprach darauf den Angeklagten frei. — Das Dokument ist datiert aus dem Jahre 1038.

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