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Der Israelit · 1907-05-09 · Heft 19 (9.5.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 19 (9.5.1907)
Date
1907-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit. S^WSEWp^w Gette 3. Nr % Müi 1307. Snamya", das Organ des Verbandes, einen Appell an den Kaiser, der mit den Worten beginnt: Kaiser, Du trägst eine große Verantwortung vor den: Volk, das Dich liebt und auf Dich vertraut. Kaiser, zögere keinen Tag mehr! Löse die Duma aus, ehe es zu spät ist! Nimm nicht auf Dein Gewissen das Blut, das sicher fließen wird, wenn Du noch länger zögerst!" Im Besitz dieser beunruhigenden Nachrichten erbaten die Präsidenten des Board os Deputies und der Anglo-Jewish Association am Dienstag morgen eine Audienz bei Sir Charles Hardinge im Ministerium des Aeußeren und legten eine Abschrift des Telegramms nebst ihren Bemerkungen dazu vor. Wie man hört, versprach Sir Charles Hardinge, in der Sache alles zu tun, was in seiner Macht stehe. Man braucht aber nicht im geringsten an dem guten Willen dieses Staatsmannes zu zweifeln, um von der Erfüllung seines Versprechens nicht allzuviel zu erwarten. Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob die ,,russischen Leute" die Zügel des Zarenreiches in Händen haben und die legitime Regierung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Es wäre allerdings nicht das erste mal, daß die Geister, die man rief, schließlich nicht mehr zu bannen sind. kiue öttentliche llersamm!u«g zu ßimsfen des Sabbatd. London, 3. Mai. Es ist interessant, zu beobachten, wie gleichzeitig mit der immer kräftigeren Entwicklung des „Verbands der Sabbathfreunde" in Deutschland auch bei den englischen Juden die Erkenntnis durchzudringen beginnt, daß eine Organisation aller, die an der Institution des Sabbath, dieses Angelpunktes des jüdischen Lebens, festhalten, ein dringendes Gebot der Zeit ist. Die englische Bewegung zu Gunsten des Sabbath geht auf das Ende des vorigen Jahres zurück; inwieweit sie durch die in Deutschland sich vollziehende Organisationsarbeit des „Verbandes der Sabbathfreunde" angeregt inwieweit wie diese unter dem Druck der religiösen Not entstanden ist, das wird sich schwer entscheiden lassen. Man darf jedoch annehmen, daß beide Momente zusammenwirkten, und es ist wohl nicht der geringste Erfolg des deutschen Verbands, daß er auf die Judenheit eines anderen Landes als Anregung und Beispiel gewirkt hat. Ueber die noch junge Geschichte der englischen Sabbathbewegung wurde vor kurzem schon berichtet. Die von den jüdischen Gewerkschaften begründete Sabbath Observance Society hat nun am vergangenen Montag Die erste öffentliche Versammlung abgehalten, derer: Verlauf hier ausführlich wiedergegeben werden nröge. Als besonders bemerkenswert ist anzuführen, daß auch ein Nichtjude, und zwar der Neffe des englischen Generalissimus Lord Roberts, das Wort ergriff, um sich lebhaft für die Forderungen der jüdischen Sabbathanhänger einzusetzen. Es hatten sich, offenbar auf Verabredung, ziemlich viel Sozialisten und Anarchisten eingefunden, die sich redliche Mühe gaben, die Verhandlungen unmöglich zu machen. Es gelang jedoch schließlich trotz aller Lärmszenen, die diese Elemente vollführten, die Debatte in Ordnung zu Ende zu bringen. Den Vorsitz führte der Präsident der Sabbath Observance Society, Herr Abraham Rosenthal. Er gab einen Rückblick aus die bisheriae Tätigkeit der Vereinigung und wies auf die Resultate hin, die ungeachtet aller Versuche die Anhänger der Bewegung zu entmutigen, erzielt worden sind. Wir haben, erklärt der Redner, uns vor allen Dingen bemüht, als Grundlage unserer Arbeit eine Organisation zu schaffen. Wir sind ganz im stillen vorgegangen. Zuerst wendeten wir den Bäckern unsere Aufmerksamkeit zu und wir fanden, daß fast alle jüdische Bäcker am Sabbath arbeiten. Jeder von ihnen hätte gerne davon abgelaffen, wenn nur die anderen ebenso verfahren wären. Schließlich brachten wir es dahin, daß die Leute sämtlich mit der Sabbatharbeit aushörten. Der Redner zeigte ein Certifikat, durch welches alle Bäcker in ihren Schaufenstern von dem Uebereinkommen dem Publikum Mitteilung machen. Die Versammlung sei eiuberufen worden, um die jüdische Oeffentlichkeit zur Unterstützung der Sache des Sabbath aufzufordern. Der Redner sprach dann von der Tätigkeit der Kommission zur Vermittlung zwischen Meistern und Arbeitern im