Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1907)
- Date
- 1907-05-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Crzie^ung und Del? Warum gründen unsere Gemeinden keine klementarscdu»eur Bon Seminarlehrer L. Anfänger in Würzburg. Die Aussichten des jüdischen Lehrerstandes Kr die Zukunft sind nicht verlockend. Diese Tatsache ist so bekannt und anerkannt, daß es eigentlich überflüssig erscheint, darüber zu sprechen. Doch ist es ganz natürlich, daß der Lehrer, der selbst das Los des Standes zur Genüge durchgekostet hat, und noch mehr der Lehrerbildner, der seine ihm liebgewordenen Zöglinge Jahr für Jahr hinaus ziehen sieht mit ihrem idealen Lössen in den realen Kampf des Lebens, des Lehrerlebens, seinem Herzen Luft machen und aussprechen will, was ihn bedrückt, was ihm als Mangel und Schaden erscheint und was in mancher Hinsicht gebessert werden könnte. Nicht nur Nagen über die Verhältnisse sollen darum diese Ausführungen, sie sollen Jrrtümer berichtigen und Wege zur Besserung andeuten. Die Stellung des jüdischen Religionslehrers ist, wenn auch die Verhältnisse in den einzelnen Staaten des Reiches nicht ganz gleich sind, doch im allgemeinen eine ziemlich unbefriedigende, insoferne bei Lehrer nur Gemeindebeamter, der Gemeinde auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert ist. Die Simultanschule, die auch jüdische Lehrer prozentualiter und vollberechtigt anstellt, ist trotz aller „Leitsätze" und „Äusführungsbestimmungen" von bekannter Seite nur Utopie. Die letzten Wahlen haben gezeigt, daß der „Zentrumsturm" nicht zu erschüttern ist. So lange das Zentrum herrscht, gibt es — wir jammern nicht darüber — keine Simultanschule - gäbe es Mr eine — nun, dann doch nicht für die Juden. Darüber dürfte man sich allmählich klar geworden fein, und es ist geradezu lächerlich, wenn der Borstand einer jüdischen Großgemeinde, die eine jüdische Privatschule erhält, die Schaffung einer jüdischen Volksschule ablehnt mit der Motivierung, der Charakter der öffentlichen, städtischen Volksren als simultaner müsse gewahrt bleiben, jüdischen Kinder „müssen" dort Aufnahme finden. Wir setzen diesem „Muß" ein anderes entgegen, es „muß" dahin kommen, daß jede rüdische Gemeinde, die an Leistungsfähigkeit und Kinderzahl die nötigen Vorbedingungen erfüllt, auch ihre jüdische Volksschule erhält. Söll dieses Ziel erreicht werden, so gilt es die maßgebenden Faktoren zu überzeugen, daß die Gründung solcher Elementarschulen gleicherweise im Interesse der Gemeinde wie im Interesse des Lehrers liegt. Es muß der vielfach vorhandenen Abneigung gegen die Neugründung, die doch in den meisten Fallen nur eine Umbildung darstellt, auf ihre letzten Motive nachgegangen werhen : es Kch, die aufgefun denen msM widerlegen und es ist schließlich der Weg zu zeigen, wie die Schaffung einer jüdischen Elementarschule vor sich gehen kann. Das sei Aufgabe dieser Zeilen, die natürlich zunächst nur bayrische Verhältnisse ins Auge fassen. Wesentliche, tiefgreifende Unterschiede dürften für andere Einzelstaaten kaum zu registrieren sein - übrigens könnte ja ein Kollege in dieser Beziehung ergänzend berichten. Warum wollen so viele Gemeinden nichts von der Errichtung einer jüdischen Elementarschule wissen? In erster Linie werden meist finanzielle Gründe ins Feld geführtman fürchtet die zu große Belastung. In dieser Beziehung ist es am besten, Zahlen, wie sie in wirklich vorhandenen Beispielen gegeben sind, sprechen zu lassen. Die Gemeinde N. besoldet einen Religionslehrer. Das Minimum des Gehaltes, bei dem man noch mit Anstand hungern kann, dürfte doch wohl 600 Mk. sein. Da die jüdische Schule nur Religionsschule ist, müssen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde diesen Betrag aus eigener Tasche zahlen. Da aber die Kinder den Elementarunterricht in der christlichen Ortsschule empfangen, gehören die Israeliten auch zur christlichen Schulgemeinde und müssen sämtlich, einerlei ob die Einzelnen schulpflichtige Kinder haben oder nicht, ihre Umlagen nach Maßgabe der Staatssteuer zur christlichen Schulkaffe entrichten. Unsere Glaubensgenossen auf dem Lande, meistens Handelsleute, sind aber in der Regel ziemlich hoch besteuert. Nehmen wir als Durchschnittszahl der Gemeindemitglieder bei den in Frage kommenden