Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1907)
- Date
- 1907-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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9. Mat 1907. Ro. 19 Gelte 2. Herr Geh. Oberregierungsrat Mayer hat in jener Sitzung auch auf den Prozeß hingewiesen, den der Oberrat gegen den „Israelit" in Mainz geführt hat. Wir fühlen uns durchaus nicht veranlaßt, für alle Aeußerungen des „Israelit" einzutreten. AVer die Tatsachen, die der Mainzer Prozeß enthüllt hat, daß der Overrat einen von einem gesetzestreuen Rabbiner für unwürdig erklärten Schächter trotzdem wieder in fein Amt einsetzte, daß er hinter dem Rücken des nämlichen Rabbiners aus einer Predigt desselben einen gegen die Reform gerichteten Passus streichen ließ usw. usw., diese Tatsachen bleiben bestehen, und sie haben deutlich gezeigt, von welch m Geiste die Männer des Oberrates erfüllt find. Ter Lverrat arbeitet eben, bewußt oder unbewußt, auf die Asiimilation, auf die Ertötung des spezifisch jüdischen Empfindens hin, und deshalb bekämpft er systematisch das gesetzeStreue Judentum. Er schließt dessen Anhänger von der Verwaltung der Landesshnagoge auSdenn die Stimme der Gesetzestreuen soll an den maßgebenden Stellen überhaupt nicht gehört werden. Während überall die Erhaltung -es Bestehenden als der einzige Schutz des Judentums in der schweren Zeit, in der wir leben, betrachtet wird, glaubt man in Baden das religiöse Gefühl durch Reformen beleben?u können, die sich längst als dem Judentum verderblich erwiesen haben. Unser Verein hat sich die Aufgabe gestellt, für die Pflege des religiösen Lebens im überlieferten Sinne Sorge zu tragen. Wir bekämpfen in erster Linie das Gebetbuch, wir bekämpfen aber auch den Geist, aus dem dieses Gebetbuch hervorgegangen ist Wir verlangen eine Vertretung auch der gesetzestreuen Minorität in den Verwaltungsorganen, weil nur dadurch die Gewissensfreiheit gewährleistet werben kann. Wir verlangen eine größere Unabhängigkeit der Beamten, der Rabbiner sowohl wie der Lehrer. Nicht Zentralisation, sondern möglichste Autonomie der Gemeinden muß das Ziel sein. Das badische System hat durch die einmütige Zurückweisung des Rofin'schen Entwurfs seitens der preußischen Gemeindcn, auch seitens der reformsreunolichen, die denkbar schärfste Verurteilung erfahren. Wir fordern alle diejenigen auf, welche für die Erhaltung des Judentums ein Herz haben, sich unter Benutzung anliegender Beitrittskarte als Mitglied unseres Vereins anzumeldcndenn es bedarf des Zusammenschlusses und der gemeinsamen Arbeit aller Gutgesinnten. um unser Ziel zu erreichen. Der Minimalvetrag von 2 Mark ist so gering, daß ihn jeder, auch der Aermste erschwingen kann. Wenn alle, denen es um die Verteidigung der von unseren Vätern ererbten Heiligtümer ernst ist, sich zusammenschlteßen, bann werden unsere Bemühungen auch von Erfolg gekrönt sein. Darum werbe ein jeder im Kreise seiner Verwandten, seiner Bekannten und Freunde für unsere gerechte Sache — und fie wird siege«! Mit vorzüglicher Hochachtung! Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden. I. A. Aron Ettlinger, Vorsitzender, Mannheim, Friedrtchsring 36. Dr. med. M. Latte, Schriftführer, Mannheim, Kaiferring 24. Bedarf es noch vieler Worte, um dem Appell, den dieses Rundschreiben ins Land hinausruft, Nachdruck zu verleihen? Noch giebt es in Der JSraelit. ' Baden weiteKreise, die sich ein warmes Herz für das kostbare Erbe der Väter bewahrt, die es weit von sich weisen, an den durch Blut und Tränen geweihten Gebeten einer glorreichen Vergangenheit mit d em kindlichenDilettantismus moderner Pastoren herumzukritteln und die ihren Kindern denn doch lieber die sturmerprobte Gotteslehre vom Sinai zu vererben wünschen als ein Karlsruhe-Freiburg-Mannheimer Papiermache-Fabrikat allerneuesten Schnitts und Stils. Sie alle, die vom Oberrat sosehr verachteten Landjuden, und mit ihnen die Männer in den Städten, deren Gerechtigkeitsefühl sich gegen die Aschenbrödelrolle empört, ie man dem gesetzestreuen Judentum in Baden seit Jahrzehnten zuweist, sie alle, alle mögen dem Weckrufe folgen, den der Verein der Gesetzestreuen an sie ergehen läßt! Nur oer Zusammenschluß der Vereinzelten, nur