Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449263--63449-2505994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der JSraeltt. % Mai 1907. _. zu dem gleichen Scbluffe wie der weise König Salomo kommen müssen, daß nämlich nicht immer „den Leichtbeinigen der Vorsprung gehöre und dem ^Helden^ der Sieg." Die Gedanken aber, die jetzt durch seinen Geist zogen, waren anderer Natur. (Fortsetzung folgt.) Damm» ttttfr Phintias I« der Indens«^. Von Arthur Kuh«. 63j Nachdruck verboten. „Wenigstens eines meiner Kinder ist vollkommen glücklich", erzählte Korn seinem früheren Geschäftsführer Meyerthal, als er nach wochenlangem Aufenthalt bei Emil wieder heimgekehrt war. Auch Jechiel, der darauf eine volle Woche bei dem jungen Paar verbracht hatte, wurde nicht müde zu erzählen, wie glücklich Emil und seine Flora seien u d so kurz sie auch erst da wohnten, seien beide schon sehr angesehen und beliebt, lind Emil könnte, wenn er wollte, jeden Tag Parneß werden. Korn fühlte sich nach Emils Vermählung nirgendwo mehr behaglich. Der Sohn fehlte ihm, und oft ging er mit hastigen Schritten durch alle Zimmer, als müßte er ihn unverhofft finden. Und dann setzte er sich traurig aus Fenster und blickte sinnend auf die Straße. Eine große Lebensmüdigkeit überkam ihn und er wünschte zu sterben. Heimweh nach Emil, Sehnsucht nach einer teilnehmenden Seele, das Verlangen nach einem Mittelpunkt, der Wunsch, sich mit einem aefühlsverwandten Menschen zwanglos aussprechen zu können, auch das Bedürfnis nach Geselligkeit und Unterhaltung, trieben ihn oft spät abends noch aus dem Hause.. Mit Siegfried fast ganz verfallen, seit er ihm das Haus untersagt hatte, von Simon, der die Abende sichtlich' nur widerwillig allein beim Vater verbrachte, kam sich Korn als der verlassenste Mensch im Städtchen vor. Wohl lud er bald diesen, bald jenen aus seinen früheren Umgangs- und Bekanntenkreisen zu sich ein, und manche versprachen auch ihren Besuch, kamen aber nicht. Dann wurde er bitter und er glaubte, erst der Tod der Gattin habe die Menschen von ihm abwendig gemacht. Zu einer alten Frau gehe man allenfalls noch, aber die Gesellschaft eines alten Mannes werde von niemandem begehrt. Von seiner Tochter Emma, jetzigen Frau Luneville, bekam er alle paar Monate einen Brief, und was darin stand, war nicht dazu angetan, seine trübe Stimmung zu verscheuchen. Emma lebte nicht nur in recht unglücklicher Ehe, sondern auch in dürftigen Berhältniffen. Sie ließ durchblicken, daß nicht nur ihr Gatte, sondern auch sie in einer Scheidung die einzige Möglichkeit des Weiterlebens erblickten; sie wollte ins Vaterhaus zurück. Da mußte es schon weit gekommen sein, wenn diese hochfahrende, überaus stolze Person als arme, geschiedene Frau zum Vater zurückkehren und sich dem lieblosen Urteil der früheren Freunde und Bekannten ein ganzes Leben lang aussetzen wollte. Korn schüttelte verneinend den Kopf, wenn Simon die Rückkehr der Schwester befürwortete. Nein, es ging nicht, denn Emma hatte die wenigste Rücksicht und niemals) kindliche Pietät bekundetsie hatte den altjüdischen Geist im Hause zu zerstören gesucht und schon dadurch seinen Haß aus sich geladen. Jetzt, wo er viel älter geworden, wollte er keine Zänkereien um sein moralisches Hausrecht mehr haben. Emma 'sollte in Paris bleiben, was immer es auch kosten mochte. Noch ein anderes großes Herzleid traf Korn, als im folgenden Herbst Simon zu kränkeln begannensichtlick verfiel. Er^mußte nach dem Süden in einen Luftkurort. " Um Maier Korn wurde es noch einsamer und stiller. Damit er des Nachts nicht allein sei, schlief von jetzt ab Mosche Brück in einem Zimmer neben ihm. Flößte auch die Anwesenheit Mosches in der Nacht dem alten Mann ein Gefühl der Beruhigung ein, so mißfiel ihm umso mehr die Bewunderung des ehemaligen Botengängers