Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449263--63448-2505993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

euilleton. Lviscden Jurcftt und Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 6] von S. Schachnowitz in Endingen. „Aber wo ist er? Was werden sie aus ihm gemacht haben?" — Dieses große Fragezeichen schlängelte sich kreuz und quer durch all ihre trüben Gedanken. Bräutigam? Nein! Soweit war es freilich nicht. Aber — „Es gibt Minuten im Leben, . die wichtiger sind und schwerwiegender als Jahrzehnts, hatte ihr Vater einmal bei irgend einer TalmudeMärung gesagt. In einer solchen wichtigen Minute mag nun jener Keim sich mit der Geschwindigkeit eines Traumes zur Blüte entfaltet haben . . . Wenn dem so ist, dann ist ja ihr Gefühl ein natürliches und der Herzenserguß wäre auch keine Kompromittierung. Und sie sah ihre schweigsame, ernste Begleiterin prüfend an — " und schämte sich von neuem . . . Mit diesen Gedanken und Wechselgefühlen erreichte sie das Haus Robenscheins und in derselben Seelenstimmung ging sie noch am Abend desselben Tages, ebenfalls nur von Rosa begleitet, die kurze Strecke nach dem Bahnhofe. Der lange Frühlingstag ging nur langsam zu Ende. Die Sonne war bereits hinter den Wipfeln des russischen Waldes verschwunden, hatte aber noch dem Tage ein gedämpftes Licht hinterlassen, das dieser in der Dämmerung aufrecht zu halten suchte. Der kleine Bahnhof, von dem einige Petroleumlampen ein nebelverschwommenes und disharmonisches Licht in die Dämmerung warfen, war nur wenig belebt. Der größte Teil der ständigen Passagiere dieser Lokalbahn, bestehend aus den russischen und preußischen Bäuerinnen, die ihre Gemüse nach Tilsit führen, benutzen den Morgenzug. Die Auswanderer, die tüglich von hier über Tilsit nach Berlin und Hamburg abfahren, wählen, nachdem sie sich von den Mühen und Schrecken der Nacht erholt, zumeist den Mittagszug. Von den anderen Mitreisenden befand sich jetzt Rahel allein am Bahnhofe. Der Zug stand bereits mit dampfender Lokomottve reisefertig da, aber zum Einsteigen war noch Zeit, da erst ein Güterzug vorbeipassieren mußte. Rahel und ihre freundliche Begleiterin, in der sie jetzt mehr die begleitende Freundin erblickte, bewegten sich am Perron langsam auf und ab. Die erstere war still und ruhigihre Züge schienen in den letzten vierundzwanzig Stunden ernster und noch weicher geworden zu fein. Ihre Augen, die gestern hellblau lächelten, hatten einen matteren Glanz erhalten. Die lächelnde, bestrickende Schönheit von gcfterii hatte heute etwas rührendes und überwältigend anziehendes an sich. Rosa, deren kleine Figur uno schmächtige Gestalt neben dem fremden Mädchen noch kleiner und schmächttger erschien, redete in leisem und gedämpftem Tone auf sie ein. Es schien, daß die rücksichts- und schonungsvollen Trostworte aufmerksame Ohren gefunden, Denn die Schritte Rahels nahmen ein immer ruhigeres Tempo an und im selben Maße sah man auch die innere Ruhe sich auf ihrem Gesicht ausbreiten. zu Nr. 18 des „Israelit // Aus dem Restaurant im Wartesaal war eine bekannte Gestalt auf den Perron getreten. Es war Jakir, der über Nacht, an der er einen neuen Transport aus Rußland erwartete, hier verblieb und jetzt aus Muße oder, wie er sagte, noch in wichtigeil Geschäften, sich zum Abendzuge begeben. Sein Gesicht war etwas