eine straffe Organisation aller Kräfte kann auch der Minderheit zum Siege verhelfen. Möge keiner Zurückbleiben, der auch nur mit einem Splitter seiner Habe und seiner geistigen Kraft der gerechten Sache zu dienen vermöchte. Die Hahlen in OeRerreidi. ochmrunöjHav. Am 14. Mai finden in Oesterreich die Reichsratswahlen statt — zum ersten Male unter Geltung des allgemeinen Stimmrechts. Dank dem verhältnismäßig starken Prozentsätze, den die Juden innerhalb der Gesamtbevölkerung ausmachen und dem Umstande, daß in einer Reihe von Bezirken die jüdische Bevölkerung dicht zusammengedrängt ist, gelang es bei den früheren Wahlen immer, einige jüdische Abgeordnete in den Reichsrat zu entsenden, die. weil von Juden gewählt, auch als deren besondere Vertreter zu gelten hatten, meist jedoch die jüdischen Interessen recht schlecht behüteten. Auch diesmal werden wohl mehrere Juden gewählt werden, ziemlich fraglich aber ist es, ob die Zahl der jüdischen Mandate sich nicht gegen früher verringern wird. Inwieweit die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in dieser Beziehung Verschiebungen zur Folge haben kann, läßt sich nicht beurteilen. Schaden wird jedenfalls die unglaubliche Zersplitterung der jüdischen Stimmen, die in fast allen in Betracht kommenden Wahlkreisen in Aussicht steht. Im Wiener Kaiviertel, wo ursprünglich drei jüdische Kandidaten aufgestellt waren, hat man endlich eine Einigung erzielt. Dagegen zählt die Leopoldstadt immer noch drei jüdische Bewerber, und ein Gleiches gilt von den meisten galizischen Wahlkreisen, in denen die Juden die Ob.rhand haben. Nur eine jüdische Partei hat, obwohl sie die bei weitem stärkste ist, keine Kandidatur in Anspruch genommen, wird daher auch der gebührenden Vertretung im Reichsrat entraten müffen, das ist die Orthodoxie. Ein Beweis für die alte Lehre, daß die Masse, solange sie nicht organisiert ist, nichts vermag. Zwar haben die Gesetzestreuen wohl hie und da ihre Wahlhilfe von gewissen Bedingungen abhängig gemacht, deren Erfüllung beispielsweise von dem Lemberger Kandidaten Edlen v. Horowitz auch — freilich nicht ganz unumwunden — zugestanden wurde. Aber eine wirkungsvolle Verteidigung gesetzestreuer Interessen kann von Männern, denen diese nicht Herzenssache sind, kaum erwartet werden. Die Organisation der Orthodoxen in Galizien ist in Angriff genommen. Für die jetzigen Wahlen kommt sie jedoch leider noch nicht in Betracht. Sorge man nun dafür, daß für die Zukunft die Anhänger des überlieferten Judentums gerüstet dastehen. * * * Pogromgefahr. Von einer vertrauenswürdigen russischen Persönlichkeit ging vor einigen Tagen in London folgendes Telegramm ein: „Das Versprechen Stolypins, keine Pogrome dulden zu wollen, hat keine beruhigende Wirkung gehabt; denn der „Verband der russischen Leute" setzt seine Propaganda ungehindert fort. Die Gruppen des Verbands brüsten sich offen damit, daß sie machen können, was sie wollen. Sie haben Proskriptionsliften ausgearbeitet und an das Zentralkomitee in Petersburg. gesendet. Dieses veranlaßte die Behörden auf Grund der Listen eine Anzahl von Privatleuten, die dem Verband lästig sind, zu verhaften oder auszuweisen und viele Beamte in der Provinz, die mit seinen Plänen nicht sympathisieren, zu entlaffen. Die Mitglieder des Verbandes mißbrauchen den Namen des Kaisers in Verbindung mit der jüngst erfolgten Begnadigung von Hooliaans uno führen diese Gnadenakte als' ein Beweis dafür an, daß inan ihnen vollkommen freie Hand läßt. Der Ministerpräsident wird von der Schwarzen Presse als Verräter denunziert. Gestern (Donnerstag) veröffentlichte die „Rußkoje leines Feuilleton. UlilM“ verloren. 