Schneidergewerbe, die sich u. a. auch die Durchführung der Sabbathruhe zur Ausgabe gemacht , habe. (Diese Mitteilung wird auf der Gallerie mit großem Lärm ausgenommen.) Wir werden uns, schließt der Vorsitzende, durch keine Opposition irre machen lasten. Der Sabbath ist die Grundlage unserer Existenz. Wenn er verloren ginge, würde das jüdische Volk verschwinden. Es muß gearbeitet werden, um den Sabbath dem jüdischen Volke zu erhalten. Nach dieser mit Beifall aufgenommenen Ansprache ergreift Herr Hermann Landau das Wort. Jeder Arbeiter, der den Sabbath feiert, darf nach dem geltenden Gesetz am Sonntag arbeiten. Wer von diesem im freien England gewährten Rechte keinen Gebrauch macht, der ist unwürdig Jude und Bürger dieses Staates genannt zu werden. Für die menschliche Gesundheit ist ein wöchentlicher Ruhetag unbedingt notwendig. Warum sollten wir da einen anderen als den durch die Religion gebotenen wählen, der mit unserem Volksleben unlösbar verknüpft ist! Der Redner wendet sich dann gegen die sozialistischen Sabbathgeaner. Er warnt die Arbeiter deren verderblichen Ratschlägen zu folgen. Diejenigen, welche am Jomkippur Umzüge veranstalten, müsten wir uns fernhalten; sie gehören nicht zu uns. In dem durch diese Bemerkung entfesselten Lärm gelingt es dem Redner nur mit Mühe, folgende Resolution der Versammlung vorzutragen: „Die heutige jüdische Massenversammlung in der Great Affembly Hall beklagt das Vorherrschen jüdischer Sabbatharbeit in allen Gewerben und beschließt, daß alsbald gesetzliche Schritte zur Beseitigung dieses Nebels getan werden sollen." Herr Charles Josephs unterstützt die Resolution. Herr Herbert Roberts erklärte, die Resolution muffe von jedermann unterstützt werden, einerlei, welche religiöse Ueberzeugung er hege. Er denke, daß die Resolution dem Parlamente übermittelt werden solle. Die Resolution verlange nichts, als daß die Juden der Segnung ihres eigenen Sabbath teilhaftig werden könnten. Das sei gewiß nicht zu viel verlangt. Die Erfüllung dieses Verlangens könne niemandem schaden. Warum sollten die Juden denn am Sabbat arbeiten? Muß, weil sie eine Minorität sind, nicht aus sie Rücksicht genommen werden? Er hoffe, die Juden würden fest bleiben und ihre Differenzen begraben; man solle die Resolution einmütig annehmen. Als der Redner geendigt, wollte ein Sozialist eine Ansprache im jüdischen Jargon an die Versammlung halten. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Absicht auszuführen. Darüber erhob sich wiederum großer Lärm, der auch während der Ausführungen des folgenden Redners, des Herrn W. T h o m p s o n anhielt, der für die Resolution eintrat. Nur mit Mühe gelang es, die Ruhe wieder herzustellen. Die Resolution wurde angenommen. Herr Ben Davis beantragte eine zweite Resolution folgenden Inhalts: „Die Versammlung begrüßt sympathisch den von Goddard Clarke im Parlament eingebrachten Gesetzentwurf betr. die Sonntagsruhe und spricht die sichere Hoffnung aus, daß die Klausel, wonach es den sich am Sabbath der Arbeit enthaltenden Juden erlaubt sein soll, am Sonntag zu arbeiten, die einmütige Zustimmung des Parlaments finden werde. Jedem Mitglied des Unterhauses soll eine Abschrift dieser Resolution zugestellt werden." Der Antragsteller wendete sich gegen diejenigen, die den Sozialisten vorwerfen, sie wollten .keinen Sabbathtag. Diese Behauptung sei falschob Sozialisten oder Anarchisten, alle verlangen einen wöchentlichen Ruhetag. Es wäre sehr unklug, wenn sie von dem Recht keinen Gebrauch machten. tuation und die -Nachzügler konnten nur mit Mühe ihre Gebete, in denm sie durch die eifrig diskutierenden Gruppen gestört wurden, beenden. Auch mir wollte es mit dem Beten heute nicht recht gelingm. Schon der Anfang erweckte in mir Gedanken, die mich vom eigentlichen Sinn und Ziele der Gebete weit ablenken. „Boruch scheomar. Gelobt, der sprach und eS ward die Wett." Und nun sprach r wieder und fie ging unter, ein Stück, ein Stückchen graue unglückselige Wett, das unglückliche Wilki! . . , An einer Ecke sah ich meinen Rebben (Chederlehrer), Nochum den Daitsch, der umgeben von einem großen Zuhörerkreise ganze Vorlesungen über die physikalischen Gesetze, die Bewegung der Planeten und den Umsturz der Elemente hielt: „ES ist alles so einfach," dozierte Nochum mit der stoischen Ruhe des Forschers, »daß ich, so oft ich mit dem Dampfer von Kowno an Wilki vorüberfuhr, schon immer an ein Ende