Gemeinden 20 an und einen Durchschnittssteuersatz von 50 Mk. für den Einzelnen, so ergibt sich ein Steuersoll von rund 1000 Mk. Schätzen wir die Schulumlagen der christlichen Ortsschulgemeinde auf 50 Proz. der Staatssteuer, so zahlen die jüdischen Gemeindebürger 500 Mk. zur christlichen Schule. Mit der Gründung einer eignen jüdischen Elementarschule würde die Kultusgemeinde eine konfessionelle Schulgemeinde bilden und hätte als solche nichts mehr in die christliche Schulkasse zu zahlen. Das Minimalgehalt des jüdischen Elementarschullehrers beträgt nun 1000 Mk. (Verwesergehalt). Die Gemeinde hätte also (600 + 400 1000) noch 100 Mk. übrig, womit sie die sonstigen Kosten (Beheizung, Lehrmittel rc.) wohl bestreiten könnte. Wo ist nun die finanzielle Mehrbelastung? Im Gegenteil! Da unsere Ausstellungen über das Steuersoll der jüdischen Gemeindebürger sowie den Prozentsatz der Umlagen in den allermeisten Fällen viel zu niedrig sein dürften, wird sich vielfach noch eine Ersparnis ergeben. Lasten für die Zukunft erwachsen nicht. Die späteren Dienstalterszulagen zahlt der Staat, und sollte die Gemeinde mit der Zeit weniger leistungsfähig werden, so kann'sie ja jederzeit die Auflösung der Schule beantragen. Für den Lehrer ist dann durch feine Penfionsberechttgrma gesorgt. Die stichhaltig erwiesenaber unsere Gemeinden haben noch andere Gründe auf Lager, besonders diejenigen Gemeinden, die schon ihrer unbezweifelbaren Leistungsfähigkeit halber nicht mit dem Weigerungsgrund der „finanziellen Belastung" auf oen Plan treten können, tatsächlich auch ohnedies schon mehr leisten, als die Elementarschule erfordern würde. Ist mir doch ein Fall bekannt, daß eine unterftänkische Gemeinde ihrem Lehrer eine Gehaltserhöhung von 100 Mk. p. a. gewährte anstatt ihre Religionsschule nach dem Antrag des Lehrers in eine Volksschule umzuwandeln, welche Neuorganisation keinen Pfennig Mehrkosten gegen ftüher bedingt hätte. (Fortsetzung folgt.) Protokoll der II. Generalversammlung des Sundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. (Schluß.) Als zweiter Punkt der Tagesordnung folgte der Bericht deS Kassiers, de- Herrn Eugen Ettlinger-Frankfurt a. M., der als außerordentliches Mitglied für diesen Posten seine Zeit freudig opfert. Nach den Ausführungen des Genannten gingen ein: 1. Lehrerbeiträge.Mk. 790.— S. Beiträge von außerordentl. Mitgliedern „ 3299.5t» 3. Einmalige Beiträge . . . „ 11223.65 4. Zinsen.. 456.11 Summa Mk. 15769.26 Diesen stehen als Ausgabe gegenüber . „ 2325.53 sodaß ein Gesamtertrag von . . . Mk. 13443.73 verbleibt. Zu Revisoren wurden die Herrm Hermann Lehmann und Kauffmann ernannt; dem Herrn Kassierer wurde Decharge erteilt. Der Herr Vorsitzende gab sodann Herrn Rektor Falck, Frankfurt da- Wort zu seinem Referat: „In welcher Weise muß der Lehrer den Ergebniffen der Wiffenschasten beim Religionsunterricht Rechnung tragen?" Der Referent führte aus: Das Bestreben der Neuzeit, die Wissenschaft volkstümlich zu machen, hat wie alles Menschliche feine Nachteile. Die Zahl der Gebildeten nimmt zwar zu, der Bildungsschatz enthält aber viel wertlose Beimischung. Neben den exakten Wiffenschasten, die eine Fülle unantastbarer Wahrheiten zu Tage gefördert, macht sich eine Anzahl Theorien geltend, denen jegliche Beweiskraft abgeht; die einzelnen Behauptungen widersprechen sich, ein Zeitalter verwirft die Ansichten des vorhergehenden. Für unsere Schule kommen neben den Hypothesm der naturwiffenschastlichen Forschung auch diejenigen in Betracht». we.che die neue Bibelkritik gezeitigt hat. Während den Anhängern des überlieferten Judentums die Bibel und ihre sinaitische Tradition, die Prophetenworte, die HagiographenauSsprÜche unantastbar heilig sind, wollen die modernen Bibelkritiker den -Mischen Kanon zu einem menschlischen Literaturwrrk degradieren, daS den Niederschlag deS jeweiligen Kulturstandes bilde- In welcher Weise soll nun in der jüdischen Schule den Fortschritten der Wisienschaft Rechnung getragen werden?. Der jüdische Lehrer sei bestrebt, sich, ohne Zersplitterung seiner Kräfte mit dm Grundzügen der Wissenschaft einigermaßen vertraut zu machm. Billigerweise muß man aber auch von dem jüdischen Lehrer veMngen, dast er die meiste ihm zur Verfügung stehendr Zeit auf das Studium derQuellen uuseres-