5t Eine heitere Jugenderinnerung von S. Gchnchnowitz in Endingen. Ich war noch ein Kind und das Ereignis hatte mit all feiner Panik und Heiterkeit, Tragik und Komik einen solch tiefen Eindruck auf mein kindliches Gemüt gemacht, daß ich es heute noch, so oft ich die Erinnerung daran wachrufe, in all seinen Einzelheiten wieder zu erleben glaube. Es war schon vorgerückte Morgenstunde. Ich lag noch im Bette, im Halbschlummer, Pläne und Entwürfe für den beginnenden Tag, von dem ich noch nicht ahnen konnte, baß er fich so bedeutungsvoll und ereignisreich würde, zurechtdenkeno, als ich durch die beten Schritte der alten Lea gestört wurde, die leise, kaum die Türklinke berührend, in die Küche trat. Lea. die in der Nachbarschaft wohnende Witwe, kam jeden Morgen um diese Zeit, um fich bei meiner Mutter in der Küche ihren Tee zu holen und dabei die Ereignisse des Tages zu besprechen und gegebenenfalls wichtige Vorfälle der Nacht als erste zu berichten. Dieses mal aber lag schon in ihrem Schritte etwas Feierliches. Ihr Ton, mtt dem fie gutm Morgen wünschte, klang vollends so sonderlich und unheilverkündend, daß es mehr als kindliche Neugierde war, was mich im Bette austichtete und mich veranlaßte, aufmerksam der üblichen Morgenpost zu lauschen. „Liebe Nachbarin!" sagte fie schaudernd und zähne- »ernd, obzwar es ein warmer Sommermorgen war, » Freundin! ' wiederholte fie zitternd, die Anrede während baS heiße Wafler langsam aus dem Samovar in ihr Glas sickerte. „So etwas! So ein Unglück! Ha, wer hätte je so etwas ahnen können?" Dann kam der übliche Hustenanfall. „Wa—a—as?" Doch Lea schauderte noch einen Augenblick wortlos, und eS schien mir eine Ewigkeit, biS fie endlich herausrückte: „So etwas, das wißt ihr noch nicht? Weiß es doch bereits jedes Kinddie ganze Stadt, ganz Wilki untergegangen, alles verloren, verschwunden, verschüttet, vernichtet, weiß ich wie und was? Ist heute morgen von Benze, der zufällig dort war, eine Depesche gekommen an seine Frau. Die Arme ist heute morgen nichts ahnend zu ihrer Schwester nach Memel gereist. Ob wohl ihre Eltern, Geschwister, die in Wilki wohnten, noch am Leben find?" Und nun ergoß fich eine wahre Flut von Reden und Klagen aus dem Munde der Nachbarin, unterbrochen von Seufzen, Husten und Schluchzen. Doch ich hörte und verstand kein Wort mehr. Ich grub mich unter der Decke in die Febern ein und schloß die Augen. Da sah ich Wilki, das mir wohlbekannte, auf zackigen Hügeln dicht am Memelufer, an der Dampferlinie Kowno-Burg gebaute Städtchen. Wie oft hatte ich nach Kowno fahrend vom Deck aus die grauen,spitzen Dächer betrachtet, die Umriffe der krummen, kotigen Gäßchen mit dem Auge verfolgt? Und die hunderten Augen, die durch die kleinen Scheiben neugierig zu uns auf den Dampfer heruntersahen? Und nun soll das alles verloren, zu Grunde gegangen sein? Da sah ich die schwarze Wolke heranziehen, ein Orkan, fürchterlich tobend, erhebt fich. Es kracht und alles wankt und zittert. Schwefel und Feuer! Die spitzen grauen Stroh- und Schindeldächer stürzen zusammmen, die Fensterscheiben klirren, und nun ein Chaos, ein bunter, großer Haufen von schreienden Menschen und zusammenfinkenden Dächern, der fich senkt und dann mit Windseite und fürchterlichem Getöse den Hügel hinunter in die reißende Flut stürzt. Und das Verderben zieht weiter. Die schwarzen Wolken kommen immer näher. Es zuckt hell und blutrot auf, es braust und kracht in allen Ecken. Alles läuft, flüchtet, rettet fich, so gut es geht. Nur ich allein kann nicht vom Fleck, komme nicht von der Stelle, bleibe trotz aller Anstrengung und Kraftaufbietung wie gelähmt int Bette liegen. Eine wahnsinnige Angst bemächtigte fich meiner und ich riß gewaltsam die Augen auf. Es war alles noch beim alten, die Sonne schien hell und einladend zum Fenster hinein. Ich spitzte die Ohren — es war still ringsumher. Nur in der Küche unterhielt fich noch in gedämpftem, bebendem Tone die Nachbarin mit meiner Mutter über das grauenvolle Ereignis. Im Nu war ich auf den Beinen Und in den Kleibern und nun lief ich, von der Mutter kaum bemerkt, die erregten Scharen auf der Straße kaum beachtend, direkt nach dem Zentrum und Sammelpunkt alles geistigen Lebens, wo alle Fäden der wichtigen und unwichttgen Ereignisse zusammenzutreffen pflegten und wo allein ein gehende Jnformattonen und authentische Berichte zu erwarten waren — nach dem BeShamidrasch. Obschon der Gottesdienst längst zu Ende war, zeigten die meisten noch keine Eile, das Gebetbaus zu verlassen. Am langen Tisch, wo täglich nach dem Morgengeoete eiftig Mischnah gelernt wird, wurde heute das Pensum bei schwacher Beteiligung und noch schwächerer Aufmerksamkeit nur flüchtig durchgenommen. Ein Gemisch von Sensation, Mitleid und Neugierde beherrschte die Si- -.Uh *iMd