gerötet, seine unruhig funkelnden Augen hatten einen überfreundlichen Zug und seine Haltung, wie sein Benehmen zeigten jene kouragierte und merkwürdige Sicherheit, die stets dem Zustande der völligen Unsicherheit und Unzurechnungsfähigkeit voran, zu gehen pflegte. Er hatte offenbar im Spiele mit dem dummen, schwarzen Peter Glück gehabt und sich dabei am Biere das höchste Maß geleistet. Als er die beiden Damen erblickte, kam er sofort auf sie hinzugetreten. „Nun, schönes Fräulein," sagte er mit keckem Augenzwinkern nach Rahel, „schon Weiterreisen?" Anrede, Ton und Geberde wirkten zusammen im Herzen Rahels, in dem durch den ruhevollen Einfluß Rosas sich bereits die Empfindungen abzuklären begannen, ein Gefühl des Ewls zu erzeugen, und sie antwortete trocken und kurz, ohne den Fragenden dabei anzusehen: „Ja wohl! Ich fahre weiter!" „Und Ihr Schatz?" sein Ton wurde immer frecher und die Augen immer dreister. „Ja nun! Mit Ihrer Schönheit braucht man doch nie in Verlegenheit um einen Schatz zu kommen." Rahel gab keine Antwort, sondern schaute wie hilfesuchend nach ihrer Begleiterin hin. Als sie aber sah, daß diese ihre Ruhe nicht im mindesten aufgab und offenbar das frivole Geschwätz von der spaßhaften Seite auffaßte, da sagte sie, den Zudringlichen ganz ignorierend, nur zur Rosa gewendet: „Es ist Zeit, liebes Fräulein Rosa. Adieu! und tausend Dank!" „Nicht so eilig, liebes, schönes Fräulein," redete der Agent unbekümmert weiter, indem er protzhaft seine schwere, goldene Taschenuhr hervornahm. „Noch Zeit! mehr als zehn Minuten!" _ Er bekam keine Antwort, aber der Umstand, daß Rahel noch immer, die beiden Hände ihrer Begleiterin umklammert, da stand, ermutigte ihn zu weiteren Liebenswürdigkeiten. „Und ich, Fräulein? Verdiene ich keinen Kuß zum Abschiede? Schauen Sie mich nur einmal an: bin auch noch ein ganz jnnger, charmanter Kerl!" Rahel schien all dieses nicht zu hören, sondern starrte noch still und mit rührend fragenden Blicken ihre gute Begleiterin an, als wäre sie sich nicht schlüssig darüber, ob nach all dem Erlebten ein bloßer Händedruck auch die geeignete Abschiedsform sei. Rosa aber ließ einen Blick nach Jakir schweifen. Es war nur ein scharfer, stummer Blick, aber der spaßhafte und sinnlich beanlagte Grenzagent kannte ihn und verstand ihn, so wie das Tier den seines Bändigers. „Doch nicht gleich so bös!" fing er noch einmal an. Aber Rosa unterbrach ihn. „Bitte, Herr Jakir. Bedenken Sie, wen Sie vor sich haben und suchen Sie Ihre — Spässe an geeignetere Adressen anzubringen." Jakir erinnerte sich plötzlich, daß er eigentlich am „Bummelzuge" nichts mehr zu tun habe und zog sich sofort zurück. Im Fortgehen warf. er aber noch einen verdrießlichen Blick zurück und brummte leise vor sich hin: „Ein prächttg Madel, diese Rosa, und gut wie ein Engel, aber ein wenig eifersüchtig sind sie alle, die Weiber und wenn sie auch Engel wären . . ." Währenddessen stand Rahel auf der Plattform des einzigen Drittklassewagens und schaute zu der unten stehenden Rosa hinunter. Noch einmal ließ sie ihre sehnsuchtsvollen Blicke über die Grenze, die von hier aus ganz sichtbar war, nach dem heimatlichen Boden hinüberschweifen. Dort war auch der unglückselige Graben, der ihr junges Glück verschlungen. Noch einen zärtlichen Blick nach der guten Rosa, die ihr eine gütige