mit Schrecken denken mußte. Die ganze geologische Lage dieses unglücklichen OrteS ließ kaum etwas anderes erwa ten. ES ist der Kampf der vier Hauptelemente. Im Innern daS glühende Feuer, an der Seite vom Wasser umspült. Die Erbe durchwühlt, durchglüht, gelockert und verweicht. Nun kommt das vierte Element hinzu, der „Ruach", der Sturm und Orkan und die ganze Fläche geht aus ihren Fugen und stürzt zusammen." „Aber schrecklich genug bleibt die Sache trotzdem!" bemerkte Scholem der Gabbe, der von dieser wissenschaftlichen Definition eine Erkaltung des Mitgefühles befürchtete. „Und wie, wenn das Ganze nur ein Ulk, eine Unwahrheit ober ein MißverstäntntS wären?" ließ sich auch Oscher, der beständige Opponent Nochums hören. „Ich Hab' selber die DchHh« «lesen, in der Benze den Untergang heute Morgen gemeldet," beteuerte einer. „Und wie," versuchte der Skeptiker nochmal, „wie konnte Bmze noch depeschieren, nachdem doch alles gestorben und verdorben ist? Wie gibt es noch überhaupt einen Telegraphen an einem Orte, der gleich Sedom zum Schutthaufen geworden ist?" Nochum, der die Zweifel erst ignorierte, fand es jetzt doch an der Zeit einzugreifen. „Bon der Physik versteht Oscher, er sei es mir nwchel, nicht viel, von der Elektrizität, besonders der elektrischen Funkenschrift des Telegraphen schon ganz und gar nichts. Meint ihr, so was kommt plötzlich, auf einmal? Der elektrische Appart ist stets.zu allerförderst in Sicherheit zu bringen und die Verbindung ist mit Leich tigkeit bald nach Überall hergestellt. Warum sollten nicht auch einige Menschen, und unter ihnen auch Benze, ihr Leben durch zeitige Flucht gerettet haben?" Dies war sehr einleuchtend und Scholem, ein Mann der pratttfchen Wohltätigkeit, nreinte: „Wenn die Sache so steht, so soll sofort eine Sammlung vorgenommen werden, auch soll ein Wagen voll Brot und Lebensmitteln und Kleider für die Unglücklichen, die ihr nacktes Leben gerettet, unverzüglich abgeschickt werden." Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung ausgenommen. Draußen erwartete mich mein Freund Boruch, ein notorischer Schulschwänzer und der Schrecken aller Lehrer, im übrigen aber ein sehr guter tteuer Kamerad, und eröffnete mir, daß man wohl mit Rückficht auf das furchtbare Ereignis und schon aus Mitgefühl mtt den Unglücklichen, heute nicht ins Eheder zu gehen brauche. „Gerade heute," entgeanete ich, „will ich nicht vom Cheber wegbletven. Solches Unglück muß gemeinsam getragen werden und der Rebbe weiß so ungemein viel davon . . ." Dann ging n wir, die Frage still überlegend, die Straße hivunter. Aber schon nach einigen Schotten blieben wir am Hause beS Fuhrmanns Chajim Moschiach, wo unS eine große Menschenmenge anzog, stehen. Dort stand ein großer, schon bespannter Leiterwagen zur Abfahrt bereit, in dem viele, die in Wilki Verwandte oder sonstige Beziehungen zu dem Ort besaßen, Platz genommen hattenviele bettelten noch um Platz und mehrere Frauen klammerten sich verzweifelt an die Wagen und beschworen händeringend ihre Männer, sich nicht nach der Stätte der Gefahr zu begeben. Die Jnsaßen drängten ungeduldig zur Abfahrt. Doch hatte die Wohltättgkeit, die unter Leitung oeS eifrigen Scholem eingesetzt, noch nicht ihr Ende erreicht. Immer wieder und wieder wurdm Körbe, 5kistm und Kasten gebracht, vollgepackt mit allerhand Lebensmitteln und Kleidern, die Chajim wie durch ein Wunder auf seinem Wagen, der wie von Kautschuk schien, unterzubringen wußte. Endlich fuhr die Expedition mit den reichen Liebesaben ab. Boruch gab ihr, sich an den Wagen hängend, as Geleite, wähxenb ich nach hastig eingenommenem Frühstücke getreu meinem Vorsätze ins Cheder eilte. Einen so gemütlichen Unterrichtstag hatten unsere Werbejahre in der dumpfen Chederlust kaum noch je gesehen. Eine ganz eigentümliche Weisheit lag heute in oen Zügen und im Tone deS sonst so gesttengen Lehrers. Zerstreut und in Gedanken versunken, ging er auf und ab und ttommelte abwechselnd nervös mit dm Fingern auf dem Tisch. Dann sagte er wie zu sich selber: „Die Pflicht soll niemals letdm! Man bleibe in Mm Sttuattonm ein Mann, und behalte seinm klarm Kopf! WaS könnte es ihnen auch nützm? Also auf, Kinder! Ehumesch aufschlagm!" Wir kämm langsam den: Befehle nach und fanden es bald heraus, daß das Ohr beS Rrbbm heute nicht uns gehörtewaS wir unS möglichst zu Nutze machten. Krasse

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