für die elegante Zimmerausstattung, die Kostbarkeit der Teppiche und die Gediegenheit der Möbel und sonstigen Luxussachen, zwischen denen er Nacht für Nacht schlief. Auch der überaus gesunde Schlaf Mosches war oft für Maier Korn sehr störend und nötigte ihn nicht selten, des Nachts aufzustehen und die Verbindungstür zu schließen. Und noch ein weiteres machte Korn traurig, seitdem Mosche Brück ihm als Sicherheitswächter beiaegeben war. Die grobkörnige Bewunderung Mosche Brücks, durch die eine deutliche Aufforderung herausklang, ihn bei demnächstiger Gründung eines eigenen Herdes mit einigen Möbeln, Teppichen und sonstigem Hausrat zu bedenken, lenkten Korns Augen auf all die kostbaren Dinge um ihn herum, die er, weil daran gewöhnt, kaum beachtet hatte. „Haben, aber nicht genießen", klagte er, indem seine Blicke über die reiche Einrichtung schweiften. Er kam sich noch verlassener vor wie zuvor und törichter wie der Dümmste, daß er tafür gearbeitet und davon so wenig genossen. Die Firma Nathaniel Korn hatte er allerdings groß gemacht, zu einer der angesehensten weit und breiter selber war aber nicht mitgewachsen, hatte für sich und seine Mitmenschen nichts dabei gewonnen — sein Reichtum erschien ihm als etwas Totes, unsäglich Sülles. Seufzend griff er oft nach einem Buche, das er seit Limbachers und seiner Gattin Tod häufig durchgelesen hatte und das den Titel „lichtspendender Leuchter" trug. In seines Gemütes Düsterkeit hatte dieses Buch ihm schon manchen Lichtstrahl gespendet und war dieses, nebst einem in mittelalterlichem Jüdisch-Deutsch geschriebenen und „Zenna-Urenna" betitelten, seit langem seine Lieblingslektüre geworden. „Wenn Gott meinem Simoir wieder seine Gesundheit schenkt, werde ich ein Dowortof (Wohltätigkeitsstiftung) machen", sagte er eines Tages zu Nathari Kahn, den er eigens besucht hatte, um dessen Meinung zu hören. „Warum lächeln Sie?" frug er. „Da joll ich ernst bleiben?" replizierte Kahn. „Stellen Sie sich den lieben Gott als Geschäftsmann vor? Sie stellen, um ein Dowortof zu machen, eine Vorbedingung, als wenn Jemand sagte : „Wenn du das für mich tust, dann bekommst du von mir so und so viel." Haben Sie die Sprüche unsererer Väter ganz vergessen? Nur um des Guten selber willen müffen wir das Gute ohne Erwägung auf Belohnung tun." „Ich werde also' ein Dowor of stiften", stimmte nach kurzem Nachdenken Korn bei. Es sollte eine umfangreiche Stiftung werden, die den Namen seiner Eltern und seiner verstorbenen Gattin auf ferne Geschlechter hin erhalten sollte. Er hatte jetzt wenigstens eine Beschäftigung, die ihn sein Alleinsein nicht mehr so drückend empfinden ließ. Er machte täglich neue schriftliche Entwürfe, an denen er viele Stunden verbrachte. Zur Ausführung kam er jedoch immer noch nicht, weil er unschlüssig blieb, wie groß seine Legate werden sollten. Bald dünkten sie ihm unvernünftig groß, bald zu klein, oder wieder zu einseitig oder in zu viele Einzelheiten zersplittert. Fühlte er sich heute großzügig angelegt, so erschrak er am nächsten Tag über die Größe der Summe. Er wurde ärgerlich auf sich selberer hatte sich immer noch nicht überwunden, der „Jezer Hora" (böse Trieb) war noch Herr über ihn und er noch immer der Sklave, nicht der Herr seines Geldes. Und so war sein guter Vorsatz allmählich ein Zeitvertreib für ihn geworden, aus dem ihn plötzlich ein ernstes, an die Vergänglichkeit des Daseins erinnerndes Ereignis riß und von neuem zu bestimmter Tat mahnte. Während Maier Korn nachdachte, berechnete, schrieb und beschloß, trug sich Jechiel mit ganz anderen, aber nicht minder edlen Vorsätzen, die jetzt zur Tat umgesetzt werden sollten. In wenigen Wochen sollte Berez' siebenzigster Geburtstag stattfinden, ein Ereignis, das sonst bei vielen Menschen als ein besonderer Freudentag, schon lange