Vorsehung wie einen trost- und hilfbringenden Schutzengel in den schmerzlichsten Stunden des Lebens an die Seite gestellt. Noch ein Blick! Noch ein freundliches Zunicken! Aber, da steht schon wieder das trennende Schicksal in der Gestalt des Kondukteurs. „Halt!" rief er, „Türe zu! Obacht!" Und in wenigen Augenblicken waren vor den feuchtschimmernden Augen der einsamen Emigrantin Bahnhof und Grenze, der Boden des Heimatlandes und der Anblick Rosas verschwunden. Kapitel 3.. Auf dem Kreuzwege am Dörfchen Kalian begegneten sich zwei Fuhrwerke. Von rechts kam Gutel mit seiner schweren Fuhre und bog in die Fahrstraße nach G. ein, während aus gerader Richtung den schmalen, holperigen Weg der nach der Grenze führte, eine Troika (ein kleiner russischer Wagen) im leichten Trabe einhergefahren kam. „He Jud! Weg geben!" schrie der Kutscher Gutel an. Der letztere ärgerte sich mit dem Zorn eines reinen Gewissens ob dieser ungerechten Anrempelung. Da aber mit Aufforderungen, die in diesem Tone und dieser Sprache gehalten, sich nicht spaßen ließ, so fuhr er in mürrischer Ergebung zur Seite, hielt die Pferde fest im Zaume und ließ die „Troika" an sich vorbei passieren. Gutel betrachtete gleichgültig rauchend das Gefährt. Es war ein amtlicher Tran Sportwagen, wie er ihm wohl täglich in den Weg kommt. Von einem Kutscher mit Amtskokärde gelenkt und von einem dicht hinterhertrabenden Grenzsoldaten begleitet, bewegte er sich wie ein wandelndes Gefängnis. Den einen der zwei Sitzplätze nahm ein bewaffneter Soldat ein und neben ihm kauerte an Händen und Füßen gefesselt der wesentliche Inhalt, dem die ganze Eskorde galt — der Arrestant. Dem letzteren wendete jetzt Gutel die ganze Schärfe seines Blickes und die Aufmerksamkeit seines Geistes zu. Wer mag wohl nur dieser schwarzäugige junge Mann sein, der da mit erbleichtem Gesichte aus zusammengezogenen Brauen so starr und verstört vor sich blickte? Wo hat er dieses Gesicht schon einmal gesehen? Der Transportwagen war inzwischen weiter vorgefahren. Ueber die Schulter des hinter ihm reitenden Soldaten hinweg konnte Gutel jetzt nur den Hinterkopf des Arrestanten sehen, aber vor seinem Geiste stand auch noch das bekannte Gesicht, der ernste, intelligente Zug, der auf dem ganzen lag, und der Blick, den er, vielleicht etwas weniger düster, schon einmal gesehen. Da durchzuckte etwas den erfahrenen Fuhrmanne, in seinem schnell und sicher Arbeitenden Gehirn war es vollbracht — es war kein anderer, als der junge Mann, den er gestern zusammen mit den anderen zur Grenze gefahren. Gutel war im Grunde eine mitleidige Seele^ eine aller Welt wohlwollende Natur. Erwünschte von Herzen all feinen Passagieren gute Ueber- "ahrt, sowie allen Menschen, mit alleiniger Ausnahme der Grenzsoldaten und seiner Konkurren- :en gutes Glück. Aber woher so viel Mitleid nehmen, um es täglich seit'den dreißig Jahren, zu empfinden? Daß nun gerade den flottesten "einer Schutzbefohlenen das Geschick ereilen mußte, wunderte ihn zwar, überraschte ihn aber keineswegs. In stillen, nächtlichen Stunden, an denen er sich allein mit seinen ebenso erfahrenen als^ philosophisch gestimmten Tieren auf einsamer Landstraße befand, hat er schon gar oft über diesen Punkt nachgedacht und immer und wieder A . ' , —ft fpl tS iTirri r Ä

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.