vorher mit frohen Empfindungen erwartet wird. Berez selbst schien kaum, oder Nr. 18 Seite tf. doch ohne Freude diesem Tag entgegenzusehen. Koppel und dessen Frau hatten eine neue Wohnung gemietet, und in einigen Tagen sollte der Umzug in die Scharngasse vor sich gehen. Obgleich die Scharngasse auch nicht viel breiter als das Sackgäßchen war, so war sie doch heller und die Wohnung auch etwas geräumiger und Berez sollte für sich eine Mansardenstube innehaben, die ihm meistenteils als Schlafstube dienen würde. Obgleich Berez zugeben mußte, daß die künftige Wohnung besser als die gegenwärttge war, so befiel ihn eine große Beklemmung bei dem Gedanken, die Räume zu verlassen, in denen er ein Vierteljahrhundert verlebt hatte. Wozu? Was hat ein siebzigjähriger Gieis noch einmal umzuziehen, wenn nicht in sein eigenes Haus? Warum nicht da auch sterben, wo man einen großen Teil seines Lebens sich mit diesem Leben herumgeschlagen hat? Mit finsterem Gesicht saß er auf seinem Schemel und warf zuweilen einen verstohlenen Blick in den von verwitterten Mauern umdüsterten Hof, der ihm so traut geworden - auf das schräg gewachsene Fliederbäumchen, dessen wenigen blauen Blüten ihn bei jedem Frühlinasbeginn so froh und hoffnungsvoll gestimmt und mit festlichen Gedanken auf die kommenden Feiertage hingelenkt hatten. Das graue und grüne Moos auf den Dächern und auf den Mauern, auf dem so oft in guten und bösen Tagen sein Blick gehaftet, kam ihm jetzt so traulich vor, daß er vermeinte, so schön wie jetzt sei es nie zuvor gewesen. Und selbst die Spatzen, die er oft in ihrem sorglosen Treiben beobachtet hatte, schienen ihm gute Freunde, die er jetzt treulos verließ. Ein großes Weh erfüllte den alten Mann und er wünschte noch vor dem verhaßten Auszug zu sterben. Da trat Jechiel in die Werkstätte, in der sonst niemand anwesend war. Berez merkte bald an Jechiels Mienen, daß der Freund etwas ganz besonderes auf dem Herzen hatte und änderte einen Augenblick die über die Arbeit gebeugte Haltung. Er ließ den Hammer in seiner Hand auf dem Schoße ruhen und blickte Jechiel erwartungsvoll an. Jechiel fand aber nicht so leicht die ihm am passendsten dünkenden Worte, in die er das große Anliegen, das ihn schon lang beschäftigte und von dem er eine neue Epoche für die Zukunft des Freundes erblickte, kleiden wollte. Vielleicht dauerte es Berez zu lange bis Jechiel begann und er nahm deshalb die Arbeit wieder auf. Da erst schien Jechiel den Faden zu finden. Mit etwas unsicherer Stimme begann er von dem bevorstehenden Umzuge zu sprechen und da, als Berez sagte, daß ihm ein Stück Leben damit genommen werde und er das Gefühl habe, er werde nicht mehr lange in der künftigen Wohnung zubringen, wurde Jechiel plötzlich beredt. „Was brauchst du noch einmal in die Scharngaß' zu ziehen, daß man sich schon gar nicht mehr zu sehen kriegt? Jetzt, Berez, muß ich mit dir rin ernst Wort sprechenhör' mir aber auch zu." Jechiels Sttmme war feierlich, seine Miene ernst geworden. „Berez, du ziehst nicht in die Scharngaß', du ziehst zu mir und bleibst bei mir so lang es Gott gefällt, was hoffentlich bis zu hundertundzwanzig Jahr' dauert . . . wir sind zwei alte Stöcke, die darf man nicht mehr auseinanderreißen . . . wir müffen beisammen bleiben . .." Jechiels Sttmme drohte in Schluchzen überzuschlagen. Berez aber war bleich geworden, seine Züge nahmen einen starren Ausdruck an und seine Augen weiteten sich, während er Jechiel anblickte. Dieser fuhr, als Berez schwieg, hastig fort, als müsse er sich beeilen, ehe der andere das Wort ergriff: „Berez! laß' mich erst ausredenmeine Brendel luhrt *) zu Haus', bis ich ihr deine Antwort bringe. Heut', wo ich, Dank dem lieben Gott, dir endlich ein ganz klein wenig von *) Lauert, wartet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.